Christi Wort will bei uns wohnen

 Ich nehme mich wahrscheinlich häufig zu wichtig, indem ich denke: wenn ich etwas nicht tue, dann tut es keiner. Stellen wir uns das doch einmal vor: Das Wort Christi wohnt bei uns. Jeden Tag. Jede Stunde. Christus trägt uns. Wir sind nicht diejenigen, die die Last der ganzen Welt tragen müssen. Nicht einmal unsere eigene Verantwortung müssen wir allein tragen.

Jesus-Statue, von grünen Blättern umgeben

Was trauen wir Jesus zu, wenn sein Wort bei uns wohnen will? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst an Neujahr, 1. Januar 1985, um 13.00 Uhr in Dorn-Assenheim und um 14.00 Uhr in Heuchelheim
Lied EKG 38, 1-6 (EG 59):

1. Das alte Jahr vergangen ist; wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du uns in so großer G’fahr so gnädiglich behüt’ dies Jahr.

2. Wir bitten dich, ewigen Sohn des Vaters in dem höchsten Thron, du wollst dein arme Christenheit bewahren ferner allezeit.

3. Entzieh uns nicht dein heilsam Wort, das ist der Seelen Trost und Hort; vor falscher Lehr, Abgötterei behüt uns, Herr, und steh uns bei.

4. Hilf, dass wir fliehn der Sünde Bahn und fromm zu werden fangen an; der Sünd’ im alten Jahr nicht denk, ein gnadenreiches Jahr uns schenk,

5. christlich zu leben, seliglich zu sterben und hernach fröhlich am Jüngsten Tage aufzustehn, mit dir in’ Himmel einzugehn,

6. zu loben und zu preisen dich mit allen Engeln ewiglich. O Jesu, unsern Glauben mehr zu deines Namens Ruhm und Ehr.

Lesung: Josua 1, 1-9

1 Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener:

2 Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe.

3 Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe.

4 Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein.

5 Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.

6 Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe.

7 Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst.

8 Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten.

9 Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Lied EKG 236, 1-3 (EG 329):

1. Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit’, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen.

2. Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank für die bisher’ge Treue, die du, o Gott, mir lebenslang bewiesen täglich neue. In mein Gedächtnis schreib ich an: Der Herr hat Großes mir getan, bis hierher mir geholfen.

3. Hilf fernerweit, mein treuster Hort, hilf mir zu allen Stunden. Hilf mir an all und jedem Ort, hilf mir durch Jesu Wunden. Damit sag ich bis in den Tod: Durch Christi Blut hilft mir mein Gott; er hilft, wie er geholfen.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn – der derselbe ist: gestern, heute und in Ewigkeit. Amen.

Zur Predigt hören wir heute die Jahreslosung für das Jahr 1985 aus dem Kolosserbrief 3, 16 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch!

Amen.

Liebe Gemeinde!

In der Zeit zwischen den Jahren wird mir immer deutlicher als sonst bewusst, wie schnell all das vergangen ist, was wir gestern noch für so wichtig hielten. Wir bewahren schöne Erinnerungen auf, aber uns quälen auch die bitteren Erfahrungen. Was war das Schönste, das Bewegendste im Jahr 1984?

Mir fallen einige kleine Augenblicke ein, zum Beispiel die Geburt von drei Katzen im Pfarrhaus…

Und fürs Neue Jahr haben wir Hoffnungen und Wünsche, aber uns bedrückt auch manche Sorge und Angst…

„Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern“: wir können nichts festhalten. Wir sind in ständiger Bewegung, und wenn es uns gut geht, gibt es für uns dazwischen immer wieder Ruhepunkte, Begegnungen, in denen wir uns und andere spüren, in denen wir merken, wozu wir auf der Welt sind.

In all dieser Bewegung und Unruhe unseres Lebens kann es nun sozusagen einen ständigen, einen beständigen Ruhepunkt geben: Das Wort Christi. Es soll bei uns wohnen. Es soll nicht nur zeitweise bei uns sein, uns sozusagen nur einen Besuch abstatten, über die Feiertage. Das Wort Christi will unser Untermieter, unser ständiger Hausgenosse sein.

Das ist tröstlich und auch erschreckend. Erschreckend, weil wir immer wieder andere Dinge für wichtiger halten als Gottes Wort.

Jedes Jahr beginne ich am 1. Januar meinen neuen Neukirchener Kalender mit den Andachten für jeden Tag zu lesen, Tag für Tag. Und irgendwann im Jahr schlägt mir dann die Arbeit über dem Kopf zusammen – und ich nehme mir die Zeit für die kurze Andacht nicht mehr jeden Tag. Sie fehlt mir, ich weiß es. Warum nehme ich mir dann nicht die Zeit dafür?

Andere fragen sich vielleicht ähnlich: Warum gehe ich eigentlich nicht öfter zum Gottesdienst?

Ich persönlich nehme mich wahrscheinlich häufig zu wichtig. Ich meine: wenn ich manches nicht tue, dann tut es keiner. Vielleicht traue ich Ihnen und anderen aus der Gemeinde zu wenig zu. Vielleicht mute ich anderen zu wenig und mir zu viel zu. Und im Endeffekt trauen wir dem Wort Christi zu wenig zu.

Stellen wir uns das doch einmal vor: Das Wort Christi wohnt bei uns. Jeden Tag. Jede Stunde. Christus trägt uns. Wir sind nicht diejenigen, die die Last der ganzen Welt tragen müssen. Nicht einmal unsere eigene Verantwortung müssen wir allein tragen.

Da entkrampft sich bei mir einiges, wenn ich mir das vorstelle. Denn das Wort Christi, das täglich bei uns wohnt, bedeutet: täglich die Gewissheit, dass Gott uns liebt. Täglich Vergebung, also nicht mehr Gebundensein an das, was wir falsch machen, auch nicht an schlechte Angewohnheiten, auch nicht Gebundenheit an unsere Vorwürfe gegenüber anderen, ganz gleich, was sie uns angetan haben. Das Wort Christi will auch unser alltäglicher Schlichter und Versöhner sein: denn es beruft uns zur Gemeinschaft, auch wenn sie sich schwierig gestaltet. Es will in den Familien zu Hause sein, aber auch in den Schulen und Fabriken, in den Büros und Werkstätten, in der Frauenhilfe und im Konfirmandenunterricht.

Was „Wohnen“ bedeutet, haben wir in Reichelsheim ein bisschen erfahren, als unser Bürgermeister nicht am Ort selbst wohnte. Viele haben ihn gar nicht gekannt; er selber hat‛s sehr schwer gehabt, im Ort anerkannt zu werden; und viele haben sich nicht so leicht getan, ihn anzusprechen. Die Freude ist jetzt groß, dass wir ab 1. Januar einen Bürgermeister haben, den viele schon kennen, der am Ort wohnt, der für alle leichter ansprechbar ist.

Gott scheinen auch manche für jemanden zu halten, der nicht am Ort wohnt. Man besucht ihn vielleicht mal in der Kirche. Aber in Wirklichkeit will Gott in jedem Hause wohnen, ist Gott jederzeit ansprechbar. Und die Kirche ist nur insofern ein besonderer Ort, als wir uns hier gemeinsam um Gottes Wort versammeln. Ohne die Unterstützung der anderen würden wir oft genug die Stimme Gottes überhören, würden wir manchmal verzweifeln, würden wir vergessen, was wir zu tun schuldig sind.

Aber sind wir nicht oft genug arm dran, wenn wir in die Kirche gehen? So wenige versammeln sich hier. So viele halten andere Dinge für wichtiger. Als ich am zweiten Weihnachtstag in Florstadt predigte, machte ich aber nun eine merkwürdige Erfahrung: da war die Kirche einmal voll. Und trotzdem konnte ich mich zuerst nicht richtig darüber freuen. Ich war ganz einfach ein bisschen neidisch, weil der Gottesdienstbesuch besser war als in meiner eigenen Gemeinde. Ich brauchte eine Weile, um den Florstädtern diesen guten Kirchenbesuch zu gönnen und mich darüber zu freuen, dass ich nun diesen vielen meine Predigt halten konnte. Ich denke, zu den neidischen Gedanken bin ich gekommen, weil ich insgeheim meine, der Gottesdienstbesuch hänge allein vom Prediger ab, oder sei ein Zeichen für eine gute oder schlechte Gemeinde. Aber wie viele oder wenige kommen – das ist keine Frage unserer Leistung und Anstrengung, sondern es ist einzig und allein die Frage, wie viele sich angesprochen fühlen vom Wort Christi, das uns Christen zusammenruft. Armselige Gedanken sind es, wenn wir uns Sorgen machen um unsere Kirche, ob sie denn noch überleben kann bei diesem geringen Kirchenbesuch und dem nachlassenden Interesse der jungen Leute.

Stattdessen soll das Wort Christi mit seinem ganzen Reichtum unter uns wohnen. Auch wenn nur zwei oder drei in seinem Namen hier versammelt sind, ist es ein vollgültiger Gottesdienst. Auch dann will Christus mit seinem ganzen Reichtum mitten unter uns sein, so hat er es uns versprochen. Sonst nehmen wir uns doch auch manchmal Zeit, um einen Besuch bei einem anderen Menschen zu machen, und sind bei ihm für eine Stunde oder auch einmal mehr. Wir sollten also nicht so deprimiert auf unsere geringe Zahl im Gottesdienst schauen, sondern lieber auf das, was Christus uns in seinem Wort schenken will.

Aber was will er uns schenken in seinem Wort? Er ist ja selber das Wort, das Fleisch geworden ist. Er ist selber als das Kind in der Krippe geboren worden, ein armes Kind, das gerade das Nötigste zum Leben hatte: Vater und Mutter, den Futtertrog als Bett, den Stall als Behausung.

Christus zeigt uns, wie wenig wir von dem brauchen, was wir oft für so wichtig halten. Er hat nie ein eigenes Haus besessen, hat die Zimmerwerkstatt seines Vaters verlassen, hat nicht geheiratet und keine Familie gegründet.

Doch Christus zeigt uns zugleich, was wir unbedingt brauchen, und worauf wir so oft glauben verzichten zu können: Dass wir mit unserem Leben vor Gott bestehen können, dass wir Liebe erfahren von Gott und anderen Menschen, dass wir ein Ziel vor Augen haben, für das es sich lohnt zu leben und zu sterben.

Für Jesus war es nicht so wichtig, einer Idee zum Sieg zu verhelfen oder sich selber zum König von Israel ausrufen zu lassen – wichtiger war es ihm, seinen Feinden zu verzeihen, die Liebe zu ihnen nicht zu verraten. Das bedeutete Leiden.

Vielleicht ist das auch das Schwerste für uns: Das, was man uns angetan hat, zu verzeihen. Die Bitterkeit fühlen, wenn uns jemand beleidigt oder Unrecht getan hat – und dann doch im Namen Jesu einen Strich darunter ziehen, einen neuen Anfang suchen.

Wenn wir das können, sind wir reich. Zunächst reich im Innern, für uns. Nicht eingeengt durch den Groll auf einen anderen Menschen, sondern frei, auch den mir Unsympathischen als Kind Gottes zu sehen.

Das heißt nicht, einem anderen alles durchgehen zu lassen. Wir können schon deutlich sagen, wo wir zornig, gekränkt über das Verhalten eines anderen sind, und dass wir uns ein anderes Verhalten erhoffen. Und wo das nichts fruchtet, mögen wir uns meinethalben möglichst ohne Groll aus dem Weg gehen.

Und: was ganz wichtig ist: wir sollten dem anderen keinen Anlass bieten, sich von uns ungerecht beleidigt zu fühlen. Wie du mir, so ich dir – das sollte es für Christen nicht geben. Vielleicht kommt es dann auch mal zustande, dass wir jemanden als Freund oder wenigstens guten Nachbarn wiedergewinnen, wo wir es schon gar nicht mehr für möglich gehalten hatten. Und dann sind wir auch noch reich an einer neuen Beziehung.

Das ist ein Beispiel dafür, wie das Wort Christi mit seinem Reichtum bei uns wohnen will. Was ich mir und Ihnen sonst noch wünsche in dieser Hinsicht, das möchte ich mit einem Gedicht von Jörg Zink zum Abschluss meiner Predigt sagen:

Ich wünsche dir nicht ein Leben ohne Entbehrung…
Ich wünsche dir aber, … dass dich einer trägt und schützt…

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 36, 13-17 (nur im Anhang für Österreich 556):

13. All, die ihr habet zeitlich Gut und nehmt’s mit großer Sorg in Hut, teilt aus davon und rüstet euch, dass ihr vor Gott auch werdet reich.

14. Ihr Sünder, suchet’s Himmelreich, und dass euch Gott die Sünd verzeih, bekehr euch all nach seinem Wort und mach euch selig hier und dort.

15. Wer uns mit Ernst den Glauben lehrt, der falschen Lehr und Leben wehrt und führet Gottes Wort und Werk, dem gebe Gott sein Gnad und Stärk.

16. Das wünschen wir von Herzen all, zu sein ein Volk, das Gott gefall, ein ehrbar Volk, ein heilig Stadt, die Gott allein vor Augen hat.

17. Es sei mit uns sein göttlich Hand, die hüt und schirm vor aller Schand; er geb mit Gnad viel gute Jahr in seiner Lieb. Das werde wahr!

Fürbitten, Vaterunser, Abkündigungen und Segen
Lied EKG 42, 6-9 (EG 58):

6. Ach Hüter unsres Lebens, fürwahr, es ist vergebens mit unserm Tun und Machen, wo nicht dein Augen wachen.

7. Gelobt sei deine Treue, die alle Morgen neue; Lob sei den starken Händen, die alles Herzleid wenden.

8. Lass ferner dich erbitten, o Vater, und bleib mitten in unserm Kreuz und Leiden ein Brunnen unsrer Freuden.

9. Gib mir und allen denen, die sich von Herzen sehnen nach dir und deiner Hulde, ein Herz, das sich gedulde.

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