Ein kaltes, gebrochenes Halleluja

Trauerfeier für eine Frau, die im Krieg vergewaltigt wurde und auch später kein leichtes Leben hatte, aber sich immer selbstbewusst zu behaupten wusste. Ich singe für sie das „Hallelujah“ von Leonard Cohen – ein kaltes, gebrochenes Halleluja, wenn wir daran denken, wie viel sie in ihrem Leben zu verkraften hatte.

Ein kaltes, gebrochenes Halleluja: Ein Friedhofsengel, der den rechten Arm erhebt und dessen linken Arm abgebrochen ist

Was für ein Halleluja würde dieser Engel wohl singen? (Bild: Karen_Nadine – pixabay.com)

Liebe kleine Trauergemeinde, zu Beginn unserer Feier möchte ich den Song „Hallelujah“ von Leonard Cohen auf der Gitarre spielen, denn ich dachte, es wäre schade, ihre Trauerfeier so ganz ohne Musik ablaufen zu lassen.

„Hallelujah“
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau F. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns gemeinsam an ihr Leben und erweisen ihr die letzte Ehre. Dabei besinnen wir uns auf Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Wir beten mit Worten aus einem alten Lied der Bibel, aus dem Psalm 55. Manche sagen, dass dieses Gebet ursprünglich von einer Frau gesprochen worden ist, der man Gewalt angetan hatte. Es spiegelt Erfahrungen wider, von denen auch Frau F. etwas wusste.

2 Gott, höre mein Gebet und verbirg dich nicht vor meinem Flehen.

3 Merke auf mich und erhöre mich, wie ich so ruhelos klage und heule,

4 da der Feind so schreit und der Gottlose mich bedrängt; denn sie wollen Unheil über mich bringen und sind mir heftig gram.

5 Mein Herz ängstet sich in meinem Leibe, und Todesfurcht ist auf mich gefallen.

7 Ich sprach: O hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich wegflöge und Ruhe fände!

8 Siehe, so wollte ich in die Ferne fliehen und in der Wüste bleiben.

9 Ich wollte eilen, dass ich entrinne vor dem Sturmwind und Wetter.

17 Ich aber will zu Gott rufen, und der HERR wird mir helfen.

18 Abends und morgens und mittags will ich klagen und heulen; so wird er meine Stimme hören.

19 Er erlöst mich von denen, die an mich wollen, und schafft mir Ruhe; denn ihrer sind viele wider mich.

23 Wirf dein Anliegen auf den HERRN; der wird dich versorgen und wird den Gerechten in Ewigkeit nicht wanken lassen.

24 Die Blutgierigen und Falschen werden ihr Leben nicht bis zur Hälfte bringen. Ich aber hoffe auf dich.

Liebe Gemeinde, ich habe Frau F. nicht gekannt. Aber ein wenig haben Sie mir von ihr erzählt, und so konnte ich mir doch ein Bild von der Frau machen, von der wir uns heute verabschieden.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Von der Zeit, als der Krieg zu Ende ging, hat sie oft erzählt. Es war wohl so, dass sie ihre Heimat nicht freiwillig verlassen wollte und nicht auf ihre Mutter hörte, möglichst rechtzeitig zu fliehen. Damals war sie noch ein junges Mädchen, und man kann sich vorstellen, welcher Gefahr sie sich aussetzte, wenn im Krieg Soldaten gleich welcher Nation die Frauen und Töchter der Feinde als Freiwild betrachten. Sie wurde vergewaltigt, doch behauptete sie sich, war sie doch eine Kämpfernatur.

Verheiratet war sie nie. Immer schlug sie sich mit eigener Hände Arbeit durch. Sie wusste sich durchzusetzen. Und wenn jemand ihr einmal drohen wollte, konnte sie selbstbewusst auftreten: „Und mich schlagen sie nicht!“, wovon sie mit großen Stolz erzählte. Wer sie gut behandelte, dem hielt sie die Treue, auch wenn das Dienstverhältnis beendet war.

Vorhin habe ich das „Halleluja“ von Leonard Cohen gespielt. Es ist ein Lied über Liebe, die immer auch gefährdet ist. Liebe ist nicht einfach ein Siegesmarsch, und das Halleluja, das wir singen, ist manchmal auch ein kaltes, ein gebrochenes Halleluja, meint der Sänger, dann nämlich, wenn wir Traurigkeiten und Enttäuschungen verkraften müssen. Dann mag es oft nicht mehr als eine Ahnung sein, dass es einen Gott über uns geben könnte, und doch gibt uns dieser Glaube die Kraft zum Überleben und zum Weiterkämpfen, weil irgendwie die Liebe vielleicht doch stärker ist als alles, womit wir Menschen einander das Leben schwer machen.

Ich weiß gar nicht, ob Frau F. an Gott geglaubt hat, ob sie gebetet hat. Sie war und blieb Mitglied unserer evangelischen Kirche und darum gehe ich einfach davon aus, dass sie den Glauben jedenfalls nicht einfach abgelehnt hat. Wir können heute für sie beten, können sie mit allem, was sie erfahren hat in ihrem Leben, Gott anvertrauen. Wir können das tun, auch wenn wir manchmal zweifeln, ob Gott uns zuhört, uns erhört, ob er überhaupt da ist.

Gott, höre mein Gebet und verbirg dich nicht vor meinem Flehen. (Psalm 55, 2)

So betet schon die Frau oder der Mann, die im Psalm 55 ihre Klage vor Gott bringen. Wir beten ja nicht, um Gott darüber zu informieren, wie es uns geht und was uns bewegt, denn er, der uns besser kennt als wir selbst, weiß ja alle unsere Gedanken und Empfindungen. Im Gebet verändert sich aber unsere eigene Haltung zu dem, was uns widerfährt, und zu dem, was wir mitgestalten können. Wir erleben uns als Menschen, die ein Gegenüber haben, von dem wir absolut geliebt und angenommen sind. Auch wenn es scheint, dass Gott sich vor uns versteckt, dass es ihn gar nicht gibt – er hört uns, er nimmt uns wahr, er liebt uns mit unendlicher Liebe, er will nicht, dass wir verloren gehen. Er ist die Kraft, wenn wir mit Liebe kämpfen, er ist die Hoffnung, wenn wir am Ende sind und trotzdem nicht aufgeben, er ist die Weisheit, mit der wir unterscheiden, was wir ändern können und was wir ertragen müssen.

Beten wir mit Psalm 91, dass Gottes Engel uns begleiten:

1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2 der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

3 Denn er errettet mich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.

4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

5 dass du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen des Nachts, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.

9 Denn der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

11 Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen,

12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.

Großer, uns oft fremder und doch treuer Gott, wir sind dankbar für das Leben von Frau F. und für alles Gute, das du ihr und durch sie auch denen erwiesen hast, die ihr nahestanden. Nimm sie in Gnaden auf in dein himmlisches Reich und lass sie in deiner Liebe Geborgenheit und Frieden finden.

Wir bitten dich, sei auch uns nahe in all unseren Herausforderungen und wenn wir nicht wissen, woran wir glauben sollen. Lass niemanden allein, der Hilfe braucht, hilf uns, für die Menschen da zu sein, die uns anvertraut sind, und lass uns niemals vergessen, wie kostbar jedes Menschenleben ist, auch unser eigenes. Amen.

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