Kritik der Geschichtsphilosophie

Odo Marquard gegen Revolution und Übertribunalisierung.

Einen Namen machte sich der Philosoph Odo Marquard unter anderem dadurch, dass er der Kritischen Theorie Frankfurter Prägung (der er anfänglich durchaus aufgeschlossen gegenüberstand) und allen geschichtsphilosophischen und revolutionären Ansätzen seine besondere Ausprägung skeptischer Philosophie entgegensetzte. Gerade wenn einem an gesellschaftlicher Veränderung gelegen ist, sollte man sich seiner Kritik der geschichtsphilosophischen Kritik stellen.

Die folgenden Zitate sind als Anregung gedacht, um sich in die Werke Marquards selbst hineinzuvertiefen. Die in Klammern angegebenen Stichworte verweisen auf die ausführlichen Literaturangaben in der chronologisch nach Jahreszahlen geordneten Bibliographie mit 103 Schriften von Odo Marquard.

 

In den Spuren der Geschichtsphilosophie

Kritik der Geschichtsphilosophie

Gefährliche Praxis der Geschichtsphilosophie: Revolution

Übertribunalisierung oder: Die Suche nach Sündenböcken

 

In den Spuren der Geschichtsphilosophie

 

Geschichtsferne Geschichtsphilosophie

Eine Kritik ist nur so stark wie ihre Kraft zur Beseitigung jener Bedingungen, die das Kritisierbare erzwangen. So ist es unbillig, vom Psychologismus das Verschwinden zu verlangen, solange die Situation persistiert, in der er unvermeidlich wurde. Solange in Bezug auf Metaphysik und Geschichtsphilosophie weder Entscheidung noch Versöhnung gelingt, behält das genealogische Denken der geschichtsfernen Geschichtsphilosophie auch als Psychologismus eine – prekäre – Positivität: es bleibt die Unvermeidlichkeit dieses Anfechtbaren stärker als die Anfechtbarkeit dieses Anfechtbaren.(Psychoanalyse, 1963, S. 278f.)

 

Anthropologiekritik

Wo den Menschen nicht mehr geschichtsphilosophisch jener „Endzweck“ bestimmt, zu dem er hinwill, und jene „Vermittlungen“, durch die er ihn erreicht: da muß ihn schließlich das bestimmen, wovon er unter allen Umständen weg will: die Naturgefahr seiner physischen Vernichtung und das, wodurch er entkommen kann: die „Entlastungen“. Freilich: diese Anthropologie spricht von Entlastung „des“ Menschen, nicht von der ‚aller‛ Menschen: sie bringt es zu keiner Theorie gegen ungerechte Verteilung der Entlastungsmittel, zu keiner gegen Unterdrückung. Darum weiß sie zwar zu begründen, warum der Mensch kein Tier ist, nicht aber, warum er kein Unmensch sein dürfe. (Anthropologie, 1963, S. 136)

 

Sollen ohne Sein

Hegel schreibt … : „ … was nur sein soll, ohne zu sein, hat keine Wahrheit …“. Das ist Hegels Argument gegen das Sollen in einer seiner dichtesten Formulierungen. (Hegel, 1963, S. 37)

 

Sollen ohne Wirklichkeit

Hegels Sollenskritik … kritisiert … an der Transzendentalphilosophie nur etwas ganz Bestimmtes, freilich Entscheidendes: nämlich einzig ihre Weigerung, die allgemeinen Zwecke, die freiheitsbetreffenden also, an den Realisierungsprozeß ihrer Vermittlung und damit das Sollen an Wirklichkeit zu binden. (Hegel, 1963, S. 44)

 

Sollenskritik als Regreßbremsung

[D]as Sollensdenken deckt durch eigene oder – arbeitsteilig – durch scheinbar entgegengesetzte Philosophien seinen unvermeidlichen Regressionsbedarf. Gerade ihn kritisiert Hegel; darum ist seine Sollenskritik keine Prozeß-, d. h. Progreßbremsung, sondern im Gegenteil: Regreßbremsung. Sie widersetzt sich nicht dem Fortschritt, sondern im Gegenteil: sie schützt ihn. (Hegel, 1963, S. 49)

 

Historismuskritik

[D]er historische Sinn, das geschichtliche Bewußtsein … erklärt die offenbar allzu hohen Gedanken des Idealismus zu sauren; es ersetzt – grob gesagt – den Gedanken der Vermittlung etwa durch den der Bedeutsamkeit; den Gedanken der Antinomie etwa durch den einer Pluralität von Individualitäten; den Gedanken der Totalität etwa durch den von Reichtum und bunter Fülle im Geschehen. So etabliert sich der historische Sinn durch Absage an die Geschichtsphilosophie. (Weltanschauungstypologie, 1966, S. 115)

 

Kritik der Weltanschauungstypen

Auch … mit Nichthämmern läßt sich hämmern … und nicht mit allen Hämmern gleich gut… Der Typus gehört zum Genre der Mittel, der Vermittlungen. Nur: er ist jene Vermittlung, zu der sich kein Prozeß mehr nennen läßt, in den sie gehört, und kein Ziel mehr, an dem sie arbeiten könnte. … Weltanschauungstypen sind Vermittlungen im Wartestand oder Ruhestand. (Weltanschauungstypologie, 1966, S. 120)

 

Emeritierte Antinomien

Weltanschauungstypologien sind emeritierte Antinomien. (Weltanschauungstypologie, 1966, S. 120)

 

Zettelkastenphilosophie

Den ewigen Frieden und den in der Philosophie gibt es hier – Kant zum Trotz – nicht auf dem Friedhof und nicht mehr durch den Völkerbund, sondern einzig im „Traum“ des Philosophen und durch Koexistenz im Zettelkasten. Das Bedürfnis nach Auflösung von Antinomien wird also nur noch als Anreiz zu Einteilungen festgehalten. Diese Einteilungen aber – und hier behauptet sich in entstellter Form der Gedanke der Totalität – sollen vollständig sein. So ist zwar Glück nicht mehr vorgesehen, jedoch totaler Überblick. Der Geist ist nicht mehr bei sich, wohl aber aufgeräumt. Und die Philosophie weiß sich fortan in einer Welt, die zwar nicht in Ordnung, aber ersatzweise jedenfalls ordentlich ist. (Weltanschauungstypologie, 1966, S. 121)

 

Kritik der Geschichtsphilosophie

 

Würde und Verhältnisse

[W]enn die Menschen anthropologisch unverhältnismäßig unter ihrer Würde leben, so leben sie geschichtsphilosophisch unwürdig über ihre Verhältnisse.(Schwierigkeiten, 1973, S. 29)

 

Ordentlichkeit

Die strukturale Anthropologie depotenziert die Geschichtsphilosophie zum Kunstgriff einer speziellen Logik unter anderen beim Versuche der Menschen, die immer gleiche Aufgabe zu lösen und dies dadurch zu tun, daß sie das mögliche Chaos durch wirkliche Ordnung besiegen. Der Mensch ist – von der Natur auf dem Weg über die Logik zur Kultur gezwungen – das ordentliche Lebewesen. … So liegt … der Gedanke nahe, daß der Mensch sich durch Ordentlichkeit entlastet: durch „Reduktion von Komplexität“. (Anhang Anthropologie, 1973, S. 143)

 

Dran glauben müssen

[W]o das Zutrauen in die Notwendigkeit des Geschichtsgangs … in Mißtrauen und Verzweiflung umschlagen kann, braucht man von vornherein Zusatzgaranten für seinen guten Lauf. Sie werden postuliert: zunächst Gott, dann die Natur, schließlich der Weltgeist und andere Protagonistengrößen bis hin zum Proletariat und den Anti-Elitarismus-Eliten. … man muß dran glauben, sonst muß man dran glauben. (Schicksal, 1976, S. 83)

 

Mensch als Schöpfer der Geschichte

[Die] Kompensationskraft der Natur hat ihre Gefahren; … Darum … haben die emanzipatorischen Geschichtsphilosophen … sich lieber nicht auf die Natur verlassen wollen. Freilich: auch auf Gott mochten sie nicht zurückgreifen; … angesichts der unbewältigten Übermacht der Übel ist, radikal gedacht, Gott gut genau nur dann, wenn er nicht existiert, wenn also Gott der Schöpfer dieser Welt der Übel nicht ist: darum wird in dieser geschichtsphilosophischen Extremtheodizee zum Schöpfer der Mensch; und seine Schöpfung wird gerade deswegen fundamental als Geschichte bestimmt, damit es gelingt, den Menschen als Schöpfer dieser Schöpfung zu begreifen; denn Geschichte: das ist seit Vico per definitionem das, was der Mensch selber macht. Aber wenn jetzt der Mensch der Schöpfer ist, muß – angesichts der Übel – nun der Mensch mit ihnen fertigwerden; er muß sie kompensieren oder radikaler bereinigen: durch Totalemanzipation, durch Fortschritt, durch Revolution, durch ein letztes Gefecht. (Kompensation, 1978, S. 76)

 

Faktizitätsvermiesung

[D]urch Tabuierung des Intakten, durch Blindmachung fürs Normale … tendiert [das Sollensdenken] zur Horror-Theorie: die Rettung der Normenlegitimation ins Transfaktische bekommt ihre Plausibilität durch Faktizitätsvermiesung… (Üblichkeiten, 1979, S. 69f.)

 

Veränderndes Verschonen

Zukunftsphilosophien sind – von den revolutionären bis zu den nur noch hoffenden – die Geschichtsphilosophien. Für sie betreiben die Menschen – direkt oder indirekt – die Emanzipation zum Heilen: die Geschichtsvollendung. Dazu freilich … brauchten die Menschen … Allwissenheit, Allgüte, Allmacht: aber die fehlt ihnen, denn die Menschen sind endlich. … Die Geschichtsphilosophen haben die Welt nur verschieden verändert; es kömmt darauf an, sie zu verschonen; sie änderndste Form des Verschonens aber ist das Interpretieren. (Hermeneutik, 1979, S. 120)

 

Beschleunigungskonformismus

Meine These ist nun: Die – geschichtsphilosophisch in Gang gebrachte, revolutionistisch radikalisierte oder evolutionistisch temperierte – Universalgeschichte ist der Versuch einer Beschleunigungsbewältigung durch Beschleunigungskonformismus. (Multiversalgeschichte, 1982, S. 61)

 

Weltmeisterschaft im Übrigbleiben

Die Universalgeschichte … erklärt den Menschen so zum triumphierenden Lebewesen: zum siegreichen Protagonisten des Reiches der Freiheit oder wenigstens zum derzeitigen Träger des gelben Trikots bei der tour de l‘évolution, der Weltmeisterschaft im Übrigbleiben. … Die Universalgeschichte läuft – im Zeichen des Beschleunigungskonformismus – stets Gefahr, über der Menschheit die Menschlichkeit zu verlieren. Davor will ein Satz warnen, mit dem ich meine Mitmenschen noch nicht genug geärgert habe, so daß es sich – auch ärgerungsökonomisch – lohnt, ihn hier zu wiederholen, und zwar in folgender Variante: Wer menschlich sein will, sei lieber träge als universal. (Multiversalgeschichte, 1982, S. 64)

 

Sacrificium individualitatis

Die Geschichtsphilosophie – die durch ihren futurisierten Antimodernismus zugunsten eines postmodernen Reichs der Freiheit die moderne, die bürgerliche Welt möglichst schnell hinter sich lassen will – wird so zum sacrificium individualitatis. Sie opfert das Individuum auf fünffache Weise: (1) indem sie es – zum „subjektiven Faktor“ des Fortschritts – instrumentalisiert; (2) indem sie es – durch das Verbot, eigene Wege zur Humanität, eigene Wege zum Sozialismus, überhaupt eigene Wege zu gehen – uniformisiert; (3) indem sie – durch die Verpflichtung, nicht privatistisch auf die „Hütte“ der eigenen Lebenswelt zu blicken, in der es wirklich wohnt, sondern auf das Reflexions-„Schloß“ jener Geschichtskonstruktion, in der es sich wohnen wähnen soll – die individuelle Lebenswelt des Individuums durch eine abstrakte Reflexionswelt „kolonialisiert“ (um den einschlägigen Begriff von Habermas angemessen zweckzuentfremden); (4) indem sie das Individuum – mit der Versicherung, es müsse das Seine in der Gegenwartssituation hintanstellen, um es im Reich der Freiheit zukünftig vielfältig wiederzubekommen – auf ein Datum jenseits seiner Lebensfrist vertagt und so das Individuum um das Individuum prellt; (5) indem sie schließlich – weil bei diesem Geschichtsweg in die finale Universalität individuelle Buntheit nur als Anfangskonstellation gestattet, Bewegung nur als Abbau individueller Buntheiten erlaubt und zum Schluß der Plural der Individuen überflüssig ist – das Individuum absterben läßt: der universalistische Endzustand der Geschichte ist der Nebel, in dem alle Menschen grau sind. Befördert diese Geschichtsphilosophie wirklich „das Interesse an einer besseren Zukunft“? (Gewaltenteilung, 1988, S. 73)

 

Diesseits der Utopie

Geschichtsphilosophien… bestimmen die menschliche Lebenswelt als Geschichte und diese als Feld des Fortschritts. Dabei ist die Extremthese möglich, daß es die menschliche Lebenswelt noch gar nicht gibt, sondern daß sie – als übelfrei gute Lebenswelt – erst durch die Menschen hergestellt werden muß und gemacht werden kann, am effektivsten durch den schnellstmöglichen Fortschritt: die Revolution. … Absolute Erwartungen aber werden – denn die Menschen sind endlich – zwangsläufig enttäuscht. Dann entsteht das Bedürfnis einer ernüchterten Philosophie des Menschen, „diesseits der Utopie“, um eine Formel von Helmuth Plessner aufzunehmen. Das ist die philosophische Anthropologie, die so durch ein gegenüber dem Lebensweltmotiv zweites Motiv nun spezifisch bestimmt und dadurch erfolgreich wird: durch das – skeptische und insofern aufklärerische – Ernüchterungsmotiv. (Utopie, 1991, S. 147)

 

Ichwerdung und Weltwerdung

Die freie menschliche „Tathandlung“ Ich – die Fichte auch das „Subjekt-Objekt“ nennt und vom menschlichen Individuum stillschweigend unterscheidet – ist Prinzip der Philosophie. Das Ich … setzt sich selbst, indem … das Ich sich das Nicht-Ich entgegensetzt; nicht so, daß dadurch das Nicht-Ich das Ich oder das Ich das Nicht-Ich auslöscht, sondern so, daß das Ich durch das Nicht-Ich das Ich zu einem Teil-Ich und durch das Ich das Nicht-Ich zu einem Teil-Nicht-Ich einschränkt, so daß … sich ein teilbares und geteiltes Ich mit einem teilbaren und geteilten Nicht-Ich auf nicht restlose Weise verbindet, und dies schrittweise so lange, bis – peu à peu und in Raten – schließlich restlos das ganze Ich das ganze Nicht-Ich gesetzt hat, wobei das Ich teils – theoretisch – durch das Nicht-Ich gesetzt wird, teils – praktisch – das Nicht-Ich bestimmt. So ist – für diese extreme Ich-Position des frühen Fichte – die Ichwerdung des Ich die Weltwerdung der Welt… (Ehrenpromotion, 1994, S. 148f.)

 

Bedingungen der Möglichkeit

Leibniz rechtfertigt Gott, indem er die Übel rechtfertigt als Bedingungen der Möglichkeit der bestmöglichen Welt. Kant rechtfertigt das theoretische Ich, indem er die Kategorien rechtfertigt als Bedingungen der Möglichkeit der bestmöglichen Wissenschaft. Fichte rechtfertigt das praktische Ich, indem er dessen fundamentale Tathandlungen rechtfertigt als Bedingungen der Möglichkeit der bestmöglichen Geschichte. (Ehrenpromotion, 1994, S. 154)

 

Partielle Pläne

An den großen geschichtsphilosophischen Plan glaube ich in der Tat nicht: er bringt mehr Unglück als Glück. Partielle Pläne sind hingegen wichtig und um so besser, je mehr Individualität dabei zum Zuge kommt. (Weigerungsverweigerer, 2003, S. 14f.)

 

Post-theistische Theodizee

„Das 18. Jahrhundert verwendet das Wort Lissabon etwa so, wie wir heute das Wort Auschwitz verwenden“, schreibt Susan Neiman in ihrem brillanten Buch Evil in Modern Thought von 2002, das 2004 als Das Böse denken ins Deutsche übersetzt ist. Ich stelle nun hier … die These auf, daß diese Krise des Optimismus zur modernen Geburt der Geschichtsphilosophie – einer Art post-theistischer Theodizee mit futurisiertem Über-Optimismus – geführt hat. Diese Geschichtsphilosophie begreift – ihrer Tendenz nach – die Welt nicht mehr als gute Schöpfung Gottes, sondern … als Schöpfung des Menschen: als Geschichte mit problematischer Gegenwart, aber guter Zukunft. (Optimismus, 2005, S. 97)

 

Verfallsgeschichte – Fortschrittsgeschichte – Totalgeschichte

[D]ie vom Menschen – diesseits von Gott – gemachte Welt als Geschichte ist entweder Verfallsgeschichte, für die Rousseau repräsentativ ist, oder moderate Fortschrittsgeschichte, für die Kant repräsentativ ist, oder Totalgeschichte, für die Fichte repräsentativ ist. (Optimismus, 2005, S. 100f.)

 

Über-Optimismus

Das sind einige Stationen der Geschichtsphilosophie, die im 18. Jahrhundert durch die Krise des Optimismus entstand: durch den Weg vom unwandelbaren Schöpfer Gott und dem optimistischen „Alles ist gut“ zu dem – angeblich – sehr wandelbaren Menschen und seiner Schöpfung Geschichte mit dem negativitätsbedachten ‚wenig ist gut, aber alles wird schließlich gut sein‘, also vom Prinzip Ewigkeit zum Prinzip Zukunft, vom Optimismus zum geschichtsphilosophischen futurisierten Über-Optimismus. (Optimismus, 2005, S. 104)

 

Gefährliche Praxis der Geschichtsphilosophie: Revolution

 

Maoismus und Tourismus

[D]er Ethnologe ist der verreiste Revolutionär, der, der sich „auf die Flucht einer Reise“ begeben hat… Es empfiehlt sich, den Exotismus des Westens, der sich als Ethnologie etabliert, zusammenzusehen mit diesem immanenteren Exotismus, der zunächst als mythologische Morgenländerei auftrat: diese zerfällt gegenwärtig in Maoismus und Tourismus. (Anhang Anthropologie, 1973, Anm. 163, S. 245f.)

 

Verbösung des Guten

[D]ie große Entübelung der Übel … wird ihrerseits zur Verbösung des traditionell Guten …: die Ökonomie wird zum Herd der Entfremdung; der Staat diabolisch; die Familie Agentur ausschließlich zur Quälung und Deformierung der jeweils nächsten Generation; die Vernunft „Widersacherin des Denkens“; der Geist „Widersacher der Seele“; die Toleranz Repression; die Religion Betrug; und so fort. Weil das Übel zum Guten avanciert, wird das Gute zum maskierten Übel und Bösen. Das kann sich steigern und steigert sich durch entsprechende emanzipatorische Dogmatisierungen … zur umfassenden Negativattitüde gegenüber der vorhandenen Welt, die dann wieder stilisiert wird zum Ensemble der Gründe, mit ihr Schluß zu machen: also zu dem, was sie in jenen anfangschristlichen-gnostischen Positionen war, gegen die die Theodizee antrat. Das ist dann – als neuzeitliche Position der Gegenneuzeit: als die aktuelle Form des Antimodernismus – der revolutionsphilosophische Rückfall in die eschatologische Weltnegation; wo er gewinnt, kommt es zum Ende der Neuzeit. (Vernunft, 1981, S. 56)

 

Kunst als mißlungene Revolution

Ich nenne [Christian Enzensbergers 1977 als „politische Ästhetik“ veröffentlichte] Kompensationstheorie des Ästhetischen negativ, weil sie zur Kompensationsrolle der Kunst negativ sich verhält. Sie scheint mir wichtig…, weil sie die Konsequenz zieht aus der – euphorisch futuralen – Definition der Kunst als Antizipation, Kritik, Vorschein, Utopie, Revolution: daß nämlich die Kunst stets nur das Zurückbleiben hinter dieser Definition sein kann und so stets (mehr oder weniger) als Verrat gelten muß an dem, was zu ihrem Maßstab gemacht wurde, an der Revolution. Das spricht Enzensberger aus: … das Ende der Kunst, … den Suizid der Kunst ad maiorem revolutionis gloriam. (Kunst, 1981, S. 114)

 

Kunst als gelungene Bewahrung

Aber vielleicht ist die Kunst ja gar keine mißlungene Revolution, sondern eine gelungene Bewahrung und just darum Kompensation… in der modernen Welt betreibt ein Prozeß, den man nicht nicht wollen kann, nämlich der Modernisierungsprozeß ihrer Versachlichung, zugleich ihre Entzauberung; diese Entzauberung ist – malum – ein Verlust; aber dieser Verlust wird – bonum-durch-malum – kompensiert durch die Ausbildung des Organs einer neuen Verzauberung, … das … spezifisch moderne Kompensationsorgan der ästhetischen Kunst. [Ritter 1948] (Kunst, 1981, S. 114f.)

 

Revoltierbedarf

[S]eit Ende der 50er Jahre … [wurde] … die in der Nationalsozialistenzeit zwischen 1933 und 1945 weitgehend ausgebliebene Revolte gegen den Diktator … stellvertretend nachgeholt durch den Aufstand gegen das, was nach 1945 an die Stelle der Diktatur getreten war… Es entstand ein frei flottierender quasimoralischer Revoltierbedarf auf der Suche nach Gelegenheiten, sich zu entladen; er richtete sich – zufolge der Logik der Nachträglichkeit – okkasionell und unwählerisch gegen das, was jetzt da war: gegen Verhältnisse der Bundesrepublik, also demokratische, liberale, bewahrenswerte Verhältnisse. (Prinzipiell, 1981, S. 10)

 

Jetztweltabschaffungsutopie

Unsere Dummheit vom Dienst aber … ist die erfahrungslos und darum weltfremd gewordene Erwartung… [mit Erwartungshorizonten, die] – als Gesichtskreise mit dem Radius approximativ von Null – nicht mehr Horizonte, sondern Scheuklappen sind bis hin zu jener absoluten Superscheuklappe der Jetztweltabschaffungsutopie, bei der man – weil man wegen dieser absoluten Scheuklappe nichts mehr sieht – endgültig nur noch dran glauben muß. Die ästhetische Erfahrung desillusioniert und repluralisiert daher die Erwartungshorizonte – indem sie gegen Einfalt Vielfalt setzt… (Krise, 1981, S. 85)

 

Gute Revolution

[F]ür Hegel ist die gute Revolution nur noch die vergangene Revolution, und zwar vor allem die vorletzte, die Reformation; für Marx ist die gute Revolution nur noch die zukünftige Revolution, und zwar vor allem die übernächste, die proletarische Revolution. (Multiversalgeschichte, 1982, S. 58)

 

Fiktionsmonopol

[D]ie Marxismen… bestreiten … [zwar] den fiktiven Charakter ihrer Erwartung des Diesseitsheils; faktisch begründen sie gerade dadurch ein Fiktionsmonopol: wenn es nicht mehr darauf ankommt, statt des falschen Bewußtseins das richtige Bewußtsein zu haben, sondern wenn es genügt, das ‚richtige‘ falsche Bewußtsein zu haben, muß – ggf. mit der Fiktion absoluter Rationalität – entschieden werden, welches das ist. Die Instanz dieser Dezision – die Partei mit Nachfolgefunktionen des kirchlichen Lehramtes – setzt sich an die Stelle des faktischen Selbstbewußtseins des Proletariats als dessen – durch organisatorisch abgesicherte Fiktion – „zugerechnetes Klassenbewußtsein“: wovon die Menschheitsavantgarde vernünftigerweise überzeugt sein würde, wenn sie schon (was begründbar derzeit faktisch unmöglich ist) vernünftigerweise überzeugt sein könnte, bestimmen die Berufsrevolutionäre. (Antifiktion, 1983, S. 94)

 

Kunst und Politisierte Straße

[I]m Einzugsgebiet von Futurismus, Dadaismus und Surrealismus … wurde … ein theatralisches Bündnis der Kunst mit der politisierten Straße [gesucht.] (Gesamtkunstwerk, 1983, S. 108)

 

Utopien und Apokalypsen

Was immer unsere Zeit sein mag: sie ist jedenfalls auch das Zeitalter der Wechselwirtschaft zwischen Utopien und Apokalypsen, zwischen Diesseitserlösungs-Enthusiasmus und Katastrophengewißheit, zwischen den Naherwartungen einerseits des Himmels auf Erden, andererseits der Hölle auf Erden, und jedenfalls zwischen – überemphatischen – Fortschrittsphilosophien und Verfallsphilosophien. Warum gehören zu unserer Welt beide? (Weltfremdheit, 1984, S. 76f.)

 

Fortschritt

[A]lles wird immer schneller immer besser und womöglich gar alsbald am Ende wirklich gut. Dieser Gedanke setzt sich im 18. Jahrhundert durch. … der schnelle Marsch ins Heil wird [später] ersetzt durch den langen Marsch durch die Arten und Institutionen… die Menschheit ist emsig dabei, ihre Kindheit hinter sich zu lassen, und ist also strebsam bemüht, dauernd immer erwachsener zu werden. (Weltfremdheit, 1984, S. 78)

 

Verfall

[A]lles wird immer schneller immer schlimmer und womöglich gar alsbald am Ende wirklich tödlich. … Wie gesagt: das Grundschema – das Reifungsschema – bleibt dabei das gleiche; nur wird jetzt umgewertet, und wo sonst gejauchzt wird, wird jetzt gezittert und geklagt; und wo das Prinzip Hoffnung regierte, regiert nun das Prinzip Angst. … Unsere Zeit – die einer fortgeschrittenen Verfallsgeschichte – ist die Schreckensära der Hypertrophie des Erwachsenseins: sie ist die Unheilszeit eines großen Verlustes, nämlich des Verlustes der Kindlichkeit der Menschen. (Weltfremdheit, 1984, S. 78f.)

 

Tachogene Weltfremdheit

[I]n unserer Lebenswelt kehren jene Situationen immer seltener wieder, in denen und für die wir unsere Erfahrungen erworben haben. … Weil heutzutage das Vertraute immer schneller veraltet und die künftige Welt zunehmend anders sein wird als die von uns erfahrene bisherige Welt, wird – für uns, die modernen Menschen – die Welt fremd, und wir werden weltfremd. Die modernen Erwachsenen verkindlichen. Selbst wenn wir grau werden, bleiben wir grün. (Weltfremdheit, 1984, S. 83)

 

Negative Trunkenheit

Eben weil die Erwartungen insgesamt weltfremd werden, kommt es bei Enttäuschungen von Positivillusionen nicht mehr zur Ernüchterung, sondern zu einer Art negativer Trunkenheit: Die Überhoffnung kippen nicht mehr um in Realitätssinn, sondern in Panik. (Weltfremdheit, 1984, S. 88)

Wer Terry Pratchett kennt, denkt dabei vielleicht an sein Konzept der Anti-Trunkenheit, auf Englisch: “knurd” (the opposite of “drunk”)… (Helmut Schütz)

 

Futurisierter Antimodernismus

Die gegenwärtigen westlichen und speziell bundesrepublikanischen Revolten gegen das Bestehende – also etwa Studentenbewegung, Friedensbewegung, grüne Welle – sind Fortsetzungen des Antimodernismus unter Verwendung der Zukunft und schließlich der Natur als Mittel; sie stehen in einer Tradition, die man die Tradition des futurisierten Antimodernismus nennen kann. (Antimodernismus, 1987, S. 92)

 

Verfall und Fortschritt

[Es] gelingt … der Geschichtsphilosophie, Verfallstheorie und Fortschrittstheorie zu verbinden: der Fortschritt zur Gegenwart – zur Hölle auf Erden – ist Verfall, und erst der Fortschritt nach einer zukünftigen Revolution ist wirklich Fortschritt und führt den Himmel auf Erden herbei. (Antimodernismus, 1987, S. 97)

 

Entfremdungskritik

Die sozusagen klassische Gestalt dieser fortschrittstheoretischen Gegenwartsnegation wurde – als Aufruf zur proletarischen Revolution – die Entfremdungskritik an der bürgerlichen Gesellschaft durch Marx. (Antimodernismus, 1987, S. 97)

 

Fest und Alltag

Das Fest neben dem Alltag: das ist gut. Das Fest statt des Alltags: das ist problematisch und muß bös enden. Die eine Gefahr für das Fest ist der totale Alltag, der das Fest nicht mehr gelten läßt. Aber … auch dann – wenn für das Fest der Alltag preisgegeben wird – wird das Fest zerstört und hört auf, Fest zu sein. (Moratorium, 1987, S. 61)

 

Kriegswunsch

Die Menschen fürchten den Krieg nicht nur, sondern sie wünschen ihn auch, zumindest unbewußt, um ihrem Alltag – dem drückenden und lastenden Alltag – zu entkommen. Jede Warnung vor dem Krieg bleibt zu harmlos, die nicht vor dieser Quelle des Kriegswunsches warnt und erkennt: Der Krieg ist für die Menschen nicht nur schrecklich, sondern zugleich von den Menschen auch auf schreckliche Weise gewünscht: als Entlastung vom Alltag, als Moratorium des Alltags. (Moratorium, 1987, S. 61)

 

Bürgerkrieg

Den Krieg will man nicht mehr, dafür aber häufig – gelobt als Revolution – den Bürgerkrieg, und zwar aufgrund der Erwartung, daß der revolutionäre Umsturz des bestehenden Alltags – ein Umsturz, der selber schon eine Aufhebung des Alltags ist und für den die bestehenden Feste als Behinderungen gelten – zu einer ganz anderen und dadurch automatisch zu einer besseren Welt führen würde, in der man den Alltag endgültig los wäre. Es ist dieser auf den Bürgerkrieg umgelenkte geheime Kriegswunsch, der aus der Unlust am vorhandenen Alltag entspringt, durch den man dann zu absurden Einschätzungen kommen kann: Weil selbst noch die liberalste vorhandene Welt – die bürgerliche Welt – den Alltag hat, will man diese vorhandene Welt loswerden. Durch diesen Hang zum großen revolutionären Moratorium des Alltags gilt so – zum Beispiel – die Bundesrepublik dann nicht als das, was sie ist, als gelungene Demokratie, sondern als mißlungene Revolution. (Moratorium, 1987, S. 63)

 

Alternatives Leben

Der extremste Aussteiger ist der Krieger, und das extremste „alternative Leben“ ist der Krieg. (Moratorium, 1987, S. 66)

 

Himmel und Hölle

Meine kleine Philosophie des Festes, die das Fest nicht nur gegen den totalen Alltag, sondern auch gegen das totale Fest verteidigen will, ist zur Kritik des absoluten Festes geworden. … denn wer – und das wäre ja die Intention dieses absoluten Festes – die Erde zum Himmel machen will, macht sie zuverlässig zur Hölle. (Moratorium, 1987, S. 66)

 

Modernitätsverdrossenheit

Perfektionistische Sollforderungen wirken als Realitätsvermiesung. … Wir – die spätkulturell Verwöhnten, die daher auch durch perfekte Weltgelungenheit verwöhnt sein wollen – produzieren unsere Modernitätsverdrossenheit – die Neigung zur Negation der bürgerlichen Welt – durch unsinnige Vollkommenheitsansprüche: durch übertriebene Einheitserwartungen ebenso wie durch übertriebene Vielheitserwartungen. Darum haben wir Schwierigkeiten beim Jasagen. (Vielheit, 1987, S. 37f.)

 

Aufsässigkeit gegen die Nichtdiktatur

[W]ir fürchten uns vorm Jasagen, weil im zweiten Viertel unseres Jahrhunderts in unserem Lande zwölf Jahre lang zu viel ja gesagt worden ist. Darum wollen wir das damals versäumte Neinsagen durch heutiges Neinsagen nachholen: den unterbliebenen Aufstand gegen die Diktatur durch chronische Aufsässigkeit gegen die Nichtdiktatur wettmachen. Das nenne ich … den nachträglichen Ungehorsam. (Vielheit, 1987, S. 39)

 

Liberalisierungsverspätungen

Aus dieser These – der beste Schutz gegen die Monopolisierung der Philosophie als Wirklichkeitsverhältnis ist der wirklichkeitsumfassende Abbau von Liberalisierungsverspätungen – folgt als Umkehrschluß: wer das „sola philosophia“ … aufrechterhalten will, muß den Abbau von Verspätungen, d. h. den Abbau von Liberalisierungen in der Wirklichkeit ignorieren. Das tun z. B. die, die die Demokratisierung der Verhältnisse in der Bundesrepublik ignorieren, um ihr – durch Philosophie – das Pensum einer Revolution zu verordnen; indes: die Bundesrepublik: das ist keine mißlungene Revolution, sondern eine gelungene Demokratie. (Weisheit, 1988, S. 111)

 

Ausnahmezustand

Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet. Das ist die Lehre, die aus dem Schicksal der Weimarer Republik gezogen werden kann. Der Neopositivismus hatte keinen Sinn für solch lebenspraktische Vernünftigkeit und überließ damit insbesondere auch das politische Terrain jenen Philosophen, denen diese Art der Vernünftigkeit zu uninteressant war und für die der Ausnahmezustand unendlich interessant wurde. (Weimarer Republik, 1989, S. 138)

 

Herrenmoral

Gleichzeitig begann jener Nietzsche zu wirken, der … schließlich in Alfred Baeumlers Nietzsche als Philosoph und Politiker (1931) zugespitzt interpretiert wird. Im Namen des „Lebens“ – des „dionysischen Willens zur Macht“ – wird in einer neuen und radikaleren „Genealogie der Moral“ die „Herrenmoral“ zu Lasten der „Sklavenmoral“ favorisiert und werden die bürgerlich „letzten Menschen“ durch „Übermenschen“ angegriffen und überwunden. (Weimarer Republik, 1989, S. 140)

 

Mythos der Gemeinschaft

Zur Gesellschaft – schien es – gehört der Intellekt, zur Gemeinschaft der Mythos… Dabei verband sich schließlich – als Kritik der bürgerlichen Gesellschaft – der Mythos der Gemeinschaft mit der Romantik des Ausnahmezustands und wurde revolutionär und rassistisch, so bei Alfred Rosenberg in Der Mythos des 20. Jahrhunderts (1930): „Letzten Endes“, schrieb er, „ist denn auch jede über eine formale Vernunftkritik hinausgehende Philosophie weniger eine Erkenntnis als ein … rassisches Bekenntnis“ zur Selbstbehauptung und Herrschaft der Gemeinschaft der „germanischen Rasse“ und ihres Mythos. So wurde das Leben zum Widersacher des Geistes, und die philosophische Verweigerung der Bürgerlichkeit schlug um in die reale Zerstörung der Bürgerlichkeit. (Weimarer Republik, 1989, S. 141)

 

Universalgeschichte

Die Geschichtsphilosophie verlangt die Realisierung der Universalgeschichte durch die Praxis: so wird sie zur Philosophie der Revolution. (Universalgeschichte, 1992, S. 83)

 

Kunst im Dienst der Revolution

Je erfolgreicher der Staat – gegen die Gefahr ideologischer Bürgerkriege – den Frieden sichert, desto selbstverständlicher wird dieser Friede. Je selbstverständlicher dieser Friede wird, desto unselbstverständlicher wird die politische Neutralisierung der Wahrheitsfrage: der – religiösen oder postreligiösen – Frage nach dem alleinrichtigen Menschheitsglück und Menschheitsziel. Dann will man nicht mehr das vorhandene, sondern das vollkommene Leben und greift den Staat an, weil er es nicht herbeiführt und man seine Ausklammerungen als Repression erfährt. … Die Kunst kann dann … sich dazu bereit finden, in den Dienst der politischen Ziele dieser Revolution zu treten und revolutionäre Welterlösung politisch zu repräsentieren: die Kunst dient als Mittel zum Zweck der revolutionären Weltverbesserung. (Repräsentation, 1993, S. 30)

 

Kunst als zweite Besetzung

Die Kunst … ist für die Revolution immer nur die zweite Besetzung; denn sie ist nie die wirkliche revolutionäre Praxis selber… Mit dieser zweiten Besetzung ist es so, wie es im Theater mit zweiten Besetzungen ist: wichtig werden sie nur, wenn die erste Besetzung indisponiert ist; solange die erste Besetzung nicht indisponiert ist, ist die zweite Besetzung günstigenfalls eine Rivalin. … Wo die erste Besetzung – die Revolution – scheitert, wird die zweite Besetzung – die Kunst – unendlich wichtig: das ist der Fall des utopischen Gesamtkunstwerks. Wo die erste Besetzung – die Revolution – aber zu siegen scheint, wird die zweite Besetzung – die Kunst – unendlich verdächtig: das ist der Fall der Ächtung der Avantgarde. (Repräsentation, 1993, S. 31)

 

Gesamtkunstwerk

Wie überleben Revolutionäre mental das Scheitern der Revolution? … Sie versuchen, zumindest auch, gescheiterte Politik durch gelungene Kunst zu ersetzen. … das Gesamtkunstwerk ist das Vehikel für die sanfte Bauchlandung geplatzter revolutionärer Hoffnungen. (Repräsentation, 1993, S. 32)

 

Marx

Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber sie machen sie unter gegebenen Umständen (die ihrerseits von den Menschen gemacht worden sind): ungefähr so formulierte das später – etwa im 18ten Brumaire des Louis Napoleon – einer, der mehr Fichteaner als Hegelianer gewesen ist, nämlich Marx. (Ehrenpromotion, 1994, S. 153f.)

 

Übertribunalisierung oder: Die Suche nach Sündenböcken

 

Sündenbock

Die Verabschiedung Gottes bedeutet … jedenfalls das eine: was zuvor … als Streit des Menschen mit Gott – als transzendente, als sozusagen menschheitsaußenpolitische Frage – abgemacht werden konnte, muß jetzt als Streit des Menschen mit Menschen – also als immanente, als menschheitsinnenpolitische Frage – ausgefochten werden. …Wo der außerweltliche Sündenbock verlorengeht, muß ersatzweise ein innerweltlicher und dort, wo die Natur dafür als ungeeignet gilt, ein menschlicher Sündenbock gefunden werden. (Irrational, 1971, S. 77)

 

Alibisystem

[I]m genannten Konflikt zwischen Zukunft und Herkunft fühlen die Vorkämpfer der Zukunft sich leicht und mit oftmals freudiger Empörung gern verhindert durch das geschichtlich schon Vorhandene, und es fühlen die Bewahrer der Herkunft sich leicht und mit oftmals enthusiastischer Resignation gern verhindert durch das geschichtlich Kommende; es handelt sich hierbei – im Zeichen der Kunst, es nicht gewesen zu sein – ohne Zweifel um ein ausbaufähiges Alibisystem; denn gerade die Möglichkeit dieser wechselseitigen Verhinderung gewährt – angesichts der drückenden Last der menschlich emanzipativen Absicht, es gewesen zu sein – die Chance zur erleichternden Einsicht, daß man selber es sein wollte und die anderen es waren. Wo es übel steht, sind … zwar die Menschen es gewesen, aber die anderen Menschen… (Irrational, 1971, S. 78)

 

Feindesbeweis

Die Geschichtsphilosophie … hat die Pflicht zum Gottesbeweis durch die Pflicht zum Feindesbeweis ersetzt… (Irrational, 1971, S. 80)

 

Steinewerfen als Unschuldsbeweis

[E]rst – in der biblischen Religion – saß Gott über die Menschen zu Gericht; dann – in der Theodizee – die Menschen über Gott; dann – in der geschichtsphilosophischen Kritik – die Menschen über sich selber. Das Gericht der Kritik ist also Selbstgericht, und das ist anstrengend, darum wählt die Kritik den Ausweg, dabei nicht der Angeklagte zu sein, sondern – durch eine imitatio Dei – der Ankläger… sie beschuldigt alles, um selber entschuldigt zu sein (wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein; darum – um sich Unschuld zu beweisen – werden heute Steine geworfen). (Heiterkeit, 1976, S. 52)

 

Prozeß

Am Anfang – jedenfalls am Anfang der modernen Welt – war der Prozeß; dort ist … beim Selbstverständnis der einen Geschichte das Wort Prozeß im juristischen Sinne wörtlich zu nehmen… Die Geschichte wird ein Gerichtsverfahren, das seiner Intention nach der gerechten Sache unwiderstehlich zum Siege verhilft, indem es die an ihrem Fortschritt schuldig Gewordenen – übrigens bei fallender Begnadigungsrate – verurteilt. (Kompensation, 1978, S. 64)

 

Sündenfall

Wo das Heil daran hängt, zu erkennen, daß der Sündenfall kein Sündenfall ist, liegt der eigentliche Sündenfall darin, den Sündenfall einen Sündenfall zu nennen, und wer es tut, sündigt. So beschafft sich eine neue Priesterkaste, die der Emanzipation, dasjenige, was sie der alten zu haben verbot: Sünder alias Zeitgenossen des Zeitalters bzw. „Standes der vollendeten Sündhaftigkeit“ (Fichte) alias Entfremdete alias Reaktionäre, über die sie zu Gericht sitzen kann, also die occasio für Tribunale. (Felix culpa?, 1978, S. 61)

 

Übertribunalisierung

Die Philosophie bleibt ein Prozeß, der Mensch bleibt der absolute Ankläger, aber mindestens eines hat sich geändert: statt Gott wird nunmehr – in der gleichen Sache: in Dingen Übel der Welt – zum absoluten Angeklagten der Mensch. … das ist … die ‚Übertribunalisierung‛ der menschlichen Lebenswirklichkeit…, daß fortan der Mensch als wegen der Übel der Welt absolut Angeklagter – vor einem Dauertribunal, dessen Ankläger und Richter der Mensch selber ist – unter absoluten Rechtfertigungsdruck, unter absoluten Legitimationszwang gerät. (Angeklagt, 1978, S. 49)

 

Gnadenlos

[S]pätestens in jenem Augenblick, in dem … in der Theodizee – mit Gott als absolutem Angeklagten – der Mensch zum absoluten Ankläger wird, wird die absolute Anklage gnadenlos: zunächst einfach deswegen, weil es dem Menschen nicht zukommt, Gott zu begnadigen. Wo dann die radikalisierte Theodizee, die Geschichtsphilosophie, statt Gottes den Menschen zum absoluten Angeklagten macht, bleibt die absolute Anklage gnadenlos. … der Verlust der Gnade… [macht] die absolute Anklage … menschlich unaushaltbar und unlebbar. (Angeklagt, 1978, S. 50)

 

Seindürfen und Soseindürfen

Die Leibnizfrage an den Schöpfer: … Mit welchem Recht ist und gilt überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?… wird … gesteigert und ubiquisiert zur absoluten gnadenlosen Anklagefrage an jedermann: Mit welchem Recht gibt es dich überhaupt und nicht vielmehr nicht, und mit welchem Recht bist du so, wie du bist, und nicht vielmehr anders? … jedermann hat … ohne Pardon die totale Beweislast für sein eigenes Seindürfen und Soseindürfen. Zum exklusiven menschlichen Lebenspensum wird: vor einem Dauertribunal, bei dem der Mensch zugleich als Ankläger und Richter agiert, die Entschuldigung dafür leben zu müssen, daß es ihn gibt, und nicht vielmehr nicht, und daß es ihn so gibt, wie es ihn gibt, und nicht vielmehr anders. (Angeklagt, 1978, S. 50f.)

 

Tribunalisierungspotenzierung

Die Geschichtsphilosophie … ist der philosophische Agent der Übertribunalisierung selber… [und] zugleich auch noch Agent eines Ausbruchs in die Unbelangbarkeit … durch Tribunalisierungspotenzierung. … absolute Angeklagte sind dann zwar die Menschen, aber nur noch die anderen Menschen, weil man selber nur noch der absolute Ankläger ist. (Angeklagt, 1978, S. 56f.)

 

Gewissensein statt Gewissenhaben

Die Geschichte ist so – unterm Druck der Übertribunalisierung – die Flucht nach vorn in das absolute Anklagen, das das absolute Angeklagtsein hinter sich läßt als die Verfassung derer, die nicht die Avantgarde sind; ihr – nur wenig später „Dialektik“ genanntes – Bewegungsgesetz der geschichtlichen Avantgarde ist, angesichts der Übel, die Flucht in das schlechte Gewissen, das man für die anderen wird, um es die anderen haben zu lassen, damit man es selber nicht mehr zu haben braucht: Man entkommt dem Tribunal, indem man es wird; und der große moralische Empörungsaufwand, der dabei getrieben wird, ist nur die Gegenbesetzung gegen das, was nicht mehr zu sein, sondern nur noch zu richten durch diese Flucht prekär gelingt. Die Geschichte ist so – geschichtsphilosophisch – die Dauerflucht aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein… (Angeklagt, 1978, S. 57)

 

Avantgarde als Flucht nach vorn

Die Menschen entgehen der Anklage wegen der vorhandenen Übel, indem sie zur Avantgarde werden, denn diese – stets schneller als die Anklage – entkommt dem Tribunal, indem sie es wird: nämlich durch Flucht in das Anklagen (der Flucht aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein), die eine immer schnellere Flucht nach vorn ist. (Multiversalgeschichte, 1982, S. 63)

 

Rechtfertigung der Rechtfertigung

[H]eute bedarf offenbar alles der Rechtfertigung: die Familie, der Staat, die Kausalität, das Individuum, die Chemie, das Gemüse, der Haarwuchs, die Laune, das Leben, die Bildung, die Badehose; nur eines bedarf – warum eigentlich? – keiner Rechtfertigung: die Notwendigkeit der Rechtfertigung vor allem und jedem. (Entlastungen, 1983, S. 10)

 

Gnadenloser Rechtfertigungsdruck

Wo alles und jedermann die totale Beweislast hat für sein eigenes Seindürfen und Soseindürfen, ist man versucht zu sagen: die Zumutung, diese Beweislast zu tragen (die über jedes einstmalige Soll an guten Werken weit hinausgeht), ist – wie schon (frei nach Max Weber) der Kapitalismus oder (frei nach mir) die moderne Apotheose der ästhetisch guten Werke, der Kunstwerke – die Rache der reformatorische geächteten Werkgerechtigkeit an ihrer Ächtung: hier jetzt als gnadenlos gewordener totaler Rechtfertigungsdruck. (Entlastungen, 1983, S. 11f.)

 

Mitbestimmung der Moral

Die Diskursethiker … wollen … die Demokratisierung der Moral. Sie machen die Autonomie konkret, indem sie – sozusagen – beim kategorischen Imperativ die Mitbestimmung einführen. An die Stelle des apriorischen Sittengesetzes tritt die diskursiv-dialogische (kommunikative) Sittengesetzgebung, an der alle Betroffenen – alle Menschen – chancengleich teilhaben sollen, indem nur durch den Konsens aller im – „kontrafaktisch“ als „unverzerrt“, „herrschaftsfrei“ „unterstellten“ – ethischen Fundamentalgespräch die sittlichen Normen legitimiert, d. h. als verbindlich erwiesen werden: der kategorische Imperativ wird zum Resultat eines absoluten Gesprächs, das in sich selbst „unhintergehbare“ „pragmatische Universalien“ als sein Ursprungsminimum entdeckt und konsensual rechtfertigt, die es ermöglichen und tragen. Damit wird … aus dem Überich das Über-Wir. (Über-Wir, 1984, S. 46)

 

Geschichtsersparungsverfahren

[W]ie Descartes die Wissenschaft nicht mehr dem naturwüchsigen Wildwuchs der Geschichte überlassen wollte und darum die „certa methodus“ als Geschichtsersparungsverfahren erfand, will die Diskursethik die Moral nicht mehr dem dem naturwüchsigen Wildwuchs der Geschichte überlassen und erfindet darum das Geschichtsersparungsverfahren des absoluten Diskurses. In beiden Fällen wird also die Vernunft etabliert, indem das geschichtlich Vorhandene negiert wird; und in beiden Fällen steht … am Anfang die Befreiung von dem, was man schon ist (die Befreiung von der Freiheit, sich nicht total zur Disposition stellen zu müssen). Denn das sittlich Vorhandene ist verboten, bis es diskursiv erlaubt ist: durch seine vorsorgliche Negation hat es die Begründungslast für seine Bonität gegenüber dem absoluten Diskurs, und zwar zu dessen Begründungsbedingungen. Dadurch wird … der absolute Diskurs des Über-Wir zum absoluten Tribunal… (Über-Wir, 1984, S. 48)

 

Nachträglicher Ungehorsam

[D]urch den nachträglichen Gehorsam entsteht das Über-Ich: das Gewissen, das man hat; durch den nachträglichen Ungehorsam hingegen entsteht das Über-Wir: das Gewissen, das man – statt es zu haben – nur noch ist: der absolute Diskurs. (Über-Wir, 1984, S. 59f.)

 

Aufregungsbedarf

So kommt es einigermaßen unvermeidlich dazu, daß in der modernen Welt gleichzeitig mit der neutralen Wissenschaft – kompensatorisch – ein Exil für diesen Aufregungsbedarf entsteht: Ein Organ für moralische Empörung, das vor allem auch ein Organ zur moralischen Empörung darüber wird, daß die neutrale Wissenschaft kein Organ zur moralischen Empörung mehr ist (Neugier, 1984, S. 85)

 

Neugierverbote

Es entsteht eine Philosophie, die – zum Abbau der Legitimationszwänge, aus dem die Neuzeit besteht, gegenläufig: also als Gegenneuzeit – Rechtfertigungszwänge gerade auferlegt und die menschliche Lebenswirklichkeit durchgängig tribunalisiert und dabei Neugierverbote verhängt. (Neugier, 1984, S. 86)

 

Re-Despotisierung

Zu bewahren und zu pflegen ist die Gewaltenteilung. … Der große Ruf nach der Verantwortung der Wissenschaft wirkt … als Re-Despotisierung der politischen Welt: Und das ist nicht gut. (Neugier, 1984, S. 90)

 

Gnosis als Politik

[E]s gibt die organisierte und bürokratisierte Weltfremdheit: die „polizistische Geschichtsauffassung“ (Manès Sperber), das Bündnis von Eschatologie und Polizei als kaum vermeidliche Konsequenz gnostischer Politik. Die durch das „gnostische Rezidiv“ definierte Politik verabschiedet den – für die neuzeitliche Politik essentiellen – Bestmöglichkeitsgedanken durch das – gegenneuzeitliche – Alles-oder-nichts-Prinzip: man braucht auf die Welt, die sowieso zu Ende geht, keine Rücksicht zu nehmen; so bedeutet – ich wiederhole es – „Gnosis als Politik“ den Einbruch der Weltfremdheit in das Politische, oder: die Weltfremdheit zum Prinzip des Gegenteils der Weltfremdheit zu machen, und das – ich wiederhole und unterstreiche es – kann nicht gutgehen. (Gegenneuzeit, 1984, S. 36)

 

Absolutmachung des Menschen

Insgesamt gilt – bei dieser negativen Seite des Programms der Absolutmachung des Menschen –, daß das Leben zu unterlassen (hilfsweise schlimm) ist, solange nicht – durch absolute Wahl: durch absolutes Wissen, durch absolute Handlungsrechtfertigung – absolut erwiesen ist, daß es das absolut richtige Leben ist. (Zufällig, 1984, S. 123)

 

Verantwortungsethik

Zwar fordert die „neue Ethik“, und das ist vorbehaltlos zustimmungsfähig, die Verantwortungsethik, die bei Handlungen die Folgen – auch und gerade die schlimmen Folgen – mitbedenkt. Es besteht nun aber kein Grund, diese „neue Ethik“ und die moralischen Verurteilungen der modernen Welt durch die antimodernistische Geschichtsphilosophie selber von der Forderung auszunehmen, verantwortungsethisch verantwortet zu werden und ihre Folgen mitzubedenken. Ich meine: Diese ihre Folgen sind womöglich schlimmer als die Folgen der normalen Aktivitäten der modernen Welt. (Antimodernismus, 1987, S. 103)

 

Absolute Ansprüche

Ungenügen aber hat stets einen der folgenden beiden Gründe: Mangel an Erfüllung , oder Übermaß an Erwartung und Anspruch. Wir leben im Zeitalter der übermäßigen, nämlich der absoluten Ansprüche: und absolute Ansprüche – auch und gerade die an die Medizin – können nur enttäuscht werden. Diese durch absolute Überansprüche selbstgemachte Enttäuschung wird dann zum Treibstoff einer Fortschrittsschelte und Medizinkritik, die alle Geschwindigkeitsbegrenzungen mißachtet und rücksichtslos zu rasen beginnt. Wer von der menschlichen Wirklichkeit verlangt, der Himmel auf Erden zu sein, und sie – weil sie das nicht ist – enttäuscht und empört zur Hölle auf Erden erklärt, vergißt, was sie wirklich ist, die Erde auf Erden. Er vergißt vor allem, daß die Menschen endlich sind, sterblich, zerbrechlich, in ihrer Lebensfrist und Macht stets begrenzt und zu absoluten Erfüllungen nicht in der Lage… (Medizinkritik, 1989, S. 108)

 

Dialektik

[Die] Flucht aus dem Angeklagtsein nach vorn scheint das – späterhin Dialektik genannte – Bewegungsgesetz der Geschichte zu sein, die ihr innerweltliches Heilsziel erreicht, wenn alle Menschen zu Anklägern geworden sind, die niemanden mehr anzuklagen brauchen, weil alle Anzuklagenden – im Namen der vermeintlich guten Sache – eliminiert sind. (Universalgeschichte, 1992, S. 83)

 

Verweigerung der Bürgerlichkeit

Man muß dieses an falscher Stelle nachgeholte Nein … als Entlastungsarrangement durchschauen: als die große Flucht aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein…, so daß man immer weniger von sich selber, dafür aber immer mehr von den anderen verlangt, dieses schlechte Gewissen zu haben. … Man entkommt dem Tribunal, indem man es wird; und man wird das Tribunal, indem man – unter Beanspruchung des Kritikmonopols – alle bestehenden Verhältnisse – gerade die nächsten: also vor allem auch die Bundesrepublik – in Frage stellt: durch Verweigerung der Bürgerlichkeit. (Zivilcourage, 1993, S. 130)

 

Verfeindungszwänge

Die Philosophie der Absolutheit des Menschen scheitert – insbesondere durch Verfeindungszwänge, durch Sündenbockbedarf – und disponiert dadurch zum „Abschied vom Prinzipiellen“, zu einer Philosophie der Endlichkeit und endlicher Formen der Antwort auf die Defizienzen der Wirklichkeit, die trotz dieser Defizienzen – die ich nicht wegretuschieren möchte – auf bescheidene Weise zustimmungsfähig bleibt. (Endlichkeit, 2001, S. 16)

 

Die Kunst, es nicht gewesen zu sein

Der Mensch kann … Gottes Schöpferrolle nicht erben, ohne seine Rolle als Angeklagter der Theodizee mitzuerben: Und was macht er dann? … Diesem Tribunal entkommt er, indem er es wird: also indem der Mensch den Menschen als Schöpfer der bisherigen Geschichte anklagt und dazu verurteilt, sich und die geschichtliche Wirklichkeit zu ändern. Darum ergänzt der – geschichtsphilosophisch-totalgeschichtliche – Mensch seine Absicht, es zu sein, durch die Kunst, es nicht gewesen zu sein. Wenn es übel steht um die Welt als Geschichte, ist es für die Menschen – nunmehr an Stelle Gottes – entlastend, wenn zwar die Menschen sie gemacht haben, aber stets nur die anderen Menschen. … Durch diese – später „Dialektik“ genannte – Dauerflucht nach vorn aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein setzt das Ich – der Mensch – sich selbst, indem es sich absetzt vom anderen Ich, vom anderen – dem negativen – Menschen. Darum entpuppt – totalgeschichtlich – der Fortschritt zum Menschen sich als Flucht aus dem Menschen: als geschichtsphilosophischer Verfeindungszwang. (Optimismus, 2005, S. 105f.)

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