„Weiße Weste“ trifft „schwarzes Schaf“

Die Fehler des anderen entdecke ich eher als meine eigenen. Der andere findet mit seinen Augen wiederum andere Dinge an mir fehlerhaft. Wie können Trennungen wie auf unserem Schwarz-Weiß-Bild aufgehoben werden? Nicht alle Gegensätze im Denken oder in den Lebensgewohnheiten können beseitigt werden, aber man kann offen miteinander reden.

Feierlicher Einzug zur Ordination von Pfarrer Helmut Schütz mit den ordinierenden Pfarrern und dem Kirchenvorstand

Feierlicher Einzug zur Ordination von Pfarrer Helmut Schütz

#predigtOrdination von Pfarrvikar Helmut Schütz durch den Propst für Oberhessen, Pfarrer Helmut Grün, im Gottesdienst am 8. Juli 1979 um 9.30 Uhr in der evangelischen Kirche zu Reichelsheim in der Wetterau
Glockengeläut
Einzug in die Kirche
Orgelvorspiel
Lied EKG 111 (EG 139), 1-3:

Gelobet sei der Herr, mein Gott, mein Licht, mein Leben, mein Schöpfer, der mir hat mein Leib und Seel gegeben, mein Vater, der mich schützt, von Mutterleibe an, der alle Augenblick viel Guts an mir getan.

Gelobst sei der Herr, mein Gott, mein Heil, mein Leben, das Vaters liebster Sohn, der sich für mich gegeben, der mich erlöset hat mit seinem teuren Blut,, der mir im Glauben schenkt das allerhöchste Gut.

Gelobet sei der Herr, mein Gott, mein Trost, mein Leben, des Vaters werter Geist, den mir der Sohn gegeben, der mir mein Herz erquickt, der mir gibt neue Kraft, der mir in aller Not Rat, Trost und Hilfe schafft.

Begrüßung
Eingangsspruch
Gebet
Schriftlesung (Christiane Schramm) – Lukas 6, 37-42:

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Glaubensbekenntnis
Lied EKG 187 (EG 288), 1-3+5:

1. Nun jauchzt dem Herren, alle Welt! Kommt her, zu seinem Dienst euch stellt, kommt mit Frohlocken, säumet nicht, kommt vor sein heilig Angesicht!

2. Erkennt, dass Gott ist unser Herr, der uns erschaffen ihm zur Ehr, und nicht wir selbst; durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat.

3. Er hat uns ferner wohl bedacht und uns zu seinem Volk gemacht, zu Schafen, die er ist bereit zu führen stets auf gute Weid.

5. Dankt unserm Gott, lobsinget ihm, rühmt seinen Nam‛n mit lauter Stimm; lobsingt und danket allesamt! Gott loben, das ist unser Amt.

Ordinationsansprache (Propst Helmut Grün)
Lied EKG 187 (EG 288), 6-7:

6. Er ist voll Güt und Freundlichkeit, voll Lieb und Treu zu jeder Zeit; sein Gnad währt immer dort und hier und seine Wahrheit für und für.

7. Gott Vater in dem höchsten Thron und Jesus Christ, sein einger Sohn, samt Gott, dem werten Heilgen Geist, sei nun und immerdar gepreist.

Ordinationshandlung (Propst Helmut Grün mit Pfarrer Siegfried Biernoth und Pfarrer Norbert Friebe)
Ordination von Pfarrer Helmut Schütz durch Propst Helmut Grün

Ordination von Pfarrer Helmut Schütz durch Propst Helmut Grün

Lied EKG 178 (EG 274), 1-3:

1. Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute. Er weidet mich ohn Unterlass, da aufwächst das wohlschmeckend Gras seines heilsamen Wortes.

2. Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquickt so gute, das ist sein werter Heilger Geist, der mich macht wohlgemute; er führet mich auf rechter Straß in seim Gebot ohn Unterlass um seinen Namens willen.

3. Ob ich wandert im finstern Tal, fürcht ich doch kein Unglücke in Leid, Verfolgung und Trübsal, in dieser Welte Tücke: denn du bist bei mir stetiglich, dein Stab und Stecken trösten mich, auf dein Wort ich mich lasse.

Gnade und Friede sei mit uns allen. Amen.

Der Predigttext des heutigen Sonntags steht im Evangelium nach Lukas 6, 37-42. Unsere Kindergottesdiensthelferin, Christiane Schramm, hat ihn vorhin vorgelesen. Für die Predigt wähle ich den Vers 41 aus (GNB):

„Warum kümmerst du dich um den Splitter in Auge deinen Bruders und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen?“

Liebe Gemeinde!

Was kann man über solch ein Wort, das jeder kennt, das zum Sprichwort geworden ist, noch Neues sagen? Und wie passt dieses harte Wort zu einer feierlichen Ordination, in der man darauf gestimmt ist, freundlich zueinander zu sein?

Zuerst war ich nicht sehr begeistert davon, gerade heute über solch ein Wort zu predigen. Dann fiel mir aber auf, wie viel wir aus diesem Spruch Jesu für unser Zusammenleben in der Gemeinde lernen können.

Bild zur Predigt: „Weiße Weste“ trifft „schwarzes Schaf“

Bild zur Predigt: „Weiße Weste“ trifft „schwarzes Schaf“

Nachdem wir heute viel gehört und gesungen haben, möchte ich nun auch unsere Augen beschäftigen. Sie haben alle ein Bild vor sich. Kein „schönes“ Bild. Da ist eine weiße Figur auf der rechten Seite, aufrecht sitzend, ich möchte sagen: ein Mensch, der mit sich zufrieden ist – und auch Grund dazu hat mit seiner weißen Weste. Links gegenüber ein Jammerbild von einer Gestalt, ein Mann in gekrümmter Haltung, ein schwarzes Schaf; er senkt das Auge, lässt die Nase hängen, macht auf mich einen niedergeschlagenen Eindruck.

Warum ist der Schwarze so niedergedrückt?

Vielleicht hat der Weiße mit dem überlangen Zeigefinger auf ihn gezeigt. Vielleicht schüttet der Weiße sich jetzt aus vor Lachen über diese lächerliche schwarze Figur. Vielleicht macht der erhobene Zeigefinger des Weißen dem Schwarzen gerade klar, dass er nur akzeptabel wäre mit weißer Weste.

An den Weißen könnte der Spruch Jesu gerichtet sein: „Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders?“ Du vergisst, dass deine Schadenfreude und dein Zeigefinger einen anderen traurig macht und niederdrückt. Du vergisst, dass du mit deiner weißen Weste im Dunkeln, in der Finsternis sitzt.

Und der andere?

Der merkt gar nicht, dass er im Hellen steht. Er möchte nämlich dem ersten mit gleicher Münze heimzahlen, ihm auch einen Fehler nachweisen. Beinahe will er aufgeben, kraftlos sinkt der obere Zeigefinger herab – da fällt sein Blick nach unten: Seht doch mal die Füße, der Weiße hat ja ganz schwarze Füße. Und auch der Schwarze hat noch einen weißen Zeigefinger zur Verfügung. Ich höre ihn reden: Ich habe mir ja allerhand vorzuwerfen, aber meine Hand ist sauber. Und der da soll erst mal seine Füße waschen, ehe er mir etwas vorwirft.

Laufen manche unserer Beziehungen nicht so ab?

Die Fehler des anderen entdecke ich eher als meine eigenen. Der andere findet mit seinen Augen wiederum andere Dinge an mir fehlerhaft. Ein Gespräch beginnt dann mit Vorwürfen, die mit Gegenvorwürfen heimgezahlt werden. Oder ein Vorwurf hat so gut getroffen, dass es zu einer Begegnung wie auf unserem Schwarz-Weiß-Bild kommt: der eine ist obenauf, der andere deprimiert. Beide bleiben jedenfalls voneinander getrennt.

Pfarrer Helmut Schütz auf der Kanzel der Reichelsheimer Kirche bei seiner Ordination

In der Gemeinde Jesu Christi können solche Trennungen aufgehoben werden. Nicht dass die verschiedenen Gruppen und Parteiungen plötzlich einer Meinung wären oder dass alle Gegensätze im Denken oder in den Lebensgewohnheiten beseitigt werden könnten – nein, aber sie können miteinander ins Gespräch kommen, offen miteinander reden.

Da sind zum Beispiel die treuen Kirchgänger, und da sind die, die selten oder nie hierher kommen. Über die Letzteren höre ich manchmal verbitterte Urteile. Oder umgekehrt wird geklagt über mangelnde Aufgeschlossenheit mancher Kerngemeindeglieder, über starres Festhalten am Althergebrachten. Wie können dieses verschieden geprägten oder sich auseinander gelebt habenden Menschen in ein Gespräch miteinander eintreten? Ob uns dabei die Mahnung Jesu hilft: „Zieh erst den Balken aus deinem Auge, dann wirst du klar sehen und kannst dich auch um den Splitter im Auge deines Bruders kümmern!“?

Ob die unter uns, die sich treu zur Kirche halten, sich die Frage stellen könnten: was könnten wir versäumt haben, dass unsere Begeisterung für Gott so wenig ansteckend wirkt, dass unsere Gottesdienste junge Leute oft abschrecken?

Oder ob die, die locker mit der Kirche verbunden sind, sich fragen würden: was könnten wir denn neu ins Gemeindeleben einbringen, damit es farbiger wird und damit auch wir uns in der Kirche zu Hause fühlen können?

Wenn wir den Balken in unserem Auge bemerken, dann können wir auch andere Dinge klarer sehen: dass die Menschen nicht in gut und böse, Versager und Erfolgreiche, Anständige und Verdorbene, Weiß und Schwarz eingeteilt werden können. Dass der andere liebenswerte Züge hat trotz seiner Fehler, weil ich nicht mehr wie gebannt auf seinen Splitter schaue, als wäre mein Balken ein Vergrößerungsglas. Merkt der andere, dass ich ihn ernstnehme wie mich selbst, dann lässt er es sich vielleicht auch gefallen, dass ich ihn auf ein Verhalten hinweise, das mir an ihm nicht gefällt.

Ich wünsche mir, dass wir in der Gemeinde lernen, in dieser Weise offen miteinander umzugehen. Dass wir nicht über andere reden, sondern Streitpunkte, Ärger und Kritik direkt äußern und mit dem Betroffenen besprechen. Dass wir uns nicht verstellen müssen, wenn wir anders denken oder leben als andere, sondern uns gegenseitig annehmen; vielleicht brauchen wir einander trotz unserer Verschiedenheit und vielleicht können wir voneinander lernen.

Ob es im Streit der politischen Meinungen möglich ist, sich über gute Ideen des Gegners zu freuen, statt über die Fettnäpfchen, in die er tritt? Ob ein Streit mit Argumenten ausgetragen werden kann ohne den Versuch, den Gegner persönlich zu treffen?

Im Zusammenhang mit meinem Dienstbeginn in Ihrer Gemeinde möchte ich mich abschließend noch bedanken für die offenen Arme, mit denen ich empfangen worden bin. Ich wünsche mir weiterhin offene Gespräche und offene Äußerungen zu meiner Gemeindearbeit, meinen Predigten, meinem Auftreten in Ihrer Gemeinde. Das ist nicht leicht, ich selbst scheue mich auch vor manchem Konflikt, der vielleicht besser ausgetragen werden sollte. Doch im Vertrauen auf Jesus, zu dessen Gemeinde wir alle gehören, werden wir uns mehr und mehr in den offenen Umgang miteinander einüben können. Amen.

Lied EKG 145, 1-2+7 (EG 196, 1-2+6):

Herr, für dein Wort sei hoch gepreist; lass uns dabei verbleiben und gib uns deinen Heilgen Geist, dass wir dem Worte gläuben, dasselb annehmen jederzeit mit Sauftmut, Ehre, Lieb und Freud als Gottes, nicht der Menschen.

Öffn‘ uns die Ohren und das Herz, dass wir das Wort recht fassen, in Lieb und Leid, in Freud und Schmerz es aus der Acht nicht lassen; dass wir nicht Hörer nur allein des Wortes, sondern Täter sein, Frucht hundertfältig bringen,

Gott Vater, lass zu deiner Ehr dein Wort sich weit ausbreiten. Hilf, Jesu, dass uns deine Lehr erleuchten mög und leiten. O Heilger Geist, dein göttlich Wort lass in uns wirken fort und fort Glaub, Lieb, Geduld und Hoffnung.

Abkündigungen
Gebet

Herr, unser Gott, wir sind angewiesen auf die Fürbitte füreinander. Einer, für den wir beten, den können wir nicht mehr verurteilen, einer, der für uns betet, nimmt uns auch mit unseren Schwächen und Fehlern an. Herr, wir danken dir für die Menschen, die Ideen zusammentragen, um die Gemeindearbeit aufzubauen, für die Menschen die einander helfen, mit schweren Erfahrungen fertig zu werden, für die Menschen, die neu von deinem Wort angesprochen werden und sich dem Geist deiner Liebe öffnen. Herr, wir bitten dich um deine Hilfe, wenn wir mutlos sind und traurig werden, weil uns Erfolgserlebnisse versagt bleiben, wenn wir oberflächlich denken und reden, weil uns die Zeit zum Nachdenken fehlt, wenn wir verzweifelt sind und am Ende, weil uns ein lieber Mensch genommen wurde. Schenke uns Menschen, die uns nicht bedrücken, sondern ermutigen, die uns nicht Zeit stehlen, sondern sich mit uns Zeit fürs Nachdenken nehmen, die uns nahe sind, wenn wir Trost brauchen. Herr, lass Gemeinschaft unter uns wachsen, die nicht aufhört an den Grenzen, an denen Gemeinschaft sonst halt macht. Schenke uns die Fähigkeit zur Offenheit füreinander! Amen.

Vater unser und Segen
Liedvers EKG 140 (EG 157):

Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr, Herr, lass mich nur nicht wanken, gib mir Beständigkeit; dafür will ich dir danken in alle Ewigkeit.

Gratulation zur Ordination von Pfarrer Helmut Schütz beim Auszug aus der Kirche

Dankansprache auf dem Empfang in der Mehrzweckhalle Reichelsheim nach den Grußworten:

Danke schön allen, die hier gesprochen haben, insbesondere…

Danke aber auch meinen Eltern, ohne die ich nicht hätte studieren und Pfarrer werden können; ohne ihr Gebet und ohne die Gespräche mit ihnen wäre ich nie auf die Idee gekommen, im Pfarrerberuf meine Lebensaufgabe zu suchen.

Dank auch an den verstorbenen Pastor Krumm, der mich konfirmiert hat. In der Beziehung zu ihm lernte ich zum erstenmal, dass man sich akzeptieren, ja mögen kann, ohne gleiche Anschauungen zu haben.

Dank nicht zuletzt meiner Frau, die als Frau eines Pfarrers auch keinen leichten Job hat. Heute zum Beispiel wäre eigentlich ein Urlaub fällig. Ich bin vor allem dankbar dafür, dass ich mit ihr über alle Probleme der Gemeindearbeit reden kann, dass sie meine Arbeit mitträgt und an manchen Stellen sehr stark selbst beteiligt ist.

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