Sind wir etwa Könige?

Trauerfeier für eine Frau, die von unserer Kirchengemeinde aus durch mehrere Zivis Unterstützung erfahren hatte. Von Gott sind wir reich beschenkt und kostbare Ebenbilder seiner Liebe.

Sind wir etwa Könige? Ein blauer Wellensittich erinnert an die Verstorbene, die ihren Wellensittich liebte

Die Verstorbene liebte ihren Wellensittich (Bild: Meli1670 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr. Die Gnade aber des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten. (Psalm 103, 15-17)

Liebe Trauergemeinde, im Gedenken an das Leben von Frau Z. halten wir gemeinsam diesen Gottesdienst. Im Alter von [über 80] Jahren ist sie gestorben. Wir hören auf Gottes Wort, und wir vertrauen darauf, dass Gott mit seinem Trost bei uns ist.

Wir beten mit Psalm 90 (Vers 10 nach der Lutherbibel 1912):

1 Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.

2 Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

3 Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!

4 Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

5 Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst,

6 das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.

7 Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen.

8 Denn unsre Missetaten stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht.

9 Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn, wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.

10 Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.

12 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

17 Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern! Amen.

Liebe Gemeinde!

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Wenn ich Frau Z. besucht habe in den letzten Jahren, erzählte sie mir immer von den Menschen in ihrer Familie, die krank waren. Sie klagte auch über ihre eigenen Beschwerden, hätte nie gedacht, dass es ihr einmal so schlecht gehen würde, sie konnte ja sehr schlecht laufen und hören. Aber trotzdem war sie immer noch dankbar, es hätte ja schlimmer sein können. Sie liebte ihre Fernsehserien, zum Beispiel „Unsere kleine Farm“, aber vor allen Dingen hatte sie einen Narren an ihrem Wellensittich gefressen. Bei ihr erlebte ich zum ersten Mal, dass sich ein Vogel auf meine Schulter oder meine Hand setzte, denn er war sehr zutraulich. Nur gesprochen hat er in meiner Gegenwart nie, noch nicht einmal ein einziges unanständiges Wort.

Vor einigen Jahren meldete sich Frau Z. bei unserer Kirchengemeinde, als wir einen neuen Zivildienstleistenden für die Seniorenbetreuung eingestellt hatten. Sie verstand sich gut mit den Zivis und ging gern in Begleitung der jungen Männer spazieren oder zum Arzt. Und wenn sie gar nicht laufen konnte, tat es ihr gut, wenigstens ein bisschen Gesellschaft zu haben und sich unterhalten zu können. Es war schön, dass ein Zivi noch am Tag vor ihrem Tod eine Stunde bei ihr sein konnte.

Heute denken wir zurück an das Leben von Frau Z., wir denken an das, was uns mit ihr verbunden hat und was zwischen uns gewesen ist, wir halten inne und fragen uns: Was ist das überhaupt, ein Menschenleben – welchen Sinn hat es, worin liegt seine Bedeutung? Kürzlich las ich, wie jemand sagte: Wir sind doch nichts weiter als das Minuszeichen zwischen unserem Geburtsjahr und dem Todesjahr. Nichts weiter?

In der Bibel steht es anders. So heißt es etwa im Psalm 8, 5-6:

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst – ja, es ist unglaublich, aber wahr: Der große Gott im Himmel, der alles geschaffen hat, denkt an uns. Wir kleinen Menschenkinder sind für ihn kostbar genug, um liebgehabt und wichtig genommen zu werden.

Dabei geht es ihm nicht um Dinge, nach denen immer gleich geschaut wird, wenn man Menschen in ihrem Ansehen oder Einfluss einstuft: Ob einer Geld hat oder bei allen beliebt ist, ob jemand Macht hat oder ein Superstar ist. Nein, alle Menschen sind von ihm so geschaffen, dass sie nur wenig niedriger sind als Gott, und im Grunde tragen alle Menschen eine Krone: mit Ehre und Herrlichkeit sind wir gekrönt.

Das klingt übertrieben, wir sind doch keine Könige – oder etwa doch? Wir sind deshalb so wertvoll in Gottes Augen, weil wir Menschen die einzigen Lebewesen auf dieser Erde sind, die zum Ebenbild Gottes geschaffen sind – zum Ebenbild seiner Liebe.

Wenn Tiere lieben, dann tun sie es rein instinktiv, auch der Wellensittich von Frau Z., sie kennen kein Gut und Böse wie wir Menschen. Uns Menschen traut Gott die gleiche Liebe zu, mit der er uns selber liebt. Er nimmt uns so an, wie wir sind; und wir sollen ebenso barmherzig miteinander umgehen, wie er es mit uns tut. Darum sind wir nur wenig niedriger als Gott in Gottes eigenen Augen – weil wir von Gott geliebt sind und das Gebot der Liebe erfüllen können.

Schade ist, dass wir oft vergessen, wie wertvoll wir sind. Dann versuchen wir, uns selber an Gottes Stelle zu setzen und ohne seine Liebe glücklich zu sein. Wer nicht zufrieden damit ist, nur wenig niedriger als Gott zu sein, und wer sich größer macht, als er ist, läuft Gefahr, sehr tief zu fallen.

Wertvoll sein heißt, nicht vollkommen zu sein. Jeder Mensch hat seine Würde von Gott geschenkt bekommen, jeder ist einmalig und unverwechselbar, sowohl in seinen starken als auch in seinen schwachen Seiten. Das ist es ja, was uns so traurig macht, wenn ein Mensch gestorben ist, der uns nahestand: Er hinterlässt eine Lücke, die niemand schließen kann. Manchmal wird es uns erst beim Tod eines Menschen bewusst, was er uns eigentlich bedeutet hat. Darum mahnt uns der Psalm 90, rechtzeitig zu „bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, denn hier auf Erden können wir einander nur innerhalb unserer Lebenszeit Gutes tun.

Das einzige, was wir jetzt noch für Frau Z. tun können, ist, ihr die letzte Ehre zu erweisen, wie man sagt. Wir tun es, indem wir für sie beten und sie der Gnade Gottes anvertrauen. Der Gott, der uns Menschen mit Ehre und Herrlichkeit krönt, der „nimmt uns am Ende mit Ehren an“ (Psalm 73, 24). Er vergisst nicht, was wir einander an Liebe geschenkt haben, er vergibt, was wir einander schuldig geblieben sind, er schenkt uns ewiges Leben im Himmel. Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

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