Regenwasser-Küken

Gottes Liebe ist für uns da wie frisches Regenwasser. Nicht alles hängt von unserer Tatkraft ab, aber auch unsere Tatkraft ist ein wertvolles Geschenk Gottes. Und wenn wir manchmal denken, dass unsere Kirche zu wenige aktive Mitglieder hat, dann sagt uns Jesus: „Ich bin es doch, der euch versammelt, wie es eine Hennenmutter mit ihren Küken macht.“

Eine Henne mit Küken, eins steht auf ihrem Rücken

Eine Henne versammelt ihre Küken um sich (Foto: pixabay.com)

Andacht zur Kirchenvorstandssitzung am Dienstag, 11. November 2014, 19.00 Uhr im Raum Lydia

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder und liebe Gäste, für die heutige Andacht habe ich einmal in das kleine Buch der Herrnhuter Losungen geschaut, um meine Andacht zu den dort abgedruckten Bibelversen zu halten.

Eigentlich war ich nie so der Typ, der jeden Tag die Losungen gelesen hat. Aber bei der Verabschiedung von Pfarrerin Barbara Görich-Reinel meinte Dekan Frank-Tilo Becher, dass er beim Hineinschauen in die Losungen oft den Eindruck hat, sie sagen ihm nicht viel, manchmal aber passen sie genau, als ob der Heilige Geist genau das richtige Wort zum richtigen Tag ausgewählt hätte. Seitdem schaue ich auch meistens nach, was die Losungen zum jeweiligen Tag sagen.

Die Losungen sind so aufgebaut, dass die Herrnhuter Brüdergemeine für jeden Tag aus einem Topf voller Bibelstellen aus dem Alten Testament einen auslost. Und für heute kam folgendes Wort des Propheten Jeremia 18, 14-15, aus dem Topf:

Das Regenwasser verläuft sich nicht so schnell, wie mein Volk meiner vergisst.

Jedem Losungswort aus dem Alten Testament wird dann ein passendes Wort aus dem Neuen Testament zur Seite gestellt, für heute ist das ein Wort aus dem Evangelium nach Matthäus 23, 37:

Jesus sprach: Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!

Diese Bibelworte klingen auf den ersten Blick traurig oder sogar depressiv. Der Prophet Jeremia beklagt, dass das Volk Gottes Gott vergisst. In einem oft von Trockenheit bedrohten Land wie Israel klagte man oft auch darüber, dass das wenige Regenwasser viel zu schnell versickert, bevor es noch das trockene Land fruchtbar macht. Noch schneller versickert das Gottvertrauen der Israeliten in den Wüsten des Alltags oder den Untiefen der Seele. Und Jesus scheint in dasselbe Horn zu blasen, wenn er darüber traurig ist, dass er die Bewohner von Jerusalem im Glauben an Gott neu zusammenführen wollte, so wie es eine Henne mit ihren Küken macht, aber sie haben sich dagegen gewehrt.

Auf zweifache Art könnten wir diese Verse falsch verstehen. Krass falsch, indem wir denken: Was geht das uns an? Hier geht es doch um die Juden. Die haben die Sache mit ihrem Gott vergeigt. Jahrhunderte lang haben Christen so gedacht, bis hin zum Holocaust.

Richtiger ist, diese Verse auch auf uns Christen zu beziehen. Aber wieder könnten wir bei einer Halbwahrheit stehen bleiben. Wie schrecklich ist es, dass die meisten Christen nur Taufscheinchristen sind, dass die Kirchen immer leerer werden und die Mitgliedschaft in den Landeskirchen langsam, aber stetig abnimmt! Auch auf diese Weise zeigen wir letztlich mit dem Finger auf Menschen, die doch nicht wir selber sind. Wir, die engere Kerngemeinde der Christen, wir verlassen Gott doch nicht, wir wehren uns nicht gegen Jesus, was gehen uns also diese Verse an?

Ich beantworte diese Frage heute ganz konkret, indem ich einen Satz aus meiner letzten Andacht in der Kirchenvorstandssitzung vor zwei Monaten wiederhole: „Auch wir als eine landeskirchliche Gemeinde, die oft in der Versuchung ist, nur auf sinkende Gemeindeglieder- und Mitarbeiterzahlen zu starren, dürfen auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen. Natürlich sollen wir uns bemühen um neue Mitarbeiter, um Kandidaten für den neuen Kirchenvorstand. Aber nicht alles hängt von unserer eigenen Anstrengung ab; letzten Endes baut Gott durch seine Barmherzigkeit auch unsere Gemeinde.“ Heute darf ich dankbar sagen, dass dieser Satz sich wieder einmal erfüllt hat; denn drei unserer heutigen Gäste sind hier bei uns, weil sie drauf und dran sind, sich als Kandidaten für den neuen Kirchenvorstand zur Wahl zu stellen. In der nächsten Sitzung wollen weitere drei Gemeindemitglieder schauen, ob das Kirchenvorsteheramt etwas für sie ist. Und das hatte nichts mit trickreichen Überredungskünsten oder übermenschlichen Anstrengungen des Benennungsausschusses oder des Pfarrers zu tun, sondern damit, dass uns im Ausschuss eine ganze Reihe von Namen eingefallen sind, und dass einige von denen, die wir dann angesprochen haben, sich sehr schnell vorstellen konnten, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Was hat das alles mit den beiden zitierten Bibelversen zu tun? Ich finde, die Klagen des Jeremia und des Jesus von Nazareth sind keine Anleitungen zum Jammern. Sondern sie erinnern uns an etwas, was sowohl Juden als auch Christen aller Zeiten immer wieder vergessen: Dass Gottes Liebe, Gottes Kraft, Gottes Ermutigung und Trost für uns da ist wie frisches Regenwasser. Manchmal fällt kein Regen, in Israel noch weniger als bei uns, aber doch versorgt Gott uns mit dem lebendigen Wasser, das für unser Leben nötig ist. Wie gesagt, nicht alles hängt von unserer Tatkraft ab, aber auch unsere Tatkraft ist ein wertvolles Geschenk Gottes und ergänzt gut das, was wir ganz frei sonst noch von Gott geschenkt bekommen. Und wenn wir manchmal denken, dass unsere Kirche zu wenige aktive Mitglieder hat, zu wenig Zusammenhalt, zu wenig ausstrahlt, um attraktiv für junge Menschen zu sein, dann sagt uns Jesus: „Ich bin es doch, der euch versammelt, wie es eine Hennenmutter mit ihren Küken macht.“ OK, vielleicht fühlen wir uns zu groß dafür, wie Küken behandelt zu werden. Aber für Jesus sind wir nicht klein, wenn wir uns im Schutz der Flügel Gottes behütet wissen; gerade wer von Gott getragen und gehalten ist, kann selbstbewusst und ohne falsche Furcht seine Überzeugung vertreten, in Liebe und Solidarität mit anderen Menschen in der Gemeinde Jesu und in der Welt Gottes und mit der gesamten Schöpfung. Wir müssen uns nicht größer und stärker machen, als wir sind, aber auch nicht kleiner, als wir nach Gottes Plänen und Vorstellungen sein können, sollen und dürfen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir den Regen von Gottes Liebe in uns aufnehmen und uns von Jesus zu einer aktiven und solidarischen Gemeinde zusammenschließen lassen.

Lied 268: Strahlen brechen viele aus einem Licht

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