Menschenwürde für einen Sklaven

Vielleicht ist Paulus doch ein Revolutionär, aber nicht das System will er umstürzen, sondern die innere Haltung der Menschen zueinander. Unter denen, die an Christus glauben, gibt es keine Unterschiede mehr, auch nicht den Unterschied zwischen Sklaven und freien Menschen. Das ist eine Umwandlung freiwilliger Art, zu der sie nicht durch einen gewaltsamen Umsturz gezwungen werden.

Ostfriesischer Wahlspruch rechts und links von einem Wappen: "Lever dod as Slav"

Was hätte Paulus vom ostfriesischen Wahlspruch „Lieber tot als Sklave“ gehalten? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 20. Sonntag nach Trinitatis, den 16. Oktober 1994 um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst! An dem Tag, an dem in unserem Land ein neuer Bundestag gewählt wird, möchte ich Ihnen einen Bibeltext auslegen, der einerseits ein ganz persönlicher Brief ist, der andererseits aber auch ein politisches Problem berührt. Es geht um Freiheit und Unfreiheit, um den Unterschied zwischen Bitten und Fordern und um den Unterschied zwischen einem Umsturz durch Gewalt und einer Umwälzung durch Liebe. Lassen Sie sich überraschen!

Liederheft 208: Gib uns Frieden jeden Tag
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit dem Psalm 119, 101-105:

101 Ich verwehre meinem Fuß alle bösen Wege, damit ich dein Wort halte.

102 Ich weiche nicht von deinen Ordnungen; denn du lehrest mich.

103 Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig.

104 Dein Wort macht mich klug; darum hasse ich alle falschen Wege.

105 Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gütiger Gott, wir kommen zu dir und sind manchmal unsicher oder ratlos. Wir kommen vielleicht nicht zurecht mit persönlichen Konflikten. Wir denken, dass wir überhaupt keinen Einfluss auf die große Politik haben. Wir meinen, dass wir doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe der Welt sind. Gott, zeige uns, wie wichtig wir für dich dennoch sind! Lass uns nicht verzweifeln, wenn wir uns so klein fühlen! Lass uns wissen, dass in deinem Reich alle Menschen eine Bedeutung haben, dass wir uns nicht geringer fühlen müssen als andere. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Brief des Paulus an die Galater 3, 26-28:

26 Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.

27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.

28 Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja,Halleluja,Halleluja.“

Liederheft 242: Gott gab uns Atem, damit wir leben
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!

Heute soll ein ganzes biblisches Buch in der Predigt ausgelegt werden. Es ist eins der kürzesten Bücher der Bibel, und zwar der kürzeste Brief des Apostels Paulus, den er an einen Mann mit Namen Philemon geschrieben hat.

Der Brief fängt an mit der Angabe von Absender und Empfänger und mit einem Gruß:

1 Paulus, ein Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder, an Philemon, den Lieben, unseren Mitarbeiter,

2 und an Aphia, die Schwester, und Archippus, unseren Mitstreiter, und an die Gemeinde in deinem Hause:

3 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Was da schon alles drinsteht in diesen paar Versen! Erst einmal, dass gar nicht Paulus allein diesen Brief geschrieben hat. Timotheus hat ihn mitverfasst, einer der Schüler und Begleiter des Paulus. Hier nennt er ihn sehr vertraut den Bruder; auch wenn er vielleicht sehr viel jünger und unerfahrener ist, er behandelt ihn doch als Gleichgestellten. Paulus hat es nicht nötig, seine Autorität als Apostel herauszukehren. Von sich selber spricht Paulus als von einem „Gefangenen Christi Jesu“. Vielleicht in doppeltem Sinne: zum einen war Paulus ja mehrmals wegen seiner Mission für Jesus Christus ins Gefängnis gekommen; vielleicht hat er auch diesen Brief aus der Gefangenschaft heraus geschrieben. Zum anderen betont Paulus mit diesem Wort das unzerstörbare Band, das ihn mit seinem Herrn verbindet, an den er unerschütterlich glaubt. Wie ein Gefangener festgekettet ist, so fühlt er sich gebunden an den Mann Jesus, der zugleich der Gesalbte und Beauftragte und wahre Sohn Gottes ist und war und bleiben wird. Er nennt ihn auf griechisch den „Christus“ Jesus, genauso gut hätte er in der Sprache der Juden auch sagen können: den „Messias“ Jesus.

Und an wen ist der Brief gerichtet? Drei Einzelpersonen werden genannt: Philemon, ein Mitarbeiter des Paulus, dann Aphia, eine Frau, die einfach als Schwester bezeichnet wird, vielleicht ist es die Frau des Philemon, und schließlich noch der Mitstreiter Archippus. Außerdem spricht Paulus die ganze Gemeinde an, die sich im Hause des Philemon versammelt. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass dieser Brief nicht bloß als Privatbrief anzusehen ist, sondern rechtmäßig in die Bibel hineingehört; denn wenn damals die ganze Gemeinde als Briefempfänger mit einbezogen war, können wir uns mit diesem Brief des Paulus vielleicht auch angesprochen fühlen.

Der Gruß am Anfang des Briefes ist ein Friedenswunsch, der uns sehr vertraut ist. Immer am Anfang der Predigt grüße ich Sie auch mit diesen Worten und wünsche Ihnen Gnade und Frieden von Gott, dem Vater und dem Sohn.

Nach diesem allgemeinen Gruß redet Paulus erst einmal in ganz persönlichen Worten den Philemon an:

4 Ich danke meinem Gott allezeit, wenn ich deiner gedenke in meinen Gebeten

5 – denn ich höre von der Liebe und dem Glauben, die du hast an den Herrn Jesus und gegenüber allen Heiligen -,

6 dass der Glaube, den wir miteinander haben, in dir kräftig werde in der Erkenntnis all des Guten, das wir haben, in Christus.

7 Denn ich hatte große Freude und Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen erquickt sind durch dich, lieber Bruder.

Überschwengliche Worte findet Paulus für seine Beziehung zu Philemon: Er spricht von dem Glauben, den Philemon mit Paulus teilt, und dankt Gott dafür. Er spricht von dem Guten, das er gehört hat, sowohl von dem Gottvertrauen des Philemon als auch von seiner Sorge für alle Heiligen, das soll hier heißen, für alle Mitglieder der Gemeinde. Und er erwähnt auch, was er früher selber mit Philemon erfahren hatte: Philemon hatte einen Zugang zu den Herzen seiner Hausgemeinde gefunden und verstand es, ihnen Mut zu machen. Und das wiederum hatte dem Paulus sehr viel Freude gemacht und ihn getröstet, wenn er selber mutlos gewesen war.

Ein bisschen klingt dies alles nach Schmeichelei, aber ich denke schon, dass es von Paulus ehrlich gemeint ist. Paulus will schließlich ein ernstes Anliegen vorbringen, und zuvor möchte er dem Philemon noch einmal ausdrücklich versichern, wie sehr er ihn schätzt und wieviel Gutes er mit ihm schon erlebt bzw. von ihm gehört hat. Und dann stellt er noch einmal klar, in welcher Rolle Paulus ihm, dem Philemon, gegenübertreten will: Wiederum nicht als Autoritätsperson, als der Apostel, der befehlen könnte, sondern als einer, der bittet:

8 Darum, obwohl ich in Christus volle Freiheit habe, dir zu gebieten, was sich gebührt,

9 will ich um der Liebe willen doch nur bitten, so wie ich bin: Paulus, ein alter Mann, nun aber auch ein Gefangener Christi Jesu.

Das wäre schön, wenn Bischöfe und Präsidenten und andere Amtspersonen weniger bestimmen würden, als zu bitten. Wer wirklich Autorität hat, wer sich seiner selbst sicher ist, braucht wahrscheinlich auch weniger zu befehlen, der kann es darauf ankommen lassen, dass ein anderer einer Bitte auch einmal nicht Folge leistet.

Natürlich gibt es auch Situationen, wo man klar sagen muss: Da geht’s lang! Zum Beispiel, wenn Eltern ihr Kind vor einer Gefahr bewahren müssen. Oder wenn ein Bischof klarstellen muss: Man darf das Lebensrecht von behinderten Menschen auf keinen Fall in Frage stellen. Aber gerade in einer christlichen Gemeinde sollte in der Regel kein Befehlston herrschen, sondern dieser Ton des Paulus: Ich könnte dir zwar von oben herab kommen, aber ich will dich bitten, von Bruder zu Bruder.

Wir unterbrechen nun die Predigt zum erstenmal und singen aus dem Gesangbuch das Lied 217, 1+6+7:

1) Herz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh. Lasset eure Liebesflammen lodern auf den Heiland zu. Er das Haupt, wir seine Glieder, er das Licht und wir der Schein, er der Meister, wir die Brüder, er ist unser, wir sind sein.

6) Liebe, hast du es geboten, dass man Liebe üben soll, o so mache doch die toten, trägen Geister lebensvoll, zünde an die Liebesflamme, dass ein jeder sehen kann: wir, als die von einem Stamme, stehen auch für einen Mann.

7) Lass uns so vereinigt werden, wie du mit dem Vater bist, bis schon hier auf dieser Erden kein getrenntes Glied mehr ist; und allein von deinem Brennen nehme unser Licht den Schein; also wird die Welt erkennen, dass wir deine Jünger sein.

Und dann, liebe Gemeinde, kommt Paulus endlich zur Sache. Welche Bitte hat er denn nun auf dem Herzen?

10 So bitte ich dich für meinen Sohn Onesimus , den ich gezeugt habe in der Gefangenschaft,

11 der dir früher unnütz war, jetzt aber dir und mir sehr nützlich ist.

Paulus bittet also für einen Menschen, den er einen Sohn nennt. Er hat ihn „gezeugt in der Gefangenschaft“. Das ist natürlich bildlich gemeint, denn Paulus ist nicht der leibliche Vater von Onesimus. Aber er hat ihn als Kind adoptiert, genauso, als wenn Paulus verheiratet gewesen wäre und den Onesimus in der Familie aufgezogen hätte.

„Während der Gefangenschaft“ hat er ihn als Kind angenommen, vielleicht hat er ihn im Gefängnis kennengelernt, denn Onesimus war, wie wir später erfahren werden, ein entlaufener Sklave des Philemon gewesen. Ein Sklave, das heißt: Er war von dem Philemon regelrecht gekauft worden auf dem Sklavenmarkt, und er musste für seinen Herrn arbeiten, ohne irgendwelche eigenen Rechte zu haben.

Mit diesem Onesimus ist offenbar etwas geschehen, seit er dem Paulus begegnet ist. Nicht nur, dass er einen Vater gefunden hat, nein, er hat sich auch in seinem Wesen geändert. Früher war er dem Philemon nicht sehr nützlich gewesen, obwohl er den Namen „Onesimus“ trug, und das heißt „nützlich“. Und jetzt ist er ein Mensch geworden, der „dir und mir sehr nützlich ist“. Was mag Paulus damit meinen?

Wahrscheinlich hatte Onesimus diesen Namen „der Nützliche“ ja sogar deswegen bekommen, weil er ein Sklave war. Als Sklave hatte er ja von Berufs wegen nützlich zu sein und sonst gar nichts. Aber dagegen hatte er wohl rebelliert: Was soll ich meinem Herrn nützlich sein? Davon habe ich ja sowieso nichts! Was für ein Recht hat er überhaupt, mich als Sklaven zu halten?

Kann man diese Rebellion nicht verstehen? Mittlerweile hat die Menschheit kapiert, dass die Sklaverei als solche unmenschlich ist, und sie ist abgeschafft worden. Warum ergreift Paulus denn nicht einfach die Partei des Onesimus gegen seinen Herrn und sagt: Das kannst du doch nicht machen, einen Menschen als Eigentum anzusehen und ihn einfach ausnutzen! Es gabe viele Kritiker, die Paulus hart angegriffen haben, weil sie sagten: er hätte die Sklaverei geduldet, sogar gefördert, weil er aus einem rebellierenden Sklaven wieder einen nützlichen, einen funktionierenden Sklaven gemacht hätte.

Aber wir wollen einmal sehen, ob Paulus wirklich so unmenschlich denkt. Was hat er denn mit dem Onesimus vor?

12 Den sende ich dir wieder zurück und damit mein eigenes Herz.

13 Ich wollte ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Statt diene in der Gefangenschaft, um des Evangeliums willen.

14 Aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, damit das Gute dir nicht abgenötigt wäre, sondern freiwillig geschehe.

Paulus erkennt rein äußerlich die damaligen sozialen Zustände an, so wie sie sind. Er ist kein Sozialrevolutionär, der die Sklaverei insgesamt abschaffen will. Aber zugleich weiß er, was mit einem entlaufenen Sklaven eigentlich zu geschehen hat. Er hätte hart bestraft werden können, vielleicht sogar mit dem Tod am Kreuz. Deshalb setzt sich Paulus bei seinem Freund Philemon für Onesimus ein und bittet ihn, dass er aus freiem Willen mit diesem Sklaven anders umgehen solle als üblich. Paulus hätte ihn auch einfach bei sich behalten können, wo er ihn doch so lieb gewonnen hatte, aber das wäre ihm unrecht vorgekommen gegenüber seinem Freund Philemon.

Paulus schickt den Onesimus zu seinem früheren Herrn zurück, mit zwei Hoffnungen. Die eine bleibt unausgesprochen – er geht einfach davon aus, dass Onesimus nicht wieder weglaufen wird. Die andere Hoffnung fasst er in diese Worte:

15 Denn vielleicht war er darum eine Zeitlang von dir getrennt, damit du ihn auf ewig wieder hättest.

16 nun nicht mehr als Sklaven, sondern als einen, der mehr ist als ein Sklave: ein geliebter Bruder, besonders für mich, wieviel mehr aber für dich, sowohl im leiblichen Leben wie auch in dem Herrn.

Ist das nicht eine viel schöne Überwindung der Sklaverei, als wenn man sie mit Gewalt und Revolution abschaffen muss? Wenn ein ehemaliger Sklave zum geliebten Bruder wird, dann ist er ja kein Sklave mehr. Dann mag er noch in einem Dienstverhältnis stehen, aber er wird menschenwürdig behandelt und ausreichend versorgt.

Im Grunde folgt daraus, dass es zumindest unter Menschen, die sich als Christen verstehen, überhaupt keine Sklaverei und Ausbeutung mehr geben darf. Das heißt für Christen heute: dass wir bei politischen Wahlen auch darauf achten: Wie halten es unsere Politiker mit der Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit? Wer Verachtung und Gewalt z. B. gegenüber Ausländern oder Behinderten oder sozial Schwachen fördert, verdient die Stimme eines Christen nicht.

Jetzt wird noch einmal die Predigt unterbrochen, und zwar für das Lied 198, 1+2+5:

1) Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in‘ Tod. Weil ich noch Stunden auf Erden zähle, will ich lobsingen meinem Gott. Der Leib und Seel gegeben hat, werde gepriesen früh und spat. Halleluja, Halleluja.

2) Fürsten sind Menschen, vom Weib geboren, und kehren um zu ihrem Staub; ihre Anschläge sind auch verloren, wenn nun das Grab nimmt seinen Raub. Weil denn kein Mensch uns helfen kann, rufe man Gott um Hilfe an. Halleluja, Halleluja.

5) Zeigen sich welche, die Unrecht leiden, er ists, der ihnen Recht verschafft; Hungrigen will er zur Speis bescheiden, was ihnen dient zur Lebenskraft. Die hart Gebundnen macht er frei, und seine Gnad ist mancherlei. Halleluja, Halleluja.

Vielleicht, liebe Gemeinde, ist Paulus irgendwie doch ein Revolutionär, aber nicht das System will er umstürzen, sondern die innere Haltung der Menschen zueinander. Wie wir vorhin schon in der Lesung hörten, die ja auch von Paulus stammte: Unter denen, die an Christus glauben, gibt es keine Unterschiede mehr, auch nicht den Unterschied zwischen Sklaven und freien Menschen.

Das ist jedoch eine Revolution der Liebe, nicht der Gewalt, eine Umwandlung freiwilliger Art, die die Menschen in ihrer eigenen Einstellung vollziehen, zu der sie nicht durch einen gewaltsamen Umsturz gezwungen werden.

Paulus geht sogar so weit zu sagen, dass Philemon den Sklaven Onesimus genauso behandeln solle wie er mit ihm selbst umgehen würde:

17 Wenn du mich nun für deinen Freund hältst, so nimm ihn auf wie mich selbst.

18 Wenn er aber dir Schaden angetan hat oder etwas schuldig ist, das rechne mir an.

19 Ich, Paulus, schreibe es mit eigener Hand: Ich will’s bezahlen; ich schweige davon, dass du dich selbst mir schuldig bist.

20 Ja, lieber Bruder, gönne mir, dass ich mich an dir erfreue in dem Herrn; erquicke mein Herz in Christus.

21 Im Vertrauen auf deinen Gehorsam schreibe ich dir; denn ich weiß, du wirst mehr tun, als ich sage.

Paulus betont noch einmal: Er könnte den Philemon darauf festnageln, dass er dem Paulus viel verdankt. Aber davon will er in diesem Zusammenhang schweigen, „dass du dich selbst mir schuldig bist“. Er will den Philemon dazu anregen, von innen heraus eine gute Entscheidung über seinen ehemaligen Sklaven zu treffen. Paulus traut ihm zu, dass Philemon von selber sogar noch mehr für Onesimus tun wird, als wenn er es ihm befehlen würde.

Zugleich weiß Paulus, dass Onesimus seinem Herrn wohl schon viel Ärger bereitet hat, und er erklärt sich bereit, für jeden möglichen Schaden selber aufzukommen. Das schreibt Paulus sogar mit eigener Hand, während er sonst seine Briefe einem Schreiber diktiert hat: „Ich will’s bezahlen!“ Wenn es ums Geld geht, war offenbar schon damals eine eigenhändige Unterschrift notwendig.

Das war das Hauptanliegen des Paulus in diesem kurzen Brief gewesen, einen kleinen persönlichen Wunsch fügt er noch an:

22 Zugleich bereite mir die Herberge; denn ich hoffe, dass ich durch eure Gebete euch geschenkt werde.

Paulus hegt die ganz persönliche Hoffnung, dass die Fürbitten all der Menschen, die für ihn beten, erhört werden und dass er auch selber wieder aus dem Gefängnis freikommt. Deshalb wünscht er sich eine Unterkunft im Hause des Philemon, sobald er ihn wieder besuchen kann. „Ich hoffe, dass ich euch geschenkt werde“, ist eine eigentümliche Formulierung. Zweierlei steckt da drin: Einerseits empfindet Paulus sein eigenes Leben offenbar als kostbar und wertvoll wie ein Geschenk, das man jemandem macht, und zum andern will er sein Leben offenbar nicht egoistisch für sich allein führen, sondern er möchte sich gern den anderen schenken.

Wir kommen zum Schluss des Briefes. Was werden wir da noch lesen? Nun, das gleiche, was wir am Ende eines Briefes schreiben, nämlich Grüße:

23 Es grüßt dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus,

24 Markus, Aristarch, Demas, Lukas, meine Mitarbeiter.

25 Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist!

Von einem Mitgefangenen hören wir noch: Epaphras, vielleicht ist er derjenige, dem Paulus den Brief diktiert hat. Und vier Mitarbeiter werden erwähnt: Markus und Lukas, die uns als die Schreiber zweier Evangelien bekannt sind, dann noch Aristarch, der Paulus bis hin zur Gefangenschaft in Rom begleitet hat, und Demas, von dem im 1. Timotheusbrief berichtet wird, dass er „die Welt liebgewonnen“ und den Paulus wieder verlassen habe. Schon damals war es so, dass die Mitarbeit in der christlichen Gemeinde auf wenigen Schultern ruhte und eine ganz persönliche Sache von Menschen war, die sich von innen heraus dafür entschieden. Und es kam auch damals schon vor, dass jemand einen bestimmten Dienst nur vorübergehend ausübte.

Der Philemonbrief ist insgesamt der persönlichste von den Paulusbriefen; er erinnert mich daran, dass es ganz normal ist, wenn auch heute christliches Leben und Seelsorge vorwiegend in kleinen Grüppchen und im persönlichen Gespräch stattfindet.

Der Schlussgruß des Paulus nimmt seine Briefpartner ernst als Menschen, mit ihrem Geist, mit ihrem Denken und Fühlen und Wollen: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei auch mit eurem Geist!“ Und zugleich wünscht er ihnen, dass die Gnade Christi mit diesem Geist sein solle. Das wünsche ich auch uns und Ihnen allen: Dass in all dem, was wir denken, fühlen und wollen, die Liebe von Jesus Christus dabei ist. Dann werden wir vielleicht manchmal weniger im Kreis herumlaufen mit unseren Gedanken, sondern auf einen guten neuen Weg geführt werden – so wie Paulus den Onesimus als seinen angenommenen Sohn in eine gute Richtung lenken konnte und so wie er auch auf Philemon Einfluss zu nehmen versuchte. „Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei auch mit eurem Geist! Amen.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Liederheft 216: Ins Wasser fällt ein Stein

Gott, unser Vater, hilf uns, dass wir einander so behandeln, als wären wir alle Brüder und Schwestern. Dass wir uns zwar die Meinung sagen, aber nicht verletzen. Dass wir zwar gut für uns selbst sorgen, aber nicht auf Kosten anderer. Dass wir um Hilfe bitten, wenn wir darauf angewiesen sind, und auch bereit sind, anderen beizustehen, wenn wir dazu die Kraft haben.

Heute wird in unserem Land ein neuer Bundestag gewählt. Gib, dass bei dieser Wahl nicht nur an eigene Vorteile und Interessen gedacht wird, sondern an die Verantwortung für den Frieden und für die Gerechtigkeit unter den Menschen.

Heute findet auch in Frankfurt ein großes Liederfest statt zur Einführung des neuen Evangelischen Gesangbuches. Wir bitten dich für das Gelingen dieses Festes. Und wenn auch wir ab dem 1. Advent das neue Gesangbuch benutzen werden, lass uns noch fröhlicher, noch zeitgemäßer und persönlicher dir Loblieder singen.

Alles, was uns heute außerdem bewegt, was wir ganz persönlich auf dem Herzen haben, das schließen wir nun in den Worten zusammen, die uns Jesus selbst gelehrt hat:

Vater unser
Lied 254, 1+2+6:

1) Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier; ich will dich lieben mit dem Werke und immerwährender Begier. Ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.

2) Ich will dich lieben, o mein Leben, als meinen allerbesten Freund; ich will dich lieben und erheben, solange mich dein Glanz bescheint; ich will dich lieben, Gottes Lamm, als meinen Bräutigam.

6) Erhalte mich auf deinen Stegen und lass mich nicht mehr irre gehn; lass meinen Fuß in deinen Wegen nicht straucheln oder stille stehn; erleucht mir Leib und Seele ganz, du starker Himmelsglanz.

Abkündigungen

Nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.