„Ich mache das Höckerige zur Ebene“

In seiner Feldrede fragt Jesus: „Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“ Eine blinde Frau fragt zurück: „Verstehst du nicht, dass diese Worte einen blinden Menschen verletzen müssen?“ Im Gespräch erzählt Jesus, was er von seinem blinden Jünger John gelernt hat. In puncto Barmherzigkeit hören wir niemals auf, dazuzulernen.

Die Buchstaben des Wortes Vertrauen mit Bildern, die zum Wort passen - und zu Gott, der für Blinde das Höckerige barrierefrei macht!

Ein wunderbares Vertrauensbild der Konfis des Jahrgangs 2018/19 in der Kleinlindener Kirche!

#predigtGottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis, den 14. Juli 2019, um 9.30 Uhr in der evangelischen Kirche Kleinlinden
Musik zur Eröffnung

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Zum ersten Mal darf ich hier in Kleinlinden in Vertretung Ihres Gemeindepfarrers einen Gottesdienst mit Ihnen feiern. Ich bin Helmut Schütz und war bis zu meinem Ruhestand vor drei Jahren in der Paulusgemeinde am anderen Ende von Gießen tätig.

Heute begrüße ich Sie und euch alle herzlich mit dem Wort zur Woche aus dem Brief des Paulus an die Galater 6, 2:

„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!“

Um das Gesetz Christi, also was Jesus uns vorschreibt, darum geht es auch in der heutigen Predigt. Ich verrate schon einmal, dass es ein Predigtgespräch zu Dritt sein wird – in dem auch Jesus und eine blinde Frau eine Rolle spielen. [In diesem Text ist alles, was Jesus sagt, in blauer Schrift markiert, und alle Gesprächsbeiträge der Frau in roter Schrift.]

Nun singen wir aus dem Lied 303 die Strophen 1, 5 und 6:

1. Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in‘ Tod; weil ich noch Stunden auf Erden zähle, will ich lobsingen meinem Gott. Der Leib und Seel gegeben hat, werde gepriesen früh und spat. Halleluja, Halleluja.

5. Zeigen sich welche, die Unrecht leiden, er ist’s, der ihnen Recht verschafft; Hungrigen will er zur Speis bereiten, was ihnen dient zur Lebenskraft; die hart Gebundnen macht er frei, und seine Gnad ist mancherlei. Halleluja, Halleluja.

6. Sehende Augen gibt er den Blinden, erhebt, die tief gebeuget gehn; wo er kann einige Fromme finden, die lässt er seine Liebe sehn. Sein Aufsicht ist des Fremden Trutz, Witwen und Waisen hält er Schutz. Halleluja, Halleluja.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gemeinsam beten wir mit Psalm 146. Lesen Sie bitte die eingerückten Verse, wie sie im Gesangbuch unter der Nr. 757 stehen:

1 Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele!

2 Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.

4 Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.

5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott,

6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich,

7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset.

Der HERR macht die Gefangenen frei.

8 Der HERR macht die Blinden sehend.

Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.

9 Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.

10 Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Barmherziger Gott, in Lied und Psalm haben wir unser Vertrauen ausgedrückt, dass du Menschen Recht verschaffst, die Unrecht und Gewalt leiden, und dass du Blinde sehend machst.

Aber glauben wir das wirklich? Wächst nicht eher unsere Resignation – weil soziale und Umwelt-Probleme nicht in den Griff zu kriegen sind? Wächst nicht eher unsere Angst – wenn rechtsextrem denkende Menschen nicht nur Hass und Morddrohungen im Internet verbreiten, sondern tatsächlich einen Politiker wie Walter Lübcke umbringen? Und wie sollen wir uns das Wunder vorstellen, dass du Blinde sehend machst?

Aber, guter Gott, wir wollen doch an deine Barmherzigkeit glauben. Und so bitten wir dich, wie in der Bibel ein Vater Jesus für seinen kranken Sohn gebeten hat (Markus 9, 24):

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wie erbarmt sich Gott über uns? Jesus sagt: Er tut das, indem er uns an seiner Barherzigkeit beteiligt (Lukas 6):

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Wenn wir barmherzig sind, fällt uns alles in den Schoß:

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Darum lobsingt Gott und erhebet seinen Namen!

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.“

Gott, unser Vater und Vater Jesu Christi, hilf uns deine Barmherzigkeit zu begreifen. Hilf uns zu verstehen, was mit diesem alten Wort gemeint ist und wie wir barmherzig werden können. Schenke uns offene Ohren für dein Wort, offene Augen für deine Wunder, ein offenes Herz für deine Liebe. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 6. Achten Sie einmal darauf, wo Jesus in diesem Text was tut, zuerst auf einem Berg und dann auf einem ebenen Feld:

12 Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb über Nacht im Gebet zu Gott.

13 Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte…

17 Und er ging mit ihnen hinab und trat auf ein ebenes Feld, er und eine große Schar seiner Jünger und eine große Menge des Volkes aus dem ganzen jüdischen Land und Jerusalem und aus dem Küstenland von Tyrus und Sidon,

18 die gekommen waren, ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden; und die von unreinen Geistern umgetrieben wurden, die wurden gesund.

19 Und alles Volk suchte ihn anzurühren; denn es ging Kraft von ihm aus und heilte sie alle.

20 Und Jesus hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach:

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis:

Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Glaubensbekenntnis

Zur Melodie des Liedes 440 singen wir aus dem Lied 441 die Strophen 1 bis 6:

1. Du höchstes Licht, du ewger Schein, du Gott und treuer Herre mein, von dir der Gnaden Glanz ausgeht und leuchtet schön so früh wie spät.

2. Das ist der Herre Jesus Christ, der ja die göttlich Wahrheit ist, mit seiner Lehr hell scheint und leucht‘, bis er die Herzen zu sich zeucht.

3. Er ist das Licht der ganzen Welt, das jedem klar vor Augen stellt den hellen, schönen, lichten Tag, an dem er selig werden mag.

4. Den Tag, Herr, deines lieben Sohns lass stetig leuchten über uns, damit, die wir geboren blind, doch werden noch des Tages Kind’

5. und wandeln, wie’s dem wohl ansteht, in dessen Herzen hell aufgeht der Tag des Heils, die Gnadenzeit, da fern ist alle Dunkelheit.

6. Die Werk der Finsternis sind grob und dienen nicht zu deinem Lob; die Werk des Lichtes scheinen klar, dein Ehr sie machen offenbar.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

mehrmals kam in diesem Gottesdienst das Thema „Blindheit“ vor. Im ersten Lied und im Psalm die Heilung von Blinden. Im zweiten Lied die bildhafte Ausdrucksweise, dass wir blind geboren sind, weil wir von uns aus nicht dazu fähig sind, das Licht der Wahrheit zu sehen. Und dieses Licht der Wahrheit ist Jesus selbst, der mit seiner Lehre hell in unser Leben hineinscheint und unsere Herzen zu sich ziehen will.

Allerdings – wenn wir als Sehende über Blindheit reden und das Wort „blind“ sinnbildlich gebrauchen – was mögen eigentlich Menschen darüber denken, die wirklich blind sind, die mit ihren Augen nicht sehen können?

Ich bin in meinem Leben einer ganzen Reihe von blinden Menschen begegnet, die mit Gott und der Bibel und mit Jesus ihre Schwierigkeiten hatten, angefangen vor 40 Jahren in einem Praktikum an der Friedberger Blindenschule. Bei der Vorbereitung der Predigt habe ich mir vorgestellt, eine blinde Studentin sei mit uns hier im Gottesdienst und würde ihre kritischen Fragen zum Predigttext direkt an Jesus richten. Frau … war bereit, die Rolle dieser Studentin zu übernehmen. Herr … trägt vor, was Jesus damals nach dem Lukasevangelium gesprochen hat und was ich heute Jesus in den Mund lege. Und ich bleibe ich selbst, ein Pfarrer im Ruhestand, der die blinde Frau aus einer seiner früheren Gemeinden kennt.

Lieber Jesus! Ich heiße Christiane, mein Name bedeutet, dass ich an dich glaube, und ich bin blind. Und mich stört, was du vorhin über blinde Menschen gesagt hast. Dieses Gleichnis, das wir in der Lesung gehört haben, das hat mich schon immer geärgert. Du fragst (Lukas 6, 39):

„Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?“

Verstehst du nicht, dass diese Worte einen blinden Menschen verletzen müssen?

Liebe Christiane, ich gebe zu: Damals habe ich das wirklich nicht verstanden. Natürlich wollte ich niemanden verletzen. Ich meinte ja gar nicht Menschen, deren Augen tatsächlich blind sind. Das Gleichnis war für Leute gedacht, die zwar mit ihren Augen sehen können, aber trotzdem keine Einsicht haben. Die nicht wissen, wie barmherzig Gott wirklich ist, aber trotzdem so tun, als könnten sie den Menschen etwas über Gott beibringen. Als ob man an Gott auf ganz bestimmte Weise glauben müsste! Als ob Gott nicht der Gott der Befreiung wäre!

Aber, Jesus, so hast du typisch wie ein Sehender gedacht. Für einen, der sehen kann, ist natürlich klar, dass ein Blinder einen Blinden nicht zuverlässig führen kann. Aber das stimmt gar nicht. Wenn ich mich mit einem Weg vertraut gemacht habe, dann kann ich meinem Verlobten, der auch blind ist, sehr gut diesen Weg zeigen. Vielleicht sogar besser als mancher Sehende.

Das stimmt, Christiane. Inzwischen weiß ich das auch. Ich habe es gelernt von meinem lieben Jünger John aus England, der mit 45 Jahren blind wurde und dann noch 40 Jahre als Professor segensreich gewirkt hat. Der hat sich auch bei mir beklagt, wie ich über blinde Menschen rede, und zwar hat er mir einen Offenen Brief über das Internet geschickt…

Wie jetzt, Jesus, du kennst dich mit dem Internet aus? Damals, zu deiner Zeit, gab es das ja noch nicht.

Wenn ihr mir glaubt, dass ich überall und alle Tage bei euch bin, dann werde ich doch wohl auch wissen, was ihr Menschen euch inzwischen so alles ausgedacht habt. Und ich bleibe gern auf dem Laufenden darüber, was im Internet so über mich erzählt wird.

Aber nun sag schon: Was hat dir der blinde John aus England beigebracht?

John erzählte mir eine lustige Geschichte. Ein sehender Freund führte ihn durch ein Kaufhaus – ihr kennt das ja, so ein Haus, groß wie der Tempel von Jerusalem, wo nichts anderes gemacht wird als Kaufen und Verkaufen. Da verlor auf einmal der blinde John den Boden unter seinen Füßen! Was war passiert? „Sorry“, sagte der sehende Freund. „Ich vergaß, dir zu sagen, dass hier eine Rolltreppe ist.“

Stimmt, Jesus, ein blinder Blindenführer hätte das sicher nicht vergessen. Ich finde es gut, dass du auf einen Blinden gehört hast und bereit warst, von ihm zu lernen.

Dass man voneinander lernen will, ist doch selbstverständlich. Übrigens verstehe ich sowieso nicht, warum ihr meine Worte in den Evangelien Berg-Predigt oder Feld-Rede nennt. So wie hier in euren Kirchen die Pfarrer habe ich nie gepredigt, zwanzig Minuten oder mehr am Stück. Wenn ein jüdischer Rabbiner im Lehrhaus sitzt, dann liest er aus der Bibel, dann stellt er Fragen, dann fragt man ihn, dann antwortet er, dann widerspricht einer, das geht so hin und her, und wenn der Geist des Vaters weht und Einsicht schenkt, dann verstehen die Menschen, was in der Bibel gemeint ist. Darum finde ich unser Gespräch heute sehr schön. Das könnt ihr ruhig öfter einmal machen.

Im Gespräch mit John fiel mir dann noch etwas auf: Eigentlich hätte ich schon aus der Bibel lernen können, Blinden mehr zuzutrauen. Wisst ihr, was der Vater im Himmel einmal zu Mose sagte, als der nicht sein Prophet sein wollte, denn er könne nicht gut reden, er hätte „eine schwere Sprache und eine schwere Zunge“?

Ja, das weiß ich, diese Stelle mag ich sehr (2. Buch Mose – Exodus 4, 11):

11 Der HERR sprach zu Mose: Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? Oder wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich‘s nicht getan, der HERR?

Wenn mein Vater im Himmel also ganz bewusst den Mose als Propheten auswählt, der nicht gut reden kann, warum sollte er kein Zutrauen zu einem Blinden haben, dass er andere Menschen führen kann? Dem Propheten Jesaja hat Gott sogar wörtlich gesagt, dass er einen blinden Diener und einen tauben Boten aussenden will.

Auch diesen Vers kenne ich – aus dem Kapitel Jesaja 42:

19 Wer ist so blind wie mein Knecht, und wer ist so taub wie mein Bote, den ich senden will? Wer ist so blind wie der Vertraute und so blind wie der Knecht des HERRN?

Und anschließend redet Gott dem ins Gewissen, der sehen und hören kann, aber es nicht tut:

20 Du sahst wohl viel, aber du hast‘s nicht beachtet. Die Ohren offen – aber er hört nicht.

Und aus solchen Bibelstellen hatten wir uns damals das Wort von den blinden Blindenführern zusammengereimt. Wir meinten Menschen, die sehen können, aber nicht wirklich hinschauen. Wenn ich das jetzt so richtig überlege, dann können sinnbildlich Blinde gerade von körperlich Blinden lernen, wie man Blinde richtig führt: einfühlsam, aufmerksam, so dass sie weder in eine Grube fallen noch auf einer Rolltreppe plötzlich den Halt verlieren. Denn wer körperlich blind ist, der weiß, dass er erst einmal Anleitung und Führung braucht, bevor er anderen den Weg zeigen kann.

Dazu passt genau mein dritter Lieblingsvers aus dem Buch Jesaja:

16 Die Blinden will ich auf dem Wege leiten, den sie nicht wissen; ich will sie führen auf den Steigen, die sie nicht kennen. Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen und das Höckerige zur Ebene. Das alles will ich tun und nicht davon lassen.

Das ist ein wirklich schöner Bibelvers. Der war mir noch nie so aufgefallen! Er passt genau zum ersten Vers in unserem heutigen Predigttext (Lukas 6):

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Bei Jesaja ist genau das beschrieben: Gott steht dem zur Seite, der nicht kucken kann, damit er sich zurechtfindet.

Ja, und noch schöner ist, dass er mir dann auch zutraut, dass ich das alleine schaffe. Er macht die Finsternis vor mir her zum Licht. Wie macht er das denn? Indem mir in meinem Kopf ein Licht aufgeht und ich dort einen Plan speichere, eine innere Landkarte, mit der ich mich zurechtfinde und sogar anderen Blinden den Weg zeigen kann.

Und wie macht Gott das Höckerige für einen Blinden zur Ebene? Dieses Wort gefällt mir: „Ich will das Höckerige zur Ebene machen.“ Aber wie macht er das?

Vielleicht, indem die Menschen das Wort aus der Tora Gottes beachten, aus 3. Buch Mose – Levitikus 19, 14:

14 Du sollst … vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der HERR.

Höckeriges wird zur Ebene, wenn Stolpersteine und andere Behinderungen aus dem Weg geräumt sind. So bin ich seltener eine Frau, die man behindert nennt, nur weil Gott mich mit blinden Augen geschaffen hat. Ein modernes Wort für weniger höckerig ist „barrierefrei“.

Liebe Christiane, auch mir fällt dazu noch etwas ein. Vielleicht habt ihr euch schon einmal gefragt, warum der Lukas aus der Bergpredigt des Matthäus eine Rede auf einem Feld gemacht hat, wörtlich „auf einem ebenen Feld“. Hat er sich vielleicht daran erinnert, dass Gott „das Höckerige zur Ebene macht“? Für Matthäus war es wichtig, dass ich mich auf einem Berg hingesetzt und gelehrt habe. Er wollte sagen: Es war mir geschenkt, die Worte des Vaters so auszulegen, als ob sie direkt vom Berg Sinai kämen, wo Mose die Gebote bekam, die in die Freiheit führen. Und der Lukas – er wusste auch, dass ich auf einem Berg war. Er erinnert sich, dass ich dort gebetet habe, die ganze Nacht mit meinem Vater im Himmel gesprochen habe, so wie es Mose getan hatte. Aber Lukas hat wohl gedacht: So wie Mose dem Volk Israel ja nicht oben auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote gegeben hat, so muss auch ich auf das ebene Feld heruntersteigen, um den Mühseligen und Beladenen die Barmherzigkeit des Vaters nahezubringen, Kraft und Ermutigung, Befreiung und Heilung.

Wo du gerade von Heilung sprichst, muss ich dir aber noch eine Frage stellen, lieber Jesus. Es wird doch berichtet, dass du hier und da Blinde geheilt hast. Wieso heilst du nicht alle Blinden? Und wieso schafft Gott überhaupt blinde Menschen?

Darf ich darauf antworten, Jesus? Ich habe früher oft mit Gott gehadert, dass er mich blind geschaffen hat. Aber darauf konnte er mir nicht antworten. Ich musste es einfach akzeptieren. Ich glaube auch nicht, dass du, Jesus, mir darauf eine Antwort geben kannst.

Das stimmt. Auch ich weiß nicht alles, was im Ratschluss des Vaters verborgen liegt. Und ich bin mir schmerzlich der Tatsache bewusst, dass ich nicht jede Blindheit heilen kann. Aber – ja, es sind auch Menschen zu mir gekommen, die blind waren, weil ihre Seele den Anblick einer Welt nicht ertrug, in der ihnen furchtbare Gewalt widerfahren war. Wenn ich ihnen neues Zutrauen zu sich und zu Gott einflößen konnte, dann war es mir möglich, ihnen das Augenlicht wiederzugeben.

Ich bin dir dankbar, Jesus, dass du nicht so tust, als könntest du auch mich heilen, und es würde nur deswegen nicht klappen, weil ich nicht genug an dich glaube. Ja, leider gibt es auch solche Christen, die Blinden auf diese Weise ein schlechtes Gewissen machen.

Ich habe mich damit abgefunden, blind zu sein, und ich bin dankbar über die vielen Möglichkeiten, die ich heute als Blinde habe. Ich kann sogar studieren. Der Computer macht so viel möglich. Ich kann mir Emails in Blindenschrift ausgeben lassen, so dass ich sie mit den Fingern lesen kann, und zugleich höre ich über den Kopfhörer Musik und vieles mehr.

Aber lieber Jesus, was meinst du mit dem Vers, der im heutigen Predigttext direkt hinter dem Gleichnis mit den blinden Blindenführern steht? Der wirkt so, als ob er nicht recht dazu gehört. Oder passt er doch genau in dieses Gleichnis hinein?

Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

Heißt das etwa: Wenn der Mensch, egal ob blind oder sehend, alles von dir gelernt hat, dann hat er ausgelernt, dann ist er ein guter Blindenführer?

Wenn du das so sehen willst… Wer ein Meister der Barmherzigkeit werden will, muss jedenfalls nichts Besonderes mitbringen. Du kannst blind sein oder sehen können, du kannst schüchtern sein oder ein Angeber – Barmherzigkeit kannst du üben, und der scheinbar Nichtbehinderte, der Angeber und der Kraftprotz, mag es dabei schwerer haben als ein Blinder oder einer, den man einen Verlierer nennt.

Aber meinst du wirklich, dass man in puncto Barmherzigkeit jemals ausgelernt haben kann?

Eben nicht – hast du jetzt endlich die Ironie in meinem Satz begriffen? Ich habe doch zugegeben, dass sogar ich immer dazugelernt habe, dazulernen musste! Und so lange die Menschheit existiert, werde ich nicht aufhören zu staunen, welche Wunderwerke Menschen zustande bringen – aber leider auch immer neue grenzenlose Dummheit! Es ist paradox: Wenn selbst dein Meister nie auslernt, kannst du so viel lernen, wie du willst, du hast nie alles gelernt. Und doch bist du wie dein Meister, gerade weil auch du nie auslernst!

So habe ich das noch nie gesehen…

Das Vertrauens-Bild der Konfis in der Kleinlindener Kirche

Das Vertrauensbild der Kleinlindener Konfis, aufgenommen bei der Orgelradtour am 2. September 2018

Apropos Lernen. Etwas möchte ich noch wissen zu dem vollen, gedrückten, gerüttelten und überfließenden Maß, das in unseren Schoß gegeben wird. Wer gibt uns so viel und wovon läuft es über?

Weißt du das wirklich nicht? Ich sage es doch: „Gebt, so wird euch gegeben.“ Das setzt großes Vertrauen voraus.

Der einzige, von dem ich sicher weiß, dass er so vorbehaltlos gibt, ist der Vater im Himmel. Der schenkt Liebe, Vergebung, ewiges Leben. Der vertreibt Angst, Schuld, Hass, Selbstvorwürfe. Der stiftet Menschen an zur Barmherzigkeit.

Und weil du IHM vertrauen darfst, kannst du geben, teilen, helfen, als ob es selbstverständlich wäre, dass andere dir ebenfalls helfen werden. Fürchte nicht Undankbarkeit, rechne sogar damit, ausgenutzt zu werden, ja, du magst sogar Fanatikern und Egoisten ins Messer laufen.

Aber irgendwo da draußen gibt es Menschen, die auf den Vater im Himmel hören, und von denen kriegst du mindestens so viel zurück, wie du dich traust zu verschenken. „Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.“

Danke, lieber Jesus, für diese Klarstellung! Ich bewundere dein Vertrauen und ich wünsche mir nur eine kleine Scheibe davon. Wie schön muss es sein, aus solchem Vertrauen zu leben! Aber ob ich das immer schaffe?

Also ich habe Jesus so verstanden, dass alles gut ist, so lange wir nicht aufhören zu lernen und aufmerksam aufeinander achten. Und wenn wir mal jemanden übersehen, dann muss das kein Beinbruch sein – Hauptsache, man bringt es wieder in Ordnung.

Wissen Sie noch, Herr Pfarrer Schütz, wie Sie mich mal im Stadtbus in Gießen einfach übersehen haben? Ich saß auf meinem Platz, Sie stiegen ein und gingen offenbar an mir vorbei, denn plötzlich hörte ich Ihre Stimme vor mir, wie Sie sich mit jemand anderem unterhielten. Ja, und dann habe ich mich einfach gemeldet: „Herr Pfarrer Schütz, sind Sie das?“ So bin auch noch ich mit Ihnen ins Gespräch gekommen.

Ja, liebe Christiane, dieses Erlebnis werde ich nie vergessen. Ich, der Sehende, übersieht die Nichtsehende. Und die blinde Frau sorgt dafür, dass wir uns sehen. Sie kann sogar einem Sehenden den Weg weisen.

Und der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 236, 1-6: Augen gabst du mir, sehen kann ich nicht

Großer Gott, mit Liebe und Barmherzigkeit überschüttest du uns. Hilf uns verantwortlich mit uns umzugehen, mit unserem Körper, mit unserer Seele. Du gibst uns Mut, hilf uns, unsere Angst zu überwinden.

Wir bitten für die Opfer von Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz. Wir bitten dich um Aufmerksamkeit – dass Vorurteile abgebaut werden und dass wir mit dem Lernen nie aufhören.

Weitere Fürbitten

Hier in Kleinlinden beten wir insbesondere für Frau …, die im Alter von 90 Jahren gestorben ist. Mit dem Wort aus Hesekiel 34,16 ist sie bestattet worden:

„Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.“

Deinen Händen ist sie anvertraut, und für die Menschen, die ihr nahestanden, bitten wir dich um alles, was sie brauchen. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand
Mitteilungen

Und nun empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Musik zum Abschluss

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