Durst der Seele nach Gott

Trauerfeier für eine alte Frau, die sich in ihren letzten Lebensjahren mehr und mehr nach Gott gesehnt hat. Die Psalmen 42 und 43 der Bibel handeln von diesem Durst der Seele.

Hirsch vor einem Wasserfall im Mondlicht

„Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir“ (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind zusammengekommen, um Abschied von Frau V. zu nehmen, die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist. Im Namen Jesu Christi sind wir versammelt, an dessen Leidensweg wir in diesen Tagen denken und der zu uns allen gesagt hat (Matthäus 11, 28):

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Lasst uns beten mit den Worten des Psalms, der als Lesung auf dem Kalenderblatt angegeben war an dem Tag, als Frau V. zum letzten Mal ins Krankenhaus kam. Es handelt sich um Psalm 42 und 43, die zusammen eine Einheit bilden, und es geht um die Sehnsucht der verbannten Israeliten nach ihrem Gott und nach dem Gottesdienst im Tempel:

2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?

4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

5 Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.

6 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

9 Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.

10 Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?

2 Du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen?

3 Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,

4 dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

5 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Liebe Familie V., liebe Trauergemeinde!

Vielleicht hat Frau V. diesen Psalm noch gelesen, bevor sie ins Krankenhaus kam; vielleicht ist wenigstens ihr Blick auf den Vers 3 aus Psalm 43 gefallen, der auf dem Kalenderblatt an der Wand in ihrem Zimmer ausgedruckt war:

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.

Diesen Vers möchte ich heute meiner Ansprache zu Grunde legen. Denn der Psalm, dem dieser Vers entnommen ist, beschreibt Fragen und Anliegen, die auch Frau V. in ihren letzten Lebensjahren nicht fremd geblieben sind. Da geht es um den Durst der Seele nach Gott, um die Sehnsucht, am Gottesdienst der Gemeinschaft teilnehmen zu können. Es geht um die Unruhe der Seele, die sich nicht beruhigen lassen will; um eine Betrübnis und Traurigkeit, die immer wiederkommen will; um ein Hin- und Hergerissensein zwischen Menschen, die der Beter als Feinde erlebt, die ihm lebensbedrohlich erscheinen. Es gibt in diesem Psalm vertrauensvolle Zeilen, in denen sich der Betende hoffend an Gott wendet; ja, er verspricht ihm schon, dass er ihm noch einmal danken wird. Aber dann stößt der gleiche Mensch auch bittere Klagen gegen Gott aus: Warum hast du mich vergessen? Warum hast du mich verstoßen?

Frau V. hat von der Widersprüchlichkeit des menschlichen Lebens einiges zu spüren bekommen: einerseits ein hohes Alter erreicht, andererseits jetzt sehr unter Beschwerden gelitten, einerseits ein kontaktfreudiger Mensch, litt sie doch auch oft an Einsamkeit. Und sie wusste auch etas von den Anfechtungen des Menschen, der vor Gott steht: dass es nicht nur Zeiten des Dankens, sondern auch des Klagens gibt, und dass Gott nicht alle Bitten so erfüllt, wie wir es uns wünschen.

In die oft trostlose, finstere und zwiespältige Welt ruft der Psalmbeter Licht und Wahrheit herein, Licht und Wahrheit von Gott her. Ein Licht, das die Finsternis hell macht, das Sünde und Tod vertreibt. Eine Wahrheit, die wunde Punkte aufdeckt, nicht um zu verletzen, sondern um zu heilen. Wir brauchen Licht vom Himmel her, wenn wir in unserem Alltagseinerlei den Mut zum Leben verlieren, wenn wir in Einsamkeit und Depressionen zu verzweifeln drohen. Und wir brauchen die Wahrheit vom Himmel her, die uns wirklich frei macht, die uns zeigt, welche falschen Wege wir laufen und welche Illusionen wir uns machen, die uns aber auch zeigt, worauf wir angewiesen sind im Leben und im Sterben: nämlich darauf, dass Gott uns liebt und uns trägt und uns auch im Sterben nicht verlässt.

Je früher wir im Leben das lernen, dass wir auf das Licht und auf die Wahrheit Gottes angewiesen sind, desto mehr werden wir selber davon auch ausstrahlen auf andere, desto heller wird es in unserer Umgebung für andere und desto klarer lernen wir auch in unserem Verhalten zu unterscheiden zwischen wahr und unwahr, zwischen gut und böse. Aber ganz gleich, wann in unserem Leben wir den Durst unserer Seele nach Gott spüren, es hat niemand einen Vorrang in Glaubensdingen vor einem anderen. Gott hat uns längst geliebt, bevor er uns wichtig geworden ist, und er wartet geduldig, bis wir auf seine Liebe antworten.

In der Bibel des Volkes Israel, im Alten Testament, das ja auch die Bibel Jesu war, wird die Antwort der Menschen auf Gottes Liebe oft mit dem Kommen zu seinem heiligen Berg umschrieben. Der heilige Berg war der Berg Zion, in der Stadt Jerusalem; auf diesem Berg stand der Tempel; das heißt, er hatte dort gestanden, war inzwischen von Feinden zerstört. Aber dennoch war die Hoffnung des Volkes auf Gott nicht zu Ende. Aus der Klage heraus wuchs immer wieder die sehnsüchtige Bitte hervor: Bring uns zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung! Denn wer sich von Gott geliebt wusste, der wollte mit ihm Gemeinschaft haben, wollte der Gemeinschaft angehören, die zu Gott sang und betete und in der Versammlung Gottes Wort hörte. Und er hoffte schließlich am Ende aller Tage auf die Erfüllung der Verheißungen Gottes, dass der Messias ein Reich des Friedens schaffen werde und alle Völker zum heiligen Berg in Jerusalem ziehen würden, um dort den einen und einzigen Gott der Welt anzubeten.

Uns Christen sind viele dieser Hoffnungen vertraut, wenn wir ernsthaft nach Gott suchen und auf seine Liebe antworten wollen. Auch wir haben im Gottesdienst einen Ort, wo wir schon jetzt Gemeinschaft im Glauben und Stärkung durch Gottes Wort erfahren können. Frau V. hat in den letzten Jahren zu denen gehört, die ein starkes Verlangen nach der gottesdienstlichen Gemeinschaft besaßen, auch wenn sie aus gesundheitlichen Gründen mehr und mehr darauf verzichten musste. Aber für uns Christen gilt ja seit Jesus Christus, dass unsere Anbetung Gottes nicht an einen Tempel oder eine Kirche gebunden ist, sondern dass wir Gott überall im Geist und in der Wahrheit anbeten können. Und von der Wohnung Gottes, zu der der fromme Jude zu kommen wünschte – und er meinte damit den Tempel Gottes -, hat Jesus einmal gesagt (Johannes 14, 2):

In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.

Damit richtet er unseren Blick auf eine Hoffnung, die über unseren Tod hinausgeht. Er spricht in Bildern von einem Ort, der für uns bei Gott vorbereitet ist, auch wenn wir sterben. Der Kirchenvater Augustinus hat von dieser Hoffnung einmal dem Sinne nach gesagt:

Unser Herz ist voll Unruhe, bis es Ruhe findet in dir.

Für uns Christen ist Jesus das Licht, das in die Welt gekommen ist; und er ist der Weg und die Wahrheit und das Leben; ohne ihn können wir nicht zum Vater im Himmel kommen. Er ist es also, der uns leiten und bringen wird zum heiligen Berg Gottes, der also einmal alle Völker der Erde zusammenführen wird; und er leitet uns auch zu unserer Wohnung bei Gott im Himmel. Als Jesus am schrecklichen und doch guten Karfreitag den Kreuzestod starb, da hat er zu dem einen Mann, der neben ihm gekreuzigt wurde und der über seine Sünden verzweifelt war, gesagt (Lukas 23, 43):

Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

In der gleichen Hoffnung können wir die Menschen loslassen und in Gottes Hand geben, die wir liebgehabt haben und die gestorben sind.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Frau V. hat das Leben geliebt und am Leben gehangen; doch je mehr ihr das Leben beschwerlich wurde, hat sie sich doch auch danach gesehnt, dass Gott sie zu sich rufen würde. Vor allem wünschte sie sich einen raschen Tod, ohne dass sie sich noch viel würde quälen müssen. Dieser Wunsch ist ihr in Erfüllung gegangen.

Sie ist den Weg gegangen, den wir alle gehen müssen. Unser Haus, unsere Wohnung auf der Erde, in die wir so viel Arbeit und Mühe stecken, ist nicht unsere letzte Wohnung. Wir sind nur Gäste auf Erden und sind dazu bestimmt, einmal in unsere himmlischen Wohnungen bei Gott, dem Vater, einzuziehen. Wir können für sie nun nichts mehr tun, als sie der Gnade dieses himmlischen Vaters anzuvertrauen. Wer sie geliebt hat, kann ihr die Liebe über den Tod hinaus bewahren. Für alles Gute, das wir ihr tun konnten, können wir Gott dankbar sein. Und um Vergebung können wir Gott bitten für alles, was wir einander schuldig geblieben sind. So nehmen wir Abschied von ihr im Frieden Gottes.

Was sie uns bedeutet hat, was uns bewegt beim Gedanken an ihren Tod und an ihr Leben, wie sie uns fehlen wird, und was wir empfinden beim Gedanken an unser eigenes Leben und Sterben, all das schließen wir in unser Gebet ein.

Wir beten mit den Worten eines Gesangbuchliedes (EG 361):

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

2. Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

7. Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

8. Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Amen.

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