Nachträgliche Trauerfeier für einen Obdachlosen

Ein Obdachloser wurde von Amts wegen bestattet – ohne Trauerfeier und ohne Begleitung durch Menschen, die ihn kannten. Auf Anregung von Mitarbeitenden der Obdachlosenhilfe hielt ich für ihn eine nachträgliche Trauerfeier an seinem Grab, an der auch einige seiner Freunde teilnahmen.

Nachträgliche Trauerfeier für einen Obdachlosen: Ein Obdachloser schläft in einem riesigen Gestell aus Rohren unter freiem Himmel

Keine letzte Ehre für einen Obdachlosen? (Bild: MichiArt – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, Sie sind hier versammelt, weil Herr K. im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist. Wir sind gemeinsam zu seinem Grab gegangen, wo er bereits heute vor einer Woche beigesetzt worden ist. Nachträglich halten wir diese Trauerfeier, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Wir denken also an Herrn K. und erinnern uns an ihn, soweit wir ihn gekannt haben.

Wir denken auch über uns selbst nach, auf das, was wir denken und empfinden angesichts seines Todes.

Und wir besinnen uns auf Gott, der uns Halt geben kann in unserem Leben und auch in unserem Sterben.

Wir beten mit dem Psalm 103, einem Psalm Davids:

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

9 Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.

10 Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

12 So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten.

Liebe Trauergemeinde, Verse aus einem Loblied an diesem Grab zu beten, ist das passend? Wir trauern doch um einen Menschen. Und wir sind nicht erfreut darüber, dass es immer wieder schwierig ist, für jemanden, der kein Geld auf der hohen Kante hatte, eine würdige Bestattung zu organisieren. Hätten nicht zwei Mitarbeitende der Beratungsstelle für Obdachlose den Kontakt zu mir gesucht, dann hätte es wohl gar keine Gelegenheit für Sie gegeben, noch einmal gemeinsam am Grab von ihm Abschied zu nehmen, und es wäre bei der Bestattung vor eine Woche geblieben, ohne Teilnahme eines Menschen, der ihn kannte, ohne Worte der Erinnerung, des Abschieds, des Trostes.

Trotzdem: Ich halte gerade dieses Loblied für ein angemessenes Gebet an diesem Grab, weil es die dunklen Seiten des Lebens kennt. Gerade darum lobt es den Gott, der barmherzig ist, der Sünden vergibt, der die Menschen wahrnimmt und liebt, obwohl sie nur Staub sind. Die Unrecht leiden, lässt er zu ihrem Recht kommen, auch wenn es nicht immer so aussieht. Auf lange Sicht, so sagt die Bibel, jedenfalls von der Ewigkeit Gottes her gesehen, kann das Unrecht der Menschen nicht bestehen, auch wenn es noch so mächtig erscheint und sich auf unserer Erde immer wieder durchzusetzen scheint.

Ja, es ist wahr, wir Menschen sind Staub, aus Erde gemacht, und doch haben wir Atem von Gott, Lebensgeist für eine kurze Zeit zwischen unserer Geburt und unserem Tod, und diese Zeit können wir gestalten. Dafür sind wir verantwortlich, und jeder Mensch, egal in welcher Lebenslage, hat den einen oder andern Spielraum für eigene Entscheidungen.

Wir alle können hassen oder lieben, gleichgültig wegsehen oder hinsehen, gute Worte für jemanden finden oder den andern mit Worten niedermachen. Wir können unser eigenes Leben missachten oder mit wenigstens ein bisschen Sinn erfüllen; beides hängt nicht im Letzten davon ab, was andere mit uns machen oder über uns entscheiden, obwohl wir natürlich geprägt sind von dem, was wir erfahren, im Guten und im Bösen.

Der Gott der Bibel nimmt uns wahr, so wie wir sind, mit unseren Sehnsüchten und unseren Enttäuschungen, mit dem, was uns gelingt, und mit unserem Scheitern. Vor ihm sind wir niemals nur Opfer und niemals nur Täter, wir sind seine geliebten Geschöpfe und niemals nur auf das festgelegt, was andere Menschen über uns sagen. Gott traut uns immer noch mehr zu, vor allem, dass wir einander mit Achtung begegnen und füreinander einstehen, wo wir es nur können. Darum (Psalm 103, 2):

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Und wenn wir sterben, dann darf aus den Bruchstücken unseres Lebens hier in der Ewigkeit noch etwas ganz anderes werden. Ich weiß nicht, wie das sein wird, aber ich bin gewiss, dass wir mit dem Tode nicht verloren gehen. Gott nimmt uns am Ende mit Ehren an.

Über das konkrete Leben von Herrn L. weiß ich sehr wenig.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Liebe Trauergemeinde, ich komme zum Schluss dieser Feier, indem ich mit Ihnen gemeinsam bete.

Es werden drei Gebete sein. Als Letztes das uns vertraute Vaterunser, die Worte, die uns Jesus gelehrt hat.

Als zweites ein Gebet in meinen Worten für Herrn L. und für uns angesichts seines Todes.

Und als erstes noch ein Gebet aus der Bibel. Als ich im Buch der Psalmen blätterte, fiel mir ein weiterer Psalm Davids auf, den ich an diesem Grab sprechen möchte.

Der Psalm 3 handelt von der Hilfe Gottes für sein Volk, in Worten ausgedrückt, die wir normalerweise in der Kirche nicht in dieser Deutlichkeit gebrauchen. König David soll so gebetet haben, als er vor seinem eigenen Sohn fliehen musste. Dieses alte Lied der Bibel hilft uns, Worte für unser Beten zu finden, wenn wir uns bedrängt und ohne Hilfe fühlen. An Gott dürfen wir uns immer wenden, so wie wir sind, und im Vertrauen darauf, dass wir nicht so bleiben müssen, wie wir sind.

So beten wir mit Psalm 3:

1 Ein Psalm Davids, als er vor seinem Sohn Absalom floh.

2 Ach HERR, wie sind meiner Feinde so viel und erheben sich so viele gegen mich!

3 Viele sagen von mir: Er hat keine Hilfe bei Gott.

4 Aber du, HERR, bist der Schild für mich, du bist meine Ehre und hebst mein Haupt empor.

5 Ich rufe mit meiner Stimme zum HERRN, so erhört er mich von seinem heiligen Berge.

6 Ich liege und schlafe und erwache; denn der HERR hält mich.

7 Ich fürchte mich nicht vor vielen Tausenden, die sich ringsum wider mich legen.

8 Auf, HERR, und hilf mir, mein Gott! Denn du schlägst alle meine Feinde auf die Backe und zerschmetterst der Gottlosen Zähne.

9 Bei dem HERRN findet man Hilfe. Dein Segen komme über dein Volk!

Barmherziger Gott, wir beten zu dir für Herrn L. Du kennst ihn besser, als wir ihn kannten, ja vielleicht sogar als er sich selber kannte. Du nimmst ihn am Ende seines irdischen Lebensweges mit Ehren an und vollendest sein Leben in der Ewigkeit.

Lass uns zusammenstehen, wo wir einander brauchen, und vergib uns, wo wir uns das Leben schwerer machen, als es sein müsste. Hilf uns, den neuen Schritt zu wagen, der uns in unserem eigenen Leben weiterbringt. Lass uns aufstehen aus der Macht des Todes, die uns gefangen hält in Form von Trägheit und Gewohnheit, in Form von Lieblosigkeit und Sucht.

Lehre uns erkennen, dass wir alle sterben müssen, damit wir klug werden. Lehre uns erkennen, wie kostbar dieses Leben ist, und dass es unsäglich traurig ist, wenn wir auch nur einen Augenblick dieses Lebens nutzlos vergeuden. Stärke die gute Kraft in uns, die von dir kommt, damit wir getrost die Frage zu beantworten wissen: Wozu lebe ich hier auf Erden? Gott, du heilst uns mit deiner Liebe und lässt uns getröstet leben. Amen.

Und jetzt sind wir bereit, uns hier am Grab von Herrn L. zu verabschieden. Er ist im Alter von [über 60] Jahren gestorben und vor einer Woche hier in aller Stille beigesetzt worden. Sein Leib ruht in Gottes Erde, gemäß dem Wort der Bibel: „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden.“ Aber zugleich wurde er der Liebe Gottes anvertraut; sein Geist ist zu dem Gott zurückgekehrt, der ihm sein Leben geschenkt hatte. Amen.

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. Amen.

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