Kapitel 12: Christliche Familien und Gemeinden als Tatort oder Zuflucht

Sexueller Missbrauch als Herausforderung an Seelsorge, Kirche und Bibelauslegung.

Im zwölften Kapitel seines Buches geht Helmut Schütz auf christliche Familien und Gemeinden ein: Sie können im Verborgenen Tatorte sexuellen Missbrauchs sein, aber sie können Opfern auch eine Zuflucht bieten..

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Pfarrer Helmut Schütz

Pfarrer Helmut Schütz (Foto: Franz Möller)

Inhalt dieses Kapitels

Einstimmung

Sexueller Missbrauch in christlichen Familien

Hilfe für Missbrauchsopfer in christlichen Gemeinden?

Was können wir denn tun?

Anmerkungen zu diesem Kapitel

Einstimmung

„Wir gingen zum Herrn Pastor. Das hatten wir lange beredet, Lou und ich. Wir gingen zu unserem Pastor, der neben dem Kindergarten wohnte und manchmal aus dem Fenster lächelte, der Lou die Gebote lehrte, damit sie zum zweiten Mal vor Gott bestehen durfte, wir gingen hin.

Wir erzählten ihm die Wahrheit, mitten rein in sein blasses Gesicht. Alles, von den Nächten, vom Keller, von dem Tuch, von der Angst, dass wir Hilfe brauchten. Wir fragten ihn, ob er uns hilft.

Er sah sich schnell um, ob uns auch keiner gehört hatte in seinem Büro, rannte raus, kam mit zwei Orangen zurück, die drückte er uns fest in die Hand.

Dann schob er uns raus und sagte nichts mehr.

Zu Hause waren die Pausen kurz. Die bunten Eier lagen wegen schlechtem Wetter hinterm Sofakissen. Lou lernte weiterhin vom Pastor, was es heißt, ein Christ zu sein. Ich lernte mit, heilig, heilig.

Lieber Gott, hilf. Hilf doch.

»Ich bin der Herr, dein Gott. Was ist das? Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten und lieben«, leiert Lou durch den Raum.

Es wird schlimmer.

Es ist eine Bombe, es muss platzen.

Ich wünsch mir die Lepra, dann hätte ich stinkige Hautlappen an mir, käme auf eine Insel und dürfte sterben, von selbst.“

So schildert Liane Dirks in ihrem Roman „Die liebe Angst“ aus dem Jahr 1986 die Situation, in der „Annchen und ihre Schwester vergeblich beim Pastor um Unterstützung bitten.“ (1)

Um Vertrauen in einer Seelsorgebeziehung entstehen zu lassen, ist über das hinaus, was im vorigen Kapitel allgemein angesprochen wurde, auch das kirchlich-christliche Umfeld, die überlieferte Tradition und das Verhalten der kirchlichen Mitarbeiterschaft, wie es in der Öffentlichkeit beobachtet wird, zu berücksichtigen. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, weshalb Menschen eventuell mit uns, gerade „weil wir Kirchenvertreter/innen sind, Probleme haben“, da „die Folgen christlicher Sozialisation für die seelische Gesundheit der Opfer bisweilen verheerend sind.“ (2)

„Da die Väter häufig angesehene Berufe haben, gläubige Christen sind und von der Gesellschaft allgemein anerkannt werden, ist es für die Opfer sehr schwer, das Verhalten des Vaters in Frage zu stellen.“ (3)

Sexueller Missbrauch in christlichen Familien

Christentum und Kirche können leider nicht so tun, als ob sie/wir nur auf der Seite der Helfer stünden. In unseren Reihen gibt es auch Tatbeteiligte. Jochen Kuhn zitiert 1995 in der Reformierten Kirchenzeitung drei Beispiele sexuellen Missbrauchs von Kindern aus christlichen Familien.

„An einem Samstagabend wird die zwölfjährige Elly von ihrem Vater und dessen zwei Freunden brutal vergewaltigt. Am nächsten Morgen, das Mädchen kann kaum gehen, ist Kirchgang angesagt.

Die zehnjährige Michelle wird immer wieder von ihrem Vater sexuell missbraucht. Als sie anfängt, sich zur Wehr zu setzen und der Vater gar die Aufdeckung seines Verbrechens befürchten muss, steckt er das Mädchen in eine katholische Internatsschule, damit es bei den Nonnen lernt, »gehorsam zu sein«.

Franziska ist bereits 35 Jahre alt, als sie zum ersten Mal über ihre Missbrauchserfahrungen zu sprechen vermag. »Dass mein Vater mich sexuell missbraucht hat, habe ich inzwischen als Gottes Willen zu akzeptieren gelernt«, sagt sie. »Aber wozu soll das für mich gut gewesen sein?« fragt sie ratlos (4).

Bereits elf Jahre zuvor werden in einer internationalen psychotherapeutischen Zeitschrift Missbrauchsfälle in christlichen Familien erwähnt.

In zwei der dort dargestellten drei Fälle von sexuellem Missbrauch an Jungen, die später als Erwachsene ebenfalls Missbraucher werden, spielt der Hintergrund von religiösen Vorstellungen und Normen eine Rolle:

Jerry kam ab dem Alter von acht Jahren aufgrund von Vernachlässigung durch seine leiblichen Eltern in die Familie seiner Großeltern. „Sein Großvater, der Pfarrer war, lehrte ihn strenge fundamentalistische religiöse Normen, die viele Verbote gegen sexuelle Aktivitäten enthielten. Er zeigte ihm Liebe, indem er viel Zeit mit ihm verbrachte, ihm das Tischlerhandwerk beibrachte, ihn zum Angeln mitnahm und außerdem – ihn sexuell missbrauchte… Liebe, Fürsorglichkeit und Nähe – die es in der Beziehung zu seinen Eltern fast nicht gegeben hatte – fand er bei seinem Großvater in Verbindung mit sexuellen Handlungen (5).

Und Jim „wuchs in einer Mittelschichtumgebung auf, das älteste von sechs Kindern auf einer Farm im Mittelwesten. Seine Eltern waren sehr religiös, und ihm wurde beigebracht zu glauben, dass jede sexuelle Beziehung außerhalb der Ehe, sogar Gedanken an Sex und Selbstbefriedigung, falsch waren. Seine Mutter vernachlässigte ihn, während sein Vater streng, fordernd, perfektionistisch und grausam war… Auch er wurde im Alter von sechs Jahren durch eine Tante sexuell missbraucht.“ (6)

Ich selbst kann aus der seelsorgerlichen Erfahrung bestätigen, dass sexueller Missbrauch in christlich geprägten Familien vorkommt, vor allem aber, dass christliche Vorstellungen, zum Teil in starker Verzerrung, auch im Missbrauchsgeschehen von Familien eine Rolle spielen, die der Kirche fernstehen. So zum Beispiel, wenn ein noch nicht schulpflichtiges Mädchen in der Kirche vom Pfarrer hört: „Es gibt nur einen Gott, und du darfst keinem anderen Gott dienen!“ und zu Hause sagt ihr der sie seit der Säuglingszeit missbrauchende leibliche Vater: „Der einzige, der dir etwas zu sagen hat, bin ich!“ Das Kind hat selbstverständlich den Missbraucher als ihren Gott verinnerlicht (7), als einen zwar grausamen und strafenden, aber er war es ja nicht ohne Grund, das Kind war doch böse. Auf die Spitze getrieben hat dieser Vater die Perversion christlicher Vorstellungen, wenn er, um seinem Kind Angst zu machen, sich selbst im Keller scheinbar erhängte, um dann „wieder aufzuerstehen“ und dem Kind sozusagen den Fluch einzupflanzen: Egal, was kommt, du wirst mich niemals los, selbst wenn ich sterbe, komme ich immer wieder zu dir, dein Leben lang, ich werde immer wieder auferstehen. Es hat lange gedauert, bis diese Frau sich in unserem Bibelkreis ohne Angst mit Auferstehungstexten der Bibel auseinandersetzen konnte, zumal zunächst – ohne Kenntnis ihrer Erfahrungen mit dem eigenen Vater – völlig unverständlich bleiben musste, warum sie eine panische Angst davor besaß, sich vorzustellen, sie würde sterben und dann auferstehen, und warum sie immer wieder fragte: Werden auch die bösen Menschen auferstehen? Können sie dann wieder Böses tun?

An diesem krassen Beispiel wird deutlich, in welchem Maße wir als Seelsorger und Prediger damit rechnen müssen, dass Glaubensinhalte bei unseren GesprächspartnerInnen und ZuhörerInnen aus einer persönlich erlebten Geschichte heraus ganz anders verstanden werden, als wir das beabsichtigen.

Dieses Problem ist um so schwerwiegender, als das Sprechen über sexuellen Missbrauch, wenn er einem selbst geschehen ist, immer noch schwerfällt, auch wenn das Thema in den letzten Jahren immer mehr auf dem Markt der öffentlichen Meinung verhandelt worden ist. Jochen Kuhn hat „in Gesprächen mit Frauen, die als Kinder Opfer waren, …beobachtet, dass es Frauen aus christlichem Milieu noch viel schwerer als anderen Frauen fiel, über ihre Folter zu sprechen“, und er fragt: „Ist es vielleicht ebenso ein Tabu, dass SKM (= sexuelle Kindesmisshandlung) in christlichen Familien vorkommt, wie dieses Verbrechen überhaupt einmal ein Tabu war?“ (8)

Dies mag eng damit zusammenhängen, dass man besonders in „religiösen Familien und bei starrer und enger Moralität“ über Sexualität überhaupt nicht spricht. „In den Familien, in welchen die Misshandlung die Funktion von Konfliktvermeidung zwischen den Eltern bekommen hat, herrscht stets ein Tabu, über Sexualität zu sprechen. Dies kommt besonders bei religiösen Familien und bei starrer und enger Moralität vor.“ (9) „Die Überzeugung, in christlichen Familien sei ein solches Verbrechen undenkbar“, lässt leider offen, ob es wirklich nicht stattfindet oder ob man nur nicht darüber nachdenken darf, dass es geschieht (10). Immer wieder wird in Studien darauf hingewiesen, dass gerade in Familien, die mit dem Thema Sexualität nicht offen umgehen, die Gefahr größer ist, dass es zu sexuellem Missbrauch kommt.

Die katholische Psychagogin Christa Meves ist zwar der Auffassung, „dass es sich in vielen Fällen des sexuellen Kindesmissbrauchs um eine direkte Folge der Befreiung zur Sexualität handelt. Schließlich wird hierzulande jeder Mann – ob nun allmorgendlich mit dem Pornophoto der Bildzeitung, ob im Fernsehen mit eindeutigen Kopulationsszenen ab 19 Uhr, ob in BRAVO oder »Let’s Talk About Sex« in einem Ausmaß mit sexuellen Bildern vollgestopft, dass sich gewiss niemand darüber wundern kann, dass Fixierungen an die Sexualität immer stärker zunehmen.“ (11)

Aber dem ist entschieden zu widersprechen. Denn gerade die immer noch fehlende Freiheit im Denken, Fühlen und Reden über Sexualität fördert die Auffassung, Sexualität sei etwas Schmutziges, und fördert sexuelle Gewalt.

So hat denn auch Ursula Enders der These von Christa Meves widersprochen, die Ursache des sexuellen Missbrauchs sei „im Sittenverfall, in einem »triebentfesselten Zeitgeist«, in einer lustbetonten Sexualpädagogik der siebziger Jahre“ zu suchen (12). „Diese These ignoriert nicht nur die Tatsache, dass sexuelle Gewalt bereits eine Jahrtausende alte Tradition hat (13), sondern ebenso den Erkenntnisstand sozialwissenschaftlicher Forschungen, die das Gegenteil beweisen: Mädchen und Jungen aus Familien mit rigiden Sexualnormen, d. h. aus Familien, in den Sexualität tabuisiert wird, ein strenges moralisches Klima herrscht und Selbstbefriedigung verboten ist, werden sifnifikant häufiger Opfer sexueller Ausbeutung als Mädchen und Jungen, die eine emanzipatorische Sexualerziehung erhielten (14).“

Und entgegen vielen Vorurteilen gegenüber der feministischen Emanzipationsbewegung stellt sie mit Josephine Rijnaarts eindeutig fest: „Der Kampf gegen sexuellen Missbrauch richtet sich dementsprechend »nicht gegen die sexuelle Liberalisierung, sondern ist im Gegenteil deren Fortführung, wobei allerdings hinzugefügt werden muss, dass es der Frauenbewegung um sexuelle Freiheit für alle geht und nicht um eine Sexualität, bei der des einen Freiheit des anderen Knechtschaft bedeutet… Sexuelle Selbstbestimmung für Frauen und Kinder könnte in der Tat gelegentlich darauf hinauslaufen, dass Männer, anstatt »mehr zu dürfen« als früher, sich in mancher Beziehung etwas zurückhalten müssen«.“ (15)

Carl Marquit listet jedenfalls unter den Symptomen, die für ein Individuum oder eine Familie die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es zu sexuellem Missbrauch kommt, auch ein „rigides Moral-/Wertesystem“ und einen „rigiden oder fundamentalistischen religiösen Glauben“ auf (16).

In diesem Zusammenhang ist folgendes Ergebnis einer Befragung von fast 6000 Personen über das Anschauen von Porno-Filmen interessant, die Prof. Dr. Norbert Kluge von der Forschungsstelle für Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik an der Universität Koblenz durchgeführt hat: „Je autoritärer, strenger und auch sexualfeindlicher die Erziehung ausfiel, desto interessierter waren Männer später an Pornos. Und noch eine Beobachtung und Erkenntnis scheint mir wichtig zu sein: Wer keine oder nur wenige Pornos anschaut, ist offensichtlich mit seinem Leben zufriedener.“ Und der Psychologe und Sexualpädagoge bei der Landesstelle Jugendschutz, Niedersachsen, Milan Nespor schreibt: „Männer, die Pornos anschauen, wollen sich sexuell erregen, Lust empfinden… Das Verbotene, das Tabu, spielt bei vielen Männern auch eine Rolle. Grenzen zu überschreiten, übt auf sie einen besonderen Reiz aus. Dabei kann jedoch bei hohem Konsum ein gewisser Gewöhnungseffekt eintreten. Und diese früher oder später eintretende Langeweile beim Schauen kann das Bedürfnis nach härteren Videos wecken: zum Beispiel Sex mit Tieren, Sex mit Kindern oder besonders gewalttätige Darstellungen… Außerdem halten Pornos einen Mythos aufrecht, der immer noch in zahlreichen männlichen Köpfen herumspukt: Frauen wollen vergewaltigt werden, sie provozieren, ja genießen es. Das Nein einer Frau heißt in Wirklichkeit ja. Und die Männer können wegen ihres starken Triebes manchmal gar nicht anders. Diese pornographische Filmwirklichkeit bekommt eine noch gefährlichere Dimension, wenn Kinder Pornos sehen. Für sie können diese Darstellungen prägend sein. Sie lernen zwar etwas über den menschlichen Körper, die Selbstbefriedigung und den Geschlechtsverkehr. Aber sie erfahren nichts darüber, wie man zwischenmenschliche Beziehungen eingeht, sie aufrechterhält und wie man Konflikte löst. Diesen Teufelskreis kann man nur mit einer umfassenden Sexualerziehung unterbrechen.“ (17)

Die Broschüre „Let’s Talk About Sex“, mit der in Rheinland-Pfalz ein interessanter Versuch gestartet wurde, Jugendliche sprachfähiger zu machen im Blick auf Lust, Liebe und Sexualität, hat ihr Schicksal nicht verdient, als pornographisch bezeichnet und nicht neu aufgelegt zu werden (18). Wer wie Christa Meves die dort gezeigten Bilder in einen Topf mit Pornographie, BILD und BRAVO wirft, muss prüde oder ideologisch verbohrt sein. Sicher kann man von einer solchen Broschüre nicht erwarten, allen Ansprüchen gerecht zu werden, etwa auch noch differenzierte Beiträge zur Partnererziehung oder zu den Vorstellungen der christlichen Kirchen zu liefern. Aber obszön ist sie mit Sicherheit nicht – auch nicht auf den Seiten 10 und 11, auf denen im „Wörtersee“ der vielfältigen Ausdrucksformen über Sexualität nach angemessenen Wörtern für sexuelle Sachverhalte gefischt wird. Ich hätte mir in meiner Jugend eine so ehrliche und offene Aufklärungsbroschüre gewünscht, die Antworten auf viele für Jugendliche beunruhigende Fragen gibt.

Alles in allem muss man die Fragen: „Ist christlicher Glaube so selbstverständlich ein Damm gegen des sexuellen Missbrauch von Kindern, dass man dieses Verbrechen gar nicht mehr benennen muss? Sind Kinder in christlichen Familien selbstredend besser geschützt vor Übergriffen Erwachsener?“ entschieden verneinen. Es ist leider so, wie Jochen Kuhn es beschreibt: „Unter den Opfern finden sich viele Kinder aus christlichen Elternhäusern, und unter den Tätern finden sich Religionslehrer, Pfarrer, Jugendleiter, Organisten und andere in den Gemeinden Tätige.“ (19)

So paradox es klingt: Gerade weil „im Christentum das Sexualverhalten stets einer besonders strengen Beurteilung unterworfen worden ist“ und „die christliche Sexualethik in katholischer wie in evangelischer Ausprägung… hier stets stark eingrenzende Normen vertreten“ hat, ist die Übertretung der Verbote um so wahrscheinlicher (20).

Le Roy Ladurie berichtet über die Sekte der Katharer, die „lehrten, dass jeder Geschlechtsverkehr, selbst der zwischen Eheleuten, sündig sei.“ Ein ehebrechender Priester „machte sich die von der katharischen Lehre vertretene Vorstellung von der gleichen Wertigkeit jedweden Geschlechtsakts zueigen und kehrte nur, seinen persönlichen Neigungen entsprechend, die dieser Vorstellung entsprechenden Werte um: Jeder Geschlechtsakt war – wenn alle gleichermaßen sündig waren – gleichermaßen zulässig.“ (21) „Gänzliche Enthaltsamkeit wurde nur von den »parfaits«, den vollkommenen Katharern, erwartet. Unvollkommene einfache Gläubige durften sich mit Kompromissen behelfen, was in der Praxis darauf hinauslief, dass sie sich in Liebesdingen, da ihnen streng genommen alles verboten war, behelfsmäßig alles erlauben konnten.“ Ein Verführer bewies der von ihm Verführten „geradezu, dass außerehelicher oder ehebrecherischer Geschlechtsverkehr, da gewöhnlich von Sündenbewusstsein begleitet, objektiv weniger sündhaft sei als der subjektiv guten Gewissens vollzogene, jedoch objektiv nicht weniger sündige eheliche.“ (22)

Wir wissen, dass sich zum Beispiel nur wenige katholische Christen an das für unsinnig gehaltene Verbot der Empfängnisverhütung halten, wir wissen, dass christliche Vorstellungen zum vorehelichen Geschlechtsverkehr heutzutage kaum noch eine Bedeutung haben. Und selbst wenn Menschen sich noch irgendwie christlichen Geboten verbunden fühlen, sind offenbar „christliche Maximen der Sexualethik solange für das tatsächlich gelebte Leben nicht wirkungsmächtig, wie ihnen andere christliche Vorstellungen entgegenstehen, die sich sekundär auf die Sexualvorstellungen auswirken und sexualethische Maximen absorbieren, ja, dort eine geradezu entgegengesetzte Wirkung hervorrufen.“ (23) Ineke Jonker hat Kirchenmitglieder wegen solcher Widersprüche hart angeklagt: „In der Praxis gebraucht man die Bibel, um Frauen und Mädchen unter dem Daumen zu halten, und in der Theorie erklärt man, dass das nicht die Absicht war, sondern dass Begriffe wie Vergebung, Nächstenliebe, Opfer und Märtyrertum ein ethisches Durchdenken auf theologischem Niveau verlangen. Kinder, die Inzest erlebt haben, haben bis jetzt wenig von einem ethischen Durchdenken gehabt.“ (24)

Jochen Kuhn hat in diesem Zusammenhang eine ganze Reihe von „falschen Glaubensvorstellungen“ aufgeführt, die man „therapieren“ muss, „damit der Glaube wieder zur Ermöglichung von befreitem Leben werden kann.“ (25)

Erstens: „Die Verteufelung der Sexualität“

Nach Hans Frör stammt „das Enthaltsamkeitsideal…, sich völlig von sexuellem Begehren und Tun zu lösen, davon unabhängig zu werden, frei von jeder Leidenschaft zu sein…, …nicht aus der Bibel. Es wurde aber bald von der Alten Kirche übernommen – und überboten: Jetzt wurde Enthaltsamkeit mit heiligem Leben gleichgesetzt, und die sexuelle Lust wurde zur Sünde schlechthin. Dass damit im Laufe der Kirchengeschichte unzähligen Menschen Gewalt angetan wurde, beginnen wir heute, rückblickend, zu begreifen.“ (26)

Notwendig ist also, wie Manfred Josuttis schreibt: „Der überkommene, uns selbstverständlich erscheinende Antagonismus zwischen Religiosität und Sexualität, zwischen Gottesliebe und Lebenslust muss überwunden werden.“ (27) Ich frage mich allerdings, ob Josuttis nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet, wenn er den zweiten der folgenden nach Karl Barth unbedingt zusammengehörigen beiden Sätze über Gott und Mensch anzweifelt: „Die Liebe ist das, was Gott und Mensch miteinander verbindet. Die Sexualität ist das, was Gott und Mensch unterscheidet“, und die Frage stellt, „ob angesichts der transzendierenden Tendenz des sexuellen Erlebens diese Entmythologisierung nicht die Basis entweder für die Verteufelung oder die Vergötzung des libidinösen Triebs bildet.“ (28)

Meines Erachtens muss man nicht Gott selbst als sexuelles Wesen denken, doch sollte man mit Luise Schottroff auf „die leise Stimme der biblischen Tradition… von dem Gottesgeschenk des Lebens und der Sexualität“ hören (29) oder sich die differenzierte katholische Stellungnahme von Wolfgang Bartholomäus zur Keuschheit zu Herzen nehmen: „Sex ist ein Vergnügen. Wir dürfen ihn wohl genießen. Sollen ihn aber nicht missbrauchen… Unkeusch ist also nicht der Sex an sich. Unkeusch ist eine Mangelqualität des Sex: wenn jemand verletzt, geschädigt, betrogen, enttäuscht, vergewaltigt wird. Keusch ist darum nicht nur, wer auf Sex verzichtet. Keusch ist auch, wer ihn – ohne Missbrauch und unter Rücksichtnahme auf die Gefühle des anderen – genießt. Wer das sexuelle Vergnügen in den Dienst der Freude stellt.“ (30)

Nach Lynn Margulis und Dorion Sagan haben im übrigen mit der Sexualität nicht allein religiöse Menschen ein Problem: „Die Voreingenommenheit gegenüber Homosexuellen, die Querelen um Fragen der Sexualerziehung, Abtreibung und Pornographie, die Schwierigkeiten, gesunde Einstellungen von unterschwelligem Missbrauch und sexueller Ausbeutung zu unterscheiden – all dies deutet darauf hin, dass Sexualaufklärung, sofern sie denn möglich ist, noch nicht gegriffen hat.“ (31)

Zweitens: „Die Tugend des Gehorsams“ (32)

Das Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter… sagt kein Wort vom Gehorchen. Trotzdem hat es dazu herhalten müssen, die Eltern zu Herren, ja geradezu zu Halbgöttern zu machen. Darum nenne ich das Elterngebot: Das missbrauchte Gebot.“ (33)

Drittens: „Die Heiligkeit der Familie“ (34)

In einem Artikel des Deutschen Pfarrerblattes stellt Barié fest: „Das Familienbild der Predigten bewegt sich zwischen Zärtlichkeit und Zerwürfnissen. Es mag sein, dass das Negativbild »Familienstreit«, das mit Eltern von Kindern im Jugendalter verbunden wird, und ebenso das Positivbild »geborgene Kindheit« zu Klischees erstarrt sind. Dennoch sind Erfahrungen der Prediger und Predigerinnen als Hintergründe zu vermuten: die eigene Familie, Erinnerungen an Kindheit und Jugend, vor allem aber Erfahrungen aus Seelsorgegesprächen.“ Zu fragen ist, ob niemand von ihnen persönliche oder seelsorgerliche Erfahrungen auch mit zerstörter Kindheit, mit vernachlässigten, geschlagenen oder missbrauchten kleinen Kindern gemacht hat, wenn „die Familie mit Kleinkindern… wie eine heilig-heile Familie mit den leuchtenden Farben der weihnachtlichen Transparente gemalt“ wird (35). In diesem Zusammenhang mag auch ein Blick auf entsprechende Verlautbarungen der römisch-katholischen Kirche lohnend sein (36).

Dr. Ottmar Fuchs stellt die „Schattenseiten“ einer „kirchlichen Hochschätzung“ der Familie dar, die sich darin niederschlägt, dass man kirchlicherseits Familien, „bei denen die religiöse Erziehung ihrer heranwachsenden Söhne und Töchter anscheinend oder scheinbar schief gelaufen ist“, für überfordert hält oder ihnen Vorwürfe macht. Hinzu kommt die „Überschätzung der Familie…, die gesellschaftliche Ursachen hat. Ich meine die idealisierenden Erwartungen, die von einer überwältigenden Mehrheit der Zeitgenossen selbst in ihre Zweierbeziehungen und Familien gesetzt werden.“ (37) In Anlehnung an den englischen Psychotherapeuten Cooper deute er eine Lösung des Problems an, dass in der Familie häufig „Alleinsein… tabuisiert und Widerspruch mit Liebesentzug bestraft“ wird, dass „die Illusion der Geborgenheit… zur Basis für Konformismus“ wird: „Mehr Beziehung als Erziehung heißt der Weg, der aus dem Dilemma führt.“ (38)

Viertens: „Die Einklagbarkeit der Vergebung“ (39)

Annie Imbens-Fransen bringt dieses Problem auf den Punkt: „Eine Frau, die… öffentlich über ihre Inzesterfahrung spricht, wird eher eine Ausgestoßene in der Verwandtschaft oder Familie als der Täter… Sie bekommt dann auch oft den Rat, dem Täter zu vergeben und damit den Frieden in der Familie wiederherzustellen, der durch ihr Reden über den Inzest gestört worden ist.“ (40)

Aber auch Therapeuten, die es ausdrücklich für ein sinnvolles Therapieziel halten, dass Patienten fähig werden zu vergeben, gehen in jedem Fall davon aus, dass Vergebung eine freie Entscheidung bleiben muss. Nach Beate Christ-Ernst ist „im Verlauf der Aufarbeitung“ einer Missbrauchserfahrung „Vergebung zunächst kein zentrales Thema… Klagen und anklagen können ist oft viel wichtiger als sofort vergeben… Es braucht dann immer noch lange, bis aus der Anklage Zorn, Wut und Aggression werden darf… Ermutigungen des Klagens braucht die Person immer wieder – auch, dass die Klagen und Anklagen keine Sünde sind, sondern der Weg zum Leben.“ Erst am Ende der Therapie, wenn „sie mit ihrem jetzigen Leben verantwortlich leben kann, kann die Person den inneren Wunsch nach Vergeltung aufgeben, bis dahin, dass sie in der Lage ist, dem Täter zu vergeben und Gutes zu wünschen.“ (41)

Ulrike Kopp hält es für außerordentlich „wichtig zu merken, wenn die betroffene Frau den Vergebungsprozess als Mittel zur »Verdrängung« bzw. zum Nicht-wahr-haben-wollen benutzen will.“ (42)

Und Roger Altman stellt nachdrücklich fest: „Durch die Vergebung übernehmen sie nicht die Verantwortung für die Schuld des anderen. Sie drücken ihre Bereitschaft aus, diese Sache innerlich loszulassen.“ (43)

Ellen Bass und Laura Davis schließlich schreiben: „Wenn es so etwas wie göttliche Vergebung gibt, dann soll Gott das machen und nicht du… Du kannst anderen erst vergeben (und das muss nicht sein), wenn du all die Stadien des Erinnerns, der Trauer, des Zorns und des Weitermachens hinter dir hast… Deine Heilung hängt sehr davon ab, ob du in der Lage bist, dir selbst zu vergeben, und nicht davon, dass du dem Missbraucher vergeben kannst… Dir selbst zu vergeben ist wichtig, und wenn du anfängst, diese Vergebung zu spüren, weitet sie sich unwillkürlich auch auf andere Menschen aus. Du beginnst zu verstehen, was Menschlichkeit eigentlich bedeutet. Du wirst fähig zu merken, wann jemand etwas Richtiges tut. Du kannst auf eine menschliche, liebevolle Geste reagieren. Und darum geht es bei der Vergebung.“ (44)

Fünftens: „Die Vergötzung der Männer, speziell der Väter“ (45)

Hierzu nur ein treffender Satz von Beatrix Schiele: „Eine christliche Theologie, vor allem eine von weißen Männern betriebene theologische Anthropologie, muss sich endlich einer Kritik der männlichen Selbstdefinition stellen. Solange Männer zu ihrer Identität als Männer die Unterordnung von Frauen benötigen, geht die Sorge um die Sicherung ihrer Herrschaft auf Kosten wichtigerer Aufgaben in dieser Welt. Sie sollten aufhören, die Männlichkeit Jesu dafür zu benutzen, ihren Herrschaftswillen zu legitimieren, sondern sie vielmehr als Beispiel gelungener Männlichkeit zum Vorbild nehmen.“ (46)

Sechstens: „Die Vorstellung vom Herr-Gott“ (47)

Auf diese Frage werde ich sehr intensiv eingehen im Kapitel: „Will der allmächtige Herrscher das Leid der Menschen?“ und in den Kapiteln über Lots traumatisierte Töchter und über Batjah, die Tochter des Richters Jeftah, die der Vater aufgrund eines Gelübdes Gott zum Brandopfer darbringt.

Auch nach dem bekanntesten Handbuch der parteilichen Arbeit mit Missbrauchsopfern von Ursula Enders, „Zart war ich, bitter war’s“, darf man „die religiösen Gefühle von Betroffenen nicht ignorieren oder als Irrglauben abqualifizieren“, aber es gilt, „die Opfer darin zu unterstützen, dass sie sich von den patriarchalischen Strukturen der Kirche distanzieren und sich gegen diese zu wehren lernen.“ (48)

Beim sexuellen Missbrauch ist zudem das Geheimnis ein Bestandteil des Verbrechens, der Täter rechnet nicht mit dem Bekanntwerden der Tat, das Opfer steht ebenfalls unter dem Zwang der Geheimhaltung. Deshalb kann die Aufdeckung der Tat fast als schlimmer erscheinen als die Tat selbst. In der Kirche hat man sich schon immer schwer damit getan, von der Norm abweichende Formen von Sexualität in Pfarrhäusern offen zu akzeptieren, sei es eine partnerschaftlich gelebte homosexuelle Beziehung oder auch eine zerrüttete Pfarrerehe.

So erfuhr ich vor Jahren, dass ein Pfarrerehepaar zum Schein im Pfarrhaus „zusammen“ lebte, obwohl es innerlich längst geschieden war, damit der Pfarrer seine Stelle nicht aufgeben musste. Und ich vermute, dass es eine ganze Reihe von Pfarrern gibt, die es noch heute aus Angst vor Schwierigkeiten nicht wagen, offen zu ihrer Homosexualität oder gar zu einer offen im Pfarrhaus gelebten homosexuellen Partnerschaft zu stehen.

Erst recht kann man sich vorstellen, dass es Jahre dauern kann, bis etwa ein Pfarrer, der Kinder missbraucht, von kirchlichen Vorgesetzten daran gehindert wird, sein Fehlverhalten fortzusetzen. „Fünfzehn Jahre hatte es gedauert. Fünfzehn Jahre hatten Denkverbote, Blockaden und Tabus funktioniert, hatten stärker gewirkt als Ahnungen, innere Stimmen und Aussagen von Kindern. Dass ein moderner Pfarrer, ein verheirateter, engagierter Seelsorger, sich an Kindern, noch dazu an Knaben vergriff, war so ungeheuerlich, dass sich das wohlerzogene Gehirn den Gedanken verbot.“ (49)

Leider genügt es also nicht, „davon überzeugt (zu sein), dass in christlichen Familien ein solches Verbrechen nicht vorkomme.“ (50) Zu lange, meint Rita Klemmayer, haben wir uns in den Kreisen „westlicher, weißer, meist mittelständiger Theologen“, die „wohl selten in der Reihe der Betroffenen zu finden“ sind, schwer damit getan, „das »banale« alltägliche Leben zum Gegenstand… theologischen Nachdenkens zu machen.“ (51) Jochen Kuhn verweist darauf, dass zum Beispiel Karl Barth in der Kirchlichen Dogmatik (52) die Geschichte der von ihrem Bruder Amnon vergewaltigten Tamar in wenigen Zeilen abhandelt: „Wenn Israel die Gebote hält, bestätigt es, wozu es Gott gemacht hat, »geschieht das nicht, tut es, was man in Israel nun einmal nicht tut (Gen. 34, 7; 2. Sam. 13, 12), dann muss ihm freilich das Heil seines Gottes zum Unheil, seine Gerechtigkeit zum Gericht werden.« Karl Barth geht über die Wirklichkeit des Menschen Thamar völlig hinweg, als ob der Gott Israels nicht auch Thamars Gott wäre! Ganz anders nimmt dagegen etwa Phyllis Trible die Wirklichkeit dieses Menschen wahr.“ (53)

Daher ist es gut, wenn man jetzt endlich auch kirchlicherseits beginnt, über die Probleme in diesem Bereich nachzudenken, zu forschen und zu schreiben. In den Niederlanden geschieht dies bereits seit Jahren.

Hilfe für Missbrauchsopfer in christlichen Gemeinden?

Selbst wenn Inzest innerhalb christlicher Familien nur selten vorkommen sollte, darf man erwarten, dass christliche Gemeinden ganz selbstverständlich zu denjenigen gehören, die missbrauchten Menschen ihre Hilfe anbieten. Aber in der Inzestliteratur finde ich bisher nur selten Hinweise darauf, dass jemand seine Missbrauchserfahrungen auch mit Hilfe der Religion oder einer kirchlichen Gemeinschaft bewältigen konnte.

Der Psychoanalytiker Mathias Hirsch berichtet über ein missbrauchtes Kind: dieses Mädchen zog sich als Jugendliche „in Aktivitäten in der Kirchengemeinde zurück und heiratete im Alter von 19 Jahren, um endlich alles hinter sich zu haben.“ (54) Und Frauke Teegen stellt fest: „Tagebuchschreiben, Arbeit, Befriedigung im Beruf, anderen helfen, sowie (seltener genannt) schöpferisches Gestalten, Religion, Spiritualität und Sport werden zwar als Strategien zur Bewältigung häufig genannt, sind aber als effektive Hilfe weniger bedeutsam.“ (55)

Die niederländischen Kirchen sind uns in dieser Beziehung um einiges voraus. Bereits vor zehn Jahren wurde dort durch eine umfangreiche Studie von Annie Imbens und Ineke Jonker, „Religion und Inzest“ das Bewusstsein von Frauen im Blick auf die Zusammenhänge zwischen dem sexuellen Missbrauch und christlichen Vorstellungen geschärft (56). Leider habe ich das Buch erst am 11.11.1995, also während des Korrekturlesens dieser Arbeit, in englischer Übersetzung zugeschickt bekommen, so dass ich mich hier nicht mehr eingehend mit den Ausführungen der Autorinnen befassen kann. Jedem, der sich mit dem Thema „Christentum und sexueller Missbrauch“ beschäftigen will, sei dieses Buch jedoch wärmstens empfohlen (57).

Damals wurde auch eine „Stiftung Seelsorge und sexuelle Gewalt“ ins Leben gerufen, zunächst in Nordholland, später auch in anderen Provinzen der Niederlande. In einem Faltblatt dieser Stiftung – mit dem (frei übersetzten) Titel: „Sie dürfen sprechen, ich höre zu…“ – heißt es: „Gerade für Frauen, die gläubig erzogen worden sind, ist die Verarbeitung von Erfahrungen mit Inzest bzw. sexueller Gewalt besonders schwierig. In der regulären Beratung und Therapie können Glaubenserfahrungen kaum angesprochen werden, und in der Kirche ist das Reden über Sexualität oft noch ein Tabu… – Die Frauen- und Glaubensbewegung hat den Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und Religion ans Licht gebracht und dargelegt, dass ungleiche Machtverhältnisse hierbei eine Rolle spielen. – Die Stiftung Seelsorge und Sexuelle Gewalt hat sich darum für eine zweigleisige Politik entschieden: einerseits das Auffangen und Begleiten von Frauen mit einer sexuellen Gewalterfahrung, andererseits das Ansprechen der Kirchen auf ihre eigene Verantwortlichkeit in dieser Angelegenheit.“ (58)

Damit ist nicht gesagt, dass es nicht auch in den Niederlanden schwierig war, dieses Thema innerhalb der Kirche zur Sprache zu bringen. So wurde auf einem Workshop über „Seelsorge und Inzest“ im Jahre 1986 darüber geklagt, wie „noch immer versucht wird, Inzest zu leugnen und totzuschweigen,“ zum Beispiel wenn in Kirchengemeinden gefragt wurde: „Können Sie die Zahlen beweisen?“ oder wenn in Frauenvereinigungen der Rat erteilt wurde: „Sie sollten lieber nicht über Inzest reden, denn dazu haben die Frauen, die zu dem Abend kommen, kein Bedürfnis. Das sind überwiegend ältere Frauen und fromme und die haben die Erfahrung nicht.“ (59)

Im freikirchlichen Bereich ist man in dieser Frage offenbar auch in Deutschland schon weiter, denn ein ganzes Heft der Zeitschrift „Befreiende Wahrheit“ war in diesem Jahr (1995) dem Schwerpunktthema „Heilung sexuellen Missbrauchs“ gewidmet (60). Aber in unserer kirchensteuergestützten deutschen Volkskirche tun wir uns schwer mit der seelsorgerlichen Begleitung missbrauchter Menschen. Warum ist das so?

Wenn wir davon ausgehen, dass sexueller Missbrauch nur in den allerseltensten Fällen vorkommt und in christlichen Kreisen schon gar nicht, werden wir auch kaum vermuten, dass in unseren Gottesdiensten, in unserem Seelsorgesprechzimmer oder in der gemeindlichen Gruppe Missbrauchsbetroffene sitzen könnten. Ich weiß nicht, wie oft ich in meiner zehnjährigen Gemeindetätigkeit, ohne es zu ahnen, an solchen Menschen vorbeigeredet, ihre verzweifelten – aus schuldloser Ohnmacht geborenen – Schuldgefühle noch gefördert, ihre stummen Signale übersehen habe, durch die ich auf Betroffene hätte aufmerksam werden können. Nur in zwei Fällen erfuhr ich damals im Laufe einer längeren seelsorgerlichen bzw. beraterischen Begleitung, dass die betreffenden Jugendlichen auch sexuell missbraucht worden waren. Als sich mir später im Laufe von sieben Jahren sowohl im Krankenhauspfarramt in einer psychiatrischen Klinik als auch in freier Beratungstätigkeit eine ganze Reihe von Frauen auch mit ihrer Missbrauchserfahrung anvertrauten, wurde mir mehr und mehr bewusst, dass wir auch als Seelsorgerinnen und Seelsorger nicht an dieser Thematik vorbeigehen können.

Dass die Sprache unserer kirchlichen Texte aus Bibel, Gesangbuch und Agende, aber auch die Formulierungen in Predigten und Gebeten häufig „exklusiven“ Charakter hat, wurde von feministischer Seite für den Gebrauch der männlichen Wortformen und den androzentrischen (= mann-bezogenen) Charakter der traditionellen Theologie eingehend dargestellt und belegt. „Dass Frauen sich nicht so gut darauf verstehen wie Männer, dem männlichen Bild vom Menschen zu entsprechen, sollte keinen wundern.“ (61)

Auch „ist in Predigten leider häufig zu beobachten, dass nur aus der Sicht Erwachsener geschildert wird. Die Konfirmanden und andere Jugendliche werden als Predigthörer vernachlässigt.“ (62)

Aber auch andere Menschen bleiben aus der Wahrnehmung ausgeschlossen, wo Christinnen und Christen zusammenkommen: Gerade von problembeladenen Menschen nimmt man häufig von vornherein gar nicht an, dass sie mitten unter uns Platz nehmen könnten, sonst würden wir nicht immer wieder nur über die Behinderten, die Benachteiligten, die Verachteten, die Ausgestoßenen und bestimmte „Randgruppen“ reden, für die wir uns als Kirche einsetzen müssten.

Ich habe es sogar erlebt, dass ein hoher kirchlicher Amtsträger über anwesende behinderte und psychisch kranke Menschen in einem kirchlichen Raum so geredet hat, als ob sie nicht anwesend wären – durchaus ohne es böse zu meinen, sondern in dem guten Glauben, das Beste für diesen Personenkreis erreichen zu wollen, für den sich die Kirche mit allen Kräften einsetzen müsse. Das führte dazu, dass eine geistig behinderte Frau – bis zu diesem Zeitpunkt regelmäßige Kirchgängerin – ab sofort nicht mehr in den Gottesdienst ihrer Kirche gegangen ist.

Und wenn wir uns für Menschen in der Fürbitte einsetzen, formulieren wir dann wirklich immer so, dass jemand von den Betroffenen als Anwesender diese Fürbitte auch für sich mitbeten könnte? Dass viele Gemeindeglieder zum Beispiel gar nicht mit der Teilnahme alkoholkranker Menschen am Gottesdienst rechnen, wurde in einer erbittert geführten Auseinandersetzung um die Einführung von alkoholfreien Abendmahlsfeiern in meiner früheren Gemeinde überdeutlich. Und wenn sie doch in den Gottesdienst kommen, wird ihnen häufig zugemutet, beim Abendmahl einfach den Kelch weiterzureichen, was viele als öffentliche Bloßstellung empfinden. In einer Gesprächsrunde wies ein Pfarrer sogar einmal darauf hin, dass Alkoholismus doch auch ein Ausdruck von Sünde sei und dass er deswegen von einer Alkoholikerin in seiner Gemeinde bewusst erwarte, dass sie offen dazu stehe. Es war ihm nicht bewusst, dass im Kreis auch eine betroffene Frau saß, die sich von seinen Äußerungen verletzt und gedemütigt fühlte und sehr wütend auf ihn wurde. Sie war als Kind von ihren Eltern, die selber Alkoholiker waren, sowohl sexuell missbraucht als auch an den Alkohol als Suchtmittel gewöhnt worden.

Im Falle des sexuellen Missbrauchs ist es ähnlich: Man sieht der Siebzehnjährigen, die die Kindergruppe leitet, nicht an, ob sie missbraucht wurde, auch nicht den Konfirmandinnen, die auf dem Konfirmandenseminar bei der gelenkten Phantasie des „Rosenbusches“ auf einmal ein Bild von sich selbst als dornenlose Rose vor sich sehen – ohne diesen Schutz der Stacheln dem Zugriff der Vorbeigehenden wehrlos ausgeliefert. Dieses Beispiel zeigt übrigens, in welche seelischen Tiefen die Methode der gelenkten Phantasie hinabzureichen vermag und wie hoch die Anforderungen an jeden sind, der sie einsetzt.

Die gelenkte Phantasie des „Rosenbusches“ steht mit vielen anderen im verbreiteten „Gestalt“-Buch für Laien von John O. Stevens (63). In einem Zeitschriftenartikel aus der „Praxis der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation“ wird die „Rosenbusch-Übung zur Erforschung des Selbstbildes und der Beziehungsgestaltung“ für die Therapie von Frauen eingesetzt, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, „um den Patientinnen das Sprechen zu erleichtern.“ (64) Auch nach meiner Erfahrung kann man sie als eine Art hypnotisches Mittel betrachten, das es Menschen erleichtert, die Kontrolle vom Kopf her zu umgehen, durch die sie die in der Tiefe ihrer Seele verborgenen Bilder und Gefühle unter Verschluss halten. Man sollte sie jedoch nur durchführen, wenn man über genügend eigene Selbsterfahrung verfügt und dafür ausgebildet ist, mit den häufig auch furchtbaren Bildern umzugehen, die durch diese Übungen bei den Teilnehmern und Teilnehmerinnen ins Bewusstsein gerufen werden. Die Kleingruppen, in denen ich während meiner zehnjährigen Gemeindetätigkeit auf Konfirmandentagungen oder Jugendfreizeiten solche gelenkten Phantasien durchführte, gehörten übrigens nicht zum Pflichtprogramm der jeweiligen Veranstaltung, sondern wurden als Zusatzangebot von einer Reihe von Interessierten freiwillig in Anspruch genommen.

Die junge Frau, die häufig allein zum Gottesdienst kommt und aufmerksam zuhört, fällt vielleicht nur dadurch auf, dass sie nie zum Abendmahl geht. Niemand weiß, dass sie sich nicht traut, nach vorn zu gehen, weil sie sich für unwürdig hält, das Abendmahl zu empfangen. Denn durch das, was ihr Vater mit ihr gemacht hat, fühlt sie sich geschändet und böse.

Umgekehrt wissen wir nicht, wie viele Menschen auch deswegen, weil sie in unseren Versammlungen mit ihren Erfahrungen nicht vorkommen, nicht daran teilnehmen und auch den Seelsorger als Ansprechpartner nicht aufsuchen. Helga Saller hätte den Satz, den sie Menschen in helfenden Berufen auf einem Kongress zurief, auch an uns Seelsorgerinnen und Seelsorger richten können: „Sie alle kennen Kinder, die sexuell ausgebeutet werden – nur wissen Sie es nicht!“ (65) Aber irgendwann kann aus dem Nicht-Wissen ein Nicht-Wissen-Wollen werden. Die niederländischen und amerikanischen Erfahrungen zeigen überdeutlich: es gibt sexuellen Missbrauch auch in christlichen Familien, es gibt sexuell ausgebeutete Kinder und Erwachsene, die auch zu uns in den Gottesdienst kommen. Es wäre doch unwahrscheinlich, dass in Deutschland das Ausmaß des Problems geringer sein sollte als im Ausland.

Was können wir denn tun?

Ich möchte an dieser Stelle keine ins Einzelne gehende Anleitung geben, wie man auf Anzeichen sexueller Gewalt etwa bei Kindern im Kindergarten, in der Schule, im Kindergottesdienst oder im Konfirmandenunterricht reagieren sollte. Fachliche Hilfe findet man zum Beispiel bei einer der Beratungsstellen von Wildwasser oder des Kinderschutzbundes oder in einem Frauenzentrum oder auch in der entsprechenden Literatur. (66)

Was Annegret Böhmer von Lehrerinnen und Lehrern sagt, gilt genauso für Seelsorgerinnen und Seelsorger: Sie „sollten sich hüten, ihre Berufsrolle mit der von PsychotherapeutInnen zu verwechseln. Zu engagiertes Helfenwollen kann leicht zur Überforderung werden.“ (67) Manfred Zielke hält es sogar „für außerordentlich gefährlich, wenn nun alle an der ärztlichen und therapeutischen Versorgung beteiligten Gruppen sich selbst die Kompetenz zuschreiben, angemessen mit dieser Thematik umzugehen. Die besonderen Problemstellungen im Erkennen von Missbrauchserfahrungen und die Anforderungen an TherapeutInnen sind so immens, dass ich nur davor warnen kann, sich ohne sachliche Beratung und Betreuung dieser Aufgabe zu stellen.“ (68) In vorangegangenen Kapiteln wurde bereits deutlich, wie wichtig es ist, auch beim Helfen-Wollen die eigenen Grenzen zu beachten und selbstfürsorglich mit sich umzugehen (69) – nicht nur im Blick auf sich selbst, sondern auch im Blick auf die Ratsuchenden, denn es hilft niemandem, wenn wir vorschnell eine Verantwortung übernehmen, die wir irgendwann nicht mehr tragen können – und dann erlebt ein Mensch erneut eine Enttäuschung, er wird wieder einmal fallengelassen und verbucht es als seine eigene Schuld.

Das Drama-Dreieck: Verfolger, Retter und Opfer stehen an den Ecken eines Dreiecks, durch wechselseitige Pfeile miteinander verbundenWir müssen uns darüber klarwerden, in welcher Weise wir wirklich Verantwortung übernehmen können, statt nur aufgeregt und hilflos zu agieren. Um sich über die Dynamik klarzuwerden, die in einer Hilfesituation von verschiedenen Seiten ausgelöst wird, halte ich das Drama-Dreieck von Stephen Karpman (70) für ein geeignetes Modell, das davon ausgeht, dass in einer Situation, in der ein „Retter“ ein „Opfer“ vor einem „Verfolger“ schützen will, die Rollen sehr leicht und schnell vertauscht werden können, wenn im Verhalten des „Retters“ ihm unbewusste Impulse enthalten sind, die etwa den „Verfolger“ zum angeklagten „Opfer“ machen oder das „Opfer“ in eben dieser Opferrolle festnageln. Dadurch kann sowohl der „Verfolger“ als auch das „Opfer“ dazu veranlasst werden, nun ihrerseits den „Retter“ in eine „Opfer“-Position zu bringen, der dem sich nun als „Opfer“ fühlenden „Verfolger“ ungerechtfertigte Vorwürfe mache bzw. dem „Opfer“ zusätzliche Sekundärschädigungen zufüge. Die Dramatik dieser wechselnden Rollen ergibt sich daraus, dass sich in die verschiedenen auf der sozialen Ebene scheinbar eindeutigen Beziehungsgestaltungen zwischen Erwachsenen in den drei verschiedenen Rollen „Verfolger“, „Opfer“ und „Retter“ unbewusste Abhängigkeits- oder Herrschaftswünsche hineinmischen, die aus unbewältigten Problemen in der Kindheit der Beteiligten stammen. Wer im Drama-Dreieck „herumspringt“, neigt immer dazu, entweder überverantwortlich für andere oder an der Stelle anderer handeln zu wollen, oder unterverantwortlich die eigene Passivität und Hilflosigkeit überzubetonen und festzuschreiben.

Dietrich Stollberg nimmt in seinem Aufsatz über den Herrschaftsaspekt des Helfens auch Bezug auf das Drama-Dreieck, indem er es „Opfer-Täter-Retter-Phänomen“ nennt; allerdings steht in seinem Dreieck nur der „Retter“ oben, während im ursprünglichen Modell von Karpman doch auch der Verfolger aus der überverantwortlichen Oben-Position heraus handelt (71).

Mir fallen zu diesem Thema auch die Bemühungen des Deutschen Kinderschutzbundes ein, den Zusammenhang von „Schuld und Sühne“, der zur Strafverfolgung von Inzesttätern führt, zu ersetzen durch einen Zusammenhang von „Schuld und Verantwortung“ (72).

Petruska Clarkson hat dem Modell des „Drama-Dreiecks“ die Rolle des „Zuschauers“ hinzugefügt, der mit dem Drama als zunächst unbeteiligter Außenstehender konfrontiert wird und sich entscheiden muss, ob er handeln will oder nicht. Sie „unterstreicht die entscheidende Rolle des »Zuschauers«, der von seinem Standort aus die ganze Vorstellung überblicken kann. Wie wir aus der modernen Physik und Systemtheorie wissen, ist der Beobachter selbst ein Teil des zu beobachtenden Feldes.“ (73) Unmöglich ist es, nicht zu handeln: „Man kann nicht nicht wählen.“ (74) „Wer tatenlos zusieht, verleugnet die Verpflichtung und Verantwortung gegenüber anderen. Im übertragenen Sinn gesprochen: Zuschauer waschen ihre Hände in Unschuld wie Pontius Pilatus, indem sie wissentlich einem Unschuldigen einen Schaden zufügen, während sie öffentlich ihre Schuldlosigkeit betonen.“ (75) In der Art des Handelns sollte man sich aber der Fallen bewusst sein, in die man als Helfer hineinlaufen kann, wenn man in einer Art Eltern-Kind-Beziehung zu viel Verantwortung übernimmt.

Es kann zum Beispiel besser sein, einen Ratsuchenden auf kompetente Beratungsstellen oder Therapieeinrichtungen hinzuweisen, statt sich selber mit der Beratung zu überfordern.

Dennoch sollten wir nicht übersehen, wie wichtig es sein kann, dass auch gerade wir es sind, die sich Zeit nehmen, vor allem in den Fällen, in denen wir von Betroffenen direkt angesprochen worden sind. Dann müssen wir deutlich machen, was wir tun können und was nicht. Eins können wir in jedem Fall tun: aufmerksam sein, zuhören, wenn Menschen sich uns anvertrauen.

Unsere Aufgabe kann es sein, die Funktion des „wissenden Zeugen“ zu übernehmen, von der Alice Miller gesprochen hat (76). Ähnlich erinnert Petrusca Clarkson daran, dass „in einem tiefen Sinn der authentische »Beobachter« auch »der Zeuge« sein kann, wie einige Menschen in Nazi-Deutschland, die der Nachwelt Aufzeichnungen von den Greueltaten hinterließen.“ (77) Wilma Weiss schreibt: „Für das einzelne Kind ist die ErzieherIn, die es gestärkt hat, die es gemocht hat, der/die das Geheimnis kannte, auch ohne es ausgesprochen zu haben, die Energiequelle, an der es auftanken kann, die Kraftquelle, mit der es – vielleicht auch Jahre später – das Leiden beenden und heilen kann.“ Und sie nennt beispielhaft die folgende Erfahrung: „Eine Dreizehnjährige kommt zum Jugendamt, weil sie – ihres Vaters wegen – zu Hause weg will. Sie hatte die Kraft bei ihrer Lehrerin getankt. Die hatte alle zwei Wochen mit ihr Kakao getrunken. Sonst nichts“ (78).

Es gibt aber auch Aufgaben, die Christinnen und Christen, Seelsorgerinnen und Seelsorger ohnehin nicht an die Therapeutenschaft delegieren können: zum Beispiel deutlich zu machen, was uns der eigene Glaube bedeutet, wie wir uns von Gott getragen wissen und wie sehr es uns schmerzt, wenn auch Gott im sexuellen Missbrauch missbraucht wird. Ursula Enders weiß: „Bei der Arbeit mit sexuell missbrauchten Mädchen und Jungen geben auch professionelle BeraterInnen häufig den religiösen Bindungen des Opfers eine zu geringe Beachtung. Für viele Kinder war eine starke Bibelfigur ein positives Identifikationsmodell, die Lektüre des Gebetbuches gab ihnen Kraft und/oder das Gespräch im Religionsunterricht bzw. in der Pfarrgemeinde eine Orientierung.“ (79) Auch Ellen Bass und Laura Davis schreiben ein Kapitel über „Religion und Spiritualität“, die „eine Bereicherung deiner Heilung darstellen“ kann, „eine Quelle, aus der du Trost und Anregung schöpfen kannst.“ (80) Hier wird ein dringender Bedarf an echtem, gelebtem, bezeugtem Glauben angemeldet!

Wenn also kirchenleitende Persönlichkeiten in einer Zeit von Kirchenaustritten und knapper werdenden Geldern dazu aufrufen, dass unsere evangelische Kirche mit ihrem besonderen Zeugnis in der Öffentlichkeit „erkennbar“ werden soll – „und diese Zeugnisfähigkeit wächst mit der Freiheit zum Vertrauen auf Gottes Wort“-, dann kann man das nur kräftig unterstützen. So tat es der stellvertretende Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Hans-Helmut Köke, in einem Vortrag über die „Zukunft der Kirche“ auf der Dekanatssynode des Evangelischen Dekanats Alzey am 10.11.1995 in Gundersheim. „»Es ist zwar ebenso schwierig, über den Glauben zu reden wie über Liebe oder Sex, aber wir sollten es trotzdem wagen, weil der Glaube nicht nur Privatsache ist«, bemerkte Köke.“ (81)

Christliche Gemeinden sowie einzelne Christinnen und Christen könnten wirklich die Chance nutzen, eine seelsorgerliche, annehmende Atmosphäre überall dort zu schaffen, wo sie leben, so dass wir ansprechbar werden auch für körperlich und seelisch verletzte und missbrauchte Menschen.

Bereits 1877 wurde in den von Johann Hinrich Wichern herausgegebenen „Fliegenden Blättern“ in einem Artikel über die „Erziehung der Töchter des Arbeiterstandes“ angesichts des Jammers der „weiblichen Proletarier“, die zu Tausenden nur wählen konnten „zwischen dem nackten Elend des Hungers und dem gleißenden Elend der Sünde…, der Prostitution“, und deren „verschwiegenes Dulden… Gott allein sieht“, gefordert: „Hat denn die Kirche Christi keinen Reiz und keinen Halt für junge Herzen?… Wir müssen uns so halten und zu ihnen stellen, dass auch die Fehlenden und Gefallenen Herz und Vertrauen zu uns haben, um Rettung zu suchen und der vergebenden Christenliebe gewärtig zu sein.“ (82)

Predigerinnen und Predigern fällt die Aufgabe zu, das Thema des sexuellen Missbrauchs auch im Gottesdienst nicht auszusparen und sensibel zu werden für die Geschichten sowohl von Ausbeutung und Gewalt als auch von Hoffnung und Befreiung, die – manchmal nur zwischen den Zeilen – auch in der biblischen Tradition zu lesen sind. Auch manche mögliche Identifikationsfigur der Bibel muss vielleicht nur aus jahrhundertelanger Vergessenheit, Entstellung oder Verleumdung herausgeholt werden, um mit ihrer eigenen Art der Leidens- oder Glaubenserfahrung eine neue Ausstrahlung und Bedeutung für belastete und verletzte Menschen unserer Zeit zu gewinnen (83). „Wenn es stimmt, dass Religion und Kirche immer noch die Werte und Normen unserer Gesellschaft beeinflussen, kann auch die Kirche neue Leitbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit mit entwerfen. – Frauen in der Kirche haben diese Arbeit bereits aufgenommen. Wann wird ein Mann über respektvolle zärtliche Väterlichkeit predigen, wann erzürnt sich ein Theologe über Amnons Schandtat öffentlich, wann wird von der Kanzel aus über Angst vor Männern gesprochen werden?“ (84)

In einem Gedicht von Emily Levy, „Einhundertsiebenundfünfzig Arten, meine Inzest-Geschichte zu erzählen“, kommen auch die Zeilen vor:

„Erzähl es,
als hinge mein Leben davon ab.
… Erzähl es als Graffiti
Als Predigt.
… Als sei es immer noch verboten, die Worte auszusprechen.
Erzähl es, damit es nie wieder geschieht.“ (85)

Um auch in der Beziehung zu Missbrauchsopfern im Kontakt mit den eigenen Gefühlen bleiben und auf diese Weise kompetente Seelsorgearbeit leisten zu können, kommen wir als Pfarrerinnen und Pfarrer nicht ohne Supervision aus, denn in allen helfenden Berufen, die mit sexueller Gewalt zu tun haben, sind die emotionalen Belastungen nicht unerheblich: „Auch in uns als Therapeuten, Berater, Seelsorger und Freunde, die am Geschick eines Betroffenen Anteil nehmen, werden Gefühle ausgelöst, die mitunter nur schwer erträglich sind… Auch wenn wir uns den Opfern solcher Gewalt unterstützend zur Seite stellen und ihnen dabei behilflich sein wollen, »Wirklichkeit zurückzuerobern«…, so erleben wir uns selber dabei doch immer auch ein Stück weit als Täter: Sei es, weil wir durch das Gespräch an die schmerzenden alten Wunden rühren (müssen), sei es, weil wir voller Betroffenheit erkennen, dass wir diese furchtbare Realität bisher leichtfertig beiseite geschoben und nicht ernst genommen haben, sei es schließlich, weil wir erkennen, dass wir selbst – wider besseres Wissen und uns vielfach gar nicht bewusst – zur Aufrechterhaltung von Strukturen beitragen, die zu derartigen Formen von Gewalt führen.“ (86) An kirchlichen Geldern für die Supervision der SeelsorgerInnen zu sparen, hieße daher, am falschen Ende zu sparen.

Anmerkungen

(1) Zitiert nach Ursula Enders (Hg.), Zart war ich, bitter war’s. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten, Köln 1990, S. 43f.

(2) Annegret Böhmer, Prävention von sexuellem Missbrauch im Religionsunterricht. Bericht von einem Projekt Berliner Religionslehrerinnen, S. 445. In: Der evangelische Erzieher, 45. Jahrgang, Heft 4, 1993, S. 436-446.

(3) Karin Mettner, Sexuelle Ausbeutung von minderjährigen Mädchen und Jungen, Diplomarbeit im Fachbereich Sozialarbeit an der Fachhochschule Frankfurt am Main 1994, S. 27.

(4) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 223. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230. Er zitiert die ersten beiden Fälle aus Elly Danica, Nicht!, Verlag Frauenoffensive, München 1988, S. 61ff., den dritten nach Michelle Morris, Diesmal überlebe ich!, Orlanda Frauenverlag, Berlin 1988, S. 73.

(5) C. James Kasper, Roger C. Baumann and Jane Alford, Sexual Abusers of Children – The Lonely Kids, S. 132f. In: TRANSACTIONAL ANALYSIS JOURNAL, Volume 14, No. 2, 1984, S. 131-135. Das Zitat in der Originalsprache: “His grandfather, who was a minister, taught him a strict fundamentalist religious code which included many prohibitions against sexual activity. He showed him love, spending much time with him, teaching him skills in carpentry, taking him fishing and, in addiction, sexually abusing him… Love, nurturing, and closeness – almost absent from his relationship with his parents – were found together with sexual activity with his grandfather.“

(6) Ebenda: Jim “grew up in a middle-income environment, the oldest of six children on a midwestern farm. His parents were very religious and he was taught to believe that any sexual relationship, even thoughts about sex and masturbation, outside of marriage were wrong. His mother ignored him, while his father was strict, demanding, perfectionistic and cruel… He too was sexually abused by an aunt when he was six.“

(7) Mehr zu diesem Fragenkreis folgt im Kapitel: „Das Vertrauen zu Gott wiederfinden“.

(8) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 223. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(9) Reinhart Lempp, Misshandlung und sexueller Missbrauch, S. 591, wo er sich auf Fürniss bezieht. In: Christian Eggers, Reinhart Lempp, Gerhardt Nissen und Peter Strunk, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Berlin 1989, 587-593.

(10) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 224. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(11) Meves, Christa Meves, Die Ideologisierung des sexuellen Missbrauchs von Kindern, S. 329f. In: Katholische Bildung, 95. Jahrgang, Heft 7/8, 1994, S. 328-331.

(12) Zitiert nach Ursula Enders (Hg.), Zart war ich, bitter war’s. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten, Köln 1990, S. 26. Dort auch das folgende Zitat.

(13) Vgl. Rush 1985.

(14) Vgl. Finkelhor 1984.

(15) Zitiert nach Ursula Enders (Hg.), Zart war ich, bitter war’s. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten, Köln 1990, S. 28. Sie bezieht sich auf das Buch von Josephine Rijnaarts, Lots Töchter. Über den Vater-Tochter-Inzest, Düsseldorf 1988.

(16) Carl Marquit, Der Täter, Persönlichkeitsstruktur und Behandlung, S. 122. In: Lone Backe, Nini Leick, Joav Merrick und Niels Michelsen (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien, Köln 1986, S. 118-136.

(17) prima. Das kreative Ideen-Magazin, Heft 10, 1995, S. 93: „Mein Mann schaut heimlich Pornos“, mit Beiträgen von Prof. Dr. Norbert Kluge und Milan Nespor.

(18) Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e. V., „Let’s talk about sex“. Ein Sex-Heft für Jugendliche, Gesamtgestaltung und inhaltliche Gestaltung: Frank Herrath, Mainz 1993.

(19) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 224. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(20) Ebenda.

(21) Le Roy Ladurie, Montaillou. Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294-1324, Frankfurt 1989, S. 184.

(22) Ebenda, S. 197.

(23) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 224. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(24) Ineke Jonker, Intervention bei akutem sexuellem Missbrauch in der Familie unter Berücksichtigung der ungleichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen / Eltern und Kindern, S. 12. In: Schlangenbrut, 7. Jahrgang, Heft 25, 1989, S. 5-13.

(25) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 225. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(26) Hans Frör, Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn. Sexualität in der Bibel, S. 11. In: Unser Auftrag, Heft 12, 1994, S. 9-11.

(27) Manfred Josuttis, Gottesliebe und Lebenslust: Beziehungsstörungen zwischen Religion und Sexualität, Gütersloh 1994, S. 8.

(28) Ebenda, S. 40.

(29) Luise Schottroff, Das Gottesgeschenk der Sexualität. Eine Auslegung von Markus 10, 2-12, S. 136. In: Junge Kirche, 56. Jahrgang, Heft 3, 1995, S. 130-136.

(30) Wolfgang Bartholomäus, Eine moderne und erstrebenswerte Tugend. Keuschheit ist, wo Sexualität vergnügliche „Sprache der Liebe“ ist, S. 7. In: Unser Auftrag, Heft 12, 1994, S. 4-8.

(31) Lynn Margulis und Dorion Sagan, Geheimnis & Ritual. Die Evolution der menschlichen Sexualität. Aus dem Amerikanischen von Margit Bergner und Monika Noll, Berlin 1991, s. 14.

(32) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 226f. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(33) Jochen Kuhn, Das missbrauchte Gebot, S. 194. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 191-198.

(34) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 227. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(35) Helmut Barié, Zwischen Zärtlichkeit und Zerwürfnissen. Das Familienbild in Predigten, S. 361. In: Deutsches Pfarrerblatt, 93. Jahrgang, Heft 8, 1994, S. 360-361.

(36) Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 33, Apostolisches Schreiben Familiaris Consortio von Papst Johannes Paul II. über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1981. Außerdem: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 112, Brief Papst Johannes Paul II. an die Familien, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1994.

(37) Dr. Ottmar Fuchs, Überschätzt, überfordert, übervorteilt. Gedanken zur christlichen Familie, S. 26. In: Welt des Kindes, S. 26-31.

(38) Ebenda, S. 29f.

(39) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 227f. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(40) Annie Imbens-Fransen, Workshop Pastoraat en Incest, S. 53f. In: Werkschrift voor leerhuis & liturgie (Redaktie: Huub Oosterhuis / Kees Kok, Amsterdam), Jahrgang 7, Nr. 2, 1986/87, S. 53-54. Das Originalzitat lautet: „Een vrouw die… over haar ervaring (van incest) gaat praten, wordt eerder een uitgestotene in het gezin of de familie dan de dader… Ze krijkt dan ook vaak het advies om de dader te vergeven en daarmee de vrede in de familie te herstellen, die door haar praten over incest is verstoord.“

(41) Beate Christ-Ernst, Gott gibt neues Leben! Therapeutische Ansätze bei sexuellem Missbrauch, S. 30f. In Befreiende Wahrheit. Zeitschrift für Seelsorge und Christliche Therapie, Heft 4, 1995, S. 28-33.

(42) Ulrike Kopp, „Ich habe einfach keine Ahnung, wer ich bin“. Erfahrungen aus der Christlichen Therapie mit missbrauchten Frauen, S. 23. In: Befreiende Wahrheit. Zeitschrift für Seelsorge und Christliche Therapie, Heft 4, 1995, S. 20-25.

(43) Sexueller Missbrauch: Ohnmacht, Wut und das Ringen um Vergebung. Im Gespräch mit Roger Altman, S. 51. In: Befreiende Wahrheit. Zeitschrift für Seelsorge und Christliche Therapie, Heft 4, 1995, S. 48-51.

(44) Ellen Bass und Laura Davis, Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für missbrauchte Frauen. Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Ayche, Berlin 1992, S. 140f.

(45) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 228f. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(46) Beatrix Schiele, Gewalt und Gerechtigkeit, S. 128. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 121-128. Siehe auch das Kapitel dieser Arbeit: „Macht und Herrschaft in patriarchalen Verhältnissen“.

(47) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 229f. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(48) Zitiert nach Ursula Enders (Hg.), Zart war ich, bitter war’s. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten, Köln 1990, S. 223f.

(49) Sabine Rückert und Kuno Kruse, Der verlorene Hirte, S. 15. In: Die Zeit, 2. Juni 1995, S. 13-15.

(50) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 224. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(51) Rita Klemmayer, Wer schützt die Missbrauchten vor dem missbrauchten Gott derer, die sie missbrauchen? oder: Sexueller Missbrauch an Mädchen in christlichen Familien, S. 153. In: Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen, Villigster Forum: „Therapie, Interventionen u. Prävention bei sexuellem Missbrauch von Mädchen u. Jungen“, 24.-25.3.1990 in Haus Villigst, Schwerte 1991, S. 149-165.

(52) Karl Barth, Die Lehre von der Versöhnung, Erster Teil. In: Die Kirchliche Dogmatik, Vierter Band, Zollikon-Zürich 1953 (Band IV/1), S. 25.

(53) Jochen Kuhn, Der missbrauchte Gott. Zur sexuellen Kindesmisshandlung in christlichen Familien, S. 225. In: Reformierte Kirchenzeitung, Nr. 5, 1995, S. 223-230.

(54) Mathias Hirsch, Zur Psychodynamik und Familiendynamik realen Inzests, S. 231f. In: Forum der Psychoanalyse, Jahrgang 1, Heft 1, 1985, S. 223-238.

(55) Frauke Teegen unter Mitarbeit von Maren Beer, Brigitte Parbst und Sabine Timm, Sexueller Missbrauch von Jungen und Mädchen: Psychodynamik und Bewältigungsstrategien, S. 24. In: Margit Gegenfurtner und Wilfried Keukens (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Diagnostik – Krisenintervention – Therapie. Westarp Wissenschaften, Reihe: Sozialpädagogik und Psychologie, Band 4, Essen 1992, S. 11-31.

(56) Annie Imbens and Ineke Jonker, Christianity and Incest. A translation by Patricia McVay of „Godsdienst en incest“, Amensfoort, Niederlande 1985. Burns & Oates, Great Britain 1992.

(57) Von Ineke Jonker, Intervention bei akutem sexuellem Missbrauch in der Familie unter Berücksichtigung der ungleichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen / Eltern und Kindern, S. 11. In: Schlangenbrut, 7. Jahrgang, Heft 25, 1989, S. 5-13, ist mir bekannt, dass sie ab „1982 mit Frauen aus der »Vereinigung gegen sexuelle Kindesmisshandlung in der Familie«“ arbeitete.

(58) Faltblatt „Tot spreken wil ik jou horen“. Godsdienst & seksueel geweld. Informatie. Folder van de „Stichting Pastoraat & Seksueel Geweld“ Noord Holland, Haarlem, S. 2. Das Originalzitat lautet: „Juist voor vrouwen die gelovig zijn opgevoed is het verwerken van die ervaringen (van incest/seksueel geweld) extra moeilijk. Bij reguliere hulpverlening is geloofsbeleving nauwelijks bespreekbaar en in kerken is het praten over seksualiteit vaak nog een taboe… – De vrouw- en geloofsbeweging heeft de samenhang tussen seksueel geweld en godsdienst aan het licht gebracht en aangetoond dat ongelijke machtsverhoudingen hierbij een rol spelen. – De Stichting Pastoraat en Seksueel Geweld heeft daarom gekozen voor een tweesporen-beleid: enerzijds het opvangen en begeleiden von vrouwen met een seksueel geweld ervaring, anderzijds het aanspreken van kerken op hun eigen verantwoordelijkheid hierin.“

(59) Annie Imbens-Fransen, Workshop Pastoraat en Incest, S. 53. In: Werkschrift voor leerhuis & liturgie (Redaktie: Huub Oosterhuis / Kees Kok, Amsterdam), Jahrgang 7, Nr. 2, 1986/87, S. 53-54. Das Zitat lautet in der Originalsprache: „Allereerst wordt nog altijd geprobeerd incest te ontkennen en dood te zwijgen. Dat gebeurt in… parochies en gemeenten. „Kan je die cijfers bewijzen?“… vrouwenverenigingen: „Je kunt beter niet over incest praten, want daar hebben de vrouwen die naar die avond komen geen behoefte aan. Dat zijn overwegend oudere vrouwen en religieuzen en die hebben die ervaring niet.“

(60) Befreiende Wahrheit. Zeitschrift für Seelsorge und Christliche Therapie, Heft 4, 1995.

(61) Virginia R. Mollenkott, Gott eine Frau? Vergessene Gottesbilder der Bibel, München 1984, S. 9.

(62) Helmut Barié, Zwischen Zärtlichkeit und Zerwürfnissen. Das Familienbild in Predigten, S. 361, Anm. 9. In: Deutsches Pfarrerblatt, 93. Jahrgang, Heft 8, 1994, S. 360-361.

(63) John O. Stevens, Die Kunst der Wahrnehmung. Übungen der Gestalttherapie, München 1977, S. 48f.

(64) Diana Ecker, Bettina Graf, Sigurd Mempel, Brigitte Scheidt und Helga Tempel-Griebe, Ausgewählte Problembereiche in der Behandlung sexuell missbrauchter und vergewaltigter Frauen im Rahmen eines stationären Settings: Diagnostische Aspekte, gruppentherapeutische Erfahrungen und Probleme der BehandlerInnen, S. 120 und 122. In: Praxis der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation, Heft 14, 1991, S. 116-124.

(65) So zitiert Udo Rauchfleisch, Psychoanalyse und theologische Ethik. Neue Impulse zum Dialog, Freiburg im Breisgau 1986, S. 98, „Helga Saller in ihrem Vortrag am ersten Schweizerischen Kongress über die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in der Familie in Bern, 1987.“

(66) Zur Frage „Was kann ich tun?“, wenn ich von betroffenen Kindern erfahre, empfehle ich vor allem die folgendenvier Titel:

  • Ursula Enders (Hg.), Zart war ich, bitter war’s. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten, Köln 1990,Titel:
  • Mechthild von Luxburg, Und bist du nicht willig… Gewalt und sexueller Missbrauch von Kindern in Familie und Gesellschaft. In: Richard Riess und Kirsten Fiedler (Hg.), Die verletzlichen Jahre. Handbuch zur Beratung und Seelsorge an Kindern und Jugendlichen, Gütersloh 1993, S. 302-322.
  • Das Baugerüst. Zeitschrift für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der evangelischen Jugendarbeit und außerschulischen Bildung, Heft 4, 1992. Themenheft: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen.
  • Welt des Kindes, Zeitschrift für Kleinkindpädagogik und außerschulische Erziehung, 70. Jahrgang, Heft 3, 1992, Themenheft: Kinder: missachtet, misshandelt, missbraucht.

Für Erwachsene ist als Selbsthilfebuch zu empfehlen:

  • Ellen Bass und Laura Davis, Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für missbrauchte Frauen. Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Ayche, Berlin 1992.

Aufsätze zu verschiedenen Themen von der Verleugnungsarbeit bis zur Tätertherapie bringen von entgegengesetzten Ansätzen her die beiden folgenden Handbücher:

  • Gabriele Ramin (Hg.), Inzest und sexueller Missbrauch. Beratung u. Therapie. Ein Handbuch, Paderborn 1993 (sowohl feministische als auch familienorientierte Konzeptionen).
  • Katharina Rutschky und Reinhart Wolff, Handbuch Sexueller Missbrauch, Hamburg 1994 (von dem Verdacht geprägt, dass „Missbrauch mit dem Missbrauch“ getrieben wird).

(67) Annegret Böhmer, Prävention von sexuellem Missbrauch im Religionsunterricht. Bericht von einem Projekt Berliner Religionslehrerinnen, S. 442. In: Der evangelische Erzieher, 45. Jahrgang, Heft 4, 1993, S. 436-446.

(68) Manfred Zielke, Sexueller Missbrauch: Das stille Leiden als besondere Herausforderung an Selbsthilfegruppen, Psychotherapeuten und Ärzte, S. 82. In: Praxis der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation, Heft 14, 1991, S. 76-82.

(69) Siehe das Kapitel dieser Arbeit: „Überverantwortlichkeit und Bedürfnisbefriedigung“.

(70) Stephen B. Karpman, Fairy Tales and Script Drama Analysis. In: Transactional Analysis Bulletin, Selected articles from volumes 1 through 9, 1968, S. 51-56. Leider fehlt in der Kopie, die ich 1984/85 in der transaktionsanalytischen Studiengruppe „Zentrale Konzepte der Transaktionsanalyse“ mit Thomas Weil in Frankfurt am Main erhielt, die Seitennummer.

(71) Dietrich Stollberg, Helfen heißt Herrschen. Zum Problem seelsorgerlicher Hilfe in der Kirche. In: Wort und Dienst. Jahrbuch der Kirchlichen Hochschule Bethel, Neue Folge, 15. Band, Bielefeld 1979. S. 170f.

(72) Wilhelm Brinkmann, Sexuelle Gewalt gegen Kinder und wie der Deutsche Kinderschutzbund damit umgehen kann, S. 20. In: Deutscher Kinderschutzbund, Bundesverband e. V., Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Ursachen, Vorurteile, Sichtweisen, Hilfsangebote. Hannover 1987, S. 7-26.

(73) Petruska Clarkson, The Bystander Role, S. 86. In: TRANSACTIONAL ANALYSIS JOURNAL, Volume 17, No. 3, 1987, S. 82-86. Das Originalzitat lautet: “This article highlights the crucial role of the Bystander, who is in a position to see the whole performance. As we know from modern physics and systems theory, the observer is part of the field.“

(74) Ebenda, S. 85: “One cannot not choose.“

(75) Ebenda, S. 85. “Bystanding is predicated upon the denial of obligation and responsibility for others. Metaphorically, Bystanders wash their hands, as did Pontius Pilate, knowingly condemning an innocent to harm while publicly claiming guiltlessness.“

(76) Annegret Böhmer, Prävention von sexuellem Missbrauch im Religionsunterricht. Bericht von einem Projekt Berliner Religionslehrerinnen, S. 442. In: Der evangelische Erzieher, 45. Jahrgang, Heft 4, 1993, S. 436-446.

(77) Petruska Clarkson, The Bystander Role, S. 85. In: TRANSACTIONAL ANALYSIS JOURNAL, Volume 17, No. 3, 1987, S. 82-86: “In a profound sense the authentic »looker on« can be »the witness«, as were some people in Nazi Germany who made drawings of the atrocities for posteriority.“

(78) Wilma Weiss, Was tun? Möglichkeiten und Grenzen der Hilfestellung gegen sexuelle Gewalt, S. 34. In: Kindergarten heute, 25. Jahrgang, Heft 7/8, 1995, S. 26-34.

(79) Zitiert nach Ursula Enders (Hg.), Zart war ich, bitter war’s. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten, Köln 1990, S. 223.

(80) Ellen Bass und Laura Davis, Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für missbrauchte Frauen. Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Ayche, Berlin 1992, S. 148.

(81) Den Glauben an Gott nicht als Privatsache begreifen. Dekanatssynode Alzey tagte / Oberkirchenrat ermuntert dazu, vom Leben mit der Religion zu berichten. Zeitungsartikel von Norbert Schütz (Kürzel „nos“). In: Allgemeine Zeitung Alzey, 16. November 1995, S. 11.

(82) Die Erziehung der Töchter des Arbeiterstandes in Stadt und Land (ohne Autorenangabe), S. 350 und 354f. In: Fliegende Blätter aus dem Rauhen Hause zu Horn bei Hamburg. Organ des Central-Ausschusses für die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche (herausgegeben von Dr. theol. Johann Hinrich Wichern und Prediger Friedrich Oldenberg), No. 11, 1877, S. 339-358.

(83) Siehe die Kapitel dieser Arbeit, in denen ich das mit Batjah, der Tochter Jeftahs, und mit den Töchtern Lots versuche.

(84) Brunhild Schmidt, Zur Entstehung und Zielsetzung des Villigster Forums, S. 10. In: Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen, Villigster Forum: „Therapie, Interventionen u. Prävention bei sexuellem Missbrauch von Mädchen u. Jungen“, 24.-25.3.1990 in Haus Villigst, Schwerte 1991, S. 7-10.

(85) Linda Alcoff und Laura Gray, Der Diskurs von „Überlebenden“ sexueller Gewalt: Überschreitung oder Vereinnahmung?, S. 128. In: Klaus Holzkamp u. a. (Hg.), Sexueller Missbrauch: Widersprüche eines öffentlichen Skandals, Forum Kritische Psychologie, Hamburg 1994, S. 100-135. Siehe auch meine Predigt über 1. Mose 19 – „Lots Töchter“.

(86) Udo Rauchfleisch, Psychoanalyse und theologische Ethik. Neue Impulse zum Dialog, Freiburg im Breisgau 1986, S. 99.

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