Demut ist Vertrauen zu Gott

Leider gibt es Menschen, die schon ihren kleinen Kindern das Lebensgesetz vermitteln: Entweder du nimmst, was du kriegen kannst, oder du gehst leer aus. Eine teuflische Lebenshaltung – Fressen oder Gefressenwerden! Bei Gott ist es anders: ich darf essen, ich darf wünschen, ich darf etwas brauchen – ja, ich habe ein Recht dazu, und ich muss dabei niemandem etwas wegnehmen.

Eine Kinderhand fasst den Finger einer Erwachsenenhand

Wie schön, wenn Kinder im Vertrauen zu ihren Eltern aufwachsen können! (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 15. Sonntag nach Trinitatis, den 27. September 1992, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Ich begrüße Sie herzlich in unserer Klinik-Kapelle! Wie mögen Sie heute hierher gekommen sein? Mit leichtem und frohem Herzen? Oder eher bedrückt und mit Sorgen beladen? Oder mit ganz gemischten Gefühlen? Wie auch immer Sie gestimmt sind heute morgen – Sie alle sind herzlich willkommen, jeder gehört dazu, jede Frau, jeder Mann ist ein Teil der Gemeinde Jesu hier in der Kirche.

Und das Thema, um das sich heute alles dreht, das sind die Sorgen, die wir uns machen. Petrus sagt einmal (1. Petrus 5, 7):

Alle eure Sorge werft auf [Gott]; denn er sorgt für euch!

Aber ob das so einfach geht? Schauen wir uns das einmal genau an, was die Bibel dazu sagt; vielleicht lernen wir es, Gott gut für uns sorgen zu lassen.

Zu Beginn singen wir ein Lied von der guten Sorge Gottes um uns Menschen – Lied 292, 1-3+6:

1) In allen meinen Taten lass ich den Höchsten raten, der alles kann und hat; er muss zu allen Dingen, solls anders wohl gelingen, mir selber geben Rat und Tat.

2) Nichts ist es spät und frühe um alle meine Mühe, mein Sorgen ist umsonst. Er mags mit meinen Sachen nach seinem Willen machen, ich stells in seine Vatergunst.

3) Es kann mir nichts geschehen, als was er hat ersehen und was mir selig ist. Ich nehm es, wie ers gibet; was ihm von mir beliebet, dasselbe hat auch ich erkiest.

6) Leg ich mich späte nieder, erwach ich frühe wieder, lieg oder zieh ich fort, in Schwachheit und in Banden und was mir stößt zuhanden, so tröstet mich allzeit sein Wort.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Im Psalm 127 fragt sich ein betender Mensch des Volkes Israel, was es denn eigentlich nützt, wenn man sich zu viele Sorgen macht. Muss man sich überhaupt Sorgen machen, wenn man lernt, auf Gott zu vertrauen?

1 Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.

2 Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; / denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Ach, Gott im Himmel, täglich stürmen neue Sorgen auf uns ein. Manchmal wird es uns wirklich zu viel. Und du sagst, wir müssen uns keine Sorgen machen. Wir dürfen alle Sorgen auf dich werfen. Dürfen wir wirklich ruhig schlafen – und du wirst schon dafür sorgen, was wir brauchen? Dürfen wir uns wirklich beruhigen, indem wir es lernen, dir zu vertrauen? Es fällt so schwer, das zu glauben, lieber Vater! Immer wieder will unser Unglaube, unser Misstrauen, unsere Angst sich durchsetzen gegen dich. Herr, wir glauben, hilf unserem Unglauben! Lass uns immer mehr lernen, unser Vertrauen auf dich zu setzen! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Im Evangelium nach Matthäus 6 steht etwas sehr Schönes, was Jesus über das Sich-Sorgen-Machen gesagt hat:

25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen das Lied 214 aus dem roten Liederheft – von dem Gott, der die ganze Welt und auch uns selbst in seiner Hand geborgen und lieb hält:

Er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Sonne und den Mond in der Hand, er hält den Wind und den Regen in der Hand, er hält die Erde und das Meer in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Blumen und die Bäume in der Hand, er hält die Vögel und die Fische in der Hand, er hält die Hasen und die Hunde in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die vielen, vielen Menschen in der Hand, er hält die Schwarzen und die Weißen in der Hand, er hält die Kranken und Gesunden in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Armen und die Reichen in der Hand, er hält die Bösen und die Guten in der Hand, er hält die Kleinen und die Großen in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält das winzigkleine Baby in der Hand, er hält auch mich und dich in der Hand, er hält uns alle miteinander in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir 1. Petrus 5, 5-11:

5 Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.

9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.

11 Ihm ist die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde!

Kann Gott uns denn wirklich helfen, wenn wir von Sorgen geplagt sind? Wenn manchmal Tag für Tag neue Anforderungen oder schlechte Nachrichten auf uns einstürmen und uns nicht zur Ruhe kommen lassen? Wenn immer wieder die gleichen trüben Gedanken uns heimsuchen, die sich fortwährend im Kreise drehen?

Wie schön wäre es doch, wenn das wirklich stimmen würde: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ Wie schön, wenn wir das spüren, fühlen, wirklich erleben könnten: Einer ist für uns da, nimmt uns ein Stück Verantwortung ab, so wie es gute Eltern für ihre Kinder tun.

Aber stattdessen haben die meisten unter uns das Gegenteil gelernt: Jeder ist sich selbst der Nächste, man muss stark sein und sich zusammenreißen, für die eigenen Sorgen interessiert sich doch keiner.

Und nun kommt unser Predigttext und behauptet: Gott sorgt für euch! Ladet eure Sorgen bei ihm ab! Es gibt Dinge, die müssen euch nicht belasten! Das klingt so ungewohnt, das ist kaum zu glauben. Die Sorgen auf Gott werfen – darf man das denn überhaupt? Darf man Gott denn mit all dem Durcheinander belästigen, das man manchmal innen drin in seiner Seele hat?

Ja, das darf man. Man darf es wirklich. Aber dann bleibt die zweite Frage: Wie kann man das? Einfach seine Sorgen wegwerfen, als würde man sie auf den Müll schmeißen – geht das denn?

Unser Text meint, man muss schon auch etwas lernen, wenn man seine Sorgen auf Gott werfen will. „Demut“ müssen wir lernen, meint der Text. Vor diesem wichtigen Satz: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“, da lesen wir einen ganzen Abschnitt, in dem dreimal das Wort „Demut“ oder „sich demütigen“ vorkommt. Aber was ist das: „Demut“?

„Demut“ – das ist auch eins von diesen oft missbrauchten und falsch verwendeten Wörtern. Viele verstehen „Demut“ so: sich immer zurückstellen, sich selber ja nicht zu wichtig nehmen, sich möglichst unauffällig benehmen, sich kleiner machen als man ist. Und „Sich demütigen“, das hieße dann: keine Rechte beanspruchen, keine Wünsche äußern, sich erniedrigen, sich unterordnen unter einen fremden Willen. Nein, sage ich dazu, wer uns Demut in dieser Weise lehrt, der irrt, der versteht überhaupt nicht, was die Bibel sagen will.

Es ist ein schwieriges Wort, dieses Wort „Demut“. Vielleicht verstehen wir es besser, wenn wir sehen, was das Gegenteil der Demut ist: nämlich der Hochmut. „Gott widersteht den Hochmütigen“. Im Psalm 131, 1-2, wird diese Haltung der Demut in einem Gebet sehr schön ausgedrückt:

HERR, mein Herz ist nicht [hochmütig], und meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht um mit großen Dingen, die mir zu wunderbar sind. Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.

In diesem Psalm wird die Demut einfach verglichen mit der Haltung eines Kindes, das sich bei seiner Mutter geborgen fühlt. Es weiß einfach: Ich brauche die Mutter, ich kann ohne sie nicht leben. Ich muss noch nicht erwachsen sein, ich muss noch nicht alles allein können. Ich darf schwach sein, ich darf Bedürfnisse und Wünsche haben, ich darf mir Zeit lassen, groß zu werden.

Von dieser Haltung können auch wir Erwachsenen lernen: Wir müssen nicht immer alles im Griff haben – denn es gibt Gott, der uns in seiner Hand festhält, was auch immer geschieht. Wir sind zwar verantwortlich für das, was wir tun und lassen, aber wir müssen nicht immer alles allein schaffen, wir können uns auch Hilfe suchen, wir dürfen auch einmal schwach sein und uns jemandem anvertrauen.

Von diesem Vertrauen gibt es ein schönes neueres Lied, das ich mit Ihnen singen möchte, bevor die Predigt weitergeht, es steht im Liederbuch unter Nummer 227:
Ich möcht, dass einer mit mir geht

Aber warum, liebe Gemeinde, ist es so schwer, Demut zu lernen? Warum fällt es so schwer, sich jemandem anzuvertrauen und die eigenen Sorgen ein Stück weit loszulassen? Vielleicht darum, weil es ja auch ein gutes Gefühl ist, auf niemandem angewiesen zu sein. Ist man nicht auch gerne stolz auf sich selbst? Möchte man nicht zu sich selbst sagen können: Ich schaffe das schon allein! Ich brauche keine Hilfe! Es kümmert sich eh keiner um mich, also soll mir auch keiner zu nahe kommen! ?

Sehr demütigend kann es einem vorkommen, wenn man in seinem Leben dann irgendwann einfach nicht mehr „kann“: nichts geht mehr, die Kräfte sind einfach weg, es hilft alles nichts – man muss umlernen, man muss zugeben, schwach zu sein, sich aus eigener Kraft nicht mehr helfen zu können, man muss auftanken, man muss lernen, sich endlich einmal selbst etwas Gutes zu gönnen. Das kratzt ganz schön am eigenen Selbstwertgefühl – denn man hatte ja gelernt: Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste, wenn ich immer für andere da bin. Und jetzt geht das nicht mehr. Bin ich jetzt nichts mehr wert? Darf ich auf nichts mehr stolz sein?

Wissen Sie, es gibt zwei grundverschiedene Formen von Selbstachtung, von Stolzsein auf sich selbst. Ich denke an ein Kind, die Eltern haben es lieb, sie helfen ihm, sie trauen ihm etwas zu. Sie überfordern es nicht, aber sie verlangen auch etwas von ihm. Sie lassen es Dinge tun – und sie helfen auch, wo das Kind es alleine noch nicht schafft. Und wenn das Kind Fortschritte macht, wenn es etwas geschafft hat, dann sagen die Eltern: Toll, was du kannst! Und das Kind kann stolz auf sich sein. Auch wenn es noch nicht alles kann. Auch wenn es immer wieder Hilfe braucht.

Und dann denke ich an ein anderes Kind. Es spürt wenig davon, dass die Eltern es lieb haben. Die Eltern haben viel zu wenig Zeit. Das Kind muss Rücksicht nehmen, darf nicht zu viel verlangen, sonst wird es überhaupt nicht mehr beachtet oder sogar bestraft. Um überhaupt durchs Leben zu kommen, muss es schon früh lernen, allein zurechtzukommen. Es muss ja stark sein, und irgendwie ist es auch stolz darauf. Aber diese Art Stolz fühlt sich nicht so schön an wie der andere. Ein einsamer Stolz. Ein Stolz, der nur Kraft kostet und keine Fehler und keine Schwächen erlaubt. Diese Art Stolz verträgt sich nicht mit der Demut, weil alles zusammenbricht, wenn man merkt, dass man nicht alles allein schafft. Diese Art von Stolz muss mit aller Macht gegen jede Demütigung ankämpfen.

Die erste Art Stolz verträgt sich aber gut mit der Demut. Ich kann etwas, aber ich muss nicht alles können. Manches schaffe ich allein, aber ich muss nicht alles allein schaffen. Ich kann stolz auf eine Leistung sein, aber ich bin nicht nur etwas wert durch meine Leistungen. Schon vorher, bevor ich irgendetwas leisten und schaffen kann, habe ich ein Recht, dazusein, zu leben, glücklich zu sein. Warum? Weil Gott da ist, Gott, der uns gewollt, geplant, geschaffen hat, Gott, der uns lieb hat und nie aufhört, uns zu lieben.

Was ist nun also Demut? Ich glaube, Demut ist eigentlich nur ein anderes Wort für das Vertrauen zu Gott. Demütig sind wir, wenn wir das für uns selber annehmen können: Gott hat mich lieb! Und hochmütig wären wir, wenn wir sagen würden: Ich brauche Gottes Liebe nicht, ich bin alleine immer stark genug.

Merken Sie? Demut hat nichts damit zu tun, dass wir uns wie ein Dreck fühlen müssten. Gott will uns nicht demütigen im Sinne von: erniedrigen oder unterdrücken. Nein, Demut ist im Gegenteil etwas sehr Schönes – eine Art kindliches Vertrauen zu dem Vater im Himmel, in dessen Augen wir unendlich viel wert sind, auch wenn wir Fehler machen, auch wenn wir nicht immer stark sind.

Die Hand Gottes mag uns gewaltig erscheinen, und viele Menschen haben Angst vor Gott, würden am liebsten vor ihm fliehen, weil sie denken, dass er uns strafen will, dass er uns nicht so akzeptiert, wie wir sind. Aber wir müssen nicht vor ihm fliehen, wir können uns vielmehr jederzeit zu ihm hin flüchten, uns bergen in seinen starken Armen, denn er liebt uns gerade so, wie wir sind. Vor ihm müssen wir uns nicht verstecken und verstellen, und mögen wir uns auch schämen vor ihm und uns unendlich klein vorkommen in seinen Händen – er will uns trotzdem nicht niedermachen, will uns nicht kleinhalten, sondern er will uns „erhöhen zu seiner Zeit“, wie es da heißt; mit anderen Worten wird es am Schluss des Abschnitts später noch einmal gesagt: er will uns „aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.“

Ein altes Lied von der Geborgenheit in Gott ist das Lied 294 im Gesangbuch; daraus singen wir jetzt – indem wir die Predigt noch einmal unterbrechen – die Strophen 1 bis 2 und 4 bis 5:

1) Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

2) Dem Herren musst du trauen, wenn dirs soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

4) Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dirs nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.

5) Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn; was er sich vorgenommen und was er haben will, das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel.

Liebe Gemeinde, ich glaube, es ist schon deutlich geworden: Leicht ist das nicht, eine Lebenshaltung zu ändern, die uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Leicht ist es nicht, vertrauen zu lernen, wenn man immer misstrauisch sein musste, wenn man sich gegen immer neue Enttäuschungen zur Wehr setzen musste. „Alle eure Sorge werft auf Gott; denn er sorgt für euch“ – das will wirklich erst gelernt sein, und ich denke, dass kein Christ jemals fertig ist mit Lernen. Wenn ich an mich selber denke – auch ich bin nicht frei davon, mir Sorgen zu machen, manchmal auch unnötige Sorgen. Wie schwer ist es, gelassen zu bleiben und zu sagen: Was ich nicht ändern kann – Gott, gib mir Kraft es zu ertragen! Und was ich ändern kann – Gott, zeig mir, was ich tun kann und wer mir dabei helfen kann!

Ja, Vertrauen und Demut zu lernen, ist schwer. Und wenn man wirklich anfängt, ein paar neue Schritte zu gehen – vielleicht gönnt man sich etwas, vielleicht lässt man mal Fünfe gerade sein, vielleicht lässt man sich einmal gehen und gibt zu, dass man nicht stark ist – dann ist es manchmal so, als ob man dafür sofort bestraft wird. Man hat ein schlechtes Gewissen, es ist, als würden bestimmte Gestalten oder Stimmen der Vergangenheit plötzlich auftreten und drohen: Was fällt dir ein! Was tust du da! Du bist böse, das darfst du doch nicht!

An so etwas denke ich, wenn ich in unserem Predigttext die Mahnung lese: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.“ Ich sage ganz deutlich: Ich glaube nicht, dass der Teufel mit Pferdefuß und Hörnern, so wie er im Märchen dargestellt wird, plötzlich uns leibhaftig begegnen könnte. Das gibt es nicht. Aber es gibt manchmal in der Seele eines Menschen solche starken Kräfte, solche bösen Stimmen, so eine fast übermenschlich scheinende Gewalt, die einen mit aller Macht kaputtmachen wollen und nicht erlauben wollen, dass man einen guten, neuen Weg findet.

Gott will, dass wir leben. Gott hat uns lieb. Von Gott her haben wir ein Recht, zu leben, ganz ohne Vorleistungen. Und wir – diese vielen Menschen – sind gemeinsam auf der Welt, weil wir nun einmal nicht als Einzelgänger geschaffen sind, sondern damit wir uns auch gegenseitig helfen und liebhaben lernen. Aber leider gibt es viele Menschen, auch viele Eltern, die schon ihren kleinen Kindern ein ganz anderes Lebensgesetz vermitteln: Entweder du nimmst dir, was du kriegen kannst, oder du gehst leer aus. Fressen oder Gefressenwerden, Sich-Durchsetzen oder Untergehen. Und ich denke, das ist eine wirklich schlimme, böse, teuflische Lebenshaltung – entweder ich muss den anderen verschlingen oder ich werde verschlungen.

Bei Gott ist es anders: ich darf essen, ich darf wünschen, ich darf etwas brauchen – ja, ich habe ein Recht dazu, und ich muss dabei niemandem etwas wegnehmen. Manches wird mir geschenkt, so wie ein kleines Kind gefüttert wird, manches kann ich später erarbeiten, so wie man im Beruf seinen Lebensunterhalt verdient, manches bekomme ich, auch wenn ich nicht mehr arbeiten kann, zum Beispiel eine Rente; und manches bekomme ich dann, wenn ich darum bitte, z. B. ein Gespräch, wenn ich mich über meine Sorgen einmal aussprechen will.

Unser Text fordert uns jedenfalls auf, den bösen Stimmen zu widerstehen, die uns an Gott irremachen wollen. „Dem Bösen widersteht, fest im Glauben“, ja, lasst das Vertrauen in euch wachsen, es braucht Zeit. Geduld braucht ihr, und ihr müsst auch damit rechnen, dass es weh tut, wenn ihr euer Leben anders einrichten wollt, wenn ihr plötzlich spürt, dass ihr Gefühle habt, Sehnsüchte, Wünsche, Träume. Das geht nicht anders, jedem geht es so, der anfängt, zu vertrauen, der auf Gott ein neues Leben aufbaut; und der Text drückt das so aus: „und wisst, dass ebendieselben Leiden auch über die anderen Christen in der Welt gehen.“ Es mag ein schwacher Trost sein, zu wissen, dass es anderen auch schlecht geht. Aber vielleicht hilft es ein bisschen, zu wissen: Das ist keine Strafe für mich, weil ich nicht in Ordnung wäre, es geht nicht nur mir so, dass ich ohne eigenes Verschulden leide, ich muss da durch, wie so viele andere auch, und ich kann mir Hilfe suchen, um diesen schwierigen Weg durchzustehen.

Ja, es gibt Hilfe. Nicht, um alle Angst und Traurigkeit einfach so wegzuwischen, nein, das geht nicht, aber in Angst und Traurigkeit müssen wir nicht immer allein sein. Es gibt Menschen, denen wir uns anvertrauen können, und es gibt Gott. Unser Text spricht überschwenglich von der Hoffnung, die wir auf Gott setzen können: „Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.“ Hier wird noch einmal bestätigt: Gott will uns wirklich nicht demütigen im Sinne von Kleinhalten und Unterdrücken, nein, er will, dass wir aufrecht gehen können, dass wir in der Schwachheit auch wieder gestärkt werden, dass wir neue Kräfte tanken können, dass wir festen Boden unter den Füßen bekommen. All das ist möglich – und das Zauberwort, das dies möglich macht, ist: Vertrauen! Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut. Denn von ihm her ist alles da, was es gibt; er hat das ganze Weltall ins Leben gerufen, keine Macht ist mächtiger als Gott. Und daher schließt unser Text auch mit den Worten: „Ihm ist die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ Darauf lasst uns sagen: „Amen!“ Denn weil Gott die Macht der Liebe ist, müssen wir nicht ohne Liebe und Vertrauen leben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Aus dem Lied, das wir vorhin zu singen begonnen haben, Nr. 294, singen wir nun die Strophen 6 bis 8:

6) Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

7) Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll; Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

8) Ihn, ihn lasst tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

Vater im Himmel, es ist so schwer, das Vertrauen zu dir zu lernen. Einfach darauf zu bauen, dass du da bist und uns lieb hast und unserem Leben Sinn und Halt gibst. Die bösen Stimmen und Mächte in uns und in der Welt wollen immer das Gegenteil behaupten: Es hat ja doch alles keinen Sinn, und Liebe gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Und wenn wir es wagen, zu vertrauen, dann tut plötzlich alles so weh: Alles, was wir neu spüren, fühlen, alles, woran wir uns erinnern, was früher so schrecklich war, alles, was wir so lange entbehrt haben, wonach wir nie aufgehört haben, uns zu sehnen. Trotz allem: hilf uns, Gott, diesen Weg des Vertrauens zu gehen! Lass uns bei dir geborgen sein! Hilf uns, alle unsere Sorgen auf dich zu werfen! Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Liederheft 210: Ihr seid das Volk, das der Herr sich ausersehn

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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