Gott erwählt, was schwach ist

Wir erweisen einem Langzeitpatienten, der Jahrzehnte seines Lebens auf Behandlung, Betreuung und Pflege angewiesen war und in der Klinik verstorben ist, die letzte Ehre.

Gott erwählt, was schwach ist: Ein Mann, stilisiert gezeichnet als Außenhülle, hockt mit den Händen vor dem Gesicht vor einem schwarzen Hintergrund

Ein Mensch im Dunkel seiner psychischen Krankheit (Bild: pixabay.com)

Orgelvorspiel: „Befiehl du deine Wege“
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir haben uns hier versammelt, um Herrn U. zu Grabe zu tragen, der im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Gott im Himmel, der Du uns nahe bist hier auf Erden, wir bringen vor Dich, was uns bewegt, Erinnerungen, Gefühle, Gedanken.

Ein Mensch ist gestorben, den ich nicht gekannt habe, von dem mir nur einiges erzählt wurde von den Angehörigen, und auf der Station, oben in der Klinik.

Viele Menschen sind ihm begegnet, früher zu Hause, und dann die ganzen Jahre in der Klinik. Sie haben ein kleines oder großes Stück seines Lebens mit ihm geteilt. Aber war sein Leben erfüllt? Wo war der Sinn in diesem Leben? Ratlos und betroffen stehen wir vor diesem Menschenschicksal.

Wir erweisen ihm heute die letzte Ehre. Wir nehmen von ihm Abschied. Wir bekunden, dass Herr U. so wichtig ist, dass wir uns diese Zeit nehmen für seine Beerdigung. Und vor allem: Er ist so wichtig für Gott, dass er auch im Tode nicht verloren geht.

Worte der Bibel können uns helfen, unsere Gedanken und Gefühle zu klären, auszudrücken, zu ordnen. So beten wir mit Worten aus Psalm 73:

1 Gott ist dennoch Israels Trost für alle, die reines Herzens sind.

2 Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen; mein Tritt wäre beinahe geglitten.

3 Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen, als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.

5 Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt.

12 Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.

14 Ich bin doch täglich geplagt, und meine Züchtigung ist alle Morgen da.

21 Als es mir wehe tat im Herzen und mich stach in meinen Nieren,

22 da war ich ein Narr und wusste nichts, ich war wie ein Tier vor dir.

23 Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,

24 du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

25 Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

26 Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Liebe Trauergäste!

Nach menschlichen Maßstäben können wir von Herrn U. nur sagen, dass er ein schweres Schicksal zu tragen gehabt hat. Wer hätte mit ihm tauschen wollen? Und doch gilt auch für ihn: „Gott nimmt ihn am Ende mit Ehren an.“ Überhaupt bemisst Gott den Wert eines Menschenlebens nach ganz anderen Maßstäben, als wir das tun. Paulus schreibt einmal in seinem Brief 1. Korinther 1, 25-29:

25 Die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

27 Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,

29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott gerade denen besonders nahe ist, die am Ende sind, am Ende mit ihrer Gesundheit, am Ende mit ihren Nerven, am Ende mit ihren seelischen oder geistigen Kräften. Und ich bin ebenso davon überzeugt, dass uns, wenn wir gesund sind, kein himmelweiter Abstand von einem kranken Menschen wie Herrn U. trennt: Wir können uns weder auf unsere Gesundheit etwas einbilden noch auf die besseren Lebensmöglichkeiten, die uns geschenkt wurden – niemand von uns könnte ohne Gottes Gnade überhaupt leben, alles, was wir sind und haben, das sind und haben wir von IHM.

Ihnen hat Herr U. etwas bedeutet. Sie sind ihm als seine Geschwister sein ganzes Leben hindurch verbunden geblieben – ebenso Ihr Vater, solange er lebte, und Ihre Mutter, auch wenn sie in den letzten Jahren selber zu krank war, um ihn noch zu besuchen. Sicher werden Ihnen heute Erinnerungen an die Zeit kommen, in der Sie noch ohne den Gedanken an Krankheit miteinander aufgewachsen sind. Sie haben auch miterlebt, wie Herr U. geheiratet und eine Familie gegründet hat. Dann kam das Unbegreifliche, die schwere seelische Krankheit, die den hochintelligenten jungen Mann aus der Bahn warf und das Zusammenleben in der Familie unmöglich machte. Es gab keine Heilung, und so begann für Herrn U. in der Mitte seines Lebens ein Klinikaufenthalt bis zu seinem Lebensende. Durch die Entwicklung neuer Medikamente und neuer Methoden in der Nervenheilkunde konnte ihm – wie vielen anderen – das Leben in der Klinik im Laufe der Jahre zwar erleichtert werden – so lebte er zum Schluss auf einer offenen Station -, aber geheilt werden konnte er dennoch nicht; er blieb zeit seines Lebens auf die Pflege anderer Menschen angewiesen. Im Laufe der Jahre zog er sich mehr und mehr zurück, wurde ruhiger als früher, hatte nur noch wenige Freuden, die ihm den Alltag versüßten. Er aß auch nicht mehr viel, groß und überaus schmal war er, als er wenige Tage vor seinem Tod ins Kreiskrankenhaus kam. Bis zuletzt haben Sie, die Geschwister des Verstorbenen, den Kontakt zu ihm aufrechterhalten.

Wem mag Herr U. außer Ihnen etwas bedeutet haben? Wer mag ihm und wem mag er etwas verdanken? Seine Kinder – haben sie noch Erinnerungen oder frühe Prägungen durch den Vater? Seine frühere Ehefrau – wie mag es ihr mit der Krankheit ihres Mannes und mit der Trennung von ihm ergangen sein? Seine engsten Beziehungen bestanden seit Jahrzehnten zu den Mitpatienten auf der Station, und zu den Ärzten, Schwestern, Pflegern, es haben sich viele Menschen um Herrn U. bemüht.

Wir denken heute an all diese Dinge – und kommen doch am Schluss wieder zum Anfang zurück. Warum musste Herr U. dieses Schicksal erleiden? Wir wissen es nicht. Wir können nichts weiter tun, als dies: Wenn wir ihn geliebt haben, können wir ihm unsere Liebe über den Tod hinaus bewahren. Was wir ihm verdanken und auch was er anderen Menschen zu verdanken hatte, dafür können wir Gott dankbar sein. Und wenn wir uns mit der Frage quälen, ob wir etwas hätten anders machen sollen, dann können wir alle unsere Sorge auf Gott werfen und auf seine Vergebung vertrauen. Und vor allem können wir heute den Verstorbenen bewusst den liebenden Händen Gottes übergeben. Denn im Tode fallen wir nicht in einen furchtbaren Abgrund, sondern wir bleiben von der Liebe Gottes umfangen. „Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt“ – vor Gott gilt unser Verstorbener mehr als einer der Mächtigen dieser Welt. Diesem Gott können wir Herrn U. auch im Tode getrost anvertrauen. Amen.

Gebet
Orgelmusik: „So nimm denn meine Hände“

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