Zachäus’ Umkehr – eine unglaubliche Wundergeschichte

Sehen, wer Jesus ist, indem er mich sieht!

Jesus sieht in Zachäus einen „Sohn Abrahams“. Staunend nimmt er wahr, dass dieser korrupte Betrüger fähig wird, nach Gottes Tora zu handeln, zur Wegweisung Gottes umzukehren, Recht zu tun und Armen Befreiung zu verschaffen, wie es dem NAMEN Gottes entspricht. So widerfährt auch seinem eigenen Haus „Heil“ – Befreiung in jeder Hinsicht.

Kirchenfenster oder Mosaik mit Jesus, der zu Zachäus auf dem Baum hinaufblickt

Jesus sieht Zachäus, der ihn sehen will (Bild: falcoPixabay)

#predigtGottesdienst am 14. Sonntag nach Trinitatis, 13. September 2020, um 10.00 Uhr in der evangelischen Johanneskirche Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

In diesem Gottesdienst, den Pfarrer Helmut Schütz mit uns feiern wird, wird es in der Predigt um ein unglaubliches Wunder gehen. Vielleicht etwas anders, als wir uns Wunder normalerweise vorstellen, warten wir es ab.

Wunderbar ist auch der Wochenspruch für die kommende Woche aus Psalm 103, Vers 2:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Gemeinsam singen dürfen wir im Gottesdienst leider zur Zeit immer noch nicht, um einander nicht fahrlässig einer Ansteckung mit dem Corona-Virus auszusetzen. Aber es gibt einen kleinen Chor aus vier Mitgliedern der Kantorei, der uns gemeinsam mit Herrn Christioph Koerber von der Empore her die Lieder zu Gehör bringen wird. Auch die Lieder heute haben alle mit dem Thema „Wunder“ zu tun. Zu Beginn hören wir das Lied 584: „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite: Herr erbarme dich.“

Lied 584
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit Psalm 146:

1 Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele!

2 Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.

4 Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.

5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott,

6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich,

7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei.

8 Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.

9 Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.

10 Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir kommen in die Kirche. Wir loben Gott. Doch es fällt schwer, sich daran zu gewöhnen, die Maske zu tragen, nicht gemeinsam singen zu dürfen, keinen Kirchenkaffee zu haben.

Wir leben in einer Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint. Wie kann ein kleines Virus, das für unsere Augen unsichtbar ist, dermaßen unsere Welt und unseren eigenen Alltag bestimmen? Manche wollen es ja auch nicht glauben, sie wittern Verschwörung, misstrauen jeder Politik und Wissenschaft, die ihre wirren Theorien ablehnt, und schrecken nicht davor zurück, die Gesundheit anderer und sogar unsere Demokratie zu gefährden.

Dabei gibt es ohnehin schon Grund genug zur Klage: In immer mehr Ländern der Welt sind Parteien und Politiker auf dem Vormarsch, die die niedersten Instinkte der Menschen ansprechen, ihre Furcht vor allem Fremden, ihre Minderwertigkeitskomplexe, die man mit Großmannssucht überspielen will. Und das ist nur ein Punkt, der mir einfällt. Die Liste der Klagen, die wir alle aufzählen könnten, wäre sicher meterlang.

Mit dem, was uns belastet, können wir nichts Besseres tun, als es hinzutragen vor Gott und es bei ihm abzuladen. Er weiß um unsere Sorgen, er geht schon längst in den Fußstapfen der Leidenden unserer Welt und trägt ihre Kreuze mit. Gott, wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Als ich letztens vom Markt kam, fiel mir in einem Geschäft eine Spruchkarte mit einem Gedicht auf, das sich mir eingeprägt hat. Ein Gedicht von Hilde Domin:

Nicht müde werden,
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Ich hatte mir zu dem Zeitpunkt schon Gedanken zum heutigen Predigttext gemacht und mich gefragt, ob mir denn noch Neues einfallen würde zu einem so bekannten Text, über den ich schon mindestens acht Mal gepredigt habe. Es war dann dieses Gedicht, das mich auf den Gedanken gebracht hat, die Zachäusgeschichte als Wundergeschichte zu betrachten:

Nicht müde werden,
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.“

Gott, ich danke dir von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder. (Psalm 9,2)

Diesem Psalmwort entsprechend möchte ich mich nun gemeinsam mit Frau Eva Michel auf den Weg machen und die Geschichte vom Zöllner Zachäus als die Geschichte von einem deiner großen Wunder erzählen und auslegen. Öffne du uns dazu unseren Mund, dass wir recht reden, unsere Ohren, dass wir die Worte verstehen, und unser Herzen, dass auch in uns, bei uns und durch uns Wunder geschehen. Darum bitten wir dich, Gott, unseren Vater, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Liebe Gemeinde, corona-bedingt ist dies erst der zweite Gottesdienst, den ich in diesem Jahr halte. Darum kann ich mich an den ersten vor einem halben Jahr im Evangelischen Krankenhaus noch sehr gut erinnern. Damals ging es im Predigttext um Jesus, wie er in der Nähe von Jericho einem blinden Mann zum Durchblick verhilft.

Der Text zur heutigen Predigt steht im Lukasevangelium unmittelbar nach dem damaligen Text. Er spielt sich ab in der Stadt Jericho selbst. Und ich finde es spannend, dass es auch in diesem Text um das „Sehen“ geht. In der Geschichte vom Blinden damals war das Wort „sehen“ vier Mal vorgekommen. Achten Sie doch einmal darauf, wenn Frau Michel jetzt die Zachäusgeschichte lesen wird, wie oft das Wort „sehen“ darin eine Rolle spielt.

Den Text zur heutigen Predigt hören wir aus dem Evangelium nach Lukas 19, 1-10:

Das gesamte Zachäus-Bild, von dem weiter oben und unten Ausschnitte gezeigt werden

Das gesamte Zachäus-Bild, von dem weiter oben und unten Ausschnitte gezeigt werden (Bild: falcoPixabay)

1 Und er [Jesus] ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 236: Ohren gabst du mir, hören kann ich nicht
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, ist die Zachäusgeschichte eine Wundergeschichte? Im landläufigen Sinne nicht. Da wird ja kein Kranker geheilt, kein Naturgesetz außer Kraft gesetzt. Aber vielleicht kann uns die Geschichte gerade darum zeigen, worin Gottes Wunder tatsächlich bestehen. Wo das Wunder steckt, das werden wir allerdings erst im Lauf der Predigt sehen.

Apropos „sehen“! Haben Sie vorhin mitgezählt, wie oft das Wort „sehen“ in unserem Predigttext vorkam? Wenn ja, dann zeigen Sie es bitte mit Ihren Fingern! Vier Mal? Oder sogar sechs Mal – wenn man die beiden „siehe“ hinzuzählt? Ich denke, es spielt schon eine Rolle, wenn ein Wörtlein wie „siehe“ sowohl am Anfang als auch gegen Ende der Geschichte unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf eine Person oder einen Punkt lenken will.

Warum reite ich so auf dem Wort „sehen“ herum? Weil ich die Geschichte von Zachäus in Jericho in einem Zusammenhang mit der Heilung des Blinden vor der Stadt Jericho sehe. Und da Sie ja meine Predigt vor einem halben Jahr im „EVau“ nicht gehört haben, liest Frau Michel noch einmal die letzten Verse dieser vorhergehenden Erzählung im Kapitel 18, 41-43. Da hatte Jesus einen blinden Mann zu sich gerufen und ihn gefragt:

41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.

42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.

43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Das sind genau die Verse, in denen das Wort „sehen“ in der vorigen Geschichte vorkommt. Nehmen wir diese Verse zu unserem heutigen Text hinzu, hören wir das Wort „sehen“ genau 10 Mal in einem sehr engen Zusammenhang. Der Blinde will sehend werden, und als Jesus ihm dazu verhilft, sehen es die Leute und loben Gott. Solche Wunder kommen bei den Leuten an. So etwas finden sie toll. Jetzt geht es weiter im Text zur heutigen Geschichte. Meiner Gewohnheit entsprechend will ich sie mit Ihnen ganz genau, nämlich Vers für Vers, anschauen.

1 Und er [Jesus] ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

Gibt es etwas Besonderes an diesem Vers? Auf den ersten Blick nicht. Aber dann fiel mir auf: Nirgends in der ganzen Bibel heißt es, dass jemand einfach so durch eine Stadt hindurchzieht. Das erzählt nur Lukas an dieser einen Stelle von Jesus und der Stadt Jericho.

Die Israeliten ziehen durch das Rote Meer und später durch den Jordan hindurch. Aber als sie die erste Stadt im Gelobten Land erreichen, nämlich Jericho, da ist sie (Josua 6,1)

verschlossen und verwahrt vor den Israeliten, sodass niemand heraus- oder hineinkommen konnte.

Erst durch eine wunderbare Tat gibt Gott ihnen die Stadt Jericho in die Hand, die meisten von uns werden die Geschichte vom Posaunenklang kennen, der die Mauern der uneinnehmbaren Stadt zum Einsturz bringt. Auch diese Geschichte will ich heute nicht näher betrachten, aber Lukas scheint daran erinnern zu wollen, dass Jericho in der Heiligen Schrift eine Stadt ist, durch die man nur hindurchziehen kann, wenn Gott dieses Wunder möglich macht. Hören wir weiter Lukas 19:

2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

Zum ersten Mal das Wörtlein „siehe“! Unsere Aufmerksamkeit wird auf einen Mann gelenkt, der Zachäus heißt. Auf Hebräisch entspricht das dem Namen Sakkai, was wörtlich übersetzt „der Reine“ heißt.

Allerdings erfahren wir zugleich, dass sich dieser Name in den Augen der Leute wie ein Witz anhören muss, denn dieser angebliche „Saubermann“ ist ein Oberer der Zöllner. Und das ist damals kein ehrbarer Finanz- oder Zollbeamter nach unseren Maßstäben, sondern jemand, der von der römischen Besatzungsmacht einen ganzen Steuerbezirk gepachtet hat und mit seinen Steuereintreibern die Menschen der Stadt bis aufs Blut ausbeutet. So ist der saubere Zachäus zu seinem Reichtum gekommen.

Ausschnitt aus dem obigen Bild: Zachäus sitzt am Wechseltisch mit vor sich gestapeltem ergaunerten Geld

Zachäus als Zolleintreiber am Wechseltisch (Bild: falcoPixabay)

Dass Lukas uns auf diesen Zachäus ausgerechnet in Jericho aufmerksam macht, damit will er vielleicht andeuten: Zwar wohnen heutzutage Juden in Jericho, Leute mit frommen Namen wie Zachäus, „der Reine“, die sich eigentlich an die Tora Gottes, an die Wegweisung des Rechts und der Freiheit halten sollten. Aber in Wirklichkeit ist Jericho von etwas ganz anderem beherrscht als von Gottes Willen, nämlich von der Übermacht der Römer und von korrupten Menschen, die ihren eigenen Vorteil suchen statt das Wohl aller Menschen. Müsste Jesus nicht solche Menschen wie diesen angeblichen Saubermann Zachäus aus Jericho wegjagen und die Stadt wieder zu einer Stadt Gottes machen?

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

Bisher haben wir den Zachäus von außen betrachtet, als einen unangenehmen Zeitgenossen, auf den man mit dem Finger zeigt, den Saubermann mit den unsauberen Geschäften. Aber nun verändert Lukas plötzlich den Blickwinkel. Er nötigt uns dazu, uns in diesen Unsympathen hineinzuversetzen. Ausgerechnet er interessiert sich für Jesus. Er will Jesus sehen! So sehr sich sonst seine Begierde auf Geld und Reichtum gerichtet hat, so begehrt er jetzt zu wissen, wer dieser Jesus ist. Warum und wieso, wird nicht gesagt.

Allerdings gibt es da ein Problem. Jesus ist offenbar von einer großen Menschenmenge umringt, und die lässt keinen durch, der ihnen so verhasst ist wie dieser Chefausbeuter. Und über die Leute hinwegkucken kann er auch nicht, weil er ein körperlich kleiner Mann ist. An dieser Stelle entbehrt die Geschichte nicht einer gewissen Komik. Der große Oberzöllner ist in Wirklichkeit ein Zwerg. Man kann sich vorstellen, wie sich die Leute auf der Straße über ihn lustig machen.

Davon allerdings ist ausdrücklich bei Lukas nicht die Rede, das spielt sich nur in unserer Phantasie ab. Darum sollten wir nicht zu schnell wieder die Außenperspektive einnehmen und dieses Bild so betrachten, als ob es uns nichts anginge, als sei dieser Zachäus ein völlig fremder, unangenehmer Mensch und letzten Endes nichts als ein lächerlich kleines armseliges Würstchen.

Wie wäre es also, sich vorstellen, ich selbst sei an der Stelle dieses Zachäus? Mich klein zu fühlen, schwächlich, im Sport immer einer der letzten, die gewählt wurden, das kenne ich auch aus meiner Kindheit.

Weitere Gemeinsamkeiten mit Zachäus würde ich allerdings nicht so gerne zugeben. Ich bin doch kein Ausbeuter! Aber darf ich mich für so viel sauberer halten als er? Ich gehöre mit meinem guten Ruhestandseinkommen zum westeuropäischen Mittelstand. Sicher, ich beute niemanden bewusst aus. Allerdings profitiere ich wie viele andere in unserer Gesellschaftsordnung von der ungleichen Verteilung der Chancen in unserem Land wie erst recht in unserer Welt.

Und dann gibt es da noch diese merkwürdige Gemeinsamkeit mit Zachäus, von der Lukas so eindringlich erzählt: Zachäus interessiert sich für Jesus. Er will wissen, wer er ist. Dieses Interesse hatte auch ich bereits als Kind, als Jugendlicher, als Theologiestudent, als Pfarrer, als Christ, mein Leben lang. Aber hatte ich nicht Jesus von vornherein viel besser im Blick als Zachäus, obwohl ich klein war? Viele von denen, die mir größer und stärker als ich vorkamen, interessierten sich nicht die Bohne für Jesus. Wäre ich also damals als einer, der sich schon immer für Jesus interessierte, eher mitten in der Menschenmenge gestanden, vielleicht sogar in der vordersten Reihe? Hätte ich auf diese Weise jemandem wie Zachäus eher die Sicht versperrt?

Zachäus will sehen, wer Jesus ist. Wollen wir das auch wissen? Oder meinen wir das längst zu wissen? In meiner Jugend war ich mir sicher: Wer nicht an Jesus glaubt, ist verloren. Wo ich Angst hatte, mich zutiefst unsicher oder schuldig fühlte, da konnte ich mich an ihm festhalten. Und doch hörte ich nicht auf, immer wieder neu nach Jesus zu fragen. Wer ist er wirklich? Ist er der, der unserer Seele Frieden und Ruhe gibt? Ja, das habe ich erfahren. Aber stößt er die von sich weg, die nicht auf die richtige Art an ihn glauben? Jedenfalls rüttelt Jesus uns auch auf, reißt aus falschen Sicherheiten heraus. Jesus steht auf gegen das Unrecht, den Unfrieden in der Welt, nimmt uns mit hinein in den Einsatz für andere Menschen.

Im Versuch, mich ein wenig in Zachäus hineinzuversetzen, habe ich jetzt viel von mir selbst gesprochen und mich schon wieder von Zachäus entfernt. Kehren wir zurück zu ihm und hören wir, was Lukas weiter von ihm erzählt.

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

Erhebliche Phantasie und Anstrengung wendet Zachäus auf, um Jesus sehen zu können. Er berechnet den vermutlichen Weg Jesu, rennt der Menge voraus, sucht einen erhöhten Aussichtspunkt und klettert auf einen Baum, den Lukas sogar genau zu benennen weiß: es ist eine Sykomore, auf Deutsch ein Maulbeerfeigenbaum. Was wird Zachäus von hier aus zu sehen bekommen? Wird er sehen können, wer Jesus ist?

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

Das Überraschende an unserer Geschichte ist, dass anscheinend zunächst Zachäus überhaupt nichts von Jesus zu sehen bekommt. Jedenfalls wird nicht beschrieben, was er sieht. Stattdessen ist es umgekehrt. Zachäus wird gesehen. Und zwar von Jesus.

Ausschnitt aus dem obigen Bild: Jesus blickt Zachäus an, der über ihm auf dem Baum sitzt

Jesus sieht den, der ihn sehen wollte (Bild: falcoPixabay)

Wenn ich das auf mich beziehe, wirft das alle meine eigenen Anstrengungen über den Haufen. Die ganze Zeit über, in der ich versuche, mir ein Bild von Jesus zu machen, sieht er, der Sohn Gottes, mich schon längst, so wie ich bin. Selbst wenn ich mich eine Zeit lang gar nicht um ihn kümmere oder an falschen Stellen nach ihm suche, hat er mich im Blick. Wie er den Zachäus vom Baum herunterholt, so mag er mich von manchem hohen Ross absteigen lassen oder von einer Klettertour zurückholen, auf der ich mich hoffnungslos verfranzt habe.

6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

Fast ein wenig unverschämt hat es ja geklungen, als Jesus sich selber bei Zachäus eingeladen hat: „Ich muss heute dein Gast sein.“ Aber genau das ist es ja, was Zachäus will: Wissen, wer Jesus ist. Bei welcher Gelegenheit kann er das besser erfahren, als wenn Jesus bei ihm zu Besuch kommt? Diese Erfahrung macht Zachäus: Ich muss Jesus nicht verzweifelt und verkrampft suchen. Aus eigenen Kräften würde ich es niemals schaffen zu sehen, wer er ist. Mit Freuden kann Zachäus von seinem Kletterbaum heruntersteigen, denn statt Jesus zu sehen, wurde er von Jesus gesehen: wahrgenommen als der kleine und doch wertvolle Mensch, der er ist, mit seinem Schicksal, mit der Last seiner Verantwortung, die er zu tragen hat für alle Taten und Untaten seines Lebens. So, wie er ist, lädt Jesus ihn ein. So, wie er ist, nimmt Jesus ihn an.

Es sind Erfahrungen wie diese, die mir geholfen haben, Christ zu bleiben, aus verkrampften Haltungen herauszukommen, selbstbewusst zu glauben. Damals im Studium, als ich ein Buch von Helmut Gollwitzer las, Krummes Holz – aufrechter Gang, und ich plötzlich einsah, dass ich mich nicht noch kleiner machen muss, als ich bin, um von Gott angenommen zu werden, und nicht auf eine ganz bestimmte Art an Jesus glauben muss. Nein – so, wie ich bin, nimmt Jesus mich an. Und auf diese Weise holt er das Beste aus mir heraus, von dem nur er weiß, dass es überhaupt in mir steckt.

7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

Mitten in der Beschreibung der Freude des Zachäus nimmt Lukas plötzlich die anderen Menschen in den Blick, die ja immer noch um ihn und Zachäus herumstehen. Auch sie haben Augen im Kopf. Auch sie sehen. Aber anders als nach der Heilung des Blinden vorhin fangen sie nicht an, Gott zu loben. Sie sehen weder, was Jesus sieht, noch, was Zachäus in seinem von Jesus-gesehen-Werden zu sehen anfängt. Sie sehen nur, dass Jesus eine Grenze überschritten hat, die er in ihren Augen nicht überschreiten darf: Wer sich bei einem Zollpächter mit an den Tisch setzt, der macht sich zum Komplizen seiner schmutzigen Geschäfte. Wer sich von einem Sünder einladen lässt, wie kann der noch behaupten, ein Mann Gottes, der Messias, der Sohn Gottes, zu sein?

Es sind übrigens alle, sagt Lukas, die das so sehen. Alle, also wohl auch die Jünger Jesu. Den Zachäus müssen wir uns offenbar als wirklich sehr schlimmen Finger vorstellen; einen Mann, bei dem es unmöglich ist, sich vorzustellen, dass er sich ändern könnte. Wären wir in der Situation damals gewesen und hätten wir nicht in der Haut des Zachäus selber gesteckt, wir hätten auch gemurrt und gesagt: Wie kann Jesus denn ausgerechnet zu dem ins Haus gehen? Zu dem, der dauernd über Asylanten schimpft. Zu dem, der mit Billigfleisch Millionen verdient. Zum Corona-Leugner, der Seite an Seite mit Rechtsradikalen den Reichstag zu stürmen versucht. Könnte es sein, dass Jesus auch auf solche Menschen zugehen würde, sie nicht aufgegeben hat?

8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

Dieser Vers nun ist eine der unglaublichsten Wundergeschichten der Bibel. Wenn Jesus Blinde heilt, Tote auferweckt, einen Sturm stillt, dann kann man geteilter Meinung sein, wie das gemeint ist: die einen versuchen herauszufinden, welche übertragene Bedeutung das haben mag, die anderen halten daran fest: das ist wortwörtlich wahr.

Aber hier geschieht etwas völlig Natürliches, das keinem bekannten Naturgesetz widerspricht, und doch widerspricht es total unserer normalen Lebenserfahrung: Ein Ausbeuter gibt zu, dass er ein Ausbeuter und Betrüger ist, er verspricht, unrechtes Gut mit Zinsen zurückzugeben und den Rest seines Vermögen mit den Armen zu teilen! Wenn diese Geschichte stimmt, dann ist es durchaus angemessen, dass hier zum sechsten Mal in unserer Geschichte vom „sehen“ die Rede ist und zum zweiten Mal mit dem Wort „siehe“ unsere volle Aufmerksamkeit auf das Wunder gelenkt wird, das hier geschieht.

Worin genau besteht das Wunder? Es ist ein doppeltes Wunder: ein Wunder des Teilens und ein Wunder der Buße, der Umkehr. Teilen bedeutet: Der Mann gibt sich selbst durchaus nicht auf. Er behält die Hälfte seines Besitzes für sich. Aber die andere Hälfte stellt er denen zur Verfügung, die wenig oder nichts haben. Und Buße oder Umkehr bedeutet: Der Kerl übt tätige Reue: Er sieht nicht nur sein Unrecht ein, er versucht den Schaden wieder gut zu machen, den er angerichtet hat, durch vierfache Rückerstattung dessen, was er durch Betrug ergaunert hat.

9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.

Was denken Sie, wenn Sie diesen Spruch hören? Was meint Jesus mit dem „Heil“, was meint er mit „Sohn Abrahams“?

Bevor ich darauf antworte, fällt mir zunächst auf: Eigentlich wollte Zachäus ja sehen, wer Jesus ist. Nun ist stattdessen er, Zachäus, von Jesus gesehen worden, und hier sagt nun Jesus, wer dieser Zachäus in seinen Augen ist.

Auch er ist ein „Sohn Abrahams“, damit reiht Jesus den verachteten Zachäus als ehrbares Mitglied in sein Volk der Juden ein. Offenbar nimmt Jesus staunend wahr, dass ausgerechnet dieser Betrüger dazu fähig wird, nach der Tora Gottes zu handeln, zur Wegweisung Gottes umzukehren, Recht zu tun und Armen Befreiung zu verschaffen, wie es dem NAMEN des Gottes Israels entspricht. Indem Zachäus nach Gottes Willen das Recht wiederherstellt, soweit es in seinen Kräften steht, widerfährt auch seinem eigenen Haus „Heil“. Im Griechischen steht da das Wort „sōtēria“, das heißt wörtlich Befreiung, Rettung, Hilfe. Es geht also nicht nur um ein innerliches Seelenheil, obwohl das nicht ausgeschlossen ist, sondern es geht ums Ganze: heil und frei werden in jeder Hinsicht, in der Beziehung zu Gott, zu mir selbst und in allen sozialen Beziehungen.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Zum Abschluss hören wir noch so einen Kernsatz aus dem Mund Jesu. Wieder enthält dieser Satz ein Wort, mit dem manche gar nichts anfangen können, andere dagegen finden es ungeheuer wichtig und tröstlich: „selig machen“! Was heißt das denn? Interessant ist, dass Luther mit diesem Wort das Wort „sōzein“ übersetzt, das kommt von demselben Wortstamm wie eben das Wort „sōtēria“, und es heißt also noch einmal wörtlich: „befreien, retten, helfen“. Wieder sollten wir uns also klar machen: Zwar ist Jesus tatsächlich der, der uns ewige Seligkeit verschafft, aber zum „selig sein“ gehört nach unserer Zachäusgeschichte auch die Befreiung von Menschen aus dem konkreten Unrecht, das sie erleiden oder tun.

Eine entscheidende Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Name „Menschensohn“. So nennt sich Jesus nicht nur hier, und wenn Jesu Zuhörer damals diesen Namen hören, dann erinnern sie sich an ein Wort des Propheten Daniel. Der hatte gesagt: Es kommt eine Zeit, da werden die Weltherrscher, die wie bestialische Tiere regieren, ihre Macht verlieren: Unterdrücker, Giftmörder, Kriegstreiber, Soziopathen – ich nenne jetzt keine Namen -, es klingt unglaublich. Denn es kommt einer, der eine andere Art von Macht ausübt, ein wirklicher Mensch, ein Menschensohn.

Genügt es, dass wir jetzt wissen: So ein Mensch war Jesus, so sah er sich selbst, so durfte am Ende auch Zachäus ihn sehen? Genügt das? Wichtig finde ich es schon, Jesus als den Menschensohn und Messias zu erkennen, und auch eine Ahnung davon zu haben, was das bedeutet: Er verkörpert als Sohn des Gottes Israels den NAMEN des einzigen Gottes, der mit Recht Gott genannt werden darf, weil er Befreiung und Recht schafft.

Noch wichtiger ist allerdings, offen dafür zu bleiben, dass genau dieser Jesus auch uns im Blick hat. Er blickt in unser Herz, in den Kern unseres Selbst, er kennt uns besser als wir selbst, unser Ängste, unsere Aggressionen, unsere Unsicherheit, unsere Selbstbehauptungsversuche. Und trotz all unserer Fehler und Macken, trotz der scheinbaren Unwichtigkeit unseres Lebens und Tuns sieht er uns an, nimmt er uns an, so wie wir sind. Und genau darin liegt unsere Chance, uns zu wandeln, neue Gedanken zu denken, neue Schritte zu gehen, umzudenken, umzukehren. Dann geschehen auch in unserem Leben unglaubliche Wunder wie mit dem Zachäus. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 235: O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten
Fürbitten
Gebetsstille
Vater unser
Lied 374, 1-3:

1. Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben.

2. Er ist ein Fels, ein sichrer Hort, und Wunder sollen schauen, die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen. Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen.

3. Und was er mit mir machen will, ist alles mir gelegen; ich halte ihm im Glauben still und hoff auf seinen Segen; denn was er tut, ist immer gut, und wer von ihm behütet ruht, ist sicher allerwegen.

Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Orgelnachspiel

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