Morgenrotfasten

„Wer sich selbst nicht riechen kann, der stinkt auch anderen.“

Gott will nicht, dass man sich aufopfert, ohne Not Leid auf sich nimmt. Damit will man letzten Endes Leid kontrollieren – und vielleicht sogar ein wenig über Gott bestimmen. Gott geht es um etwas ganz anderes: Es passt nicht zusammen, dass man scheinbar fromme Dinge tut und zugleich Menschen unterdrückt.

Morgenlandschaft mit Morgennebel, Sonne geht hinter einem Baum auf,

Ein richtiges Fasten führt das Morgenrot herauf, meint der Prophet Jesaja (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Estomihi, den 18. Februar 1996, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst am Sonntag vor der Passionszeit! Für viele Menschen hier in Rheinhessen ist jetzt der Höhepunkt der tollen Tage, bevor am Aschermittwoch dieser Spaß sein Ende findet. Fastnacht oder Karneval – ob man das gut findet oder nicht, ist eine Geschmackssache. Da kann man nicht sagen: der eine hat Recht, der andere Unrecht. Das ist so wie bei den Liedern, die wir hier singen: der eine liebt ein altvertrautes Lied, und der andere mag mehr einen modernen Song.

Aber sagt die Bibel nicht an einigen Stellen: es ist gar nicht gut, Feste zu feiern? Gott mag das nicht!? Früher haben das viele Leute gedacht: Gott mag es mehr, wenn man ernst ist. Jedenfalls durfte man in der Kirche nicht lachen. Was davon zu halten ist, davon sage ich mehr in der Predigt.

Lied 168, 1-3: Du hast uns, Herr, gerufen, und darum sind wir hier
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir hören Worte aus dem Gesetz des Mose (2. Buch Mose – Exodus 23). Im einzelnen passen manche Bestimmungen nicht mehr in die heutige Zeit, aber ihren Sinn können wir heute noch beherzigen – Worte über das Feiern und Ausruhen – Worte über den Segen von Zeiten ohne Arbeit und Mühe:

10 Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln.

11 Aber im siebenten Jahr sollst du es ruhen und liegen lassen, dass die Armen unter deinem Volk davon essen; und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Felde fressen. Ebenso sollst du es halten mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen.

12 Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; aber am siebenten Tage sollst du feiern, auf dass dein Rind und Esel ruhen und deiner Sklavin Sohn und der Fremdling sich erquicken.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, du wolltest nicht, dass deine Menschenkinder sich nur abplagen und aufopfern ohne Sinn und Verstand. Du gönnst uns Zeiten der Ruhe, Zeiten ohne Arbeit, ohne Mühe und Plage, Zeiten, in denen wir nicht auf die Uhr sehen, Zeiten, in denen wir genießen und uns freuen, in denen wir feiern und unseren Spaß haben. Hilf uns, Herr, dass es auch für uns Zeiten gibt, in denen ganz Verschiedenes dran ist: dass wir traurig sein können und uns freuen, dass wir Dinge tun können und auch von der Arbeit ausruhen. Und hilf uns, dass wir uns auch gegenseitig nicht überfordern. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

In unserer heutigen Schriftlesung aus dem Buch Amos 5, 21-24, hören wir harte Worte Gottes über Feste und Feiern, die nicht im Sinne Gottes sind – es ist nicht gut, zu feiern, wenn man gleichzeitig Unrecht tut, wenn man sich auf Kosten von Schwachen lustig macht:

So spricht Gott, der Herr, durch den Mund seines Propheten Amos:

21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.

22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.

23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja,Halleluja,Halleluja.“

Lied 640: Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wir haben in diesem Gottesdienst schon gehört: Es ist nicht so, dass Gott kein Lachen mag. Es ist nicht so, dass Gott überhaupt keine Feste mag. Er mag nur keine unehrlichen Feste, kein verlogenes Lachen. Er mag nicht, wenn man Witze über das Leid von anderen Menschen macht, wenn man Feste feiert und gleichzeitig Unrecht tut.

Im Volk Israel vor vielen Hundert Jahren zur Zeit des Propheten Jesaja, da war es so: man feierte Gottesdienste, man beging große Feste, und wenn man zu Ende gefeiert hatte, dann ging der Alltag wieder los: die Reichen wurden reicher, die Armen ärmer, Witwen und Waisen mussten hungern.

Und wenn das so ist, dann ist für einen Propheten wie Jesaja nicht die Zeit zum Feiern gekommen, sondern die Zeit zum Umkehren. Jesaja hört Gottes Stimme (Jesaja 58):

1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!

Mir fällt an diesen Worten auf: Man darf laut sein. „Rufe getrost!“ Laut soll der Prophet seine Stimme erheben, wie eine Posaune, so laut. Ins Gewissen soll er den Leuten reden, denn es ist mehr als notwendig. Wo es um Unrecht geht, braucht man nicht leise zu sein, sich nicht zurückzuhalten, sich nicht zusammenzureißen. „Halte nicht an dich!“ Tu dir keinen Zwang an, wenn du sagen willst, was du musst, was die Wahrheit ist, auch wenn es weh tut.

So fängt das Wort an, das der Prophet Jesaja mit den Ohren des Herzens von Gott her hört. Wenn dem Jesaja jemand gesagt hätte: „So spricht doch kein Mann Gottes! Du könntest doch ein wenig höflicher sein.“ Dann würde Jesaja wohl antworten: Gott hält nichts von Unehrlichkeit. Wenn man innerlich aufgewühlt und zornig ist, wäre es doch nicht recht, so zu tun, als sei überhaupt nichts los. Dann könnte man noch so sehr versuchen, nach außen hin friedlich zu erscheinen; innerlich wäre man ja doch aggressiv – und ohne es zu wollen, tut man oft gerade dann viele kleine Dinge, die anderen wehtun – zum Beispiel, dass man sich ein bisschen als besseren, friedlicheren Menschen darstellt, während die anderen sich nur nicht beherrschen können. Der Prophet Jesaja hat so etwas nicht nötig; er erhebt seine Stimme, er ruft laut, er schreit offen heraus, was ihm in seinem Volk aufgefallen ist, was ihn stört, was ihn schmerzt, und er macht sich damit selber angreifbar.

Was ist denn nun so schlimm, dass Jesaja so harte Worte gebrauchen muss? Damals im Volk Israel hat man offenbar ein doppeltes Spiel getrieben, eine doppelte Moral gehabt: Am Sabbat ging man in die Synagoge und betete, und an den anderen Tagen haute man die Kunden übers Ohr, zog den Armen das letzte Geld aus der Tasche und dachte gar nicht an die Gebote Gottes.

Grund genug, dass Gott selber sich beschwert durch den Mund seines Propheten:

2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.

Ja, ungerecht fühlen sich die Leute durch Gott behandelt. Sie fühlen sich von Gott verlassen, wenn nicht alle ihre Wünsche erfüllt werden. Und sie merken gar nicht, wie egoistisch sie selber sind. Wie wenig sie an andere Menschen denken. Das sind ja weltliche Dinge, denken sie, darum geht es ja gar nicht. Die Religion ist ja viel wichtiger, das Beten und Fasten und sich hier und da ein Opfer auferlegen – dann muss Gott sie doch einfach belohnen! Ja, so denken sie wirklich:

3 »Warum fasten wir, und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst’s nicht wissen?«

Kasteien, damit ist gemeint, dass man seinem Körper selber wehtut. Man dachte: Schmerzen zu fühlen ist besser, als wenn man Spaß und Lust fühlt. Man wollte sich abhärten, um den eigenen Gefühlen nicht so sehr ausgeliefert zu sein. Man dachte: Wenn man freiwillig etwas erleidet, dann ist das doch ein besonders großes Opfer für Gott. Das muss Gott doch anerkennen! Dann muss er einen besonders liebhaben und belohnen!

Aber Jesaja weiß es anders, und er ruft es laut heraus: Gott denkt nicht so!

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.

4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.

Also: Gott will gar nicht, dass man sich selber aufopfert, dass man ohne Not Leid auf sich nimmt. Damit will man ja nur das unvermeidliche Leid unter die eigene Kontrolle bringen – und vielleicht sogar ein wenig über Gott bestimmen können. Und das lässt Gott nicht zu. Ihm geht es um etwas ganz anderes: Es passt nicht zusammen, dass man scheinbar fromme Dinge tut und zugleich Menschen unterdrückt. Es mag für manche Menschen sinnvoll sein, eine Fastenzeit einzuhalten, aber das kann man gleich bleiben lassen, wenn man gleichzeitig nicht damit aufhört, seine Mitmenschen zu verletzen, sei es mit Worten oder sogar mit brutaler Gewalt.

Aber gibt es so etwas überhaupt unter religiösen Menschen? Es ist leider wahr – ich höre zum Beispiel von Eltern, die zu Gott beten und in die Kirche gehen, aber ihren Kindern nicht die Liebe geben, die sie brauchen. Stattdessen verbieten sie ihnen alles und verprügeln sie, weil die Kinder angeblich böse sind. Und ich höre sogar von Geistlichen, die Kinder missbrauchen und das damit rechtfertigen, dass man aus diesen Kindern ja den Satan der Lust austreiben müsste. Solchen schlechten Eltern und Seelsorgern schreit Jesaja ins Gewissen: Ihr seid Gewalttäter, ihr seid gottlos, und wenn ihr euch noch so sehr auf Gott beruft!

Vielleicht denken wir nun: Wir tun so etwas ja nicht, wir, die wir hier sitzen. Was Jesaja sagt, gilt nur für andere, für böse Menschen. Oder gibt es das auch bei uns, dass wir meinen, wir tun etwas für Gott, und zugleich tun wir in Wirklichkeit gerade das Gegenteil?

Ich höre aus den Worten des Jesaja eine Warnung heraus, die für uns alle gilt. Er meint, es ist gefährlich, sich als religiöser Mensch mit bestimmten Forderungen unter Druck zu setzen, zum Beispiel dass man oft fastet und sich aufopfert – wenn man dabei die Menschlichkeit und die Liebe vergisst.

Kurz vor der Fastenzeit oder Passionszeit, in der wir Christen über den Leidensweg Jesu nachdenken werden, kritisiert Jesaja ein falsch verstandenes Fasten – Gott will nicht, dass wir absichtlich den Kopf hängen lassen oder in Sack und Asche gehen, nur weil wir meinen, das würde Gott gefallen:

Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.

5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Viele denken: Ein Christ muss viel verzichten. Manche meinen ja sogar: ein Christ darf nie wütend sein, niemals einen Kraftausdruck gebrauchen. Manche denken auch, als Christ darf man keinen Spaß am Sex haben, man darf eigentlich das Leben nicht zu sehr genießen.

Aber was kommt bei all dem heraus? Dass man vor lauter Druck und Zwang sich selber gar nicht mehr leiden mag und auch noch denkt, dass Gott ja genau das von uns wollen würde: dass wir uns selber hassen.

Nein, nein, dass kann doch nicht wahr sein! Wer keine Freude am Leben hat, kann doch auch anderen keine Freude machen. Wer sich selbst nicht liebhaben kann, der kann doch auch seinen Nächsten nicht lieben. Der katholische Bischof Kamp­haus hat es einmal kurz und knapp in einer Predigt gesagt:

„Wer sich selbst nicht riechen kann, der stinkt auch anderen.“

Und was die Kraftausdrücke angeht, wissen wir zum Beispiel von Martin Luther, der heute vor genau 450 Jahren gestorben ist, dass er sie gerne gebraucht hat, um sich Luft zu machen. So sagte er einmal, als er von Depressionen schwer geplagt wurde: Der Teufel plagt mich wieder einmal schwer; soll er doch an den Hintern hinunterfahren, da gehört er hin! Naja, er hat ein noch kräftigeres Wort gebraucht, aber ich bin nicht Martin Luther, das traue ich mich hier in der Kirche doch nicht zu sagen – Sie wissen jedenfalls, wie es gemeint ist!

Gott hat also nichts gegen Gefühlsausbrüche und nichts gegen menschliche Lust oder menschlichen Zorn. Er hat aber etwas gegen Gewalt und das Unterdrücken und Niedermachen von Menschen. Und Gott weiß, dass oft gerade die Menschen, die ihre eigenen Gefühle unterdrücken und sich selbst nicht leiden können, auch am verletzendsten mit anderen Menschen umgehen. Da ist es doch besser, wenn man lernt, sich selber liebzuhaben und das Leben zu genießen – aber eben nicht auf Kosten von anderen. Wer wirklich gut für sich selber sorgen kann, der kann auch einem anderen Menschen eine echte Hilfe sein. Und wer einem anderen voller Wut sagen kann: Das passt mir nicht! Damit hast du mir wehgetan! der wird sich vielleicht eher mit dem anderen versöhnen, als einer, der versucht, seine Wut herunterzuschlucken, davon Magengeschwüre bekommt und ein bitterböses Gesicht macht.

An dieser Stelle unterbrechen wir die Predigt und singen das Danklied 321 für den Gott, der uns Gutes tut und uns ein fröhliches Herz gibt:

Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden, der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut bis hierher hat getan.

Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

Lob, Ehr und Preis sei Gott dem Vater und dem Sohne und Gott dem Heilgen Geist im höchsten Himmelsthrone, ihm, dem dreiein’gen Gott, wie es im Anfang war und ist und bleiben wird so jetzt und immerdar.

Sind Sie nun neugierig, liebe Gemeinde, ob es auch ein Fasten gibt, das Gott gefällt? Jesaja weiß, was für eine Art zu fasten, was für eine Art von Verzicht Gott gefallen würde. Er nennt zwei Beispiele, nämlich als erstes:

6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!

Gott will, dass wir darauf verzichten, andere Menschen zu kontrollieren, unter Druck zu setzen, in unsere eigenen Normen einzusperren. Manchmal ist es nötig, jemanden gegen seinen Willen zu etwas zu zwingen, aber das darf nur geschehen zu seinem eigenen Schutz, und man muss sich immer fragen: Ist das auch gerechtfertigt. Aber auf lange Sicht muss es immer darum gehen, dass Menschen, die unter Druck standen, frei werden. Dass Schüchterne es lernen, auch einmal aus sich herauszugehen. Dass Gehemmte anfangen, auf ihr Gefühl zu vertrauen. Und wer es nicht wagt, über die eigenen Probleme zu sprechen, darf den Mut finden, sich anzuvertrauen.

Und als zweites Beispiel führt Jesaja an:

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut.

Also: nur selber weniger zu essen, das ist kein Fasten, das Gott gefällt. Ein Fasten, das wirklich einen Sinn macht, bedeutet: Teilen.

„Brich dem Hungrigen dein Brot“, das heißt – wenn einer Hunger hat, dann gebe ich ihm etwas von mir selbst ab. Es muss nicht immer Essen oder Trinken sein, es kann auch Zeit sein, die man füreinander übrig hat, oder ein einfaches Zeichen der Zuwendung, des Trostes, der Unterstützung, weil es ja nicht nur den körperlichen, sondern auch den seelischen Hunger gibt. Auf den Stationen hier in der Klinik sind es auch oft Zigaretten, die einer mit den anderen teilt. Wenn natürlich jemand lernen soll, mit knappem Geld auszukommen, kann es auch problematisch sein, ihm zwischendurch noch etwas zuzustecken. Deshalb tun wir Seelsorger das hier in der Klinik auch nicht; wichtiger kann es sein, miteinander darüber zu sprechen, warum es einem so schwerfällt, sich das Geld einzuteilen, oder warum man das Gefühl hat, dass man nie genug hat.

Zu der Aufforderung „Die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!“ habe ich in der vorigen Woche in der Ärztefortbildung ein schönes Beispiel gehört: Eine Ärztin und ein Arzt dieser Klinik haben es mit großem persönlichen Einsatz geschafft, ein Wohnheim für ehemalige Patienten im Suchtbereich einzurichten, die kein Zuhause mehr haben.

Die meisten Menschen allerdings können solche großen Dinge gar nicht tun, und das verlangt auch keiner von ihnen. Verlangt ist einfach nur das Hinsehen: Wo ist mein Nächster, wo braucht er vielleicht nur ein liebes Wort oder eine ernstgemeinte Frage: „Wie geht es denn, was machen die Schmerzen?“

Auch um eigentlich selbstverständliche Dinge geht es, um die Sorge für die eigenen Kinder und überhaupt für Menschen, die einem anvertraut sind: „Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Es gab in der Zeit Jesajas Menschen, die gaben ihren Besitz dem Tempel und ließen ihre Angehörigen hungern. Das hat nichts mit Gottesdienst zu tun. Übersetzt in die heutige Zeit müsste man sagen: zum Beispiel für Eltern, es ist nicht so wichtig, wieviel Geld man verdient, sondern ob man genug Zeit für die eigenen Kinder hat. Oder für Krankenschwestern und andere helfende Berufe, dass man seine Arbeit nicht nur als einen Job sieht, um Geld zu verdienen, sondern die Menschen ernstnimmt, mit denen man zu tun hat. Umgekehrt kann ein Patient auch manches tun, um dem Pflegepersonal das Leben nicht unnötig schwer zu machen.

Nicht um unerfüllbare Forderungen geht es dem Jesaja.

Es geht ihm um Menschlichkeit. Wenn wir dafür offen sind, wenn wir uns von Gott so beschenken lassen, dass wir auch füreinander da sind, dann ist Gott wirklich unter uns. Dann können wir getrost und froh unsere Gottesdienste feiern, dann können wir je nachdem miteinander auch sonst fröhlich sein, traurig sein, miteinander streiten und uns auch wieder versöhnen. Jesaja sagt, dass es dann unter uns viel schöner ist, als wenn die Religion für uns eine dumpfe und immer nur ernste Verpflichtung ist.

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

9a Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

So ist Gott bei uns, wenn wir miteinander teilen, was wir von ihm geschenkt bekommen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 420: Brich mit den Hungrigen dein Brot

Gott im Himmel, hilf uns, dass wir uns nicht überfordern. Hilf uns, dass wir gut für uns sorgen und auch für die, die uns anvertraut sind. Wo wir selber etwas nicht können, lass uns unseren Stolz überwinden, alles alleine tun zu wollen, dass wir um Hilfe bitten, wenn es notwendig ist. Hilf uns, menschlich zu sein gerade in kleinen Dingen. Vergib uns, wenn wir jemandem wehgetan haben und hilf uns, einen Streit offen auszutragen und uns wenn möglich wieder zu vertragen. Schenke uns die Gewissheit, dass wir bei dir geborgen sind, dass du uns annimmst, so wie wir sind, und dass wir dir kindlich vertrauen dürfen. Amen.

Wir beten gemeinsam mit den Worten Jesu:

Vater unser
Lied 168, 4 -6: Wenn wir jetzt weitergehen, dann sind wir nicht allein
Abkündigungen

Nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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