Ist Gott ungerecht?

Oder: Krieg ich genug zum Leben?

Wir fordern gern Gerechtigkeit ein. Aber wenn Ungerechtigkeit mich bevorzugt? Wie oft sagt ein Schüler: „Das war ungerecht, dass Sie den andern ermahnt haben. Ja, schon, der hat mich gehauen, aber ich hatte angefangen…“ Jesus erzählt, wie Gott gerecht ist, indem er uns beschenkt: „Euer Leben, eure Fähigkeiten – alles habt ihr von mir!“

Auszahlung in bar

Was ist, wenn jeder denselben Lohn für unterschiedliche Arbeit bekommt? (Bild: pixabay.com)

Konfirmation am Sonntag Exaudi, den 12. Mai 2002, um 14.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen (die Liturgie hielt Pfarrer Frank-Tilo Becher)
Lesung zur Predigt aus Matthäus 20, 1-15:

(Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart)

1 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

2 Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.

3 Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten.

4 Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.

5 Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso.

6 Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?

7 Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!

8 Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten.

9 Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.

10 Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar.

11 Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren,

12 und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen.

13 Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?

14 Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir.

15 Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich (zu anderen) gütig bin?

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Krieg ich genug zum Leben? Krieg ich genug im Leben? Konfirmation ist ja so ein besonderer Punkt im Leben. Man ist ein bisschen aufgeregt. Alles ist so feierlich. Man schaut ein bisschen zurück – nee, ein Kind ist man nicht mehr. Man schaut ein bisschen nach vorn. Wie wird es werden, das Leben? Werde ich genug kriegen, genug erleben?

Eine andere Frage liegt euch sicher noch näher: Krieg ich heute genug? Nachher, wenn ihr die Geschenke auspackt und die Euros zählt. Ich weiß nicht mehr, wieviel Geld ich damals zu meiner Konfirmation bekommen habe. Ist ja auch schon lange her – 1967 war das, vor 35 Jahren. Aber ich weiß noch, auf jeden Fall wollte ich mir Herzenswünsche erfüllen. Ein Tonbandgerät, das war damals High Tech. Und für ein Motorrad sparen, eine kleine Honda. „Krieg ich dafür genug?“, habe ich mich gefragt.

Um es kurz zu machen, ich war zufrieden. Aber ich bekam auch noch andere Geschenke. Die steckten nicht in Umschlägen, sondern in Geschenkpapier. Eins davon habe ich noch heute, hier, dieses Buch: „…und führen, wohin du nicht willst“. Ein Pfarrer Helmut Gollwitzer berichtet darin über seine Kriegsgefangenschaft in Russland. Mein Vater war auch in russischer Gefangenschaft gewesen, der hat es mir geschenkt. Ihr könnt euch denken – ich fand es ein ziemlich doofes Geschenk für mich mit 14 Jahren.

Krieg ich genug? Kriegen die anderen mehr als ich? Krieg ich doofe Geschenke oder lieb gemeinte – oder kann ich mir selbst meine Wünsche erfüllen?

Irgendwie ist das wie im richtigen Leben. Fühle ich mich gerecht behandelt oder bin ich unzufrieden?

Jesus erzählt dazu eine Geschichte. … hat sie eben vorgelesen. Ein steinreicher Mann hat alles, viel Geld und einen großen Weinberg, aber ihm fehlen Arbeitskräfte für die Weinlese. Wo findet er sie?

Ein Arbeitsamt gibt es noch nicht. Aber er weiß, wo Leute ohne Arbeit herumlungern. Da, wo verkauft und gekauft wird, warten sie, ob für sie etwas abfällt. Nein, damals war das nicht der Edeka, sondern der Marktplatz im Dorf. Auch arbeitslose Familienväter stehen hier, die sind froh, wenn früh um sechs einer kommt, der sie einstellt. Arbeitslosengeld und Sozialhilfe sind noch nicht erfunden, der übliche Tageslohn von einem Denar reicht gerade, um die Familie für einen Tag durchzubringen.

Der Weinbergbesitzer stellt also Leute ein. Morgens um sechs. Sie arbeiten zwölf harte Stunden. Es ist heiß, sie schuften und schwitzen. Zwischendurch merkt der Chef, bei der Hitze ist die Arbeit bis zum Abend nicht zu schaffen. Ich brauche mehr Arbeitskräfte. Er holt noch mehr Arbeiter, um neun Uhr am Vormittag, mittags um zwölf und nachmittags um drei. Sogar um fünf, eine Stunde vor Arbeitsschluss, fallen ihm am Marktplatz noch untätige Gestalten auf. „He, ihr Faulenzer, ich hab Arbeit für euch, packt mit an!“

Dann lässt der Chef den Lohn auszahlen, zuerst an die Letzten. Aber nur mit den ersten Arbeitern war ausgemacht, was sie kriegen: Normaler Tariflohn, ein Denar für den Tag. Den anderen hat der Arbeitgeber nur gesagt: Ihr kriegt, was gerecht ist.

Was ist in der Lohntüte? Die um fünf Uhr Eingestellten kriegen den vollen Lohn, und die andern reiben sich die Hände: „Wenn die schon einen Denar kriegen, boooah, dann kriegen wir heute sicher dreimal, sechsmal, neunmal, zwölfmal so viel wie sonst!“

Aber nein. Keiner kriegt mehr. Alle kriegen einen Denar. Nicht mehr und nicht weniger. Da fangen die ersten an zu stänkern. „Wieso stellst du uns auf eine Stufe mit diesen Pennern? Die machen eine Stunde ihren Finger krumm und kriegen dasselbe wie wir. Und wir malochen den ganzen Tag in der Hitze!“

Im Grunde spielt der Chef Arbeitsamt, oder er gibt so etwas wie Sozialhilfe. Wer keine Arbeit findet, kriegt trotzdem Geld zum Leben. Er muss nur seinen Arbeitswillen zeigen – die eine Stunde Arbeit erwartet er.

Aber ist das gerecht? „Warum geh ich überhaupt schaffen?“ sagt jemand, der für einen Mindestlohn arbeitet. „Ich würde fast genau so viel Sozialhilfe kriegen!“

Ihr kennt so was auch: wenn ihr Gerechtigkeit von uns Pfarrern fordert: „Wieso muss ich die Unterrichtsstunde nachholen? Andere haben viel mehr gefehlt!“

Gerechtigkeit – oft auch ein Thema zwischen Menschen und Gott. Eine krebskranke Frau klagt Gott an: „Womit hab ich das verdient? Nie gönnt man sich was, immer ist man für andere da, und jetzt hat man nichts mehr vom Leben!“

Die Welt ist ungerecht.

Aber darf Gott ungerecht sein? Wie kann Jesus sagen: „So wie diesen Chef müsst ihr euch Gott vorstellen“?

Einen von den Zwölfstundenarbeitern, der so lautstark Gerechtigkeit fordert, knöpft sich der Boss persönlich vor. „Mein Freund,“ sagt er. „Dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?“ Das kann er nicht abstreiten. Na also, fährt er fort, „nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir.“ Und seine Begründung ist: „Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich gütig bin?“

Es scheint ja fast, als ob Jesus sagen will: Ihr müsst euch damit abfinden – die Welt ist ungerecht. Gott ist eben oben und ihr seid unten – da habt ihr gar nichts zu melden. Oben steht nun mal der Chef, der hat zu bestimmen, was gerecht ist – und unten wird es immer auch die geben, die zu kurz kommen und neidisch sind auf die vom Schicksal Bevorzugten.

So ist es doch. Und mal ehrlich: Ein bisschen bewundern wir die, die von diesem System profitieren. Michael Schumacher – in Deutschland müsste er 75 Millionen ans Finanzamt zahlen, in der Schweiz wird er wie ein Frührentner besteuert -, und er sagt offen: „Wenn Sie genügend Geld verdienen würden, würden Sie es doch auch so machen… Das macht doch jeder.“

Wir fordern alle gern Gerechtigkeit ein. Aber wenn Ungerechtigkeit mich bevorzugt, dann ist sie plötzlich nur noch ein bisschen schlimm – oder gar nicht mehr. Wie oft kommt es vor, dass ein Schüler sagt: „Das war ungerecht, dass Sie den andern ermahnt haben. Ja, schon, der hat mich gehauen, aber ich hatte angefangen…“. Realistisch? Nicht wirklich?

Aber will Jesus wirklich nicht mehr sagen? Die Welt ist ungerecht? Das wissen wir schon.

Jesus will uns erzählen, wie gerecht Gott ist. Er erzählt von der Art und Weise, wie Gott gerecht ist. Es wäre schlimm, meint Jesus, wenn Gott gerecht wäre – nach unseren Maßstäben.

Wir hätten nichts dagegen, ein bisschen gerechter behandelt zu werden als die anderen. „Einspruch“, sagt Gott. „Das soll gerecht sein? Das glaubst du doch selber nicht.“

Wir würden sagen: „Wer nix zu bieten hat, kriegt auch nix.“ „Einspruch“, sagt Gott und fragt uns: „Was habt ihr denn zu bieten? Könnt ihr mir mehr bieten, als ihr von mir geschenkt bekommen habt? Könnt ihr abarbeiten, was ihr mir verdankt? Eure Fähigkeiten, eure Talente – die habt ihr doch von mir! Schon euer Leben – unbezahlbar!“

Ja, es wäre schlimm, wenn Gott gerecht wäre nach unseren Maßstäben. Wenn Gott anfängt, gerecht zu sein, sieht es anders aus, fast ein bisschen verrückt.

Jeder kriegt das Gleiche, egal ob er viel oder wenig schafft im Leben. Jeder behält seine Chance, egal was er bisher verbockt hat. Gott will nicht, dass der eine lebt und der andere verhungert. Er will nicht, dass der eine im Leben genug kriegt und der andere verbittert stirbt. Jeder wird gleich behandelt. Natürlich kriegen nicht alle das gleiche Schicksal oder den gleichen Beruf oder gleich viele Geschenke, aber jeder kriegt, was er persönlich braucht.

Krieg ich genug im Leben? Ich krieg nicht genug, wenn ich immer schaue, was der andere hat. Der hat mehr, der hat was Besseres, das will ich auch haben. „Kriech ich ’n Fruchtzwerg?“ Nee, ich seh zu, dass ich ein bisschen trickse und alle kriege! Aber ich habe nie genug, wenn ich immer alles haben muss.

„Bist du neidisch, weil ich gütig bin?“ fragt der Chef den, der sich beschwert. Wörtlich steht im griechischen Originaltext: „Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“

Es liegt an unserem Auge, an unserem Schauen, ob wir Gott für böse oder für gut halten. Doch egal wie unser Auge gepolt ist – ob wir uns im Leben für benachteiligt halten oder für beschenkt – Gott ist und bleibt trotzdem gut.

Gott meint es gut – auch mit euch. Er will, dass euer Leben gelingt. Er will, dass ihr genug zum Leben kriegt – genug für euer Leben. Er will, dass ihr Chancen habt und nutzt – eure Chancen, überseht sie nicht! Ob ihr genau den Beruf findet, die Familie gründet, die ihr euch erträumt, wer weiß. Aber Gott will, dass ihr meistern könnt, was kommt.

Buchcover: Helmut Gollwitzer "und führen, wohin du nicht willst"

Zunächst ungeliebtes, später wertvolles Konfirmationsgeschenk: Helmut Gollwitzers Kriegstagebuch

Ach ja, noch etwas. Wenn ihr heute auch so ein Geschenk kriegt, mit dem ihr nichts anfangen könnt – so wie ich damals dieses Buch -, hebt es trotzdem auf. Mein Vater hat mir damit ein ganz liebes Geschenk gemacht. Ich hab’s erst viel später kapiert. Über seine eigenen Erlebnisse im Krieg konnte er nicht gut reden. „Der da in dem Buch“, sagte er mir, „der kann das besser ausdrücken“.

Mein Vater hat viel verloren im Krieg. Seine Heimat, seinen Bauernhof. Seine erste Frau. Seine kleine Tochter. Trotzdem hörte er nicht auf zu glauben. Er glaubte an den guten Gott. Er gab nicht auf. Er verdiente nach dem Krieg sein Geld als Arbeiter. Gründete eine neue Familie. Ich bin ihm dankbar dafür, denn sonst wäre ich nicht hier.

Darum ist dieses Konfirmationsgeschenk als einziges auch heute noch wertvoll für mich. Es sagt mir nämlich: Was für meinen Vater genug war, um die Schrecken des Krieges zu überstehen, das ist auch für mich genug, um mein Leben zu bewältigen.

Euch sagen wir heute mit dem Segen der Einsegnung: Ja, auch ihr kriegt genug im Leben. Auf eure Weise.

Einige von euch sind ja von Geistern fasziniert. Ich wünsche euch, dass böse Geister euch nicht schaden und gute Geister euch begleiten – Gottes gute Mächte, gute Engel auf eurem Weg. Amen.

Gott gebe euch große gute Augen für seine guten Engel. Amen.

…, du hast dir gewünscht, dass wir das Engellied noch mal singen, das wir vor vier Wochen bei einer Taufe gesungen haben. Diesen Wunsch erfüllen wir dir – jetzt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.