Achtsam umgehen mit kostbarer Lebenszeit

In der Trauerfeier für einen alten Mann, der mit seiner Frau eine lange glückliche Ehe geführt hat, gehe ich auf den Trauspruch der beiden ein, in dem es darum geht, mit der kostbaren Lebenszeit achtsam umzugehen.

Achtsam umgehen mit kostbarer Lebenszeit: Zwei Hände umfassen schützend eine aus Uhrzahnrädern geformte Kugel, im Hintergrund ein Zifferblatt mit römischen Zahlen

„Wachet!“ sagt Jesus. „Denn ihr wisst weder Zeit noch Stunde“ (Bild: cocoparisienne – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Herrn J. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns gemeinsam an sein Leben und erweisen ihm die letzte Ehre. Wir sind in der Stunde des Abschieds nicht allein. Wir besinnen uns auf Worte Gottes, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 37, der vom Leben redlicher, bewährter Menschen handelt, die im Vertrauen auf Gott, den Herrn, ihr Leben meistern und auf ein Leben im Frieden hoffen dürfen:

3 Hoffe auf den HERRN und tu Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich.

4 Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben, was dein Herz wünscht.

5 Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird‘s wohl machen

6 und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

7 Sei stille dem HERRN und warte auf ihn.

11 Die Gebeugten werden das Land erben und ihre Freude haben an großem Frieden.

16 Das Wenige, das ein Gerechter hat, ist besser als der Überfluss vieler Gottloser.

18 Der Herr kennt die Tage der Bewährten, und ihr Gut wird ewiglich bleiben.

19 Sie werden nicht zuschanden in böser Zeit, und in der Hungersnot werden sie genug haben.

23 Von dem HERRN kommt es, wenn eines Mannes Schritte fest werden, und er hat Gefallen an seinem Wege.

24 Fällt er, so stürzt er doch nicht; denn der HERR hält ihn fest an der Hand.

26 Er ist allezeit barmherzig und leiht gerne, und sein Geschlecht wird zum Segen sein.

27 Lass ab vom Bösen und tu Gutes, so bleibst du wohnen immerdar.

29 Die Gerechten werden das Land ererben und darin wohnen allezeit.

37 Bleibe [standhaft] und halte dich recht; [dann darfst du hoffen auf ein Leben im Frieden].

39 Der HERR hilft den Gerechten, er ist ihre Stärke in der Not.

Liebe Trauergemeinde!

Wer ein hohes Alter erreicht, der macht manches durch in seinem Leben. Es gibt Zeiten der Beständigkeit und wechselvolle Jahre, und das einzelne Schicksal wird nicht nur von den eigenen Entscheidungen eines Menschen bestimmt, sondern auch von Entwicklungen, denen man ausgeliefert ist: Krieg und Frieden, Gesundheit und Krankheit, das Auf und Ab im persönlichen Bereich und in der großen Geschichte eines Landes, ja der Weltgeschichte.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

So lief das Leben seinen ruhigen Gang, allerdings war Herr J. nicht einer, der nur zu Hause sitzen wollte, er war immer unterwegs, gerne in der Stadt. Bis einigen Jahren fuhr er mit seiner Frau gern in den Urlaub.

Die letzten Jahre seines Lebens waren von Krankheit geprägt. Zuletzt ging es ihm so schlecht, dass man sagen kann: Nun ist er erlöst worden von seinem schlimmen Leiden.

Als damals Hochzeit gefeiert wurde, hat Herr Pfarrer K. dem Ehepaar J. einen Trauspruch aus Matthäus 25, 13 auf den Lebensweg mitgegeben:

Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Genau kann ich natürlich nicht sagen, warum Pfarrer K. damals diesen Bibelspruch für eine kirchliche Trauung ausgesucht hat. Vielleicht, weil dieses Wort am Ende eines Gleichnisses steht, in dem es um eine Hochzeit geht.

Da erzählt Jesus von zehn jungen Mädchen, die mit ihrer Freundin Hochzeit feiern wollen und den Bräutigam erwarten. Sobald er kommt, müssen sie mit ihren Öllampen in feierlichem Zug die Braut ins Haus des Bräutigams zur Hochzeitsfeier geleiten. Nun kann damals ein Bräutigam seine Braut mit ihren Brautjungfern durchaus Stunden oder sogar Tage warten lassen, bis die Hochzeit endlich beginnt. Jesus erzählt nun, dass fünf von den zehn Mädchen so klug sind und Ersatz-Lampenöl mitbringen; die anderen sind nicht bereit, als der Bräutigam kommt, und können ohne brennende Lampe nicht mit zur Hochzeit. An dieser Stelle spricht Jesus seine eindringliche Mahnung aus:

Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Vielleicht wollte mein Amtsvorgänger Ihnen damals die Mahnung ans Herz legen, achtsam mit Ihrer kostbaren gemeinsamen Lebenszeit umzugehen, und einander als Ehepaar lebenslang die Treue zu halten. Und Sie haben es beherzigt – viele Jahre lang haben Sie Ihre Ehe miteinander führen dürfen.

Aber auch unabhängig von der konkreten Situation der Ehe ist das Gleichnis Jesu ein Hinweis auf unsere Situation als sterbliche Menschen mit einer begrenzten Lebenszeit. Ganz gleich, wie alt wir werden, uns ist nur eine bestimmte Menge an Jahren, Tagen, Stunden anvertraut. Diese Zeit können und sollen wir nutzen, um uns zu bewähren, als Menschen, die Liebe empfangen und verschenken.

Das ist die Situation von uns Menschen auf dieser Erde unter Gottes Himmel: da ist ein Schöpfer, der uns unsere Lebenszeit anvertraut, und wir stehen ihm gegenüber und haben uns vor ihm dafür zu verantworten, was wir mit seinem Geschenk anfangen. Ein liebender Gott wartet darauf, dass wir Liebe zurückgeben, und zwar indem wir den Menschen, die er uns anvertraut, mit Liebe begegnen.

Keiner von uns weiß, wie lange er lebt; jede Stunde ist kostbar, und selbst die schweren Stunden sind unbezahlbar, wenn wir sie erleben als Zeiten der Bewährung, in denen wir die Liebe anderer Menschen um so intensiver erfahren, oder in denen wir spüren, dass Gott uns hilft, das Unerträgliche auszuhalten und durchzustehen.

Im Blick auf Herrn J. möchte ich sagen: Es konnte auch niemand voraussehen, wann denn sein Leben und sein Leiden beendet sein würde. „Ihr wisst weder Zeit noch Stunde“, das hat zur Folge, geduldig für ihn da zu sein, mit ihm auszuharren, bis er erlöst sein würde.

„Wachet!“ „Seid wachsam!“ Diese Mahnung zu befolgen, sieht also unterschiedlich aus, je nach unserer Lebenssituation. Wir dürfen aufmerksam leben – aufmerksam auf alles, womit Gott uns beschenkt, aufmerksam auf die Menschen, die uns anvertraut sind, und aufmerksam auch auf die Signale des Himmels, die uns anzeigen, dass es über diese irdische, sichtbare Welt hinaus noch eine andere Hoffnung gibt.

Ja, wir dürfen voller Zuversicht darauf vertrauen, dass Herr J. in seinem Tode nicht verloren geht. Er geht hinüber in die Herrlichkeit von Gottes ewigem Leben. Wir können uns nicht vorstellen, wie das aussieht, aber wenn Jesus das Leben im Himmel mit einem Hochzeitsfest vergleicht, dann dürfen wir gewiss etwas sehr Schönes erwarten im ewigen Leben. In dieser Zuversicht dürfen wir Herrn J. getrost loslassen und ihn den liebevollen Händen Gottes anvertrauen. Amen.

Barmherziger Gott, du bist der, der uns Kraft schenkt, gerade wenn wir schwach und am Ende sind. Du bist die Liebe, die auch da noch trägt, wo wir an Grenzen stoßen. Du hilfst uns, stark zu sein, nicht indem wir das Schlimme verdrängen und die Zähne zusammenbeißen, sondern indem wir auch auf unsere schwachen Seiten achten und gut für uns sorgen.

Wir danken dir für das lange Leben von Herrn J. und für alles Gute, das du ihm und durch ihn auch uns erwiesen hast. Wir denken zurück an Tage der Freude und auch an schwere Zeiten. Du hast den Verstorbenen durch Freude und Leid geführt bis zu seinem Tod. Nun nimm ihn gnädig auf in dein himmlisches Reich und hilf uns, dass wir ihn getrost loslassen können.

Wir wissen, wie kostbar die uns geschenkte Zeit ist. Richte unseren Sinn auf das, was bleibt, und lass uns spüren, dass du auch uns deine Kraft schenkst, die uns hilft, das Leben zu meistern. Amen.

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