In jedem Menschen gibt es das Kind

Trauerfeier für einen Mann, der Kriegserlebnisse niemals wirklich verarbeiten konnte. Wer kann in sein Herz blicken? Gott vermag in jedem Menschen das Kind zu entdecken, das in ihm lebendig war und das sich nach Liebe sehnt.

Die Statue von einem Kind, einem Jungen, die mit abgeblätterter grüner Farbe bedeckt ist

In jedem Menschen gibt es das Kind, das sich nach Liebe sehnt (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe kleine Trauergemeinde, das Leben von Herrn B. ist zu Ende gegangen, im Alter von [über 70] Jahren ist er gestorben, und wir sind gemeinsam hier, um von ihm Abschied zu nehmen.

Wir beten mit Psalm 103:

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten.

Liebe Trauernde, als Pfarrer S. den nun Verstorbenen konfirmiert hat, da hat er ihm ein Bibelwort mit auf den Weg gegeben, das ich heute an seinem Sarg auslegen möchte. Es steht in 1. Samuel 16, 7 und lautet:

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an.

Wenn wir um einen Menschen trauern, ist es ganz natürlich, zunächst auf das zu sehen, was vor Augen ist. Wir betrachten den Lauf dieses Lebens in seinen nüchternen Daten und herausragenden Ereignissen, so weit die Erinnerung und erhalten gebliebene Aufzeichnungen reichen.

Was wissen wir von dem Mann, von dem wir heute Abschied nehmen?

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Der Krieg hinterließ in seinem Leben viele bleibende Spuren. Wir können nicht sagen, was für ihn schwerer wog: die körperlichen Folgeschäden des Krieges und der Gefangenschaft oder die seelischen Belastungen aufgrund dessen, was er mit ansehen musste oder zu tun gezwungen war. Über seine Zeit an der Front, auf der Flucht und im Lager kam Herr B. wohl niemals richtig hinweg; er sprach auch selten darüber.

Der Mensch sieht, was vor Augen ist – wir sehen dieses Gerüst von Lebensdaten und Erfahrungen eines Lebens, aber wie es im Letzten gefüllt und erfüllt war, darüber haben wir keinen Überblick. Gott aber sieht das Herz an. Er allein weiß ein Menschenherz wirklich zu begreifen, er allein hat ein Recht zu urteilen, und von ihm wissen wir, dass er uns barmherzig anschaut, voller Liebe und echtem Verständnis.

Unter den Unterlagen von Herrn B. haben Sie auch die Ansprache gefunden, die bei seiner Konfirmation gehalten wurde. Und diese Rede zeigt sehr deutlich, wie schwierig das ist mit Glaubensfragen in diesem Jahrhundert. Man merkt, wie der Pfarrer sich müht, die Konfirmanden aufzurütteln, sie behutsam zu warnen vor der damaligen völkischen Ideologie, sie anzuhalten, dass sie nicht auswandern aus der Gemeinde. Aber ich vermute, dass die meisten Konfirmanden diese hohen Worte schon damals nicht verstanden haben, nicht verstehen konnten. Sie trafen nicht direkt in ihr Leben, sie vermittelten keine Sprache, in der ein junger und dann älter werdender Mensch seine eigenen Erfahrungen hätte mit dem Glauben, mit Gott in Verbindung bringen können. Immer wieder begegnet uns das Problem, dass man über alles Mögliche sprechen kann, aber über das, woran man sich im Leben hält, worauf man sich verlässt, woran man glaubt, dafür fehlen uns die Worte. Das geht selbst uns Professionellen im Bereich der Kirche so, wenn wir selber betroffen sind, wenn wir nicht für andere reden, sondern unseren eigenen Glauben ganz persönlich zur Sprache bringen möchten.

Darum ist es tröstlich, dass wir auch keine letztgültigen Aussagen über das machen müssen, was ein Mensch empfunden und geglaubt hat. Gott sieht das Herz an, er kennt uns und nimmt uns an, so wie wir sind. Wo wir gescheitert sind in unserem Leben, da richtet er uns auf, wo wir schuldig geworden sind, da richtet er unser Verhalten, aber er vernichtet nicht uns als Person. Und ich bin überzeugt, dass es keinen Menschen gibt, der von Gott nicht geliebt ist, denn in jedem Menschen gibt es das Kind, das wir alle einmal waren, das Kind, das sich nach Liebe sehnt, das Kind, das in den Himmel kommen möchte, wenn es stirbt, das Kind, das oft wie hinter dicken Mauern verborgen ist, weil wir uns dafür schämen, so viel Liebe zu brauchen – und dabei sind wir doch schon groß, und es gehört sich nicht für Erwachsene, allzuviele Gefühle zu zeigen. Aber dennoch ist das Kind da, häufig in Angst versetzt und furchtbar verletzt in schrecklichen Zeiten, immer wieder ohne Trost geblieben, manchmal sogar noch gedemütigt von Menschen der Kirche, die hätten trösten sollen, statt Forderungen aufzustellen.

Kurz und gut, wir vertrauen heute Herrn B. dem Gott an, der sein Herz anschaut und ihn aufnimmt in sein himmlisches Reich. Wir dürfen dies tun in der Hoffnung, dass auch wir von Gott geliebt sind und in seinen barmherzigen Händen geborgen bleiben, was auch immer geschieht. Amen.

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