Der Himmel wird aufgeschlossen

Trauerfeier für einen jungen Mann, der kurz vor Weihnachten ganz plötzlich und unerwartet gestorben ist.

Der Himmel wird aufgeschlossen: Die Christusstatue in Rio de Janeiro mit ausgebreiteten Armen unter dem weiten Himmel

Christus hat den Himmel für uns aufgeschlossen (Bild: fabiowanderley – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauernde, wir sind vom Tod betroffen. Wir müssen Herrn A. begraben, der im Alter von [über 30] Jahren gestorben ist. Wir wollen bedenken, wie wir das ertragen können. Wir fragen nach dem Glauben, der uns leben hilft – selbst angesichts des Todes.

Worte der Bibel können uns dabei helfen, in Worte zu fassen, was auf unserer Seele liegt. So beten wir mit Worten aus dem Psalm 77:

2 Ich rufe zu Gott und schreie um Hilfe, zu Gott rufe ich, und er erhört mich.

3 In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab; denn meine Seele will sich nicht trösten lassen.

4 Ich denke an Gott – und bin betrübt; ich sinne nach – und mein Herz ist in Ängsten.

5 Meine Augen hältst du, dass sie wachen müssen; ich bin so voll Unruhe, dass ich nicht reden kann.

6 Ich gedenke der alten Zeit, der vergangenen Jahre.

7 Ich denke und sinne des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen.

8 Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen?

9 Ist‘s denn ganz und gar aus mit seiner Güte?

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?

11 Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut.

16 Du hast dein Volk erlöst mit Macht.

21 Du führtest dein Volk wie eine Herde.

Liebe Trauergemeinde!

„Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?“ So fragt der Mensch aus dem alten Israel, der den 77. Psalm betet. Wir wissen nicht genau, welches Leid er erfahren hat, aber wir hören die Worte seiner Klage, die sich an einen Gott wenden, den er nicht mehr versteht. Früher hat Gott sein Volk bewahrt und geführt wie ein guter Hirte. Soll das nun für immer zu Ende sein?

„Haben wir so viel Strafe verdient?“, so haben Sie sich gefragt, liebe Frau A. Diese Frage richtet sich auch an einen Gott, von dem wir Bewahrung und Trost erwarten, vielleicht auch gerechte Strafen – aber wir können einfach nicht glauben, dass Gott so ungerecht straft, ohne Grund, ohne Maß, er, der barmherzige Gott.

Was ist es, das hier geschehen ist – ist es Strafe, ist es deutbar, kann darin ein erkennbarer Sinn liegen?

Herr A. ist gestorben – mitten aus dem Leben wurde er gerissen, unmittelbar vor Weihnachten, nachdem er einige Wochen krank gewesen war – schwerer krank, als man zunächst dachte. Damit hätte niemand gerechnet, wohl am wenigsten er selbst.

Warum das geschehen ist? Wir kennen nicht einmal die medizinischen Ursachen ganz genau. Noch weniger können wir einen Sinn in diesem frühen Tod erkennen. Die Frage nach dem „Warum“ möchte am liebsten das Schreckliche ungeschehen machen, die Frage nach dem Sinn mag ein verzweifelter Versuch sein, das Unerträgliche wenigstens einordnen zu können. Aber es hilft alles nichts – wir können nicht ändern, was geschehen ist.

Und doch gibt es etwas zu tun. Ein Weg muss gegangen werden, der schwere Weg der Trauer. Die eigenen Gedanken und Gefühle, die Erinnerungen und nicht ausgeführten Pläne, all das treibt uns um. Und wir brauchen Zeit und Kraft, um all das auszuhalten und zu bewältigen.

Der heutige Tag ist einer der ersten Schritte auf dem Weg der Trauer. Ganz buchstäblich werden wir nachher den Weg zum Grab gehen – gehen den Weg eines Menschen bis zum Ende mit. Und vorher erinnern wir uns in dieser Feier an dieses besondere Leben, das so früh an sein Ende gelangt ist.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Diese wenigen Daten aus dem Lebenslauf von Herrn A. geben nur eine Andeutung davon, was für ein Mensch er war – fröhlich und aufgeschlossen, ideenreich und kontaktfreudig. Wer ihn kannte, wird einzelne Szenen vor Augen haben, die sein Bild geprägt haben – sei es die Art, wie er seine Wohnung einrichtete, oder wie sehr es ihn mitgenommen hat, dass in der Familie seiner ersten Kunden ein furchtbarer Mordfall geschah, oder wie er es sich nicht nehmen ließ, den Christbaum der Eltern zu schmücken. Begegnungen flüchtiger Art und Prägungen, die über lange Zeit hinweg gewirkt haben, sind heute gegenwärtig in der Rückschau auf das Leben des Verstorbenen.

Der Rückblick gehört dazu, ist unvermeidlich und sinnvoll. Er macht uns traurig, lässt aber auch Dankbarkeit zu – den Dank für eine gemeinsame Geschichte, für das, was man an Liebe schenken und empfangen konnte, für ein kostbares Menschenleben.

Der Vorausblick ist noch schwerer. Denn da fehlt ein Mensch, der so lange zum eigenen Leben dazu gehört hat. Ein Kind zu verlieren, ist besonders schwer, denn ein Stück der eigenen Zukunft bricht weg. Man kann diesen Schmerz nicht wegreden, man kann ihn nur ertragen und aushalten – und das ist schwer genug. Es kann kein Trost sein, wenn jemand sagt, es sei nicht so schlimm, es kann auch keine Hilfe sein, alles verdrängen zu wollen, wirklicher Trost besteht allein darin, dass man einen Halt findet, der durchstehen hilft, was man fühlt. Einen solchen Halt bieten vertraute Menschen, die zu uns stehen. Auch Gott ist da als Gegenüber, fremd und vertraut zugleich, als Klagemauer, als der, den ich anklagen möchte und anklagen darf, und ebenso als einer, der uns zuhört, uns auffängt. „Du kannst nicht tiefer fallen als in die Hände eines liebenden Gottes“, heißt es.

Gott ist auch einer, der ewiges Leben verheißt. Dieses Wort wird oft missverstanden. Ewiges Leben ist keine Verlängerung unseres irdischen Lebens in die Unendlichkeit. Ewiges Leben ist auch nicht die geisterhafte Gegenwart von Verstorbenen. Der Glaube an das ewige Leben erspart uns nicht das Abschiednehmen.

Aber im Bild des ewigen Lebens wird uns Hoffnung zugesagt. Dieses Leben, uns von Gott geschenkt, ist so kostbar, dass es auch durch den Tod nicht wertlos wird. Die Menschen, die sich an uns erinnern, werden irgendwann einmal selbst nicht mehr auf der Erde leben. Aber in der Erinnerung Gottes bleiben wir aufbewahrt in Ewigkeit. Gott erschafft uns sozusagen aus dem Gedächtnis im Himmel neu. Unser älterer Sohn fragte mich einmal, als er sechs Jahre alt war: Wenn ein Kind stirbt, wächst es dann eigentlich im Himmel noch? Ich sagte ihm: Ich glaube ja. Ich glaube, dass Gott mit uns noch mehr vorhat, etwas sehr Schönes.

Als Jesus einmal über das ewige Leben gefragt wurde, da sprach er in einem Bild davon, dass man im Himmel nicht heiraten wird, sondern dass die Menschen dort sein werden wie die Engel. Wir werden unvorstellbar anders sein, doch wir gehen nicht verloren.

Als Jesus selber starb, mit 33 Jahren, da tröstete er einen Mann, der neben ihm den gleichen grausamen Tod am Kreuz erlitt, mit den Worten (Lukas 23, 43):

Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Das verlorene Paradies, verlorengegangen im verzweifelten Bemühen der Menschen, so sein zu wollen wie Gott, wird uns von Gott zurückgeschenkt, von dem wir in einem Weihnachtslied singen (EG 27):

1 Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn, und schenkt uns seinen Sohn.

In Jesus kommt Gott selber zur Welt, nimmt Anteil an unserem Schicksal, an Leid und Schuld und Tod. Jesus, der Gottessohn, überwindet diese Mächte, indem er schlicht die Liebe lebt. Der allmächtige Gott kann nicht einfach alles, aber seine Liebe ist mächtiger als alles, und sie verkörpert sich in Jesus. So wird uns der Himmel aufgeschlossen – in der Liebe, die unser irdisches Leben zu einem erfüllten Leben macht und die uns bleibt, auch im Sterben, auch über den Tod hinaus.

Bilder vom Himmel und vom ewigen Leben sollen nicht die Trauer wegerklären und wegschieben. Sie wollen uns im Blick auf den Verstorbenen eine Sorge wegnehmen, nämlich die Sorge um seine Zukunft. Wir dürfen ihn getrost loslassen, er bleibt geborgen, aufgefangen, bewahrt in Gottes Händen. Und im Blick auf uns selbst zeigen uns die Bilder vom ewigen Leben, worauf es ankommt: dieses zeitliche Leben wird kostbar durch die Liebe, die wir geschenkt bekommen und die wir weitergeben. Und wir leben gerade auch dann sehr intensiv, wenn wir um einen geliebten Menschen trauern und uns gegenseitig stützen in dem, was wir alleine nicht aushalten. Amen.

EG 617: Ich bete an die Macht der Liebe

Gott, lass uns den Glauben nicht verlieren, der das Dunkle erträgt und die Liebe bewahrt. Amen.

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