Integration durch gemeinsame Erfahrungen

Dr. Yasar Bilgin, ein türkisch-stämmiger Oberarzt aus Marburg, wurde zum Thema Integration interviewt. Er sagt: Entwürdigungen dürfen nicht stattfinden. Und nie dürfen Menschen biologisch oder genetisch unterschieden werden. Aber Probleme darf man auch nicht verdrängen. Und ein besonders wichtiger Satz: „Wir haben keine gemeinsame Vergangenheit und brauchen deshalb eine gemeinsame Erfahrung.“

Eine Frau mit Kopftuch zwischen zwei Frauen mit und ohne Hut - Symbolfoto für Integration

Sich Kennenlernen über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg (Bild: jamboo7809 – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Mittwoch, 13. Oktober 2010, um 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir hören zu Beginn die biblische Tageslese für den heutigen 13. Oktober 2010 aus dem Brief des Paulus an die Galater 6, 11-18:

11 Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe mit eigener Hand!

12 Die Ansehen haben wollen nach dem Fleisch, die zwingen euch zur Beschneidung, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden.

13 Denn auch sie selbst, die sich beschneiden lassen, halten das Gesetz nicht, sondern sie wollen, dass ihr euch beschneiden lasst, damit sie sich dessen rühmen können.

14 Es sei aber fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.

15 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur.

16 Und alle, die sich nach diesem Maßstab richten – Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!

17 Hinfort mache mir niemand weiter Mühe; denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe.

18 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder! Amen.

Gott, wir bringen vor dich, was uns bewegt an diesem Abend. Sorgen, die wir uns machen in der Familie, Stress auf der Arbeit, Streit in der Nachbarschaft. Gott, wir rufen zu dir (EG 178.11):

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Wir bringen auch vor dich Gedanken, die wir uns über dein Wort machen. Wir hören von Konflikten, die der Glaube an Jesus auslöst, damals zur Zeit des Paulus; wir denken an Streit über den Glauben heute; und wir denken an diejenigen, denen der Glaube heute gar nicht mehr viel zu bedeuten scheint. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

In der letzten Zeit mache ich mir Gedanken um den Frieden zwischen Menschen verschiedener Herkunft in unserem Land. Da gibt es so viel Angst auf allen Seiten und so viel Unsicherheit. Der Bundespräsident will ein Signal der Verbundenheit setzen; andere kritisieren ihn. Not tut eine offene Diskussion im Geist des Friedens. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

In der Stille denken wir an Menschen, die Zeichen des Friedens setzen, die das Gespräch suchen über Grenzen hinweg, die Streit schlichten, die uns Mut machen, denen wir Vertrauen entgegenbringen können.

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

Ich möchte Ihnen einen Denkanstoß zum Brückenbauen geben und zuvor das Lied 628 mit Ihnen singen:

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen

Liebe Gemeinde, in dem Text am Anfang haben wir von Konflikten gehört, die der Apostel Paulus mit den Menschen hatte, die Juden waren und zwar Jesus als den Messias des Volkes Israel anerkennen wollten, aber meinten, dass alle, die an Jesus glauben, sich erst einmal an die jüdischen Gesetze anpassen müssten. Dem widersprach Paulus. Beide Gruppen, Judenchristen und Heidenchristen, sollten einander respektieren und anerkennen, denn beide seien durch Christus zu einem Leib zusammengewachsen.

Wenn es heute um die Beziehung von uns Christen zum Islam geht, dann sind die Probleme anders, vielleicht noch größer, denn es gibt kein solches Zusammenwachsen in Christus, sondern eine noch größere Fremdheit. Die Religionen sind in vielem nicht kompatibel. Trotzdem ist es sinnvoll, auch einmal über den Zaun hinüberzuschauen und sich mit der anderen Religion zu beschäftigen.

In der Zeitschrift „Publik-Forum“ las ich einen Artikel des katholischen Theologen Karl Josef Kuschel. Er hat sich als Christ schon lange gemeinsam mit Hans Küng im Gespräch mit dem Islam engagiert und liest mit großem Interesse auch den Koran. Bei allen unüberbrückbaren Unterschieden im Verständnis von Gott und Jesus bleibt der Koran doch auch ein Buch, in dem Teile unserer jüdisch-christlichen Überlieferungen vorkommen: Einem überzeugten Muslim muss man nicht erklären, wer Noah, Abraham, Mose, David, Jesus und seine Mutter Maria waren, und wir teilen mit dem Islam auch das Lob der Schöpfung Gottes und seiner Barmherzigkeit.

Natürlich gibt es im Koran erschreckende Inhalte: Aber die gibt es auch in unserer Bibel. Wenn es um das Thema Gewalt geht, musste sich auch unser Christentum darauf besinnen, ob der Glaube mit Gewalt durchzusetzen sei oder ob nicht vielmehr eine Haltung des Friedens dem Geist der Bibel entspricht. Die Zeiten der Kreuzzüge und des Dreißigjährigen Krieges sind jedenfalls vorbei, auch durch Anstöße von außen, durch die Aufklärung und die Erklärung der Menschenrechte.

Der Islam hat zum Teil eine solche Auseinandersetzung noch vor sich, zum Teil gab es eine Aufklärung im Islam aber auch schon zur Zeit des Mittelalters und hat damals auf dem Weg über Philosophen und Wissenschaftler auch unsere Aufklärung mit vorbereitet.

Ermutigend fand ich einen Artikel, der heute im Gießener Anzeiger stand. Dr. Yasar Bilgin, ein türkisch-stämmiger Oberarzt aus Marburg, wurde dort zum Thema Integration interviewt. Er sagt zum Beispiel:

„Will man in Zukunft in diesem Land Menschen mitziehen, dann muss man Ängste ansprechen und seine Meinung sagen dürfen, aber es muss immer auch eine sachliche Diskussion stattfinden.“

Entwürdigungen dürfen nicht stattfinden. Und nie dürfen Menschen biologisch oder genetisch unterschieden werden. Aber Probleme darf man auch nicht verdrängen. Und ein besonders wichtiger Satz:

„Wir haben keine gemeinsame Vergangenheit und brauchen deshalb eine gemeinsame Erfahrung.“

In der Nordstadt hat gerade ein türkischer Supermarkt die Nachbarn zum Eröffnungsfest eingeladen. Die Inhaber erhoffen sich, dass Menschen jeder Herkunft dort einkaufen. Im nächsten Monat werden in unserer Paulusgemeinde neue Räume fertig, um unsere Kindertagesstätte zu erweitern und ein Familienzentrum einzurichten, das auch als Begegnungsstätte für Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen dienen soll. Wir brauchen solche Orte, um gemeinsame Erfahrungen zu machen.

Ich lasse das so stehen, und möchte mit Ihnen noch das Lied 634 singen:

Die Erde ist des Herrn

Schenke uns die Einsicht, Gott, dass wir von dir Trost und Kraft bekommen. Und manchmal nimmst du uns die Kraft, damit wir spüren: Es ist nicht selbstverständlich, stark zu sein. Schenke uns deine Liebe, damit wir wissen: Wir sind nicht allein auf der Welt. Unser Leben hat seinen Sinn in dir. In dir finden wir Ruhe und die Erfüllung, nach der wir uns sehnen. Und wenn wir sterben müssen, dann lass uns selig sterben und getrost Abschied nehmen von dieser Welt. Zeige uns die Aufgabe, die du für uns vorgesehen hast. Und lass uns nicht unzufrieden sein, wenn es nur eine bescheidene Rolle ist, die wir spielen sollen. Du ersparst uns nicht Leid und Tränen – aber lass uns in allen Sorgen und Nöten nicht allein! Amen.

Vater unser

Empfangt Gottes Segen:

Es segne dich Gott, der Vater. Er sei der Raum, in dem du lebst. Es segne dich Jesus Christus. Er sei der Weg, auf dem du gehst. Es segne dich der Heilige Geist. Er sei das Licht, das dich zur Wahrheit führt. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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