Gesegnet, um ein Segen zu sein

Trauerfeier für eine Frau, die es in ihrem Leben von Kindheit an nicht leicht hatte, die aber anderen Böses nicht mit Bösem heimzahlte, sondern mit dem Segen, den sie bekommen hatte, anderen zum Segen wurde.

Gesegnet, um ein Segen zu sein: Der Spruch "An Gottes Segen ist alles gelegen" an einem Hausgiebel

Wer gesegnet ist, kann ein Segen sein (Bild: AnnaER – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau H. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Traurig sind wir, wenn ein Mensch stirbt, der uns so vertraut war. Wir vermissen ihn, es zerreißt uns das Herz, dass er tot ist.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 73:

1 Gott ist dennoch Israels Trost für alle, die reines Herzens sind.

2 Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen; mein Tritt wäre beinahe geglitten.

3 Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen, als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.

12 Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.

13 Soll es denn umsonst sein, dass ich mein Herz rein hielt und meine Hände in Unschuld wasche?

14 Ich bin doch täglich geplagt, und meine Züchtigung ist alle Morgen da.

15 Hätte ich gedacht: Ich will reden wie sie, siehe, dann hätte ich das Geschlecht deiner Kinder verleugnet.

16 So sann ich nach, ob ich’s begreifen könnte, aber es war mir zu schwer.

21 Als es mir wehe tat im Herzen und mich stach in meinen Nieren,

22 da war ich ein Narr und wusste nichts, ich war wie ein Tier vor dir.

23 Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,

24 du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

25 Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

26 Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Wir singen aus dem Lied 369 die Verse 1, 5 und 7:

1. Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

5. Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seist und dass ihm der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glücke speist. Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel.

7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Liebe Trauergemeinde!

Ein leichtes Leben hatte sie nicht, Frau H. Sie verlor früh ihre Mutter; und bei der Stiefmutter und den Kindern, die diese mit in die Lebensgemeinschaft mit ihrem Vater hineinbrachte, fand sie keine glückliche Ersatzfamilie.

Ihr Pfarrer, der sie damals konfirmierte, gab ihr als ihren Konfirmationsspruch ein passendes Bibelwort mit auf den Weg (1. Petrus 3, 9):

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Wir blicken zurück auf das Leben von Frau H. Da war viel Leid, viel Mühe, viel Arbeit. Da war aber auch viel Bewahrung, viel Freude, viel Erfüllung. Frau H. war ein zufriedener Mensch, obwohl ihr Schicksal nicht leicht war, und sie ließ sich vor allem nicht darin beirren, den geraden Weg zu gehen, auch wenn es noch so schwer war. Sie war als Mutter und Großmutter zuverlässig und liebevoll für ihr Kind und das Enkelkind da, auch wenn sie selber keine so schöne Kindheit hatte. Sie blieb ihrem Mann treu, auch wenn er so viel außer Haus sein musste, und stand ihm bei in guten und in schweren Zeiten, bis der Tod sie geschieden hat.

Ich glaube, dass ihr Konfirmationsspruch (1. Petrus 3, 9) viel mit dem Charakter von Frau H. zu tun hat:

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.

Was Frau H. an Bösem erlebt hat, hat sie niemand anderen spüren lassen.

Stattdessen war sie ein Segen für andere, vielleicht weil sie wusste, wie weh es tut, wenn man Mutterliebe verliert und keine neue findet. Ich vermute, dass sie als Kind, bis ihre Mutter starb, bereits so viel Liebe in sich aufgenommen hatte, dass sie genug innere Stärke besaß, um den guten Weg ihr Leben lang durchzuhalten, egal was später kam. Selbstverständlich war das nicht. Es gehört zu dem Wunderbaren, das ihr in ihrem Leben geschenkt war.

Auch im Konfirmationsspruch geht beides Hand in Hand: das Gesegnetsein und das Ein-Segen-für-andere-Sein. Dabei sind äußere Dinge unerheblich wie Reichtum oder ein durchgehend bequemes und vergnügliches Leben. Auf vieles hat Frau H. in ihrem Leben verzichten müssen, ja, auch freiwillig verzichtet.

Gesegnet war sie darin, dass sie ihrem Weg treu blieb, für andere ein Segen zu sein.

Ein zufriedener Mensch war sie, indem sie gelernt hatte, dass auch wenig genug sein kann. Am Guten konnte sie festhalten, indem sie sich auch durch Böses nicht dazu bringen ließ, den Glauben zu verlieren, dass letzten Endes das Gute stärker ist als das Böse.

Nun ist Frau H. gestorben, nachdem sie schlimme Krankheiten durchmachen musste, die am Ende nicht zu heilen waren. Vielleicht war es gut, dass es am Ende so schnell ging, vielleicht blieben ihr schlimmere Schmerzen erspart. Sie musste ihr Leben loslassen, an dem sie gehangen hat. Aber sie war stark genug, der Wahrheit über ihre Krankheit und dem Tod ins Auge zu sehen.

Als ich zum letzten Mal bei ihr war, haben wir zusammen gebetet. Es war ein Gebet von Dietrich Bonhoeffer, das er im Gefängnis gebetet hat, wenige Monate bevor er hingerichtet wurde:

Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Wir sind in dieser Welt von Leid und Not umgeben, von Bosheit und Unrecht. Jeder Mensch weiß, im Unterschied zu den Tieren, dass er einmal sterben muss. Wir sind endliche Wesen, und wir sind sogar fehlbare Wesen, die ihr Lebensziel, liebevolle Menschen zu sein, verfehlen können.

Dennoch stellt uns die Bibel einen Glauben vor Augen, den viele Menschen gelebt haben, der über diese Wirklichkeit hinausblickt. Dass es mehr gibt als diese Welt, die im Tod versinkt. Dass dieses Weltall aus der Liebe eines Gottes entstanden ist, als eine Schöpfung, die er trotz allem als sehr gut bezeichnen konnte, weil sie etwas so Großartiges wie Liebe enthält.

Lohnt sich unser Leben nicht allein aus dem Grund, dass es so etwas Kostbares wie Liebe gibt? Diese Liebe, die zwischen der Verstorbenen und Ihnen gewesen ist, die geht nicht verloren. Sie bleibt in Ihnen aufbewahrt, die weiterleben, die weitertragen, worin die Mutter und Großmutter, die Verwandte und Freundin, die Nachbarin und Bekannte Ihnen ein Vorbild war und Sie geprägt haben. Diese Liebe bleibt aber auch aufbewahrt in der allmächtigen, ewigen Liebe Gottes, die wir uns in ihrer Größe und Eigenart mit unseren menschlichen Bildern und Begriffen überhaupt nicht richtig vorstellen können.

Ich finde, es genügt zu wissen: Wir vertrauen Frau H. der Liebe Gottes an. Sie geht auch im Tode nicht verloren. In ihrem Leben und Sterben ist wahr geworden, was wir im Psalm gebetet haben: „Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“ Amen.

Wir singen das Lied 533:
Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Gott, Herr der Zeit, du lebst in Ewigkeit und bist bei uns alle Tage. Du hast in deiner Hand das Leben und den Tod. Auch unser Leben ist von deiner Macht umschlossen mit allem Glück und Leid der Erde, mit allen Rätseln, die uns quälen, mit aller Angst und Sehnsucht unseres Herzens. Sei uns nahe und bewahre uns in deinem Frieden.

Tröste uns mit deinem heiligen Geist und lass in uns das Vertrauen zu dir wachsen. Nimm Frau H. gnädig auf in dein Reich und lehre uns bedenken, wie kostbar unser Leben ist.

Wir sind dankbar für alles, was uns mit dem Leben von Frau H. geschenkt war. Wir bitten um Vergebung für alles, was wir einander schuldig geblieben sind. Wir bitten um genug Kraft, füreinander da zu sein in allem, wo wir gebraucht werden. Hilf uns, Gott, dass wir den Weg finden, der uns gemäß ist, durch den unser Leben erfüllt wird, so wie die Verstorbene in ihrem Leben ihre Erfüllung gefunden hat. Amen.

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