Was tut man, wenn man am Ende ist?

Vielleicht fängt Bußtag damit an, nicht mehr zu sagen: du solltest, ihr solltet, der sollte aber, ich müsste eigentlich – sondern zu fragen: was brauche ich, was brauchst du, damit wir leben können. Dann werden wir einen weiten Weg gehen können, wie der Prophet Elia, der sich stärken ließ. Selbst der weite Weg zum Frieden besteht dann aus kleinen Schritten.

Ortsausgangsschild - vom überbordenden Stress hin zum Burnout?

Muss extremer Stress zum Burnout führen? (Grafik: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Buß- und Bettag, 18. November 1981, in Heuchelheim und Reichelsheim
Orgelvorspiel und Begrüßung
Lied EKG 156, 1-2 (EG 217):

1. Herr Jesu Christe, mein getreuer Hirte, komm, mit Gnaden mich bewirte. Bei dir alleine find ich Heil und Leben, was mir fehlt, kannst du mir geben. Kyrieleison. Dein arm Schäflein wollest du weiden auf Israels Bergen mit Freuden und zum frischen Wasser führn, da das Leben her tut rührn. Kyrieleison.

2. All ander Speis und Trank ist ganz vergebens, du bist selbst das Brot des Lebens, kein Hunger plaget den, der von dir isset, alles Jammers er vergisset. Kyrieleison. Du bist die lebendige Quelle, zu dir ich mein Herzkrüglein stelle; lass mit Trost es fließen voll, so wird meiner Seele wohl. Kyrieleison.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“
Schriftlesung: Jesaja 1, 10-17

10 Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!

11 Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.

12 Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet?

13 Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Greuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht!

14 Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen.

15 Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.

16 Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen!

17 Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!

Lied Beiheft 647 (EG 420): Brich mit den Hungrigen dein Brot
Gott schenke uns allen die Gnade, die wir nicht verdient haben. Amen.

Wir hören den Predigttext aus 1. Könige 19, 3-8. Ich setze an der Stelle ein, als der Prophet Elia vor der Verfolgung durch den König Ahab und die Königin Isebel flieht, die ihm nach dem Leben trachten:

Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Liebe Gemeinde!

Der Prophet Elia ist am Ende. Elia, der den Götzendienern des Fruchtbarkeitsgottes Baal das Handwerk gelegt hatte, wird verfolgt, soll getötet werden. Seinen Auftrag von Gott hat er erfüllt, nun wird er gehetzt, gejagt. Auf der Flucht lässt er noch seinen Diener zurück, allein geht er noch weiter, einen Tag lang weiter, immer tiefer in die Wüste hinein, bis er an einen Wacholderstrauch kommt. Hier kann er nicht mehr, hier verlassen ihn die Kräfte, hier sinkt ihm der letzte Mut. Elia ist am Ende.

Kennen Sie das auch? am Ende sein? nichts mehr vom kommenden Tag erhoffen? einfach die tägliche Hetze, die sich häufenden Verpflichtungen, die andauernden Nervenbelastungen nicht mehr aushalten? oder die sich endlos hinziehenden einsamen Tage nicht mehr durchstehen? Es gibt viele Formen des „am Ende Seins“.

Was tut man, wenn man am Ende ist? Elia gibt sich auf. Er setzt sich unter den Wacholderstrauch, wünscht sich zu sterben. Es ist genug, sagt er, mehr halte ich nicht aus. Enttäuschung über sich selbst spricht er aus: Ich bin nicht besser als meine Väter. Vielleicht hätte er sich gewünscht, stärker und widerstandsfähiger zu sein, und merkt jetzt: es geht nicht mehr weiter, ich kann keinen Dienst mehr für Gott tun. Er sucht nur noch den erlösenden Tod. So legt er sich also unter den Strauch und schläft ein.

Die Niedergeschlagenheit, die Elia befällt, ist mir gut bekannt. Ich erinnere mich, wie wir als Studenten eine Informationsaktion über die Dritte Welt machten. Wir hatten uns selber informiert, uns regelmäßig getroffen, hatten Veranstaltungen geplant, auf der Straße Informationsstände eingerichtet, Gäste für Diskussionen eingeladen, organisiert und organisiert… Der Erfolg der Aktion war dann unterschiedlich bei einzelnen Veranstaltungen, im ganzen nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten, wir stießen auf viel Unverständnis… Und dann war plötzlich diese tiefe Niedergeschlagenheit da. Der Gedanke: Es hat ja doch keinen Zweck. Das Gefühl: sich vollständig verausgabt zu haben, ohne spürbar vorwärts gekommen zu sein. An dieser Stelle sind wir dann wohl denen sehr nahe gewesen, die sowieso schon immer gesagt hatten: ihr erreicht ja doch nichts, was strampelt ihr euch denn so ab, es genügt doch, wenn ihr euch abmüht in Schule und Studium, in Arbeit und Beruf.

Es gibt Augenblicke, in denen sich heute die, die sich für Frieden einsetzen, ebenso am Ende fühlen. Vielleicht ging es Ihnen so, dass Sie sich überfordert fühlten, als Sie an den letzten beiden Sonntagen die Aufrufe zum Frieden hörten. Manchen verlässt von vornherein der Mut, sich für etwas einzusetzen. Andere geben nach Rückschlägen auf – z. B. nach Enttäuschungen wie am letzten Sonntag, als Krawallmacher die Hoffnung zerstörten, die Auseinandersetzungen um die Startbahn West werde ebenso friedlich weitergehen wie bei der Demonstration der 100 000 am Samstag. Oder wenn zu unserer Filmveranstaltung zum Frieden nicht mehr als acht Interessierte kommen.

Es gibt auch Tage, an denen ich mich als Pfarrer am Ende fühle. Ausgelastet bis an die Grenze der Belastbarkeit, trotzdem noch das Gefühl, bei weitem nicht all das zu schaffen, was von mir erwartet wird. Schöne Erfahrungen, ja – aber dann nie Pause machen können. Und dann auch wieder Misserfolge, weil ich bestimmte Dinge noch nicht gut gelernt habe; oder Fehler aus Unerfahrenheit mache; und vom Hörensagen bekomme ich mit: Das hätte ich von unserem Pfarrer aber nicht gedacht.

Ich rede viel von mir und denke doch, dass auch Ihnen diese Erfahrungen nicht fremd sind.

Zurück zu Elia. Zu ihm kommt ein Engel. Ein Bote Gottes. Und der tut etwas Wunderbares. Er fasst ihn an und sagt zu ihm: Steh auf und iss! Er verlangt nichts von ihm, er sagt nicht: Reiß dich zusammen, du bist schließlich Gottes Prophet. Er bietet schlicht Essen und Trinken an. Du brauchst jetzt erst einmal selbst etwas. Jetzt wird erst einmal für dich gesorgt.

Elia nimmt es an. Er lässt sich versorgen wie ein kleines Kind. Er fragt nichts weiter, er lässt alles mit sich geschehen, dann legt er sich wieder schlafen. Aber ob er noch sterben will? wie beim ersten Erschöpfungsschlaf, zu dem er sich hingelegt hatte?

Wie dem auch sei, ein zweites Mal kommt der Engel, fasst ihn wieder an und gibt ihm wieder zu essen und zu trinken. Elia braucht viel. Denn ein weiter Weg liegt noch vor ihm. Jetzt wird ihm das gesagt. Aber zuvor wird ausführlich beschrieben, wie Elia bekommt, was er braucht.

Ich will heute nicht auf den Weg eingehen, den Elia noch zu gehen hat. Er hat noch einen weiteren Auftrag Gottes zu erfüllen, den er am Berg Gottes erfahren wird. Ich will auch nicht auf das eingehen, wozu wir berufen sind: darüber haben wir in den letzten Gottesdiensten und Ansprachen zunächst einmal genug gehört: über den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, über das Wachsen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Heute will ich darüber sprechen, was wir brauchen, wenn wir am Ende sind, oder was wir brauchen, wenn wir etwas Neues anfangen sollen.

Ich will es mit einem Gedicht von Peter Schütt sagen:

Hunger

Menschen sterben, wenn sie nichts zu essen oder zu trinken haben. Sie gehen genauso aber auch am Mangel an Anerkennung, an Liebe, an Wärme und Nähe zugrunde.

Es ist aber bei uns nicht in Mode, anderen zu sagen, was wir brauchen. Die anderen sollen gefälligst selbst herausfinden, was sie für uns tun sollten. Bildlich gesprochen: wir verhungern lieber, als jemandem zu sagen: Ich brauche deine Nähe, ich brauche einen Besuch von Ihnen.

Und genau so bemühen wir uns, ihnen zu Gefallen zu leben. So geraten wir unter Druck. Alle kommen zu kurz, wissen aber nicht recht warum. Ja, wir wissen oft selbst nicht genau, was wir eigentlich brauchen.

Schon bei Kindern fängt es an, dass Wünsche wie: Papi spiel mit mir! durch materielle Geschenke ersetzt werden – weißt du, Papi ist jetzt zu müde, aber ich kauf dir morgen was. Oder dass Fernsehsendungen wichtiger werden als die Eigenbetätigung der Kinder, weil es oft bequemer ist, die Kiste anzuschalten, als selber mit den Kindern zu spielen. Oder dass keine Zeit bleibt für die vielen, oft nervenaufreibenden Fragen der Kinder, wie in dem Gedicht von Hans Manz:

Situation

Diese Mutter möchte Frieden. Lass mich in Frieden damit! Aber sie ist ja nicht im Frieden, sie ist im Streit mit ihrem Mann. Eigentlich müsste sie sagen: Lass mich im Streit, ich möchte nichts mehr hören! Sie möchte Frieden, sie erreicht aber nur, dass auch zwischen ihr und dem Kind kein Friede ist. Wenn sie auf das Kind hören würde, könnte sie den Weg spüren, auf dem sie Frieden finden würde: das Kind merkt, worauf es ankommt: „weshalb dich Vater nicht mehr mag“. Vater soll Mutter mögen, die Mutter den Vater, beide das Kind. Das braucht das Kind, das braucht die Mutter, das braucht der Vater.

Vielleicht fängt Bußtag in diesem Jahr damit an, dass wir nicht mehr sagen: du solltest, ihr solltet, der sollte aber, ich müsste eigentlich – sondern: dass wir fragen: was brauche ich, was brauchst du, damit wir leben können. Dann werden wir einen weiten Weg gehen können, wie der Prophet Elia, der sich zunächst stärken ließ. Selbst der weite Weg zum Frieden wird dann aus lauter kleinen Schritten bestehen, die wir gehen können. Ich möchte es noch einmal mit einem Gedicht sagen von Hugo Ernst Käufer:

Die kleinen Schritte

Mit den letzten Worten dieses Gedichts soll auch die Predigt enden: Der Frieden fängt ganz unten an.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Lied EKG 155, 1-4 (im EG nur in den Anhängen von Niedersachsen/Bremen und Oldenburg 568):

1. Wohlauf, die ihr hungrig seid und durstig nach eurer Seligkeit, kommt und eilt zum großen Abendmahl, stärkt euch in eurer Trübsal.

2. Denn unser Herr Jesus Christ hat zubereit’ ein’ herrlichen Tisch, an dem man hält durch des Glaubens Kraft seins Leibs und Bluts Gemeinschaft.

3. Sein Leib ein Speis unsrer Seel, sein Blut ein Trank zum ewigen Heil, welchs wir solln empfahn in Fried und Freud, nicht in Hader und Bosheit.

4. Kommt und genießt dieser Speis mit rechter Andacht christlicherweis, mit wahrem Glauben, Lieb und Hoffnung zu eures Heils Versichrung.

Wir wollen nun gemeinsam das heilige Abendmahl feiern. Indem Gott uns Brot und Wein anbietet und darin sich selbst, können wir spüren, schmecken und sehen, dass wir nicht hungrig bleiben müssen, dass wir bekommen, was wir brauchen, dass es für alle reicht, wenn wir miteinander teilen. Wir fragen oft nicht, was wir selbst wirklich brauchen, wir nehmen oft lieber zu viel, um ja nicht zu kurz zu kommen und kommen vielleicht am Entscheidenden gerade dadurch zu kurz. Denn wir können nicht gut teilen, nicht unser Brot, nicht unsere Freude, nicht unsere Traurigkeit. Darum haben wir Grund, um Vergebung unserer Schuld zu bitten:

Sündenbekenntnis und Einsetzungsworte
Lied 136 und Austeilung
Fürbitten, Vaterunser, Abkündigungen und Segen
Lied EKG 156, 4 (EG 217):

4. Du rufest alle, Herr, zu dir in Gnaden, die mühselig und beladen; all ihre Missetat willst du verzeihen, ihrer Bürde sie befreien. Kyrieleison. Ach komm selbst, leg an deine Hände und die schwere Last von mir wende, mache mich von Sünden frei, dir zu dienen Kraft verleih. Kyrieleison.

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