„Dient einander als Haushalter der Gnade Gottes“

In einer Trauerfeier gehe ich darauf ein, wie wir von Gott mit Gnade beschenkt sind und als Haushalter dieser Gnade füreinander da sein können.

"Dient einander als Haushalter der Gnade Gottes": Die Hand einer Statue hält eine andere

Jemandem die Hand zu halten, kann ein wertvoller Dienst sein (Bild: Sonnenstrahl – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Ein schwerer Weg liegt vor Ihnen, wir wollen ihn mit Ihnen gemeinsam gehen. Wir halten die Trauerfeier aus Anlass des Todes von Herrn K., der im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Eingangsgebet
Liebe Familie …, liebe Trauergemeinde!

Im Alter von … Jahren musste Herr … sterben. Heute erinnern wir uns an sein Leben. Was Sie mit ihm erlebt haben und wie Sie von ihm geprägt worden sind, viele Begegnungen treten ins Gedächtnis. Es ist nicht leicht zu begreifen und zu akzeptieren, dass dies alles nun unwiderruflich vorbei ist.

Das fällt uns um so schwerer, als wir heute nicht mehr so selbstverständlich im Zwiegespräch mit der Ewigkeit leben, wie das wohl in früheren Jahrhunderten der Fall war. Aber der Blick in Richtung Ewigkeit ist nicht eine überholte Vorstellung, sondern nach wie vor die Hoffnung, von der aus unser irdisches Leben seinen Sinn bekommt. Das wird in einem vierhundert Jahre alten Lied (EG 521), das Herr K. gern gemocht hat, so ausgedrückt:

1. O Welt, ich muss dich lassen, ich fahr dahin mein Straßen ins ewig Vaterland. Mein Geist will ich aufgeben, dazu mein Leib und Leben setzen in Gottes gnädge Hand.

2. Mein Zeit ist nun vollendet, der Tod das Leben endet, Sterben ist mein Gewinn; kein Bleiben ist auf Erden; das Ewge muss mir werden, mit Fried und Freud ich fahr dahin.

Wir können sicher nicht alles in diesem Lied so einfach nachvollziehen. Vor allem, dass Sterben ein Gewinn sein soll, das wird uns schwer eingehen. Zumal wir uns doch unter dem Himmel kaum noch etwas Konkretes vorstellen können und wir uns fragen, warum denn dieser Mann schon jetzt, verhältnismäßig früh hat sterben müssen.

Aber die Tatsachen werden in dem Lied klar benannt, und sie müssen wir zunächst einfach hinnehmen: dieses Leben ist zu Ende gegangen. „Mein Zeit ist nun vollendet, der Tod das Leben endet… Kein Bleiben ist auf Erden…“

Erinnerungen an den Lebenslauf des Verstorbenen

Als Sie damals einander heirateten, liebe Frau K., und den Grundstein für eine lange glückliche Ehe legten, gab Ihnen Herr Pfarrer M., der Sie getraut hat, einen Trauspruch aus 1. Petrus 4, 10 mit auf den Weg:

Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.

Ihre Ehe- und Familienjahre waren nicht unbedingt leicht, aber wie Sie mir sagten, konnte alles gemeinsam getragen werden. Man hielt zusammen, wenn Not am Mann war.

Gesundheitlich war Herr K. bereits seit dem Krieg angeschlagen. Doch er hielt alle Belastungen aus, bis er einen Herzinfarkt erlitt und aus dem Dienst als Beamter ausscheiden mußte. Aber was tun, als er sich nach seiner Krankheit wieder sehr gut erholte? Eine Halbtagsstelle konnte man ihm damals noch nicht anbieten; so machte sich Herr K. selbständig und trat erst vor kurzem wirklich den Ruhestand an.

Allerdings machten ihm nun bald Krankheiten schwer zu schaffen. Zuletzt schien sich sein Zustand zu bessern; nun ist er aber doch rasch und unerwartet zu Hause gestorben.

Es war ein verhältnismäßig früher Tod, und man fragt sich: Warum? Warum musste er schon sterben? Auch ein Bruder war bereits vor Jahren gestorben – die Frage nach dem „Warum?“ bleibt unbeantwortet.

Aber es gibt Worte, die trösten können. Wo finden wir solche Worte, die wirklich Trost vermitteln und nicht billig ver-trösten?

Worte, die hier am Platz sein sollen, müssen die Seele erreichen. Es ist nicht leicht, solche Worte zu finden, weil wir es gar nicht gewohnt sind, über das zu sprechen, was unsere Seele braucht. Es ist auch kaum üblich, von unseren religiösen Gefühlen und Gedanken zu reden. Und auch wenn wir vorgeprägte Worte benutzen, biblische, kirchliche, seit langen Jahrhunderten überlieferte, dann bleiben sie für uns oft leere Sprüche aus einer längst überholten Zeit.

Nur lebendige Worte können uns helfen. Aber wer ist wahrhaft lebendig, wer ist Herr über das Leben, das uns nur eine begrenzte Zeitspanne zur Verfügung steht? Welche Worte schaffen Leben? Ist Gott für uns noch der Lebendige, der Herr über Leben und Tod? Gibt es noch Worte, die wohl von Menschen gesprochen worden sind und uns doch als ein Gotteswort berühren? Kann ein Wort Gottes sich für uns als Lebenskraft erweisen?

Ein solches Wort kann Ihr Trauspruch sein, den ich schon erwähnte (1. Petrus 4, 10):

Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.

Dieses Wort hat sich in Ihrer Familie schon oft als wahr erwiesen, wenn Sie einander beigestanden sind und sich gegenseitig geholfen haben mit den Gaben und Fähigkeiten, die Ihnen geschenkt waren. Auch jetzt wird es gut sein, wenn jeder weiß: Ich stehe nicht ganz allein da; es gibt Menschen, die mir über eine schwere Zeit hinweghelfen, Menschen, bei denen ich mich aussprechen kann, Menschen, die verstehen, dass auch nach längerer Zeit die Trauer noch lebendig sein kann.

Manchmal fühlen wir uns aber wirklich allein, und in manchen Stunden kann uns niemand helfen – außer wir suchen unseren Halt bei Gott. Und selbst wenn wir fähig sind, einander einen Dienst zu erweisen – dann tun wir das ja mit den Gaben, die uns Gott gibt, mit der Kraft, die er uns schenkt. Auch wenn wir uns gar nicht vorstellen können, wie wir ein schwere Zeit durchstehen sollen, so erweist sich doch immer wieder das Wort als wahr (2. Korinther 12, 9):

[Gottes] Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Wo wir am Ende sind, ist er noch lange nicht am Ende.

Aber Gott hilft anders, als wir uns das oft vorstellen. Gott überwältigt uns nicht mit seiner Allmacht, sondern er ist ein menschlicher Gott, ein scheinbar schwacher Gott. Er schwebt nicht – vom menschlichen Leid unberührt – irgendwo über den Wolken, sondern er trägt das menschliche Gesicht des Mannes Jesus aus Nazareth. Er sagt auch nicht: Ich nehme euch alle Sorgen ab. Sondern Schmerzen und Trauer müssen ertragen und durchgestanden werden. Es wäre unmenschlich, wenn es anders wäre. Je mehr wir einen Menschen geliebt haben, desto mehr tut auch der Abschied weh. Und zur Trauer gehören die Tränen, die geweint sein wollen. Aber Gott ist in all dem unser Begleiter, er ist wie eine Mutter, die uns tröstet. Und er hat in seinem Sohn Jesus Christus selbst das Schlimmste erlitten, was Menschen nur erleiden können. Gott ist nicht unseren Leiden fern, er steht bei uns, gerade auch mitten in der schweren Zeit. Darum können wir mit der Liedstrophe beten (EG 521, 3):

Auf Gott steht mein Vertrauen, sein Antlitz will ich schauen wahrlich durch Jesum Christ, der für mich ist gestorben, des Vaters Huld erworben, mein Mittler er auch worden ist.

Gott hat seine Allmacht mit voller Absicht beschränkt – eingegrenzt durch die Liebe. Er regiert mit Liebe, weil er selbst die Liebe ist. Er zwingt niemanden zum Glauben, lässt sogar seine Feinde am Leben, und hört nicht auf, die zu lieben, die ihn verlassen. Gott lässt seine Sonne scheinen über Guten und Bösen, und lässt es regnen über Gerechten und Ungerechten.

Diese Art Liebe wirkt manchmal etwas hart und ungerecht auf die, die es Gott ganz besonders recht machen wollen. Ist denn das alles nichts wert, wenn man ein rechter Christ sein will, wenn man ein anständiges Leben geführt hat, wenn man nicht zu den offensichtlichen Sündern gehört hat? Doch, aber nicht in der Weise, dass wir uns mit all dem vielleicht doch ein Stück Anerkennung und Liebe verdienen könnten. Darum geht es nicht.

Und auch umgekehrt kann man eine Krankheit oder ein Leiden auf keinen Fall als eine Strafe Gottes deuten. Wir sind nicht auf der Welt, um im Rennen um die Gunst der Menschen oder Gottes besser oder schlechter abzuschneiden als andere, sondern wir sind alle, jeder auf seine Art, von Gott beschenkte Menschen. Und mit unseren Fähigkeiten, die uns von Gott anvertraut sind – auf Zeit -, sollen wir Gutes tun, um mehr, aber auch um weniger geht es nicht. Das ist eine Menge wert – dann, wenn wir es einfach tun aus Dankbarkeit und Freude über das, was Gott uns Gutes getan hat! Dann dienen wir einander und lassen der Gnade Gottes bei uns Raum, so dass sie sich entfalten kann.

Das bedeutet: Gott hilft nicht nur dem einzelnen Menschen, der zu ihm betet, sondern gibt uns auch den Mut, auf Menschen zuzugehen, die mit uns leben. Wir brauchen einander und können voneinander viel bekommen an gegenseitiger Zuwendung und Unterstützung. Das gilt gerade in der Zeit, in der das Alleinsein und die Auseinandersetzung mit schmerzlichen Erinnerungen unsere ganzen Kräfte erfordern.

Zugleich dürfen wir wissen, dass Gott den Verstorbenen gnädig aufnehmen wird. Sie müssen von ihm Abschied nehmen, mit viel Traurigkeit, aber auch mit Dankbarkeit für alles, was er Ihnen mit seinem Leben bedeutet hat, und auch für das, was Sie ihm geben konnten. Nun geben Sie ihn hin in die Hände Gottes.

Vor Gott stehen wir alle angesichts des Todes mit leeren Händen da. Und trotzdem dürfen wir von Gott das Größte und Kostbarste – die ewige Seligkeit – als unverdientes Geschenk einfach empfangen und hinnehmen. In dem Lied, das Herr K. so gern gemocht hat, wird das so ausgedrückt, und diese Verse sollen am Schluss meiner Ansprache stehen (nicht im EG, sondern nur im EKG 312):

4. Die Sünd mag mir nicht schaden, erlöst bin ich aus Gnaden umsonst durch Christi Blut. Kein Werk kommt mir zu Frommen; so will ich zu ihm kommen allein durch christlich Glauben gut.

5. Ich bin ein unnütz Knechte, mein Tun ist viel zu schlechte, denn dass ich ihm bezahl damit das ewig Leben; umsonst will er mirs geben und nicht nach meim Verdienst und Wahl.

7. Damit fahr ich von hinnen. O Welt, tu dich besinnen, denn du musst auch hernach; tu dich zu Gott bekehren und von ihm Gnad begehren, im Glauben sei du auch nicht schwach.

8. Die Zeit ist schon vorhanden, hör auf von Sünd und Schanden und richt dich auf die Bahn mit Beten und mit Wachen, sonst all irdische Sachen sollst du gutwillig geben dran.

9. Das schenk ich dir am Ende: ade, zu Gott dich wende! Zu ihm steht mein Begehr. Hüt dich vor Pein und Schmerzen, nimm mein Abschied zu Herzen. Meins Bleibens ist jetzt hier nicht mehr.

Amen.

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