„Liebe deckt und birgt mich lind“

Geborgenheit bei Gott im Leben und im Sterben.

Was heißt denn „lind“ und „birgt“? fragt bei dieser Strophe vielleicht ein Kind. Dann kann man es in die Arme schließen und sagen: So ist das, wenn man ein Kind in seinen Armen birgt. Und man kann es zart streicheln und sagen: Dieses Zarte, Sanfte, Schöne beim Streicheln nennt der Dichter „lind“.

Ich danke dem Bärenreiter-Verlag für die ausdrückliche Genehmigung, den Text des in der Predigt dieses Gottesdienstes ausgelegten Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch Nr. 408 auf meiner Homepage zu verwenden:

„Meinem Gott gehört die Welt“
Text: Arno Pötzsch
© Bärenreiter-Verlag, Kassel

Vervielfältigungen jeglicher Art sind ausdrücklich untersagt und nur mit der Erlaubnis des Bärenreiter-Verlages, Kassel zu beziehen.

Ein neugeborenes Baby auf dem Arm des Vaters

Ein neugeborenes Baby auf dem Arm des Vaters (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, den 13. November 1994, um 9.30 Uhr in der Landesnervenklinik Alzey und am Totensonntag, den 20. November 1994, um 9.00 Uhr in Spiesheim

Herzlich willkommen am Letzten Sonntag im Kirchenjahr im Gottesdienst zu Spiesheim!

In der Predigt soll es heute um den Glauben an Gott gehen, der Leben und Tod und Zeit und Ewigkeit umschließt. In Spiesheim begrüße ich heute ganz besonders die Familie … mit der kleinen …, die wir im Gottesdienst taufen wollen.

Als erstes Lied singen wir das Lied aus dem Liederheft Nr. 214:

Er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Sonne und den Mond in der Hand, er hält den Wind und den Regen in der Hand, er hält die Erde und das Meer in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Blumen und die Bäume in der Hand, er hält die Vögel und die Fische in der Hand, er hält die Hasen und die Hunde in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die vielen, vielen Menschen in der Hand, er hält die Schwarzen und die Weißen in der Hand, er hält die Kranken und Gesunden in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Armen und die Reichen in der Hand, er hält die Bösen und die Guten in der Hand, er hält die Kleinen und die Großen in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält das winzigkleine Baby in der Hand, er hält auch mich und dich in der Hand, er hält uns alle miteinander in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit dem Psalm Jonas, den er betete im Bauch des Fisches, im Bauch größter Gefahr und Todesnot (Jona 2):

2 Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches

3 und sprach: Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.

4 Du warfest mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich,

5 dass ich dachte, ich würde von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.

6 Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.

7 Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott!

8 Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Du, Gott, Vater Jesu Christi, du bist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten. Das heißt, wir müssen nicht erst sterben, um zu dir kommen zu können, Wir müssen nicht erst tot sein, um Erfahrungen mit dir machen zu können. Aber auch die, die sterben müssen, sind nicht einfach verloren und vergessen für immer. Im Buch des Lebens zu stehen, das bedeutet: wir sind in Gottes ewigem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt. Schenke uns diese Gewissheit, dass wir dir hier auf Erden vertrauen dürfen und dass wir auf ewig im Buch des Lebens verzeichnet sind! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Johannes 5, 24-25. Jesus Christus spricht:

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja,Halleluja,Halleluja.“

Wir singen aus dem Liederheft das Lied 82:

Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte und vertreib durch deine Macht unsre Nacht.

Deiner Güte Morgentau fall auf unser matt Gewissen; lass die dürre Lebens-Au lauter süßen Trost genießen und erquick uns, deine Schar, immerdar.

Gib, dass deiner Liebe Glut unsre kalten Werke töte, und erweck uns Herz und Mut bei entstandner Morgenröte, dass wir, eh wir gar vergehn, recht aufstehn.

Ach du Aufgang aus der Höh, gib, dass auch am Jüngsten Tage unser Leib verklärt ersteh und, entfernt von aller Plage, sich auf jener Freudenbahn freuen kann.

Leucht uns selbst in jener Welt, du verklärte Gnadensonne; führ uns durch das Tränenfeld in das Land der süßen Wonne, da die Lust, die uns erhöht, nie vergeht.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!

In der Predigt möchte ich heute ausnahmsweise keinen Bibeltext, sondern ein Kirchenlied auslegen. Ein Lied, das Arno Pötzsch in der Nachkriegszeit für Kinder und Erwachsene gedichtet hat.

Beginnen wir also mit den ersten beiden Strophen des Liedes 408:

1. Meinem Gott gehört die Welt,
meinem Gott das Himmelszelt,
ihm gehört der Raum, die Zeit,
sein ist auch die Ewigkeit.

2. Und sein Eigen bin auch ich.
Gottes Hände halten mich
gleich dem Sternlein in der Bahn;
keins fällt je aus Gottes Plan.

„Mein Gott!“ sagen wir oft so dahin, wenn uns etwas aufgeregt hat. „Mein Gott, wie kann man sich nur so anstellen!“ Oder so ähnlich. Aber ich glaube, in dem Augenblick ist uns gar nicht mehr bewusst, wessen Namen wir da in den Mund nehmen. In unserem Lied wird aus diesem alltäglichen „Mein Gott!“ eine schlichte Glaubensaussage: „Meinem Gott gehört die Welt!“

„Mein Gott!“ Das könnte ja auch heißen: Ich rede von einem Gott, der mir gehört. Den ich besitze. Den ich notfalls in die Tasche stecken kann. Den ich immer unter Kontrolle behalte. Den ich vielleicht gar nicht so ganz ernstnehme, und möglicherweise gibt es ihn ja auch gar nicht.

Aber in unserem Lied heißt „Mein Gott“ etwas anderes. Es ist ein Gott, der mir vertraut ist. Dieser Gott will für mich da sein. Ich kann ihn „meinen Gott“ nennen, nicht weil er mir gehört, sondern weil ich ihm gehöre: „Und sein eigen bin auch ich!“

Wie kann man Kindern klarmachen, wer Gott ist? Wie können wir selber uns immer wieder vor Augen halten, wie groß Gott ist, wie wenig wir ihn in der Hand haben können? Unser Lied gibt eine einfache und doch wahre Antwort: „Meinem Gott gehört die Welt.“ Ihm gehört alles, das Himmelszelt, Raum und Zeit und sogar die Ewigkeit. Kinder bauen sich ja gern Häuser unter einem Tisch mit einer Decke drüber, sie wohnen gern einmal in einem Zelt, das eng und kuschelig gemütlich ist. Wenn der Himmel wie ein Zelt beschrieben wird, das über uns ausgespannt ist, dann wohnen wir auch in unserer Welt geborgen wie in einem Zelt. Allerdings ist ein Leben im Zelt auch etwas Vorläufiges – das Wort erinnert uns auch daran, dass wir auf unserer Erde nur Gäste sind. Aber wessen Gäste sind wir auf Erden? Wir sind Gottes Gäste, denn ihm gehört alles, was wir erfassen können mit unseren Vorstellungsmöglichkeiten in Raum und Zeit. Ihm gehört sogar das, wo unser Verstand nicht mehr hinreicht – nämlich das, was wir mit dem Wort Ewigkeit meinen: eine Wirklichkeit, die Zeit und Raum umschließt und umgreift, und die dennoch unendlich über all das hinausgeht, was wir Menschen kennen und erkennen können.

Wie schön ist es, von dem großen Gott, dem die ganze Welt und sogar die Ewigkeit gehört, im gleichen Atemzug sagen zu können: „Und sein eigen bin auch ich!“ Das ist fast unbegreiflich: Dem unendlich großen Gott sind wir winzig kleinen Menschen wichtig! Wir gehören ihm, wir gehören zu seinem Plan, wir stehen in seiner Hand genau wie alle die großen Sonnen, die wir am Himmel sehen, und die für unsere Augen von weitem wie kleine Sternlein aussehen: „Gottes Hände halten mich gleich dem Sternlein in der Bahn; keins fällt je aus Gottes Plan.“ Ist es nicht ein Wunder, dass sich zum Beispiel unsere Erde auf einer immer gleichen Bahn um die Sonne bewegt? Sie kommt der Sonne nicht immer näher und muss nicht verbrennen. Sie fliegt auch nicht immer weiter von ihr weg und muss nicht in Eis erstarren. Sterne und Planeten behalten ihre Bahn, ja, alles in der Welt Gottes richtet sich nach bestimmten von Gott geschaffenen Gesetzen.

Wenn wir dem Text unseres Liedes folgen, gibt es keinen Widerspruch zwischen der Naturwissenschaft und dem Glauben. Gott hat alles geschaffen, er umschließt alles, was ist, nicht nur eine kleine Erde, sondern das ganze unvorstellbar große Weltall. Dass die Menschen zu allen Zeiten immer nur unvollkommene Antworten darauf geben konnten, wie Gott die Welt geschaffen hat, ist doch eigentlich völlig klar. Irgendwann hat man sich vorgestellt, so etwa vor dreitausend Jahren im kleinen Volk Israel zur Zeit des Königs David: Gott hat die Welt wie einen Garten geschaffen, und mitten hinein hat er den Menschen gesetzt, und er hat ihn geformt aus einem Klumpen Erde. Später, in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft des Volkes Israel, so etwa vierhundert Jahre nach der Zeit des Königs David, da hat man sich Gedanken darüber gemacht, dass Gott ja wohl nicht einfach wie ein Handwerker schafft, sondern dass sein bloßes Wort genügt, um alles hervorzubringen, was er nur will. Man hat überlegt: er braucht doch nur auszusprechen, was geschehen soll, und schon geschieht es. Warum also soll er nicht im Laufe einer Sechstagearbeitswoche die ganze Welt vollkommen fertiggestellt haben? Ja, und heute? Wir stellen uns vor, dass es viel länger gedauert hat, um das Weltall hervorzubringen, Tausende von Millionen Jahren. Aber auf die Frage, woher das Weltall kommt, warum es überhaupt existiert, können wir immer noch die gleiche schlichte Antwort geben wie die Menschen vor dreitausend oder zweieinhalbtausend Jahren: Gott hat sie geschaffen!

Man kann sich natürlich fragen: Stimmt das denn überhaupt? Kann man einfach so voll Gottvertrauen sagen: Gott hat einen Plan mit der Welt, und nichts fällt aus Gottes Plan heraus, kein Stern, der in Jahrmillionen entsteht und vergeht, und auch kein Mensch, dessen Lebenszeit sich nur nach ein paar Jahrzehnten rechnet? Beweisen kann man das ja nicht. Aber trotzdem ist es möglich, so auf Gott zu vertrauen. Man kann um ein vertrauensvolles Herz bitten. Man kann sich seelsorgerliche Hilfe suchen, um Stolpersteine auf dem Weg zum Glauben aus dem Weg zu räumen. Man kann einfach mal so tun, als ob es stimmen würde, was die Bibel sagt, und dann schauen, was für Erfahrungen man mit dem Gottvertrauen macht.

An dieser Stelle halten wir inne im Text und singen die beiden ersten Strophen aus dem Lied 408:
Meinem Gott gehört die Welt

Liebe Gemeinde, diese ersten beiden Strophen handeln also von Gottes großem Plan, von seiner Schöpfung und davon, welchen wichtigen Platz auch wir kleinen Menschen darin einnehmen. Nun folgen zwei weitere Strophen, in denen es darum geht, wie Gott nun ganz konkret für uns Menschen da ist:

3. Wo ich bin, hält Gott die Wacht,
führt und schirmt mich Tag und Nacht;
über Bitten und Verstehn
muss sein Wille mir geschehn.

Wonach sehnen sich Menschen, die in unserer Welt immer verletzbar sind und nie völlig gesichert leben können? Zum Beispiel danach, in Sicherheit leben zu können, ohne von Gefahren bedroht zu sein. Kinder, die sich von ihren Eltern behütet wissen, kennen das Gefühl: Es mag draußen gewittern und stürmen, aber bei meinen Eltern bin ich trotzdem geborgen. Es mag etwas Schlimmes passieren, aber es ist jemand da, der mich in den Arm nimmt und tröstet. Unser Lied sagt etwas Ähnliches von Gott: „Wo ich bin, hält Gott die Wacht, führt und schirmt mich Tag und Nacht.“ Ich glaube, es ist wichtig, hier genau hinzuhören und hinzuschauen. Gott wird nicht als der allmächtige Zauberer dargestellt, der alle Probleme aus dem Weg räumt und ein Leben ohne Not und Schmerzen ermöglicht. Die Bilder der Nachtwache und des Führens und Schirmens stammen vielmehr alle aus unserem ganz einfachen menschlichen füreinander sorgen und aufeinander achten. Gott wird mit einem Nachtwächter verglichen, der sorgsam auf uns achtgibt und vor Gefahren warnt. Er führt uns, so wie vielleicht eine Mutter ihr Kind an der Hand nimmt, das laufen lernt, oder wie ein Vater seinem fast erwachsenen Sohn die ersten Fahrversuche auf dem Verkehrsübungsplatz ermöglicht. Er schirmt uns, so wie einer bei starkem Regen den Regenschirm über den andern hält. Den Regen kann man mit einem Schirm zwar nicht beseitigen, aber er kann doch verhindern, dass man pitschnass wird.

Ich denke bei diesem Wachen, Führen und Schirmen an Jesus, der sich ganz menschlich um Menschen gekümmert hat, die sich ihm anvertrauten. Auch im Alten Testament hören wir, wie Gott sein Volk Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten nicht auf rein übernatürliche Weise befreit, sondern indem er Menschen beauftragt, das Volk aus dem Land hinauszuführen. Warum Gott so menschlich und auch scheinbar so machtlos sein will, hat wohl etwas damit zu tun, dass Gott ein unendliches Vertrauen in die Liebe setzt. Gott will gar nicht nur der absolut Allmächtige sein, aber er ist die Liebe; und in der Liebe steckt immer auch ein Stück Machtlosigkeit, die man selber annimmt; man liefert sich dem aus, den man liebt; besonders bei der Feindesliebe ist das so; und man verzichtet auf die einfachen und oft so brutalen Lösungen mit Gewalt oder mit übernatürlichen Mitteln.

Bei all dem kann es vorkommen, dass man zuweilen Gottes Willen beim besten Willen nicht mehr versteht. Das ist dem Hiob im Alten Testament so gegangen, der Gott ins Gesicht gesagt hat: Du hast mich ungerecht behandelt! Und auch Jesus selbst musste kurz vor seinem Tod einen solchen Augenblick des Zweifeln durchleiden, als er zu Gott schrie: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das Vertrauen zu Gott besteht also nicht darin, dass man nie zweifelt, sondern dass man auch im Zweifel in der Beziehung zu Gott drin bleibt. Gott hält es aus, dass wir ihn anzweifeln, dass wir ihn anklagen, dass wir unser Herz vor ihm ausschütten, ohne vorher zu sortieren, was wir ihm wohl zumuten können. Und es mag sein, dass wir durch viele Zweifel hindurch dann auch immer wieder spüren, dass ganz zuletzt uns doch nur das passieren wird, was Gott wirklich mit uns vorhat: „Über Bitten und Verstehn muss sein Wille uns geschehn.“ Wir verstehen oft die Wege nicht, die Gott uns führt, warum er uns z. B. einen geliebten Angehörigen wegnimmt, warum z. B. ein misshandeltes Kind in seiner eigenen Familie über viele Jahre fürchterlich leiden muss, oder warum durch Krieg oder Hass oder Hunger immer wieder Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden. Aber wir müssen trotzdem nicht aufhören, unsere Wünsche und unsere Klagen im Gebet vor Gott zu bringen. Wie Gebete erhört oder erfüllt werden, das steht nicht mehr in unserer Macht. Aber selbst in allerschlimmsten Zeiten haben Menschen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Gott selbst aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann. Es ist nicht leicht, immer daran zu glauben, dass der Wille Gottes das allerletzte Wort in der Welt haben wird. Aber es ist gut, einen solchen Glauben einzuüben.

Woran nun ist die tagtägliche Fürsorge Gottes für uns Menschen ablesbar?

4. Täglich gibt er mir das Brot,
täglich hilft er in der Not,
täglich schenkt er seine Huld
und vergibt mir meine Schuld.

Dass wir Brot bekommen, ist Gottes Wille. Dabei ist unter Brot alles zu verstehen, was wir zum Leben nötig brauchen, nicht nur Essen und Trinken, auch Kleidung und Wohnung, bis hin zu menschlicher Wärme und Anerkennung. Ebenso will Gott, dass wir täglich Hilfe in der Not erfahren – wie gesagt: meist auf ganz menschliche Weise, indem wir Begleitung erfahren, auch wenn eine Not nicht beseitigt werden kann. Das Wort „Huld“ steht als altertümlicher Ausdruck für Gottes Liebe, die ganz umsonst einfach so jeden Tag für uns da ist. Und ein ganz wichtiger Ausdruck seiner Liebe ist die Sündenvergebung. Wir sind vor Gott für das verantwortlich, was wir tun und lassen, und ohne die Vergebung dessen, was wir falsch gemacht haben, könnten wir gar nicht leben.

Ein weiteres Mal unterbrechen wir die Predigt und singen aus dem Lied 408 nun die Strophen 3 und 4:
Wo ich bin, hält Gott die Wacht

Liebe Gemeinde, wir betrachten nun noch die beiden letzten Strophen unseres Liedes. Zunächst die vorletzte:

5. Lieber Gott, du bist so groß,
und ich lieg in deinem Schoß
wie im Mutterschoß ein Kind;
Liebe deckt und birgt mich lind.

Diese Strophe drückt am meisten das Gefühl der Geborgenheit aus, das ein Kind Gott gegenüber empfinden kann. „Liebe deckt und birgt mich lind“ – was heißt denn „lind“, was heißt denn „birgt“? fragt bei dieser Strophe vielleicht ein Kind. Und dann kann man es ganz fest in die Arme schließen und ihm sagen: So ist das, wenn man ein Kind in seinen Armen birgt. Und man kann es zart streicheln und sagen: dieses Zarte, Sanfte, Schöne beim Streicheln, das nennt der Dichter „lind“. Ganz selbstverständlich kann der Dichter für den Gott, der sonst doch meist der Vater genannt wird, auch ein mütterliches Bild verwenden.

Und nun kommen wir zur letzten Strophe:

6. Leb ich, Gott, bist du bei mir,
sterb ich, bleib ich auch bei dir,
und im Leben und im Tod
bin ich dein, du lieber Gott!

Unser kindgemäßes Lied klammert auch die harte Wirklichkeit des Todes nicht aus. Ein Gedanke des Paulus wird hier aufgegriffen (Römer 14, 8):

8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

Oft wird Kindern ja gesagt, wenn z. B. die Oma gestorben ist: Jetzt ist sie bei Gott. Die Toten kommen zu Gott. Dadurch entsteht oft der falsche Eindruck, als ob Gott ein Gott der Toten sei und der Himmel ein Ort nur für Tote. Das ist aber bestenfalls nur die halbe Wahrheit. Denn unser Lied drückt es viel klarer aus: Schon jetzt in unserem Leben ist Gott doch bei uns. Er ist zwar unsichtbar, aber er ist doch ganz wirklich mit seiner Liebe und Begleitung immer da. Diese Welt gehört ihm tatsächlich, und er ist nicht erst nur für den Himmel zuständig. Umgekehrt ist es: Der Himmel Gottes fängt hier bei uns überall da schon an, wo wir Liebe, Vertrauen und Hoffnung unter uns wachsen und gedeihen lassen.

Wenn ein Mensch wirklich sterben muss, dann allerdings hört noch längst nicht alles auf. Gottes Liebe hält uns weiterhin fest. Wir bleiben bei Gott, auch wenn wir sterben. Mehr müssen wir über das ewige Leben gar nicht wissen. Das genügt, um getrost leben und irgendwann auch sterben zu können.

Im Leben und im Tod gehören wir Gott, mit diesem Gedanken schließt das Lied. Es knüpft damit am Anfang wieder an: „Meinem Gott gehört die Welt“ – „und im Leben und im Tod bin ich dein, du lieber Gott!“ Gott kann nur mein Gott und unser Gott sein im Leben und im Sterben, wenn uns klar ist, dass wir umgekehrt ihm gehören. Ohne Gott könnten wir nicht leben. Ihm verdanken wir alles. Er beschenkt uns mit Vertrauen, mit Liebe, mit Hoffnung. Er will, dass unser Leben gelingt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen die beiden letzten Strophen aus dem Lied 408:

Lieber Gott, du bist so groß

Großer Gott, am Ende eines Kirchenjahres, jetzt im November, ist uns manchmal trübsinnig zumute. Nebel draußen, regennasse Tage, so viele Tage der Trauer und der Besinnung, Volkstrauertag, Totensonntag, all das hebt nicht gerade unsere Stimmung. Darum bitten wir dich: lass uns nicht in Trübsinn und Depression versinken! Tröste uns, wenn wir traurig sind, begleite uns, wenn unsere Seele krank ist, führe uns auf neuen Wegen, wenn unser Leben in eine Sackgasse geraten ist! Und für alles Gute wollen wir dir danken, alles, was du uns schenkst, unser Leben, deine Liebe, Gespräche mit Menschen unseres Vertrauens, Hoffnungszeichen mitten in der Verzweiflung. Auch im November dürfen wir dich loben, auch wenn wir an deine Ewigkeit denken, dürfen wir froh werden, denn du bist nicht nur ein Gott für die, die schon tot sind, sondern du bist alle Tage bei uns – schon hier auf Erden in unserem Leben, das du uns anvertraut hast. Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vater unser

Wir singen aus dem Liederheft das Lied Nr. 3:

Harre, meine Seele, harre des Herrn! Alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Sei unverzagt! Bald der Morgen tagt, und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach. In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott.

Harre, meine Seele, harre des Herrn! Alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht; größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Ewige Treue, Retter in Not, rett auch unsre Seele, du treuer Gott!

Abkündigungen

Nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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