Gott weiß, „was für ein Gebilde wir sind“

Trauerfeier für eine alte Frau, die ein bescheidenes und zurückgezogenes Leben geführt hat. Ich erinnere an Worte der Bibel, die uns Menschen mit Staub und Feldblumen vergleichen – und gerade in diesen Worten wird uns eine unvergleichliche Würde zugeschrieben.

Gott weiß, "was für ein Gebilde wir sind": Feld- und Wiesenblumen im Sonnenlicht

Feldblumen – schöner gekleidet als Salomo (Bild: Snufkin – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe kleine Trauergemeinde, wir sind auf dem Gießener Friedhof versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau G., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir beten mit Psalm 103:

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten.

Liebe Trauerfamilie, mit einer blühenden Blume vergleicht dieses alte biblische Lied den Menschen. Eine Blume ist schön, und sie verwelkt schnell. Mit dem Menschen ist es ähnlich, selbst wenn er über 80 Jahre alt wird. So schön ein Leben ist, wie sehr ein Leben erfüllt sein mag, es erscheint uns immer zu kurz. Am Ende welkt auch die Schönheit eines Menschen hin. Die Kräfte des Körpers, des Geistes und der Seele lassen nach. Und am Ende legen wir ein kleines Häuflein Staub und Asche in ein Grab.

Doch das ist nicht alles, was wir über ein Menschenleben sagen können: Wir sind vergänglich, aber Gottes Gnade währt ewig. Im Vertrauen auf Gott gehen wir nicht verloren, wenn wir sterben.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Es war ein bescheidenes und eher zurückgezogenes Leben, das Frau G. geführt hat; an Reichtümern und großen Dingen hat sie nichts gehabt im Leben. Trotzdem war ihr Leben erfüllt und zufrieden.

Viele Jahrzehnte war sie für ihr Haus und ihre Familie da, und zuletzt im Heim war sie eine beliebte Bewohnerin, eine liebe Frau, die zufrieden war trotz ihrer Schmerzen und keine Ansprüche stellte. Und wenn sie etwas geschenkt bekam, gab sie es oft gleich weiter, weil sie nicht wollte, dass jemand leer ausging.

[Gott] weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind. (Psalm 103, 14)

So betrachtet der 103. Psalm den Menschen aus der Sicht Gottes. Auf den ersten Blick sieht das so wenig aus: was sind wir schon, nichts als Staub im Wind, „Dust In The Wind“, wie es in einem Song der Gruppe Kansas hieß.

Aber da heißt es auch: Gott gedenkt. Gott weiß. Wenn sonst niemand mehr an uns denken wird: bei Gott sind wir nicht vergessen. Wenn keiner mehr da sein wird, der sich noch an uns erinnert: Gott erinnert sich. Denn Gott ist ewig, für ihn sind Anfang, Ziel und Mitte unseres Lebens eins, er überblickt unser Leben und kennt uns besser, als wir uns selber kennen.

Was weiß Gott denn? Er weiß, was für ein Gebilde wir sind – ist er doch unser Schöpfer. Wir sind Staub, entstanden aus den Zufällen unserer Entwicklung, geboren von unseren Eltern, aufgewachsen an den Orten, die uns das Schicksal zuweist – doch den Atem unseres Lebens hat Gott uns eingehaucht. Was wir wesentlich sind, unsere Seele, unsere Verantwortung, das geht nicht auf in den Zufälligkeiten des Lebens. Jeder Mensch, egal wie und wo er lebt, ist doch auch in gewisser Weise frei darin zu entscheiden, wie er mit seinem Leben umgeht, ob er dankbar und zufrieden leben kann oder ob er sich selbst und anderen das Leben schwer macht.

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde. (Psalm 103, 15)

Die Feldblumen galten im alten Israel nicht viel. Doch Jesus vergleicht sie in der Bergpredigt mit der Pracht des Königs Salomo:

Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. (Matthäus 6, 28-29)

Wenn selbst die Blumen es in Gottes Augen wert sind, dass sie so kostbar gekleidet werden, um wie viel mehr wert sind wir Menschen vor Gott, der uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat? Einmalige Lebewesen sind wir, keine Menschenseele ist wie die andere, jede einzelne ist im Buch des Lebens aufgeschrieben und keine ist bei Gott vergessen.

Und am Ende? „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden“, heißt es. Unser Leib zerfällt zu Staub und Asche – doch unser Leben versinkt nicht im Grab, es kehrt zurück zu Gott, der es uns geschenkt hat.

Wir sterben und treten dem gegenüber, von dem der Psalm 103 sagt:

Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. (Psalm 103, 8)

Den Händen dieses Gottes können wir Frau G. getrost anvertrauen. Wir lassen sie los und dürfen gewiss sein: Gott nimmt sie am Ende mit Ehren an. Was ihr in ihrem Leben an Liebe geschenkt war und was sie weitergeben konnte, das geht in Ewigkeit nicht verloren. Amen.

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