Josef, Herodes und Rahel

Herodes handelt mit dem Kindermord in Bethlehem wie der Pharao, dem sich Mose entgegenstellte. Jesu Reich ist nicht von dieser Welt, ist nicht auf Intrigen, Geld und Kriegsmacht aufgebaut. Er wird ein Mann nach der Art des Josef sein, der auf die Stimme Gottes hört, und baut ein Reich aus Steinen der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und des Friedens.

Bethlehem heute

Bethlehem heute (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst zwischen den Jahren mit Angelika Maschke, Helmut Schütz und Frank Wendel am Sonntag nach Weihnachten, den 28. Dezember 2014,  um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Zum 14. Mal feiern wir Nordgemeinden in Gießen, Michael, Paulus und Thomas, gemeinsam einen Gottesdienst „zwischen den Jahren“. Ich heiße also in der Pauluskirche auch alle willkommen, die aus der Michaelsgemeinde und aus der Thomasgemeinde zu uns gekommen sind!

Heute ist ein Predigttext dran, in dem es um die unschuldigen Kinder geht, die in Bethlehem von König Herodes ermordet wurden. Kein schönes Thema, aber leider auch in unserer Welt immer wieder aktuell. Herr Pfarrer Wendel und Herr Pfarrer Schütz werden sich in der Predigt Gedanken über die beiden Männer machen, die in dieser Geschichte die zentralen Rollen spielen: Josef und Herodes. Auch Pfarrerin Angelika Maschke begrüßen wir unter uns. Sie hat jetzt im Dezember einen Vertretungsdienst in der Thomasgemeinde übernommen, so lange die Pfarrstelle dort noch nicht wieder besetzt ist, und wird auch in diesem Gottesdienst mitwirken. In der Predigt erinnert sie an die Trauer der Rahel um die in Bethlehem durch Herodes getöteten Kinder.

Nun singen wir das Lied 39:

1. Kommt und lasst uns Christus ehren, Herz und Sinnen zu ihm kehren; singet fröhlich, lasst euch hören, wertes Volk der Christenheit.

2. Sünd und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen; wir, die unser Heil annehmen, werfen allen Kummer hin.

3. Sehet, was hat Gott gegeben: seinen Sohn zum ewgen Leben. Dieser kann und will uns heben aus dem Leid ins Himmels Freud.

4. Seine Seel ist uns gewogen, Lieb und Gunst hat ihn gezogen, uns, die Satan hat betrogen, zu besuchen aus der Höh.

5. Jakobs Stern ist aufgegangen, stillt das sehnliche Verlangen, bricht den Kopf der alten Schlangen und zerstört der Höllen Reich.

6. O du hochgesegnete Stunde, da wir das von Herzensgrunde glauben und mit unserm Munde danken dir, o Jesulein.

7. Schönstes Kindlein in dem Stalle, sei uns freundlich, bring uns alle dahin, da mit süßem Schalle dich der Engel Heer erhöht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 124:

1 Wäre der HERR nicht bei uns – so sage Israel -,

2 wäre der HERR nicht bei uns, wenn Menschen wider uns aufstehen,

3 so verschlängen sie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns entbrennt;

4 so ersäufte uns Wasser, Ströme gingen über unsre Seele,

5 es gingen Wasser hoch über uns hinweg.

6 Gelobt sei der HERR, dass er uns nicht gibt zum Raub in ihre Zähne!

7 Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.

8 Unsre Hilfe steht im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

In einem Jahr, in dem der Hass zwischen Menschen in Israel und Palästina, in Syrien und Irak, in der Ost-Ukraine und in Pakistan gewachsen ist und zu blutigem Terror, Krieg und Bürgerkrieg geführt hat, halten wir inne und besinnen uns darauf, was der Welt zum Frieden dient.

In einem Monat, in dem Menschen in unserem Land auf die Straße gehen, um Mitbürger islamischen Glaubens pauschal zu verunglimpfen und als unerwünscht zu erklären, halten wir inne und bitten um den Mut, unsere Stimme gegen diejenigen zu erheben, die Unfrieden stiften wollen.

An einem Tag, an dem wir der Kinder von Bethlehem gedenken, die ermordet wurden, weil eigentlich Jesus schon als Baby getötet werden sollte, bitten wir dich um dein Erbarmen für eine oft so trostlose und oft so erbärmliche Menschheit.

Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir hören eine Klage des Propheten Jeremia, die eingebettet ist in die Zusage neuer Hoffnung durch Gott (Jeremia 31, 15-17):

15 So spricht der HERR: Man hört Klagegeschrei und bittres Weinen in Rama: Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder; denn es ist aus mit ihnen.

16 Aber so spricht der HERR: Lass dein Schreien und Weinen und die Tränen deiner Augen; denn deine Mühe wird noch belohnt werden, spricht der HERR. Sie sollen wiederkommen aus dem Lande des Feindes,

17 und deine Nachkommen haben viel Gutes zu erwarten, spricht der HERR, denn deine Kinder sollen wieder in ihre Heimat kommen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.“

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Vater im Himmel, an Weihnachten schweigen meist die Waffen. Nicht immer. An den Tagen danach gehen Kriege, Streitigkeiten, Konflikte oft ungebremst weiter. Muss das so sein? Bist du nicht in Jesus zur Welt gekommen, um dem Unfrieden Einhalt zu gebieten? Was erwartest du von uns, welche Art Mann, welche Art Frau müssten wir sein, dürften wir sein, um deinen Willen zu tun, um Jesus nachzufolgen, um deinem Bild zu entsprechen? Zeige uns deinen Willen, zeige uns deine Wege, die von Weihnachten aus segensreich in unseren Alltag führen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Chri­sti, deines Sohnes, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 2, 13-23:

13 Als [die Weisen] aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.

14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten

15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

16 Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.

17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht:

18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

19 Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten

20 und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.

21 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel.

22 Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er Befehl von Gott und zog ins galiläische Land

23 und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen.

Herr, dein Wort ist unse­res Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 40 die Strophen 1 bis 3:

4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.

5. O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern; o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein.

6. Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod. Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.

7. Da wollen wir all danken dir, unserm Erlöser, für und für; da wollen wir all loben dich zu aller Zeit und ewiglich.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, zwei Männer halten heute die Predigt über zwei Männer.

Außerdem wird es einen kurzen Zwischenruf von einer Frau geben – über die Frau, die im Text erwähnt wird. Diesen Zwischenruf wird Frau Pfarrerin Maschke in unsere Männerpredigt einfügen. Pfarrer Wendel und ich sprechen über Josef und Herodes. Frank Wendel beginnt mit:

JOSEF

Josef, das ist schon ein merkwürdiger Mann!

Immer wieder erscheint ihm ein Engel im Traum und dann versteht er, was er tun soll, – und er tut es.

Josef ist ein TRÄUMER.

Das Bild, das ich von diesem Mann vor Augen habe, ist auch von dem anderen biblischen Josef geprägt, der ebenfalls ein Träumer war:

Josef, einer der 12 Söhne Jakobs, der seine Brüder eifersüchtig machte, als er träumte, dass sich Korngarben der Brüder vor ihm neigten, oder dass Sonne, Mond und 11 Sterne sich vor ihm verneigten.

Dieser Josef wurde ja dann von seinen eigenen Brüdern in die Sklaverei nach Ägypten verkauft und auch dort wurde er wiederum durch Träume berühmt. Er konnte Träume deuten und stieg dadurch schließlich zum wichtigsten Mann im Reich, gleich nach dem Pharao auf.

Nun also diese deutliche Parallele zu unserem Josef – dem zuerst der Engel Gottes im Traum erschien, als er die Schwangerschaft Marias bemerkte und überlegte, ob er sie heimlich verlassen sollte.

In diesem ersten Traum erfuhr er, dass er nicht gehen sollte, denn das Kind sei ein Kind des heiligen Geistes.

Nun – wir wissen: er ist auch nicht gegangen. Er stand zu seiner Verantwortung und blieb bei Maria, bis sie ihr Kind gebar.

Und dann eben träumte er hier diesen 2. Traum, wo ihn der Engel beauftragt, mit Maria und dem Kind nach Ägypten zu fliehen, um es vor dem Kindermörder Herodes zu retten.

Und wiederum tat Josef, was er geträumt hat.

Man kann jetzt sagen: Er war ein frommer Mann (steht ja auch da und so kennen wir ihn auch aus der Traditionsgeschichte).

Er bekam einen Auftrag von Gottes Boten, dem Engel und er führt diesen Auftrag aus. Ohne Diskussion – seine eventuellen Bedenken sind uns nicht überliefert.

Stattdessen lesen wir hier, dass der Auftrag eben genau mit einer biblischen Prophezeiung durch den Profeten Hosea übereinstimmte. Es war also sowieso alles schon vorherbestimmt und Josef hat sich widerspruchslos in den großen Plan eingeordnet.

Er war ein frommer, Gott gegenüber gehorsamer Mann.

War er auch ein starker, ein attraktiver Mann, der zum Vorbild taugt?

Der alttestamentliche Josef war definitiv sexy, wie man an der Geschichte von Potiphars Frau sieht, er ließ sich durch diese persönliche Attraktivität aber nicht zum Ehebruch verleiten, sondern hörte auf Gottes Willen, obwohl er dadurch ins Gefängnis kam.

Der Josef im Neuen Testament wirkt auf den ersten Blick wenig attraktiv.

Da hat seine junge Frau ein Kind bekommen, was nicht von ihm sein soll – und da will er sie verlassen.

Aber als er erfährt, dass Gott im Spiel ist, bleibt er. Und er kümmert sich.

Soweit so gut, aber er bleibt dabei ziemlich blass. Er ist halt da, aber nur als einer, der eben tut, was ihm gesagt wird.

Und dass die Situation plötzlich eine andere wird, hat sein großer Gegenspieler, der mächtige und grausame König Herodes initiiert.

Und dann nimmt er eben Frau und Kind und flieht, wie ihm gesagt wird – nach Ägypten.

Hier allerdings begreife ich, dass er doch zum Vorbild taugt: Denn er springt ja über seinen Schatten, lässt alles zurück: Haus und Hof, seine Zimmermannswerkstatt in Nazareth, Eltern, Freunde, Geschwister und sucht – über Nacht – Asyl in Ägypten.

Wegen eines Traumes!

Im Nachhinein wissen wir natürlich, dass er genau richtig gehandelt hat, aber das konnte er damals ja nicht wissen. Mit einem Säugling – zu Fuß oder mit einem Lastesel – bei Nacht und Nebel nach Ägypten zu fliehen, erscheint ähnlich riskant, wie heute auf Fischerbooten übers Mittelmeer nach Europa zu fahren.

Er hat auf Gottes Boten gehört, der ihm im Traum erschienen war, und alles auf eine Karte gesetzt.

Und er hat das Kind gerettet. Alles war richtig, weil er es riskiert hat.

Nun kann man sagen, beim ersten Traum war es doch genauso: Wer glaubt denn, das das Kind der Verlobten vom heiligen Geist ist? Josef hat es geglaubt und sie nicht verlassen, und im Nachhinein stellte sich dann ja auch raus, das es stimmte.

Aber ich glaube, dieser erste Traum war anders:

Immerhin liebte er ja Maria auch – wahrscheinlich wollte er sie auch gar nicht wirklich verlassen; er dachte aber natürlich auch darüber nach. Er war unsicher (ein junger Mann, das erste Kind, frisch verlobt) – wahrscheinlich schwer gekränkt in seiner Männlichkeit, aber er war voller Hoffnung, dass es mit ihm und ihr und dem Kind am Ende gut gehen würde. Er hat sich halt darauf eingelassen.

Ganz anders die Flucht nach Ägypten: Hier ist er wirklich über sich hinausgewachsen: Hier ist er aktiv geworden und er hat Jesus gerettet.

Aus Josef dem TRÄUMER wurde Josef der MACHER: Der seine Existenz riskierte, für sein Kind, aber auch für seinen Glauben! Der auf den Engel hörte.

Ich glaube, so einer ist tatsächlich attraktiv, obwohl er das Wenige, das er zuvor besaß, nun auch noch aufgab. Er hatte nichts mehr außer seiner Liebe und seiner Verantwortung und: Seinen Auftrag von Gott, seine Lebensaufgabe. Und mehr brauchte er auch nicht.

Damit wird er zum absoluten Gegenbild von Herodes, dem grausamen Gewaltherrscher seiner Zeit. Von dem wird Helmut Schütz jetzt mehr erzählen.

HERODES

Was sagt unser Bibeltext von Herodes (Matthäus 2, 16)?

Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.“

Dieses planvolle Handeln, um seine Macht abzusichern, dass Herodes die Weisen quasi als Spione einsetzt, um das von ihm als gefährlich eingestufte Messiaskind zu finden und zu töten, und dann sein Plan B, dass er alle Kinder unter 2 Jahren in Bethlehem morden lässt, das passt zu dem Bild, das von Herodes dem Großen überliefert ist.

Ganz im Gegensatz zu Josef weiß man nämlich von diesem Herodes aus der allgemeinen Geschichtsschreibung viel mehr als aus der Bibel. Wer sich 43 Jahre lang im Römischen Reich zuerst als römischer Statthalter von Galiläa, dann als König von Jerusalem an der Macht halten kann, steht natürlich in den Geschichtsbüchern. Den zweiten Tempel Israels ließ er umbauen und so herrlich ausbauen, dass er nach ihm benannt wurde und sogar die Jünger Jesu zum Staunen veranlasste (Markus 13, 1):

Was für Steine und was für Bauten!

Herodes war ein Wohltäter für Juden in Kleinasien und Kyrene, er sicherte durch finanzielle Zuwendungen die Olympischen Spiele. All das wird in der Bibel jedoch entweder gar nicht erwähnt oder kritisch betrachtet. Zum herodianischen Tempel wird Jesus sagen (Markus 13, 2):

Siehst du diese großen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

Mit Sicherheit war Herodes der Große für viele Zeitgenossen attraktiv und sexy. Immerhin hatte er zehn Frauen und mindestens 15 Kinder; da er sich allerdings in seiner Macht von einer Reihe dieser Kinder bedroht fühlte, ließ er einige von ihnen hinrichten. Skrupellos war er auf jeden Fall, wenn es um die Erhaltung seiner Macht ging. Ob er tatsächlich, als Jesus geboren wurde, von dieser Geburt Notiz genommen hat und einen Kindermord in Bethlehem veranlasst hat, wissen wir nicht genau, das steht nur in der Bibel; Tatsache ist jedenfalls, dass jeder, der Herodes damals kannte, ihm eine solche Schandtat bedenkenlos zutraute.

Worum geht es dem Matthäus, wenn er den grausamen, für manche Frauen attraktiven Machtmenschen Herodes quasi als Gegenbild zu Josef in seinem Evangelium von Jesus Christus gleich am Anfang erwähnt? Er mag auf der Weltbühne des damaligen Römischen Reiches erfolgreich sein, bleibt aber der Prototyp eines Menschen, der im alttestamentlichen Sinn ein gottloser Mensch ist, ein Frevler, einer, der sich nicht an die Wegweisung Gottes hält.

Der Name und die Träume des neutestamentlichen Josef haben dich, lieber Frank, an den alttestamentlichen Josef denken lassen; von da aus liegt der Gedanke nahe, dass auch Herodes ein alttestamentliches Gegenstück haben könnte. Und da bietet sich der ägyptische Pharao an.

Vergleicht man ihn mit dem unmittelbaren Gegenüber des alttestamentlichen Jo­sef, könnten wir sagen: Herodes hätte die Chance gehabt, sich tatsächlich mit den Weisen aus dem Morgenland sozusagen als vierter König mit auf den Weg nach Bethlehem zu machen und das Jesuskind zu seinem Nachfolger zu machen. Das hätte dem Happy-End der alttestamentlichen Geschichte des Josef entsprochen, der vom Pharao zu seinem Stellvertreter gemacht wurde und dann als segensreicher Herrscher in Ägypten wirkte.

Stattdessen eifert Herodes dem anderen Pharao nach, der mehrere Generationen nach Josef diesen nicht mehr kannte und die zu einem zahlreichen Volk herangewachsenen Israeliten als Bedrohung für seine Macht erlebte. Er ließ die männlichen Babies im Volk der Hebräer ermorden (2. Buch Mose – Exodus 1, 16 und 22); Herodes handelt mit dem Kindermord in Bethlehem also genau so wie der Pharao, dem sich dann Mose entgegenstellte. Der Evangelist Matthäus sieht genau hier eine deutliche Parallele: So wie der Prophet Hosea 11, 1 sagt:

Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten

– so heißt es hier vom Messias Israels, der Gottes Sohn ist, weil er vollkommen dem Ebenbild Gottes entspricht und so vollkommen auf den Willen Gottes hören wird, wie Gott es Israel zugemutet und zugetraut hatte (Matthäus 2, 15):

Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.

Matthäus will deutlich machen: Jesus wird in die gleiche Welt hineingeboren wie der kleine Mose, der vom ägyptischen Pharao von Anfang seines Lebens an bedroht war und doch am Ende seine Herrschaft überwinden, Israel in die Freiheit führen konnte. Jesu Reich ist zwar nicht von dieser Welt, ist nicht auf Intrigen, Geld und Kriegsmacht aufgebaut wie die Herrschaft des Pharao oder des Herodes, aber er wird ein Mann nach der Art des Josef sein, der auf die Stimme Gottes hört und ein Reich aufbaut, das sich aus Steinen der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und des Friedens zusammensetzt. Von Anfang an ist aber deutlich: der Friede, den Jesus bringt, ist bedroht. Er muss sich durchsetzen in einer Welt, in der Pharaonen und Herodesse regieren, und bis heute Leute wie Hitler und Stalin bis hin zu den IS-Terroristen. Wobei das nur die Extreme sind; auch das von den mei­sten Menschen als notwendig empfundene Militär normaler Staaten hat viel Leid über Millionen Menschen gebracht und wurde mehr dafür eingesetzt, ungerechte Verhältnisse stabil zu halten, statt für Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen.

An dieser Stelle gebe ich das Wort an Angelika Maschke…

RAHEL

Wie klar die Bibel die furchtbaren Folgen der Handlungen von Männern wie Herodes erkennt, sieht man an der Erwähnung einer weiteren Prophezeiung in unserem Text (Matthäus 2, 18):

In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.

Rahel steht hier als nicht als einzelne Frau, sondern als Mutter der Stämme Jo­sefs und Benjamins. Josefs Nachfahren waren Ephraim und Manasse. Und Stammmutter Rahel klagt hier um den Stamm Ephraim, dessen Angehörige in Gefangenschaft umgekommen sind. Rahel weint als Mutter stellvertretend für alle Mütter der Vermissten.

Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen…

Dieser Satz ist eine buchstäblich trostlose Klage; und ich möchte Rahel Recht geben: Lass dich nicht billig vertrösten, lass deine Tränen laufen, lass dir von niemandem deine Trauer ausreden über deine Kinder, die nur deshalb sterben müssen, weil ein großkotziger Herrscher Angst um seine Macht hat. Aber wie viele Frauen lassen sich von solchen Männern beeindrucken, treiben ihre Männer, Söhne, Brüder zur Vergeltung an. Auch das trostlos.

Jüdisch gebildete Ohren, die bei Matthäus die Prophezeiung des Jeremia im Ohr hatten, mögen sich an die Fortsetzung im Jeremia­buch erinnert und dort doch noch einen Trost gefunden haben (Jeremia 31, 15-17):

Es ist aus mit ihnen. Aber so spricht der HERR: Lass dein Schreien und Weinen und die Tränen deiner Augen; denn deine Mühe wird noch belohnt werden, spricht der HERR. Sie sollen wiederkommen aus dem Lande des Feindes, und deine Nachkommen haben viel Gutes zu erwarten …

Matthäus lässt diese Verheißung weg. Ihm genügt es, dass dieses eine Kind, Jesus, inmitten der damals in Bethlehem geborenen Kinder, gerettet wird. Wäre auch dieses Kind schon damals gestorben, hätte es den Weg nicht gehen können, der aller Welt einen noch größeren Trost, eine noch größere Hoffnung eröffnet hat.

Damit Jesus in dieser Welt einige Jahre als Gottes Sohn wirken konnte, geht es ihm von Anfang an nicht anders als so vielen bedrohten Kindern in der Welt: Er ist angewiesen auf Menschen wie seinen Adoptivvater Josef, der ihn aus der Schusslinie in Sicherheit bringt. Und es ist das Land Ägypten, wo damals zur Zeit des ersten Josef die Stammfamilie Israels eine Zuflucht fand, das nun auch Jesus und seiner Familie ein sicheres Asyl bietet.

JOSEF

Noch zwei Träume sind uns von Josef überliefert:

Gott sagt ihm Bescheid, als Herodes gestorben ist, dass er nun zurückkehren kann.

Und als er erfuhr, dass Herodes‘ Sohn regierte, und er deswegen erneut Angst um seine Familie hatte, bekam er den Auftrag, nicht nach Judäa, sondern nach Nazareth in Galiläa zu gehen.

Das klingt alles sehr überlegt – es ist ja dann auch alles gutgegangen und wie wir aus dem Markusevangelium wissen, konnte er in Nazareth schließlich auch seine Familie vergrößern und endlich auch (wieder) ein normales Handwerkerleben in der Heimat führen.

Aber das wird hier nicht mehr herausgestellt. Wichtig ist, dass Josef in den entscheidenden Momenten seines Lebens auf Gott GEHÖRT hat und auch danach GEHANDELT hat.

Dass er die Träume richtig gedeutet hat, man kann vielleicht auch sagen: dass er auf sein Gewissen hörte, auf die innere Stimme, die ihm das Richtige gesagt hat.

Dass er sich hier nicht ablenken ließ, dass er sogar alles was er besaß, nicht für wichtig erachtete, dass er allein aufgrund des Rufes Gottes bei Nacht und Nebel mit Frau und Kind nach Ägypten aufbrach – und damit ja das einzig Richtige getan hat.

Dass er nicht versucht hat, standzuhalten oder zu kämpfen oder abzulenken oder gar sich selbst etwas vorzumachen, oder was immer Männern so einfällt – Josef hat sich entschieden, Gottes Auftrag ohne Wenn und Aber zu folgen, und das war seine große Lebensleistung.

Genau dadurch wurde er zu einem großen Mann. Viel größer als Herodes, genannt der Große, der so viel Schrecken verbreitete und uns heute noch durch seine gewaltigen Bauwerke beeindruckt.

Obwohl Josef ihm immer unterlegen war, hat er ihn dennoch besiegt.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 36

1. Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren!

2. Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jammer. Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbind’t sich mit unserm Blute.

7. Die ihr schwebt in großem Leide, sehet, hier ist die Tür zu der wahren Freude; fasst ihn wohl, er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wird rühren.

8. Wer sich fühlt beschwert im Herzen, wer empfind’t seine Sünd und Gewissensschmerzen, sei getrost: hier wird gefunden, der in Eil machet heil die vergift’ten Wunden.

9. Die ihr arm seid und elende, kommt herbei, füllet frei eures Glaubens Hände. Hier sind alle guten Gaben und das Gold, da ihr sollt euer Herz mit laben.

Angelika Maschke:

Du mitleidender Gott, der Kindermord von Bethlehem hat sich schon zu oft wiederholt. Gib uns Kraft und Mut, hinzuschauen, wo immer wir können, damit Kindesmorde, von den Herren der Welt befohlen oder auch nur in Kauf genommen, bekannt gemacht, angeklagt und verurteilt werden wie das Recht es möglich macht, damit Mütter und Väter nicht immer wieder in Trümmerbergen die Leichname ihrer Kinder suchen müssen; damit sie nicht zusehen müssen, wie Zwangsrekrutierungen, Sklavenarbeit; Drogenkriege, Granaten, Landraub und mangelnde Perspektiven das Leben der Wehrlosen zerstören. Mache uns zu Wächterinnen und Wächtern der Rechte der Kinder dieser Welt. Lass uns hinschauen und handeln, wenn Kinder die Wege zum Leben verwehrt werden. Tröste und steh denen bei, die in ihren Herzen Trauer um ein Kind tragen müssen.

Du mitfühlender Gott, wir vertrauen dir unseren Verstorbenen Helmut Erhard Georgi an. Tröste alle, die um ihn trauern, und gib ihnen Frieden.

Stille und Vater unser
Lied 38: Wunderbarer Gnadenthron
Abkündigungen
Helmut Schütz: Segen
Orgelnachspiel

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