„Wir sind die zarten Reben“

In Jesus wurzeln und aus ihm Kraft empfangen.

Für viele zählt nur, was einer leisten kann. Es tut weh, wenn ein Ehemann seiner Frau Vorwürfe macht, weil sie seelisch krank ist. Die Bibel meint etwas anderes mit den Früchten, die wir bringen sollen. Liebe, die wichtigste Frucht, kann in jedem Menschen wachsen, der spürt, dass er selber auch geliebt ist.

Ein Altarbehang mit einem Weinstock und seinen Reben, an denen Trauben hängen

Ein Weinstock mit seinen Reben hängt als Symbol an vielen Altären und Kanzeln (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Jubilate, den 21. April 1991, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst am Sonntag „Jubilate“ in unserer Klinikkapelle! Wir werden uns heute in der Predigt mit einem Gleichnis aus der Bibel beschäftigen, das besonders hierher nach Rheinhessen passt, wo es so viele Weinberge gibt: das Gleichnis vom Weinstock und seinen Reben. Jesus spricht davon im Johannesevangelium, er vergleicht sich mit dem Weinstock und die Christen mit den Reben, die am Weinstock hängen.

Der Sonntag heute ist einer der nachösterlichen Freudensonntage, der Name „Jubilate“ erinnert an die jubilierende Freude über Jesu Auferstehung. Darum singen wir zu Beginn das Osterlied 89, 1-2 + 5-6:

1) Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht; dies ist meine Zuversicht.

2) Jesus lebt! Ihm ist das Reich über alle Welt gegeben; mit ihm werd auch ich zugleich ewig herrschen, ewig leben. Gott erfüllt, was er verspricht; dies ist meine Zuversicht.

5) Jesus lebt! Ich bin gewiss, nichts soll mich von Jesus scheiden, keine Macht der Finsternis, keine Herrlichkeit, kein Leiden. Er gibt Kraft zu dieser Pflicht; dies ist meine Zuversicht.

6) Jesus lebt! Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben. Welchen Trost in Todesnot wird er meiner Seele geben, wenn sie gläubig zu ihm spricht: Herr, Herr, meine Zuversicht!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Lasst uns beten mit dem Lobpsalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, / und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN. meine Seele, / und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt / und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, / der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, / und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht / allen, die Unrecht leiden.

7 Er hat seine Wege Mose wissen lassen, / die Kinder Israel sein Tun.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, / geduldig und von großer Güte.

9 Er wird nicht für immer hadern / noch ewig zornig bleiben.

10 Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden / und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, / lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

12 So fern der Morgen ist vom Abend, / lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, / so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; / er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, / er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, / und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit…

22 … Lobe den HERRN, meine Seele!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Am Sonntag „Jubilate“ sind wir hier zusammen, Gott im Himmel, wir dürfen dich loben für alles, was du an uns getan hast! Aber nicht jedem von uns ist zum Loben zumute. Nicht alle spüren deine Güte, deine Liebe, deine Nähe. Deshalb bitten wir dich: Lass uns alle spüren, dass du bei uns bist, dass du uns lieb hast, dass wir Grund haben, dich zu loben, in schöner und in schwerer Zeit. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Prophetenbuch Jesaja 5, 1-4.7-8. Da singt der Prophet für Gott ein Lied, der sich mit seinem auserwählten Volk so viel Mühe macht wie ein Weingärtner mit seinem Weinberg und der doch statt der erwarteten reichen Frucht nur Enttäuschung erntet:

1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.

2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalems und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!

4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

8 Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen!

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen vor der Predigt aus dem Lied 156 die Strophen 4 bis 7; es ist ein Lied, das wohl nicht so sehr bekannt ist; im Text wird aber schön beschrieben, wie Jesus die zu sich ruft, die immer wieder versagt haben, und wie er als der Weinstock für uns, seine Reben, da sein will und kann:

4) Du rufest alle, Herr, zu dir in Gnaden, die mühselig und beladen; all ihre Missetat willst du verzeihen, ihrer Bürde sie befreien. Kyrieleison. Ach komm selbst, leg an deine Hände und die schwere Last von mir wende, mache mich von Sünden frei, dir zu dienen Kraft verleih. Kyrieleison.

5) Mein‘ Geist und Herze wollst du zu dir neigen, nimm mich dir, gib mich dir eigen. Du bist der Weinstock, ich bin deine Rebe, nimm mich in dich, dass ich leben. Kyrieleison. Ach in mir find ich eitel Sünden, in dir müssen sie bald verschwinden; in mir find ich Höllenpein, in dir muss ich selig sein. Kyrieleison.

6) Komm, meine Freude, komm, du schönste Krone, Jesu, komm und in mir wohne; in mir will ich dich mit Gebet oft grüßen, ja mit Lieb und Glauben küssen. Kyrieleison. Bringe mit, was alle Welt erfreut, deiner Liebe süße Lieblichkeit, deine Sanftmut und Geduld, die Frucht deiner Gnad und Huld. Kyrieleison.

7) Dies sind die Blümlein, die mich können heilen und mir Lebenssaft erteilen, dass ich aus mir nun all Untugend reiße, dir zu dienen mich befleiße. Kyrieleison. In dir hab ich alles, was ich soll, deiner Gnade Brünnlein ist stets voll. Lass mich ewig in dir und bleib ewig auch in mir. Kyrieleison.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir aus Johannes 15, 1-8:

1 Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Liebe Gemeinde!

Als ich an Ostern mit unseren Kindern um Alzey herum ein paar Ausflüge mit dem Fahrrad gemacht habe, da haben mich wieder die Weinstöcke fasziniert. Knorrig und schwarz stehen sie da; im Winter sind sie wie tot, wie ein lebloses, altes Stück Holz. Und irgendwann im Frühjahr passiert es dann: neues Grün schießt aus dem nur scheinbar toten Holz, langsam wächst die neue Rebe, wird zur Traube, die dann im Herbst den neuen Wein bringt. Ich weiß nicht viel vom Weinbau, nur dass irgendwann die Reben beschnitten werden, aufgespannte Drähte geben ihnen Halt, in Reih und Glied stehen sie da. Ohne den Weinstock allerdings könnten sie nicht leben, hätten sie keinen Saft und keine Kraft.

Dieses Bild scheint auch Jesus so vertraut gewesen zu sein, dass er es benutzt, um von sich selber zu sprechen, von sich und von denen, die zu ihm gehören. Er sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Ihr braucht mich so notwendig, wie die Reben den Weinstock brauchen. Ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Aber stimmt das denn eigentlich? Die einen würden sagen: Nein, ich kann auch ohne Jesus etwas tun. Leben nicht so viele Leute ohne Jesus und sind glücklich dabei? Wozu also dann noch glauben, wozu ausgerechnet auf Jesus vertrauen? Die anderen würden sagen: Nein, ich kann nicht einmal mit Jesus etwas tun. Ich will ja an ihn glauben, aber er hilft mir nicht. Ich habe sogar an ihn geglaubt, aber mein Glaube ist zerbrochen.

Das sind zwei extreme Haltungen – auf der einen Seite: Ich kann etwas tun, auch ohne Jesus, ich schaffe es schon allein – auf der anderen Seite: Ich kann gar nichts tun, auch mit Jesus nicht, ich muss verzweifeln. Manchmal scheint es, als ob es zwischen diesen beiden Haltungen eine innige Verbindung gäbe: Gerade weil Menschen glauben, sie könnten alles allein schaffen, kommen sie irgendwann in die Lage, völlig ausgebrannt und schwach zu sein und sich vollkommen unfähig zu fühlen.

Natürlich – wir sind keine Pflanzen. Wir sind nicht an einen Standort gebunden wie der Weinstock und die Reben. Und trotzdem brauchen auch wir Menschen so etwas wie Wurzeln, einen festen Halt. Wenn wir den nicht haben, fühlen wir uns entwurzelt, haben wir keinen festen Boden mehr unter den Füßen, fürchten wir, in einen Abgrund zu fallen. Daran, dass wir einen Halt brauchen, dass auch wir Menschen es auf die Dauer nicht aushalten, entwurzelt zu sein, daran erinnert uns das Bildwort vom Weinstock und seinen Reben.

Übrigens: Auch Jesus stellt sich in diesem Bildwort nicht als den Supermenschen dar, der alles ganz allein schafft, der keine Hilfe braucht. Er beginnt nämlich mit den Worten: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.“ Ohne Gott könnte auch Jesus nicht existieren, ohne die Kraft von oben könnte auch er keine Frucht bringen.

Und zu uns sagt Jesus im gleichen Sinne: „Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ „Bleibt in mir“ – das heißt: Bleibt euch bewusst, dass ihr in Jesus einen Halt habt, dass ihr mit Gottes Hilfe festen Boden unter den Füßen gewinnen könnt. Selbst wenn ihr meint, dass ihr entwurzelt seid – Gottes Hand hält euch fest, Gottes Hand fängt euch auf, selbst wenn ihr fallt. Und er sagt nicht nur: „Bleibt in mir“, sondern fährt fort: „und ich in euch“ – so wie die Kraft des Weinstocks in die Reben fließt, so will uns Jesus mit seiner Kraft erfüllen. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Weingärtner, der den Weinstock pflegt, und zwischen dem Weinstock und den Reben und der Frucht, die die Reben bringen. „Ich bin der Weinstock,“ sagt Jesus, „ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Was für Früchte wachsen denn an diesem Weinstock? Der buchstäbliche, echte Weinstock draußen auf den Weinbergen bringt die Trauben hervor. Und wir Menschen? Welche Früchte kann man von uns erwarten? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Für viele Menschen zählt nur, was ein Mensch leisten kann, ob er intelligent ist, ob er schön oder reich oder gesund ist. Es tut immer wieder weh, wenn man hört, dass zum Beispiel ein Ehemann seiner Frau Vorwürfe macht, weil sie seelisch krank ist. Gib dir doch mehr Mühe! heißt es dann oft. Aber wer krank ist, kann nicht so leicht aus seiner Haut heraus. Er bräuchte Verständnis statt Vorwürfe.

Die Bibel macht nicht mit, wenn an Menschen solche unmenschlichen Forderungen gerichtet werden. Sie meint etwas anderes mit den Früchten, die wir bringen sollen. Die wichtigste Frucht ist die Liebe. Davon spricht Johannes in seinem ganzen Evangelium immer wieder. Liebe kann in jedem Menschen wachsen, ganz gleich, wie gesund oder krank er ist. Man kann sie nicht erzwingen, aber sie kann wachsen, wenn ein Mensch erfährt, dass er selber auch geliebt ist.

Der Vergleich mit den Reben legt ganz ausdrücklich größten Wert darauf, dass die Frucht wachsen muss. Auch die Früchte an den Reben, die Weintrauben, sie müssen langsam wachsen und reifen, sie brauchen Regen und Sonne und viel Pflege, bis sie geerntet werden können.

Nun gibt es in unserem Predigttext auch Stellen, die uns Angst einjagen könnten. Da heißt es von Gott, dem Weingärtner: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen.“ Und Jesus sagt noch härter: „Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.“

Das klingt so, als ob es auch für Gott nutzlose Menschen gibt, die keine Hoffnung mehr haben dürfen. Manche haben große Angst davor, vor Gott nichts wert zu sein oder sogar in ewiger Verdammnis zu enden.

Ich denke nun, dass Jesus hier bestimmt nicht an die denkt, die sich solche Sorgen machen. Wer sich solche Sorgen macht, der sehnt sich ja nach Gott und seiner Liebe. Der weiß ja, wie sehr er auf die Kraft des göttlichen Weinstocks und auf die Pflege des himmlischen Weingärtners angewiesen ist. Und wer Sehnsucht nach Gott hat, der ist ja in Verbindung mit ihm, auch wenn er es nicht spürt. Der ist in Jesus, und Jesus ist in ihm, auch wenn er sich noch so schwach fühlt.

Wen meint Jesus denn dann mit solchen harten Worten? Ich nehme an, dass er von denen spricht, die von Gott überhaupt nichts wissen wollen. Die meinen, sie bräuchten keine Liebe, und die anderen Menschen dürften auch von ihnen überhaupt nichts erwarten. Ist ein Leben mit einer solchen Einstellung nicht sowieso schon sinnlos, abgestorben wie eine tote Rebe?

Ob eine solche abgestorbene Rebe endgültig verloren ist, das weiß ich nicht. Es gibt in der Bibel andere Gleichnisse, die davon handeln, dass alle Menschen von Gott immer noch eine Chance bekommen, auch die, die wir für hoffnungslose Fälle halten. Z. B. das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das zunächst stehen gelassen wird, damit man nicht versehentlich gute Frucht mit dem Unkraut abschneidet. Oder das Gleichnis vom Feigenbaum, der doch noch ein weiteres Jahr gepflegt und umhegt wird, obwohl er schon jahrelang keine Frucht getragen hat.

Menschen haben ja sowieso eine andere Lebensspanne als eine Weinrebe. Was bei der Rebe ein Jahr dauert, dauert beim Menschen ein ganzes Menschenleben lang. Da kann es lange Zeit so scheinen, als sei keine Frucht mehr zu erwarten, und schließlich reift doch noch, sehr sehr spät, etwas ganz Köstliches heran.

Übrigens, auch in seinem Gleichnis vom Weinstock spricht Jesus davon, wieviel Mühe sich der Weingärtner mit der Pflege der Reben macht. Er wird keine Rebe abschneiden, die vielleicht doch noch Frucht tragen könnte. Aber er tut etwas anderes: „Eine jede Rebe, die Frucht bringen kann, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.“

Dieses „Reinigen“ – was ist damit gemeint? „Reinigen“ kann auch ein Abschneiden sein, aber nicht ein völliges Abschneiden und Wegwerfen, sondern ein teilweises Abschneiden von vertrockneten oder kranken Teilen der Rebe, so dass der verbleibende Rest gut gedeihen kann.

Auch für uns Menschen ist es schmerzhaft, wenn wir etwas Vertrautes verlieren, wenn uns etwas genommen wird, an dem wir gehangen haben, wenn wir plötzlich krank werden, wenn wir in ungeahnter Weise erfahren, wie schwach wir sind. Manchmal kann ein solcher Schicksalsschlag jedoch ein Segen für einen Menschen sein. Nämlich dann, wenn man zum Nachdenken darüber kommt, wozu man überhaupt auf der Welt ist, ob zum Beispiel der Sinn des Lebens darin besteht, immer stark zu sein, immer alles allein zu schaffen, immer nur zu arbeiten. Manchmal müssen auch wir Menschen eine innere „Reinigung“ erfahren, damit wir frei werden für neue Erfahrungen, damit Gott im Gestrüpp unseres Herzens mit seiner Liebe Wurzeln schlagen kann.

Jeder Mensch hat einen anderen Weg vor sich. Auch viele der Wege, die die Patienten unserer Klinik vor sich haben, sind nicht leicht. – Manche haben sich damit abfinden müssen, nie wieder ganz gesund zu werden. Sie müssen mit ihrer Krankheit leben. Sie bleiben auf Betreuung und Pflege angewiesen. Und vielen von ihnen ist abzuspüren, dass sie dennoch zufrieden sind, dass sie eine menschliche Wärme erfahren und ausstrahlen, die es angenehm macht, mit ihnen zusammenzuleben.

Andere können durch geeignete therapeutische Bemühungen wieder gesund werden oder wenigstens Besserung erfahren. Das ist bei seelischen Krankheiten ein manchmal harter, schmerzhafter Weg, wirklich vergleichbar dem Reinigen einer Rebe, wenn man vor der Entscheidung steht, eine liebgewordene Haltung oder Gewohnheit oder ein Suchtverhalten aufzugeben. Wie einfach ist es zum Beispiel, zu sagen: Ich werde nie wieder jemandem vertrauen, weil ich doch immer wieder enttäuscht werde! Und wie schwer ist es, aus dieser Haltung herauszukommen und zu sagen: Ich wage es doch wieder, mich jemandem anzuvertrauen, zunächst in geschütztem Rahmen hier in der Klinik, später auch draußen im normalen Alltag. Wir schwer ist es, zu lernen, mit Enttäuschungen umzugehen – aber nur auf diesem Weg kann man erfahren, dass man in dieser Welt wirklich nicht nur Enttäuschungen zu erwarten hat!

Und was ist mit den Menschen, die sich schuldig fühlen, die sich belastet fühlen durch Sünde und Versagen vor Gott und den Menschen? Müssen sie befürchten, wie eine tote Rebe vom Weinstock abgeschnitten zu werden? Nein, sie können gereinigt werden, Jesus sagt sogar: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“ Ja, wer schuldig ist und darunter leidet, der ist schon rein, um des Wortes der Vergebung willen. Denn Gottes Wort ist ein Wort der Liebe, ein Wort der Vergebung.

Ja, vielleicht verstehen wir nach all dem, was wir gehört haben, warum Jesus sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Denn Jesus ist der Mensch, der uns mit Gott verbindet; durch ihn ist Gottes Wort zu uns gekommen, das Wort der Liebe, der Vergebung; Jesus ist ja selbst das fleischgewordene Wort Gottes. In Jesus hat Gott unser menschliches Schicksal geteilt. Gott, scheinbar so fern, ist uns in Jesus ganz nahe gekommen, und er ist die Erfüllung unseres Lebens – denn er erfüllt unser Leben mit Vertrauen und Liebe.

Was Jesus allerdings dann noch über das Gebet sagt, erscheint fast unglaublich: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ Wer in Gott verwurzelt ist und sich von den Worten Jesu getragen weiß, der soll erleben dürfen, dass auch seine innersten Wünsche von Gott erfüllt werden. Es gibt nun aber auch sehr gläubige Menschen, denen die Erfüllung manch eines Wunsches nicht gewährt wurde. Hier liegt ein Geheimnis, das vielleicht auch mit der „Reinigung“ der Reben zusammenhängt, mit einer Bewährungsprobe des Christen. Vielleicht ist es ja auch so, dass es gar keinen größeren Wunsch mehr gibt, wenn man wirklich weiß, dass man von Gott geliebt ist.

Zum Schluss fügt Jesus noch einen Gedanken an: „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“ Wenn an uns deutlich wird, dass Gott die Menschen lieb hat, wenn wir daraufhin ihm als seine Jünger nachfolgen und Liebe an andere Menschen weitergeben, dann werden auch diese anderen Menschen vielleicht merken, was das für ein Gott ist, an den wir glauben. Wir sollten meinen, dass Gott es nicht nötig hat, von uns schwachen Menschen verherrlicht zu werden. Aber er will es so. Er will sich nicht durch zauberhafte Wundertaten vor der Welt beweisen, er will in der Welt bekannt werden durch die Liebe, die wir von ihm aufnehmen und weitergeben.

Und diese Liebe – wie gesagt – kann in uns allen wachsen. Wir alle sind durch Jesus verbunden mit der Liebe Gottes, wir wurzeln in ihm, so wie die Reben fest mit dem Weinstock verbunden sind und aus ihm ihre Kraft empfangen. In einem alten Kirchenlied wird das mit diesen Worten ausgedrückt:

Wir sind die zarten Reben, der Weinstock selbst bist du, daran wir wachsen, leben und bringen Frucht dazu. Hilf, dass wir an dir bleiben und wachsen immer mehr; dein guter Geist uns treibe zu Werken deiner Ehr.

Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Nach der Predigt singen wir noch einmal, genau wie am letzten Sonntag, das Lied 279, 1-4, weil es so gut passt – denn in der ersten Strophe handelt es auch vom Weinstock und von den Reben:

1) Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn; nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn. Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

2) Könnt ichs irgend besser haben als bei dir, der allezeit soviel tausend Gnadengaben für mich Armen hat bereit? Könnt ich je getroster werden als bei dir, Herr Jesu Christ, dem im Himmel und auf Erden alle Macht gegeben ist?

3) Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut, mich erkauft von Tod und Sünden mit dem eignen teuren Blut? Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab? Sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

4) Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid; bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit. Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt; denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.

Jesus Christus, wir danken dir, dass du uns Bruder und Freund bist, dass wir mit dir und untereinander verbunden sind. Wir bitten dich: Schenk uns deinen Geist, damit wir bereit sind, dein Wort in uns aufzunehmen, dass du uns lieb hast. Wir wollen hören, beherzigen, uns aufrichten und Mut machen lassen. Wir bitten für alle, die einsam sind, dass sie Menschen finden, die den Weg zu ihnen finden. Wir bitten für alle, die hungern, dass sie Menschen finden, die ihnen zu essen geben. Wir bitten für die Menschen, die im Nahen Osten verfolgt, gequält, getötet werden, dass die Unmenschlichkeit endlich aufhört und die Verantwortlichen zur Vernunft kommen. Schließlich bitten wir auch für die Menschen, die heute in Rheinland-Pfalz zur Wahl gehen, dass sie sich ihre Wahl nicht leicht machen, und für die Politiker, die heute gewählt werden, dass sie in ihrem Amt nicht eigensüchtige Interessen, sondern das Wohl aller Menschen im Auge haben. Jesus Christus, unser Heiland, mach uns heil an unserer Seele, so dass wir glauben, hoffen und lieben können. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Lied 75, 1-3:

1) Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

2) Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen; seit dass er erstanden ist, so lobn wir den Vater Jesu Christ. Kyrieleis.

3) Halleluja, Halleluja, Halleluja! Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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