Geschenkter Gaul

Schade, wenn Menschen die Religion als lästige Pflichtübung ansehen. Gott will uns etwas Wertvolles schenken. Nämlich seinen Geist. Er will ganz nahe bei uns sein, ja in uns sein. In unserem Gefühl, unserem Geist, unserem Verhalten. Er will uns ein Herz schenken, das fühlt. Einen Verstand, der weiß, was gut und richtig ist, und einen Willen, der sich danach richtet.

Pferdeportrait

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul – aber wie ist das mit dem Geschenk des Heiligen Geistes? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst unter freiem Himmel am Pfingstmontag, 11. Juni 1984, um 10.00 Uhr an der Mehrzweckhalle Reichelsheim als Auftakt des Grillfestes des Gesangvereins und des Musikvereins

Liebe Festbesucher! Dieser Tag soll heute mit einem gemeinsamen Gottesdienst beginnen, der vom Gesangverein „Liederkranz“ und vom Musikverein Reichelsheim mit je zwei Liedern mitgestaltet wird. Sie sind herzlich eingeladen, mitzusingen, mitzubeten und Gottes Wort zu Ihnen sprechen zu lassen. In diesem Sinne begrüße ich Sie alle und hoffe, dass wir in dieser halben Stunde etwas von der Gemeinschaft spüren, die Gottes guter Geist uns schenken will, von einer Zusammengehörigkeit, die auch über Verschiedenheiten hinwegreicht.

Zu Beginn singen wir gemeinsam das Lied „O Heilger Geist, kehr bei uns ein“; dabei werden wir vom Musikverein begleitet.

Lied EKG 103, 1-2+6 (EG 130):

1. O Heilger Geist, kehr bei uns ein und lass uns deine Wohnung sein, o komm, du Herzenssonne. Du Himmelslicht, lass deinen Schein bei uns und in uns kräftig sein zu steter Freud und Wonne. Sonne, Wonne, himmlisch Leben willst du geben, wenn wir beten; zu dir kommen wir getreten.

2. Du Quell, draus alle Weisheit fließt, die sich in fromme Seelen gießt: Lass deinen Trost uns hören, dass wir in Glaubenseinigkeit auch können alle Christenheit dein wahres Zeugnis lehren. Höre, lehre, dass wir können Herz und Sinnen dir ergeben, dir zum Lob und uns zum Leben.

6. Du süßer Himmelstau, lass dich in unsre Herzen kräftiglich und schenk uns deine Liebe, dass unser Sinn verbunden sei dem Nächsten stets mit Liebestreu und sich darinnen übe. Kein Neid, kein Streit dich betrübe, Fried und Liebe müssen schweben, Fried und Freude wirst du geben.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2. Timotheus 1, 7).

Lasst uns beten:

Es ist schade, Gott, dass wir dich so oft missverstehen. Wir denken, dass du viel von uns forderst, und oft fühlen wir uns überfordert. Wir sollen zur Kirche gehen, unseren Nächsten lieben und möglichst wenig an uns selbst denken – willst du das nicht von uns? Oder missverstehen wir dich total? Du hast uns etwas gegeben? Du schenkst uns etwas? Du willst uns noch mehr schenken und forderst nichts von uns zuvor? Viele kämen nicht einmal auf den Gedanken, von dir etwas zu erwarten; zum Gottesdienst zu gehen, das halten sie deshalb nur für eine manchmal lästige Pflicht. Was kann das denn schon sein – ein Geschenk von dir, Gott? Hat das denn Hand und Fuß? Würden wir das überhaupt annehmen wollen? Oder sagen wir lieber: Annahme verweigert – zurück an Absender? Höre uns, Gott, höre uns mit unserem Misstrauen, mit unseren Zweifeln, ob du es gut mit uns meinst. Wir trauen dir nicht recht, ob nicht ein Haken dabei ist, bei deinem Geschenk. Den Geist willst du uns schenken, Heiligen Geist, und wir können uns kaum etwas darunter vorstellen. Das ist nichts zum Essen, nichts zum Anfassen, was sollen wir damit? Gott, lass uns sehen, was wir mit deinem Geschenk anfangen können. Erst dann wollen wir dich – vielleicht – bitten: Schenk uns deinen Geist. Amen.

Wir hören die Lesung aus dem Buch des Propheten Hesekiel 36, 26-27 (GNB). So spricht Gott, der Herr:

„Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und schenke euch ein Herz, das fühlt. Ich erfülle euch mit meinem Geist und mache aus euch Menschen, die nach meinem Willen leben, die auf meine Gebote achten und sie befolgen.“

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja, singt dem Herrn!

Wir hören an dieser Stelle ein Lied des Gesangvereins.

Du, Herr, gabst uns dein festes Wort
Gottes Geist der Liebe erfülle uns alle. Amen.

Zur Predigt hören wir einen Text aus 1. Korinther 12, 4-11 (GNB):

„Es gibt verschiedene Gaben“, schreibt Paulus, „doch ein und derselbe Geist teilt sie aus. Es gibt verschiedene Dienste; doch ein und derselbe Herr gibt den Auftrag dazu. Es gibt verschiedene Fähigkeiten; doch ein und derselbe Gott schafft sie alle. Was nun der Geist in jedem einzelnen von uns wirkt, das ist zum Nutzen aller bestimmt. Einer erhält vom Geist die Gabe, göttliche Weisheit zu verkünden, der andere, Erkenntnis Gottes zu vermitteln. Derselbe Geist gibt dem einen besondere Glaubenskraft und dem anderen die Kraft, zu heilen. Der Geist ermächtigt den einen, Wunder zu tun; den anderen macht er fähig, Weisungen von Gott zu empfangen. Wieder ein anderer kann unterscheiden, was aus dem Geist Gottes kommt und was nicht. Den einen befähigt der Geist, in unbekannten Sprachen zu reden; einem anderen gibt er die Fähigkeit, das Gesagte zu deuten. Aber das alles bewirkt ein und derselbe Geist. Aus freiem Ermessen gibt er jedem seine besondere Fähigkeit.“

Soweit Paulus.

Liebe Zuhörer!

Es ist ungewohnt für mich, hier draußen eine Predigt zu halten. Ich weiß nicht genau, ob ich hier genau so reden kann wie drüben in der Kirche. Ich weiß nicht, ob Sie heute auch in die Kirche gekommen wären, wenn der Gottesdienst nicht hier stattfände. Ich weiß nicht, ob Sie etwas anderes erwarten, als sonst bei einer Predigt von mir erwartet wird.

Nun gut – ich möchte mich in dieser Stunde an ein Wort halten, das der kürzlich verstorbene frühere Kirchenpräsident unserer Landeskirche, Martin Niemöller, einmal gesagt hat: „Sie können von einem Ochsen nichts anderes als ein Stück Rindfleisch verlangen und von einem Pfarrer nichts anderes als das Evangelium.“

Mit dem Stichwort Evangelium sind wir wieder an dem Punkt angelangt, den ich vorhin schon im Gebet und in den Lesungen angeschnitten habe: Evangelium bedeutet „Gute Nachricht“, bedeutet eine frohe Botschaft für uns Menschen. Evangelium bedeutet: Gott schenkt uns etwas für unser Leben, ohne das wir nicht auskommen können.

Aber ist der Heilige Geist so ein Geschenk von Gott, das wir unbedingt brauchen?

Es gibt ja auch Geschenke, die nehmen wir lieber nicht an. Wenn uns jemand schon einmal enttäuscht hat, sagen wir vielleicht lieber: Nein, danke! Oder wir ärgern uns, wenn jemand uns etwas Kitschiges geschenkt hat, und wir müssen auch noch so tun, als ob es uns gefällt. Oder wir nehmen ein Werbegeschenk gern an und wundern uns später, warum wir dann Dinge gekauft haben, die wir eigentlich gar nicht haben wollten. Das berühmteste Geschenk, an dem etwas faul war, war das Trojanische Pferd, ein Geschenk der Danaer, die im Inneren eines hölzernen Pferdes Soldaten ins feindliche Lager schleusten. Da wäre es besser gewesen, die Beschenkten hätten dem geschenkten Gaul zwar nicht ins Maul, aber in den Bauch gesehen. Ist an, dem, was Gott uns schenken will, vielleicht auch etwas faul?

Viele haben ihre eigene religiöse Erziehung so erfahren. An etwas muss der Mensch ja glauben, hieß es, deshalb muss man auch gelegentlich in die Kirche gehen. D. h. eigentlich müsste man es, aber es kommt immer wieder etwas dazwischen. Und was hätte man schon davon? Denn an irgend etwas glauben, das kann man doch auch ohne Kirche.

Oder: das Beispiel der Konfirmation. Die Konfirmation übt immer noch einen großen Reiz für viele Jungen und Mädchen aus. Manche wollen auch einmal genauer wissen, was es mit dem christlichen Glauben im einzelnen auf sich hat und interessieren sich deshalb auch für den Unterricht. Aber was machen die, die aus anderen Gründen konfirmiert werden wollen und sich für den Glauben eigentlich nicht interessieren? Sie sitzen den Unterricht ab. Sie fragen: Wie oft müssen wir zum Gottesdienst? Für sie gehört der Unterricht und der Gottesdienst hält einfach dazu, wenn man ins Konfirmandenalter kommt, als häufig lästige Pflicht.

Mich macht es traurig, wenn Menschen die Religion als lästige Pflichtübung ansehen. Oder wenn Leute sich bei mir entschuldigen, weil sie nicht in die Kirche kommen. Ich kann doch niemandem zumuten, irgendwohin zu gehen, wovon er sich nichts verspricht. Aber das ist eben gerade so schade. Gott will uns ja etwas sehr Wertvolles schenken. Nämlich seinen Geist. Und das heißt: er will uns selber nahe kommen. Er will ganz nahe bei uns sein, ja in uns sein. In unserem Gefühl, in unserem Herzen, in unserem Verstand, in unserem Geist, in unserem Verhalten. Er will uns ein Herz schenken, das fühlt. Einen Verstand, der weiß, was gut und richtig ist, und einen Willen, der sich danach richtet.

Für viele sieht das auch so aus wie eine faule Sache! Da kriegt man was, und im Grunde soll man dann selbst etwas tun.

Und das ist auch so. Der Heilige Geist beschert uns kein bequemes Leben. Wenn dieser Geist mich gepackt hat, kann das ganz schön anstrengend oder belastend für mich werden. Jesus und manche seiner Nachfolger mussten sogar leiden und sterben.

Wenn Gott sich uns selber schenkt, hat das solche Auswirkungen. Kein Wunder, dass sich so viele Menschen davor drücken, mit dem Geist Gottes beschenkt zu werden. Aber auf der anderen Seite wissen sie gar nicht, was ihnen dabei entgeht. Denn ein Leben ohne den Heiligen Geist mag zwar oberflächlich gesehen angenehmer verlaufen. Aber im Grunde ist es ein leeres, nicht erfülltes Leben, vergeblich und trostlos dahintreibend, vor sich den alles verschlingenden Tod. Gottes Heiliger Geist bedeutet demgegenüber ein Vertrauen zu Gott, das auch im Sterben nicht am Ende ist. Gottes Geist bedeutet Liebe, die mein Leben erfüllt. Gottes Geist bedeutet Trost in der Trauer, Durchhalten auf einer Durststrecke. Gottes Geist bedeutet: Festhalten an dem, was gut und richtig ist, auch gegen massive Widerstände der Umgebung, auch wenn alle anderen das Böse schon fast für normal halten.

Sind es nur wenige Menschen, die von Gott mit seinem Geist beschenkt sind? Einige fallen uns besonders auf. Ich denke z. B. an die Jugendlichen, die im vergangenen Konfirmandenjahr nach anfänglicher Skepsis zu einem tiefen Glauben an Gott gefunden haben. Ich denke an die Männer und Frauen, die Mädchen und Jungen, die in der Gemeinde einen Dienst tun, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, im Kirchenvorstand, in den Frauengruppen, beim Kirchenblättchen-Verteilen, beim Vorlesen im Gottesdienst, beim Leitungen-Verlegen im Jugendraum, in der Kindergruppenarbeit oder wo auch immer.

Interessant finde ich nun, dass Paulus eine ganze Menge verschiedener Geistesgaben unterscheidet. Jeder von uns kann den Heiligen Geist bekommen, aber nicht jeder auf die gleiche Weise. Wenn also einer einen starken Glauben hat, und der andere nicht, dann ist das kein Grund des einen, auf den anderen herabzusehen; vielleicht kann der andere dafür etwas anderes besser, z. B. Kranke heilen, oder zwischen gut und böse unterscheiden. Den Geist Gottes zu bekommen, darf uns also nie überheblich machen, sondern führt uns immer zusammen – sonst ist nicht der Heilige Geist, sondern ein sehr unheiliger Geist am Werk.

Vielleicht können wir auch dieses Fest und diesen Gottesdienst als ein kleines Zeichen des Heiligen Geistes ansehen. Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und aus unterschiedlichen Vereinen kommen heute hier zusammen und gestalten gemeinsam ein Fest. Die einen singen gut, die anderen musizieren gut, die dritten lieben es, beidem zuzuhören. So sollte es in unserer Gemeinde auch mit allen anderen Gaben und Fähigkeiten sein, besonders wenn wir vor schwierigen Problemen stehen. Die Aufgabe, einen Raum für unsere Jugend zu schaffen, wurde auf diese Weise angepackt und wird in den nächsten Monaten fertiggestellt. Die Frage, was mit unserem Wohlstandsmüll geschehen soll, beginnt uns ganz akut zu beschäftigen, seit uns eine Müllkippe vor die Haustür gesetzt werden soll. Ob sich zur Lösung dieses Problems viele verschieden denkende Bürger gemeinsam Gedanken machen könnten? Vielleicht sollten wir auch bei Auseinandersetzungen, die in unserem Stadtkurier laufen, gelegentlich einmal uns fragen: in welchem Geist wird da eigentlich miteinander gestritten? Geht es um die Sache, und geht es darum, Lösungen zu finden, die für alle erträglich oder gut sind, oder will man nur sein eigenes Süppchen kochen, mit einem Gegner abrechnen, sich selbst zu Schau stellen?

Liebe Zuhörer, es bietet sich überall ein weites Feld für das Wirken des Heiligen Geistes. Gerade wenn wir ins öffentliche Leben hineinblicken, merken wir, wie nötig wir ihn haben. Viele denken, da könnten wir uns es nicht leisten, ein Herz zu haben, das fühlen kann. Dann würden wir schnell an den Problemen zerbrechen, die sich uns stellen. Aber umgekehrt sehen wir heute auch sehr deutlich, wohin uns das steinerne Herz führt: in eine seelenlose Welt hinein, in der Computer über uns bestimmen oder uns sogar ersetzen; in den vermeintlichen Zwang hinein, uns mit Medikamenten oder Drogen fit zu halten; in die gnadenlose Konkurrenz hinein, die mit den Ellbogen ausgetragen wird; in einen Egoismus hinein, der keine Verantwortung mehr kennt, nicht einmal gegenüber dem Ehepartner, den Kindern oder anderen, die einem anvertraut sind. Wir brauchen ein fühlendes Herz. Wir müssten einen Ort haben, wo wir auch einmal unser Herz ausschütten können. Wir brauchen kleine Gruppen von Leuten, die genug Vertrauen zueinander haben, so dass sie sogar miteinander von ihren Gefühlen sprechen. Dann könnte aus Angst Vertrauen und Hoffnung entstehen, aus Ärger und Wut könnte Liebe und aus Traurigkeit könnte Freude hervorwachsen. Das sind auch Wirkungen des Heiligen Geistes. Ob sie in unserem Dorf eine Chance haben? Wer will, mag mit mir darum bitten. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Der Gesangverein singt uns jetzt das Lied

In dir ist Freude

Lasst uns nun Gott, unserem Herrn, um den Heiligen Geist bitten!

Lieber himmlischer Vater, wir bitten dich um das Geschenk des Heiligen Geistes. Wenn du ihn uns gibst, gibst du ihn in vielen Gestalten. So bitten wir dich um Frieden in der Welt. Wir bitten dich auch, dass wir fähig werden, die notwendigen kleinen Schritte zum Frieden zu tun. Leite auch die mit deinem Geist, die Verantwortung tragen für andere Menschen, gib ihnen Vernunft und Demut. Zeige uns Menschen, denen wir uns anvertrauen können, und lass uns zu einer Gemeinschaft werden, die für viele eine Quelle von Hilfe und Unterstützung wird. Lass jeden, der sich schwer tut mit dem Glauben an dich, endlich erkennen, dass der Glaube nicht unterdrücken, sondern befreien will. Wo wir anderen Menschen den Zugang zu dir durch unser Verhalten erschwert haben, bitten wir dich um Vergebung.

Gemeinsam beten wir nun mit den Worten, die Jesus uns gelehrt hat:

Vater unser
Abkündigungen und Segen
Lied EKG 436, 1+5+6+11 (EG 331 mit veränderten Strophen 5, 6 und 11):

1. Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

5. Auf dem ganzen Erdenkreis loben Große und auch Kleine dich, Gott Vater; dir zum Preis singt die heilige Gemeine; sie verehrt auf deinem Thron deinen eingebornen Sohn.

6. Sie verehrt den Heilgen Geist, der uns allen Trost gewähret, der mit Kraft die Seelen speist und uns alle Wahrheit lehret, der mit dir, Herr Jesu Christ, und dem Vater ewig ist.

11. Herr, erbarm, erbarme dich. Über uns, Herr, sei dein Segen! Deine Güte zeige sich, Herr, auf allen unsern Wegen. Auf dich hoffen wir allein, lass uns nicht verloren sein!

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