Wie plausibel war „Toleranz“ im 16. Jahrhundert?

Zum Artikel „Von der Duldung zum Schutz des Gewissens“ im Hessischen Pfarrblatt vom April 2019.

Hätte Martin Luther von den Bedingungen seiner Zeit her toleranter sein können? (Bild: Tobias Albers-HeinemannPixabay)

Dr. Hendrik Stössel schreibt:

„Für die Reformation und ihre Epoche lag der moderne Toleranzgedanke genauso außerhalb des Plausibilitätshorizonts wie das Telefon, die Glühbirne oder der Computer. Staatliche Toleranzpolitik hat eigentlich erst im 18. Jahrhundert begonnen.“ (S. 33)

Dieser Satz in seinem aufschlussreichen Artikel über Toleranz im Protestantismus regte mich zu mancherlei Fragen und Gedanken an. Denn nur auf den ersten Blick klang dieses gedankliche Bild bestechend. Vergleicht es nicht naturwissenschaftlich-technische Äpfel mit gesellschaftspolitischen Birnen? Natürlich ist es kurzschlüssig und anachronistisch, historische Gestalten wie Martin Luther wegen seiner hasserfüllten Intoleranz gegenüber den Juden oder Philipp Melanchthon wegen seiner Mitwirkung an Folter und Todesurteilen für „Täufer“ aus heutiger Sicht in Bausch und Bogen zu verurteilen.

Andererseits erfuhren schon damals seit Jahrhunderten ausgerechnet im Kulturkreis des Islam

„Gemeinden, die einer anerkannten Religion angehörten, … die Toleranz des islamischen Staates. Sie durften, unter bestimmten Bedingungen, ihre Religion ausüben und genossen ein gewisses Maß an kommunaler Autonomie.“ (Bernard Lewis, Die Juden in der islamischen Welt, München 1987, S. 28).

Und im Frankreich des 16. Jahrhunderts versuchte die heute vor 500 Jahren geborene Katharina von Medici Frieden zwischen den Konfessionen zu stiften. Dass gerade sie auf tragische Weise für das Massaker an den Hugenotten in der Bartholomäusnacht verantwortlich wurde (Theodor Kissel, „Die Blut-Regentin“, Wochenend-Magazin, S. 1, im „Gießener Anzeiger“ vom 13.04.2019), zeigt allerdings, dass schon in der Reformationszeit eine ähnliche Zerrissenheit der Gesellschaft zwischen fanatischen und duldsamen, gesprächsbereiten und ausgrenzenden Kräften in den verschiedenen Ländern Europas existierte wie heute.

Auch Stössel selbst stellt in seinem Artikel durchaus dar, dass bereits im 13. Jahrhundert katholische Theologen wie Thomas von Aquin

„die Duldung von Heiden und Häretikern … erwägen, wenn auf diese Weise größeres Übel vermieden werden könnte“ (S. 32)

oder dass sich ab Mitte des 16. Jahrhunderts

„abseits vom Mainstream der Reformation … im multikonfessionell geprägten damaligen ungarischen Siebenbürgen eine erste Form verbriefter Religionsfreiheit entwickelt“ hat (S. 36).

Weiterhin gebe ich zu bedenken, dass in einer süddeutschen Stadt wie Isny in den Jahren 1540-42 der evangelische Pfarrer und Reformator Paulus Fagius gemeinsam mit dem jüdischen Rabbi und Philologen Elias Levita eine Druckerei betrieb und hebräische Studien herausgab. Konnte es unter diesen Umständen nicht doch auch im „Plausibilitätshorizont“ eines Martin Luther gelegen haben, über die Beziehung zu Juden anders zu denken, als sie lediglich als hartnäckig verstockte, unbelehrbare und dem Zorn Gottes auszuliefernde Missionsobjekte abzuurteilen?

Auch mir liegt ein Toleranzverständnis nahe, das Konflikte nicht ausklammert und nicht mit Gleichgültigkeit identisch ist, sondern an „substantieller Begegnung“ interessiert ist (S. 34). Aber wenn Martin Luthers Unduldsamkeit gegenüber den Juden darin begründet war, dass ihm die reformatorisch erkannte Wahrheit von Jesus Christus über alles ging, während religiös indifferentere christliche Realpolitiker und auch besonnene Muslime in ihren Herrschaftsbereichen schon damals zu einer menschenfreundlicheren Politik fähig waren, sollten wir vielleicht auch barmherziger über Menschen urteilen, die heute bereits damit zufrieden sind, sagen zu können: „wir glauben doch alle an irgendwas.“

Helmut Schütz

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