Kain und Abel in drei heiligen Büchern

Am Beispiel der Geschichte von Kain und Abel kann man sehr gut sehen, wie eine Überlieferung der jüdischen Religion im ersten Buch der Bibel in zwei Büchern des christlichen Neuen Testaments und in mehreren Suren des Koran in fruchtbarer Weise kommentiert wird. Am Ende schließt sich der Kreis, indem eine Koransure auf ein jüdisches Sprichwort aus dem Talmud verweist.

Das Bild zeigt Kain, wie er Abel mit einer Keule tötet. Gemälde von Palma il Giovane.

Kain und Abel, Gemälde von Palma il Giovane [Public domain], via Wikimedia Commons

Worte aus Bibel und Koran zur Besinnung in der Sitzung der Christlich-Islamischen Gesellschaft am Mittwoch, 19. September 2018, 19.30 Uhr, im Religionspädagogischen Institut, Lonystr. 13, in Gießen

Wir hören einen Text aus der hebräischen Bibel der Juden, das wir Christen meist das Alte Testament nennen. Er steht im 1. Buch Mose – Genesis 4, 1-16:

1 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN.

2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,

5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7 Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Zu dieser Geschichte gibt es Kommentare in zwei anderen heiligen Büchern. Erstens im Neuen Testament der Christen, zweitens im Koran der Muslime. Im 1. Johannesbrief lesen wir als Kommentar zum Verhalten des Brudermörders Kain (1. Johannes 3):

10 Daran wird offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind: Wer die Gerechtigkeit nicht tut, der ist nicht von Gott, und auch, wer seinen Bruder nicht lieb hat.

11 Denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt von Anfang an, dass wir uns untereinander lieben sollen,

12 nicht wie Kain, der von dem Bösen stammte und seinen Bruder umbrachte. Und warum brachte er ihn um? Weil seine Werke böse waren und die seines Bruders gerecht.

Im Koran finde ich zunächst zwei Stellen, die Kain zwar nicht wörtlich erwähnen, aber doch das Verhalten von Menschen, die nicht auf Gottes geraden, rechtgeleiteten Wegen gehen, ähnlich beschreiben, wie es die Bibel bei Kain tut. Sure 74 nimmt den Blick auf, den Kain finster senkt, wobei er dem Bösen verfällt:

21 Dann schaute er,

22 dann runzelte er die Stirn und blickte finster,

23 dann kehrte er den Rücken, hochmütig,

24 und sagte: „Das ist nur überlieferter Zauber,

25 nur das Wort von Menschen.“

„Kain senkte finster seinen Blick“ ist übrigens nicht wörtlich übersetzt. Im hebräischen Urtext steht wörtlich: „Kain fällt sein Gesicht herunter“. In Sure 67 finden wir genau dieses Bild für einen Mann, der nicht rechtgeleitet geht:

22 Ist denn jemand, der umhergeht und dabei ständig aufs Gesicht stürzt, besser geführt oder einer, der aufrecht umhergeht auf geradem Weg?

Was sagen das Neue Testament und der Koran über Abel? Der kommt im Alten Testament selber gar nicht zu Wort. Im christlichen Brief an die Hebräer steht im Kapitel 11:

4 Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; durch den Glauben wurde ihm bezeugt, dass er gerecht sei, da Gott selbst es über seinen Gaben bezeugte; und durch den Glauben redet er noch, obwohl er gestorben ist.

Im Alten Testament steht, dass Abel nicht nur die Tora pflichtgemäß erfüllt, indem er die erstgeborenen Tiere opfert, sondern er opfert „auch von ihrem Fett“, also die besonders guten Stücke; er opfert von Herzen. Dass das Blut Abels vom Acker zu Gott schreit, kommentiert das Neue Testament so: Abel ist kein vergessenes Opfer, sondern die Stimme seines Glaubens redet zu uns. Der Koran beschäftigt sich in Sure 5 noch intensiver mit Abel:

27 Trag ihnen die Geschichte der zwei Söhne Adams wahrheitsgemäß vor! Als sie ein Opfer darbrachten, da wurde es von dem einen angenommen, von dem anderen nicht. Der sagte: „Ich töte dich gewiss.“ Der andere sagte: „Gott nimmt nur von den Gottesfürchtigen an.

28 Selbst wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, ich strecke meine Hand nicht nach dir aus, um dich zu töten. Ich fürchte Gott, den Herrn aller Welt.

29 Ich will, dass du meine und deine Sünde auf dich lädst und zu den Gefährten des Feuers gehörst. Das ist die Vergeltung für die, die Unrecht tun.“

Im Koran kommt also Abel selber zu Wort, und er äußert Gedanken der Feindesliebe, wie wir Christen sie von Jesus aus dem Neuen Testament kennen. Aber droht Kain nicht trotzdem die ewige Verdammnis in der Hölle, indem er sogar auch für die Sünde des Abel bestraft wird?

Wir hören weiter in Sure 5:

30 Da stiftete ihn seine Seele an, seinen Bruder zu töten, und er tötete ihn. Da wurde er einer der Verlierer.

31 Da schickte Gott einen Raben, der in der Erde scharrte, um ihm zu zeigen, wie er die Leiche seines Bruder bedecken kann. Er sagte: „Weh mir! Bin ich unfähig, zu sein wie dieser Rabe, dass ich die Leiche meines Bruders bedecke?“ Da wurde er einer derer, die bereuen.

Gott bringt Kain durch den Raben zur Einsicht, dass er dem getöteten Bruder wenigstens die letzte Ehre erweist und seine Mordtat bereut. Unmittelbar darauf folgt der wunderbare Vers:

32 Deshalb haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben: Wer einer jemanden tötet, ohne dass es Vergeltung wäre für einen anderen oder für Unheil auf der Erde, dann ist das, als ob er die Menschen allesamt getötet hätte. Wenn aber einer jemandem Leben schenkt, dann ist das, als ob er den Menschen allesamt Leben geschenkt hätte.

Und dieser Vers führt zur jüdischen Religion zurück, denn schon im Jerusalemer Talmud (Sanhedrin 23 a-b) war das Sprichwort überliefert:

Wer eine einzige Seele zerstört, zerstört die ganze Welt. Und wer eine einzige Seele rettet, rettet die ganze Welt.

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