„Du bist ein Gott, der Wunder tut“

Trauerfeier für einen Mann, der immer wieder schwer krank war und dem neue Lebenszeit geschenkt wurde – bis eine weitere Verlängerung seines Lebens nur auf Kosten seiner geistigen Gesundheit möglich gewesen wäre.

Wunder erfahren: Die Skulptur zweier Frauen, die einander in der Trauer trösten, auf dem Friedhof Staglieno in Genua

Miteinander Trost zu erfahren, kann ein großes Wunder sein (Bild: elianemey – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauernde, wir sind vom Tod betroffen. Wir müssen Herrn D. begraben, der im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist. Wir wollen bedenken, wie wir das ertragen können. Wir fragen nach dem Glauben, der uns leben hilft – selbst angesichts des Todes.

Wir singen aus dem Lied 361 die Verse 1, 6 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Worte der Bibel können uns dabei helfen, in Worte zu fassen, was auf unserer Seele liegt. So beten wir mit Psalm 77 (bis Vers 8 Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

2 Ich rufe zu Gott, ich schreie, ich rufe zu Gott, bis er mich hört.

3 Am Tag meiner Not suche ich den Herrn; unablässig erhebe ich nachts meine Hände, meine Seele lässt sich nicht trösten.

4 Denke ich an Gott, muss ich seufzen; sinne ich nach, dann will mein Geist verzagen.

5 Du lässt mich nicht mehr schlafen; ich bin voll Unruhe und kann nicht reden.

6 Ich sinne nach über die Tage von einst, ich will denken an längst vergangene Jahre.

7 Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist.

8 Wird der Herr mich denn auf ewig verstoßen und mir niemals mehr gnädig sein?

9 Ist‘s denn ganz und gar aus mit Gottes Güte?

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?

11 Ich sprach: Darunter leide ich, daß die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein Gott, so groß wie unser Gott?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut.

16 Du hast dein Volk erlöst mit Macht.

21 Du führtest dein Volk wie eine Herde.

Liebe Trauergemeinde!

„Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?“ So fragt der Mensch aus dem alten Israel, der den 77. Psalm betet. Wir wissen nicht genau, welches Leid er erfahren hat, aber wir hören die Worte seiner Klage, die sich an einen Gott wenden, den er nicht mehr versteht. Früher hat Gott sein Volk bewahrt und geführt wie ein guter Hirte. Soll das nun für immer zu Ende sein?

Wir möchten „Warum?“ fragen, und wissen doch, dass es auf diese sich so einfach aufdrängende Frage keine Antwort gibt. Medizinische Antworten schon. Das Leben des Verstorbenen – bereits vor Jahren ähnlich bedroht und ihm noch einmal neu geschenkt – konnte nicht noch einmal gerettet werden. Eine Wiederbelebung hätte zum Schluss nur auf Kosten seiner geistigen Gesundheit erfolgreich sein können – doch wären er und die Familie mit solch einem Erfolg ärztlicher Kunst glücklich geworden? Alle Antwortversuche verhindern nicht, dass Fragen bleiben und dass Trauer durchlebt werden muss.

Letzten Endes richten wir die Frage „Warum?“ an Gott. Von ihm erwarten wir Bewahrung und Trost. Aber schon in der Bibel, wir haben es eben gehört, machen Menschen die Erfahrung, wenigstens zeitweise, dass Gott scheinbar nicht zuhört. „Meine Seele lässt sich nicht trösten. Ich bin unruhig und kann nicht reden. Meine Gedanken drehen sich im Kreise.“ Gott, ja, wo ist er nur? Da ist er schon, aber ist er nicht selber die Ursache unserer Traurigkeit? „Du lässt mich nicht schlafen!“ wirft der Psalmbeter Gott vor. So darf man mit Gott reden, auch heute noch.

Herr D. war Sohn und Vater, er war Ehemann und Bruder, er war Arbeitskollege und Nachbar, aus einer Unzahl von Beziehungen, verwandtschaftlichen und freundschaftlichen, wurde er herausgerissen, mitten aus dem Leben.

„Warum?“ fragen wir. Doch wir können das Schreckliche nicht ungeschehen machen. Auch der Versuch, das Unerträgliche wenigstens irgendwie einzuordnen in unser Leben, will nicht gelingen. Da ist kein Sinn erkennbar. Wir können nicht ändern, was geschehen ist, und wir können den Schmerz nicht wegreden.

Dennoch gibt es etwas zu tun. Ein Weg muss gegangen werden, der schwere Weg der Trauer. Die eigenen Gedanken und Gefühle, die Erinnerungen und nicht in die Tat umgesetzten Pläne, all das treibt uns um. Und wir brauchen Zeit und Kraft, um all das auszuhalten und zu bewältigen.

Der heutige Tag ist einer der ersten Schritte auf dem Weg der Trauer. Ganz buchstäblich gehen wir nachher den Weg zum Grab, gehen wir den Weg eines Menschen bis zum Ende mit. Und vorher erinnern wir uns in dieser Feier an dieses besondere Leben, das so früh an sein Ende gelangt ist.

Erinnerungen an Freude und Leid im Leben des Verstorbenen

Am heutigen Tag liegen unterschiedliche Empfindungen ganz dicht beieinander: Die verzweifelte Frage nach dem „Warum?“ und die scheue Ahnung, dass alle unsere Tage geschenkte Tage sind, dass unser Glück auf Erden zerbrechlich ist wie Glas – und darum auch so kostbar und überhaupt nicht selbstverständlich.

Dicht beieinander liegen auch die Trauer über den Verlust eines lieben Menschen und die Dankbarkeit dafür, dass er unter uns gelebt hat, mit all dem, was er denen, die ihn liebten, bedeutet hat. Je enger Sie ihm verbunden waren, desto weniger ist es schon heute zu fassen, welche Lücke Herr D. wirklich hinterlässt. Es braucht Zeit und wird viel Trauerarbeit und Tränen kosten, bis der Schmerz über diesen Tod wirklich überwunden ist. Manche Narben werden vielleicht auch nie verheilen.

In dem alten Lied der Bibel, das ich vorhin gebetet habe, im Psalm 77, kamen auch Gedanken und Empfindungen zum Ausdruck, die beim flüchtigen Hören widersprüchlich scheinen. Ich erwähnte bereits, dass der Psalmbeter Gott Vorwürfe macht: „Du hörst mir nicht zu. Du lässt mich nicht schlafen.“ Ja, er fragt sich ernsthaft: „Hat Gott vergessen, gnädig zu sein? Wo ist seine Liebe? Warum tut er uns das an?“

Er hat doch gelernt, dass Gott der Allmächtige, der Ewige ist, ein zuverlässiger Gott, auf den man sein ganzes Vertrauen setzen kann. Und nun beginnt er zu zweifeln: „Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.“ Die rechte Hand des Höchsten – da sehe ich das Bild des Guten Hirten vor mir, der mit seinem Hirtenstab die Herde beschützt. Oder ich denke an einen Vater, der seinen kleinen Sohn an der Hand nimmt, damit ihm auf der Straße nichts passiert. Aber nun hat sich diese Hand geändert. Konnte sie nicht schützen und sicher führen? Oder wollte Gott das nicht? Es bleibt ein Rätsel, das der Psalmbeter nicht ergründen kann und letzten Endes auch nicht ergründen will.

Dieser Mensch, der da so verzweifelt betet, schafft etwas, was uns modernen Menschen noch viel schwerer fällt als ihm. Er zweifelt Gottes Güte an und hört doch nicht auf, an ihn zu glauben. Er lässt sich seine Klage nicht ausreden, würde sich nicht abspeisen lassen mit billigem Trost: „Es wird schon wieder. Alles wird gut.“ Das würde er sich nicht sagen lassen. Aber er klagt nicht über Gott und sagt Gott nicht tot, sondern er klagt Gott an, er schreit ihm offen ins Gesicht, was ihm auf der Seele brennt und beweist eben damit unerschütterlichen Glauben. „Du Gott, ich bin traurig, ich bin allein, ich habe Angst, ich leide unter dir, unter dem, was du mir antust. An wen soll ich mich wenden? Ich erwarte von dir, dass du mir hilfst. Dass du Trost für mich übrig hast. Dass du mich nicht allein lässt.“

Im Grunde tut der Psalmbeter etwas Ähnliches wie wir gestern in unserem Gespräch zur Vorbereitung dieser Trauerfeier. Wir haben über das Unfassbare gesprochen, das jetzt geschehen ist, nach nur wenigen Wochen des erneuten Ausbruchs einer Krankheit, die nicht mehr geheilt werden konnte. Und wir haben uns erinnert an vergangene Zeiten, an die geschenkten Jahre für Herrn D.

Auch dem Psalmbeter fallen mitten in seiner Klage Erinnerungen ein, die ihn dankbar stimmen (Psalm 77):

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder.

14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein Gott, so groß wie unser Gott?

15 Du bist der Gott, der Wunder tut.

Wunder – damit sind nur vordergründig Sensationen gemeint, die auf der Titelseite der Bildzeitung stehen könnten. Wunder erleben wir dort, wo unser Leben erfüllt ist von Liebe und gemeinsamem Glück, wo wir einem Menschen begegnen, der für jeden da ist. Wunder haben Sie erlebt, als damals Herrn D. durch ein Spenderorgan viele weitere Lebensjahre geschenkt wurden. Ähnlich der Psalmbeter. Er denkt an Erfahrungen von Befreiung und Begleitung, die das Volk Israel immer wieder staunend und dankbar erleben durfte: „Du hast mit starkem Arm dein Volk erlöst. Du führtest dein Volk wie eine Herde.“

Wunderbar ist es auch, wenn eine Familie zusammenhält, um eine traurige Zeit gemeinsam durchzustehen. Es gibt Zeiten, in denen es sich so anfühlt, als sei man ganz allein. Und wir Menschen schaffen es ja auch nicht immer, wirklich füreinander dazusein und alles zu kitten, was zwischen Menschen zerbrochen ist. Es ist so schwer, wirklich zu sagen, was wir fühlen; manchmal spüren wir ja nicht einmal selber so richtig, was mit uns eigentlich los ist. Da ist es gut, nicht aufzugeben.

Vielleicht ist es naiv, an Wunder zu glauben. Aber Wunder geschehen. „Du bist ein Gott, der Wunder tut.“ Sie geschehen gerade dann, wenn wir uns nichts vormachen, wenn wir zulassen, was in uns vorgeht, wenn wir uns in den Arm nehmen und unser Herz ausschütten und weinen und irgendwann erleben, dass unsere Tränen abgewischt werden.

Was bleibt uns heute noch zu tun, außer der Erinnerung an Herrn D., und außer der Zuversicht, dass auch wir auf dem Weg unserer Trauer Wunder erwarten dürfen?

Nur noch eins: Wir dürfen heute den Verstorbenen getrost loslassen.

Wie ein Leben nach dem Tod aussehen könnte, das wissen wir nicht. Aber im Vertrauen auf Gott wissen wir, dass ein Mensch, der stirbt, nicht verloren geht. Das kann man nicht beweisen, es ist etwas, das wir mit dem Herzen wissen.

Die Bibel drückt in vielen Bildern aus, wo wir hingehen: Unser Geist kommt aus Gottes Atem, im Tode legen wir unseren Geist in seine Hände. Unser Körper hier auf Erden ist verweslich, auferstehen werden wir mit einem unverweslichen Leib. Hier leben wir auf einer unvollkommenen Erde; dort sind wir bei Gott in einem unvorstellbar schönen Paradies voller Liebe und Frieden.

Alle Bilder des Himmels, die wir uns ausmalen können, werden überboten werden durch das, was Gott sich wirklich für uns ausdenkt. Wir müssen nicht wirklich wissen, wie es im Himmel aussieht. Es genügt, wenn wir darauf vertrauen: Gott nimmt uns liebevoll in seine Arme, wenn wir sterben. Er ist froh über alles, was wir in unserem irdischen Leben an Liebe empfangen und gegeben haben. Er ist bereit zu vergeben, was in unserem Leben nicht in Ordnung war. Er hilft uns, den Menschen loszulassen, den wir geliebt haben, damit wir unser Leben weiter leben – traurig und getröstet zugleich. Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

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