„Löst die Binden und lasst ihn gehen!“

Die Auferweckung des Lazarus und die Trauer seiner Schwestern.

Auf den ersten Blick entlässt Jesus den Wiedererweckten zurück ins bisherige Leben. Aber für mich passt der Satz Jesu besser zum Umgang mit einem Toten, den die Angehörigen loslassen müssen. Bindet ihn nicht an euch. Habt keine Angst vor den Geistern der Toten, aber es ist nicht gut, sie zu rufen.

Kirchenfenster der Auferweckung des Lazarus durch Jesus, dabei knien Maria und Marta, ein Mann löst dem Lazarus die Binden

Jesus ruft Lazarus aus dem Grab und lässt ihn gehen (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am Sonntag Estomihi, den 6. Februar 2005, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich in der Pauluskirche mit dem Wort zur kommenden Woche aus dem Evangelium nach Lukas 18, 31:

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Am Sonntag vor der Passionszeit, also vor der Zeit, in der wir das Leiden Jesu bedenken, steht heute ein besonderes Wunder Jesu im Mittelpunkt des Gottesdienstes: Jesus erweckt den Lazarus von den Toten. Wir fragen, was uns diese Geschichte sagen will. Wir fragen nach Trost, wenn wir traurig sind. Ist Jesus wirklich stärker als der Tod?

Lied 286, 1+4:

1. Singt, singt dem Herren neue Lieder, er ist’s allein, der Wunder tut. Seht, seine Rechte sieget wieder, sein heilger Arm gibt Kraft und Mut. Wo sind nun alle unsre Leiden? Der Herr schafft Ruh und Sicherheit; er selber offenbart den Heiden sein Recht und seine Herrlichkeit.

4. Das Weltmeer brause aller Enden, jauchzt, Erde, Menschen, jauchzt vereint! Die Ströme klatschen wie mit Händen; ihr Berge, hüpft, der Herr erscheint! Er kommt, er naht sich, dass er richte den Erdkreis in Gerechtigkeit und zwischen Recht und Unrecht schlichte; des sich die Unschuld ewig freut.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des 114. Psalms:

1 Als Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakob aus dem fremden Volk.

2 da wurde Juda ein Heiligtum, Israel sein Königreich.

3 Das Meer sah es und floh, der Jordan wandte sich zurück.

4 Die Berge hüpften wie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe.

5 Was war mit dir, du Meer, dass du flohest, und mit dir, Jordan, dass du dich zurückwandtest?

6 Ihr Berge, dass ihr hüpftet wie die Lämmer, ihr Hügel, wie die jungen Schafe?

7 Vor dem Herrn erbebe, du Erde, vor dem Gott Jakobs,

8 der den Felsen wandelte in einen See und die Steine in Wasserquellen!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wenn wir von Wundern hören, die du tust, o Gott, dann können wir es oft nicht glauben. Berge können doch nicht hüpfen wie die Lämmer, ein Fels nicht in einen See verwandelt werden. Und wenn einer tot ist, dann bleibt er doch tot.

Die Bibel erzählt: Du bist mächtiger als der Tod. Jesus erweckt Tote aus ihrem Grab. Und wir zweifeln. So etwas geschieht heute nicht mehr. Was helfen uns dann solche Geschichten?

Gott, nimm uns ernst in unseren Zweifeln und hilf uns, dass wir dich ernst nehmen und lernen, dir zu vertrauen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Die Bibel lügt nicht. In einer wunderbaren Sprache voller Bilder verkündet sie, welche Wunder an uns geschehen. Berge der Schuld trägt Gott ab. Herzen, so hart wie Fels, lässt er zerfließen in Trauer und Mitgefühl. Tränen, die ganze Seen füllen, werden getrocknet, bevor die Seele darin ertrinkt. Und so unglaublich es klingt: Nichts kann der Tod ausrichten gegen ein einziges Wort Gottes, denn: Mächtig ist zwar der Tod, doch Gott ist allmächtig.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, der Wahrheit und der Wunder! Hilf uns, die Sprache der Bibel zu verstehen, in denen sie die Wunder erzählt, die du tust. Rühre uns an mit deiner Liebe, so dass auch in unserem Leben Wunder geschehen. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Evangelium nach Johannes 11:

1 Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta.

3 Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

5 Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus.

17 Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen.

19 Und viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.

20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen.

21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.

22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.

25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt;

26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?

27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

28 Und als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich.

29 Als Maria das hörte, stand sie eilend auf und kam zu ihm.

31 Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten: Sie geht zum Grab, um dort zu weinen.

32 Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.

33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist und wurde sehr betrübt

34 und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh es!

35 Und Jesus gingen die Augen über.

36 Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt!

37 Einige aber unter ihnen sprachen: Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, dass dieser nicht sterben musste?

38 Da ergrimmte Jesus abermals und kam zum Grab. Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor.

39 Jesus sprach: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen.

40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?

41 Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.

43 Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen!

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 326, 1+4+5:

1. Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller Güte, dem Gott, der alle Wunder tut, dem Gott, der mein Gemüte mit seinem reichen Trost erfüllt, dem Gott, der allen Jammer stillt. Gebt unserm Gott die Ehre!

4. Ich rief zum Herrn in meiner Not: »Ach Gott, vernimm mein Schreien!« Da half mein Helfer mir vom Tod und ließ mir Trost gedeihen. Drum dank, ach Gott, drum dank ich dir; ach danket, danket Gott mit mir! Gebt unserm Gott die Ehre!

5. Der Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden; er bleibet ihre Zuversicht, ihr Segen, Heil und Frieden. Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her. Gebt unserm Gott die Ehre!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Es lag aber einer krank“, so fängt die Jesusgeschichte an, die Johannes erzählt. Krankheit kennen Sie. Von manchen Krankheiten gibt es Heilung, mit mancher Krankheit muss man sein Leben lang fertig werden, manche Krankheiten führen zum Tode. Hier bleibt offen, welche Krankheit der Mann hat, aber „er lag krank“, er ist bettlägerig, kann nicht mehr aufstehen, sein Zustand erregt Besorgnis.

Wer ist dieser Mann? Er heißt „Lazarus“, und er ist „aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta.“ Diese Familie kennt Jesus gut; die Geschichte der beiden Schwestern Maria und Marta, bei denen Jesus oft zu Besuch war, werden wir übernächsten Mittwoch in unserer Bibelwoche betrachten. „Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank. Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus.“ Doppelt wird betont: Jesus hat Lazarus besonders ins Herz geschlossen, Lazarus und auch seine Schwestern. Jesus ist ein Mann mit Gefühlen.

Trotzdem lässt Jesus sich Zeit, bis er den Freund und die beiden Freundinnen besucht, und das Schreckliche geschieht: „Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen.“ Jesus kommt zu spät, der Totenschein ist längst ausgestellt. „Und viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.“ Die Trauer der Schwestern ist es, die den breitesten Raum in der Erzählung des Johannes einnimmt. Und wie das bei Geschwistern oft ist, trauern sie auf sehr verschiedene Weise. „Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen.“

Marta trifft Jesus auf der Straße und bestürmt ihn, zwischen Enttäuschung und Hoffnung hin- und hergerissen: „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.“ Ihr Vertrauen zu Jesus ist ungebrochen, doch ein stiller Vorwurf ist nicht zu überhören: Hätte sich Jesus doch nicht so viel Zeit gelassen! Jetzt kann er nichts mehr tun.

Jesus tröstet sie mit dem einfachen Satz: „Dein Bruder wird auferstehen.“ Daran glaubt auch Marta: „Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.“ Beide sind sich einig. Scheinbar. Lazarus wird auferstehen. Aber genügt Marta der Trost, dass Lazarus am Jüngsten Tag wieder leben wird, in einer fernen Zukunft? Was ist mit ihrer Trauer hier und jetzt?

Genau darauf bekommt sie Antwort: „Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ Jesus definiert das Wort Auferstehung um. Auferstehung ist mehr, als das ein toter Körper wieder atmet und sich bewegt. Auferstehung ist mehr als eine Wiederbelebung am Ende der Welt. Auferstehung geschieht, wo einer Vertrauen gewinnt. Gottes Liebe nimmt Gestalt an in Jesus, und manchmal erkennen wir das Gesicht Jesu im Bruder und in der Schwester neben uns. Gottes Liebe wird greifbar und spürbar, überall, wo wir Vertrauen wagen, wo Liebe gelingt, wo wir Trost und Hoffnung erfahren.

Jesus will seine Freundin Marta in ihrem Vertrauen stärken, das in ihr ja schon lebendig ist, und fragt sie ganz direkt: „Glaubst du das?“ Und „sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“ Ein großes Bekenntnis legt sie ab. So groß ist Martas Zutrauen zu Jesus, dass sie in seiner Nähe die Nähe Gottes selber spürt.

Damit beendet Marta das Gespräch mit Jesus: „Und als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich.“ Ganz wahr ist das nicht, Jesus hat Maria gar nicht gerufen. Aber Marta will nicht nur Trost für sich selber, sondern auch für ihre Schwester. Sie versucht, Maria aus ihrem Schneckenhaus herauszulocken, in das sie sich verkrochen hat. Und wirklich gelingt ihr das.

„Als Maria das hörte, stand sie eilend auf und kam zu ihm.“ Ohne etwas zu sagen, verlässt auch sie die Gäste im Trauerhaus des Lazarus. Aber diese folgen Maria und kommen mit ihr bei Jesus an: „Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten: Sie geht zum Grab, um dort zu weinen.“ Mit Maria kann Jesus also kein Gespräch unter vier Augen führen.

„Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Eigenartig, wie ähnlich Geschwister manchmal reagieren, trotz aller sonstigen Unterschiede. Mit dem gleichen Satz hatte auch ihre Schwester Jesus begrüßt. Aber etwas ist anders. Maria wirkt nicht so gefasst. Auch sie vertraut sich Jesus an, aber nicht mit Worten des Vertrauens und der Zuversicht, sondern dadurch, dass sie ihm zu Füßen niederfällt.

Und Jesus? Auch er reagiert auf Maria anders als auf Marta. Er führt kein Gespräch mit ihr. Ihm scheinen die Worte zu fehlen. Ihre Tränen gehen ihm nahe. „Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist und wurde sehr betrübt.“ Gemischte Gefühle bewegen Jesus. Starke innere Bewegung ergreift ihn, Luther deutet in seiner Übersetzung eine zornige Erregung an. Er ist tief erschüttert und betrübt. Wie mächtig erscheint den Menschen der Tod! Wie verzweifelt trauern die Menschen! Ist da gar nichts zu machen? So mag es ihm durch den Sinn gehen. Und lässt sich das Grab zeigen: Er „sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh es! Und Jesus gingen die Augen über.“

Erst jetzt, als Jesus sich das Grab zeigen lässt, beginnt auch er zu weinen. Er ist ganz Mensch; sich den Freund tot im Grab vorzustellen, hat eine Endgültigkeit, die ihm nahe geht.

Die Menschen, die dabeistehen, sehen seine Tränen und sagen: „Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt!“ Aber auch andere Stimmen werden laut: „Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, daß dieser nicht sterben musste?“ Liebevolle Gefühle sind schön und gut, aber hätte er nicht lieber tatkräftig seine heilende Macht beweisen sollen? Die Vorwürfe wühlen Jesus noch mehr auf, aber er geht nicht darauf ein, jedenfalls nicht mit Worten. Stattdessen bereitet er eine beispiellose Tat vor: „Da ergrimmte Jesus abermals und kam zum Grab. Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor. Jesus sprach: Hebt den Stein weg!“

Was hat Jesus vor? Will er tatsächlich das Unmögliche möglich machen, die Verwesung eines Leichnams stoppen? Noch einmal meldet sich die realistische Marta als Schwester des Verstorbenen zu Wort: „Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen.“ Ich kann sie gut verstehen. Sie kann an eine Auferstehung am Jüngsten Tage glauben, aber einen Toten in dieses irdische Leben zurückzuholen, der bereits im Grab verfault, ist definitiv unserer Erfahrung nach unmöglich.

Aber „Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ Achten wir genau auf diese Worte. Jesus erinnert Marta an sein Gespräch mit ihr. Er hat mir ihr über ihr Vertrauen zu ihm gesprochen, über die Auferstehung, die nicht erst in der Zukunft wahr wird, sondern schon jetzt, wo sie im Vertrauen lebt. Jesus, der die Liebe Gottes verkörpert, er ist die Auferstehung; wer in der Liebe lebt, lebt ein erfülltes Leben, hat Anteil am ewigen Leben. „Du wirst die Herrlichkeit Gottes sehen“, sagt er. Dein Leben wird verwandelt sein, erfüllt von den Kräften des Himmels beginnt es zu strahlen, und der Tod hat keine Macht mehr über dich.

Über das, was nun folgt, sind sich die Christen nicht einig. Die einen sagen: Hier macht Christus in der Tat das Unmögliche möglich – er ruft einen schon verwesenden Toten zurück ins irdische Leben. Er konnte das, er war schließlich der Sohn Gottes. Andere sagen, auch ich: Wie passen solche magischen Kräfte zu dem Sohn Gottes, der zugleich ganz und gar wahrer Mensch war? Wie soll uns so eine Geschichte trösten, die in dieser Weise unter uns niemals geschieht? Wenn sie nur beweisen soll, wie mächtig Jesus war, haben dann nicht seine Kritiker mit ihrer Frage im Recht: Warum hat er Lazarus überhaupt erst sterben lassen? Warum holt er nicht alle Toten aus dem Tod zurück auf die Erde?

Ich bin der Auffassung, dass Johannes mehr will, als nur eine einmalige Sensation zu schildern. Er will zeigen, dass Jesus das Leben ist für alle Menschen, selbst wenn sie sterben müssen. Er ist überzeugt, dass Christus die Auferstehung ist für jeden, der im Vertrauen auf Liebe lebt und stirbt.

Ein solches Leben im Vertrauen ist nicht selbstverständlich, sondern ein Gottesgeschenk, ein Wunder, menschlich gesehen eine Unmöglichkeit. Was Menschen unmöglich ist, macht Gott möglich. Das macht Johannes in der nun folgenden Szene so krass anschaulich, dass es uns den Atem verschlägt.

„Da hoben sie den Stein weg.“ Das Wunder beginnt mit einer körperlichen Kraftanstrengung. Ein schweres Hindernis wird aus dem Weg geräumt.

Nach der Arbeit folgt ein Gebet. Jesu Macht über den Tod kommt nicht aus seinen menschlichen Kräften, sondern aus seinem Gottvertrauen. „Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.“ Jesus bittet nicht, sondern er dankt. Dankbarkeit ist seine Kraftquelle gegen die Macht des Todes.

Als Drittes folgt eine direkte Anrede an den Toten: „Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!“ So stellt uns der Evangelist Johannes ein Bild der Auferweckung vor Augen. Jesus stellt sich vor ein Grab und weckt den Toten auf. Er knüpft direkt an die Wünsche und Phantasien unserer Seele an. Wer würde nicht einen geliebten Verstorbenen wieder aufwecken wollen, als sei er nicht für immer eingeschlafen?

Und dann geschieht das Unglaubliche. Wie in einem Traum verschwimmen die Grenzen der Realität, und nie Gesehenes geschieht: „Der Verstorbene kam heraus.“ Es hat den Anschein, dass Jesus vor aller Augen seine Macht bewiesen hat. Das heißt: nicht seine eigene Macht, sondern die Macht des Vaters im Himmel, Tote aufzuerwecken.

Spannend ist nun aber, was nicht erzählt wird. Es folgen keine freudigen Wiedersehensszenen des Bruders mit den Schwestern. Es folgt kein Gespräch Jesu mit dem Auferweckten. Die Person des Lazarus, was er fühlt und denkt, spielt in dieser Geschichte nicht die geringste Rolle.

Stattdessen erzählt Johannes ausführlich, wie Lazarus aussieht, als er aus dem Grab herauskommt: „gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch.“ Das war die übliche Form, wie man jeden Toten einbalsamiert hat, doch es fällt auf, wie stark Johannes betont, dass der Tote an Händen und Füßen gebunden und sein Gesicht verhüllt ist. Dienen die Riten der Beerdigung nicht nur dazu, die Trauer, sondern auch die Angst vor dem Toten zu bewältigen? Fesselt man ihn an Händen und Füßen, damit der Tote nicht herumgeistert? Deckt man ihm die Augen zu, damit er sich nicht mehr in die Welt der Lebenden einmischt?

Es ist, als ob Jesus auf solche Ängste antwortet, wenn er denen, die am Grab stehen, sagt: „Löst die Binden und lasst ihn gehen!“ Es ist ein vielschichtiger Satz. Auf den ersten Blick entlässt Jesus den Wiedererweckten zurück in sein bisheriges Leben. Aber wenn es nur darum ginge, warum gibt er ihn dann nicht in die Obhut seiner Schwestern? Warum dürfen sie ihn nicht in den Arm nehmen, wenn alles wieder so ist wie vorher? Für mich passt der Satz Jesu besser zum Umgang mit einem Toten, den die Angehörigen loslassen müssen. Bindet ihn nicht an euch; was ihr ihm bisher nicht getan habt, könnt ihr jetzt nicht nachholen. Haltet ihn nicht fest in einer Geisterwelt; ihr müsst keine Angst vor den Geistern der Toten haben, aber es ist nicht gut, sie zu rufen.

So gesehen geht es in der Lazarusgeschichte nicht um eine Herausforderung an unsere Fähigkeit, naturwissenschaftlich Unmögliches für möglich zu halten. Vielmehr geht es darum, wie wir im Vertrauen auf Liebe leben und sterben, wie wir Trost in der Trauer finden und einen Verstorbenen in Liebe und Dankbarkeit loslassen können.

„Lasst ihn gehen“, so höre ich Jesus sprechen im Blick auf jeden Verstorbenen, den wir loslassen müssen. Denn was ihn in seiner Auferstehung erwartet, liegt nicht in unserer Verfügungsgewalt. Die wir geliebt haben, gehen hinein in Gottes Liebe, bleiben bewahrt in seinem Frieden, erfahren ewige Erfüllung, die für uns hier auf Erden unvorstellbar ist. Wir dürfen sie loslassen – im Vertrauen auf Jesus, der die Auferstehung ist. Auferstehung ist nicht zu verwechseln mit einer Reanimation durch Beatmung und Herzmassage. Die Toten gehen in der Auferstehung hinüber in eine neue Welt, die uns die Bibel in vielen farbigen Bildern ausmalt: in den Himmel, ins Reich Gottes, ins Paradies oder in die Wohnungen im Haus des Vaters, ins ewige Leben in Unverweslichkeit, in die Ruhe Gottes, in seine Liebe, in Gottes Frieden.

Und wir? Wir erfahren Auferstehung mitten in unserer Traurigkeit, wo wir Trost und Zuversicht gewinnen, wo uns unser Leben wertvoll wird, wo wir uns etwas zutrauen und ein neues Leben beginnen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 638: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

Im Abendmahl lässt Gott uns erfahren, dass er selbst in Jesus sein Leben für uns hingibt. Im Brot schenkt er uns den Leib seiner Liebe. In der Gemeinschaft des Kelches versöhnt er uns mit Gott und schafft die Basis für Frieden unter uns Menschen.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Die Herzen in die Höhe! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Lasst uns beten:

Gott, wir bitten dich durch Jesus Christus: erwecke uns vom Tod hier mitten im Leben und später, wenn wir sterben müssen. Erwecke uns vom Tod der Hoffnungslosigkeit und schenke uns neue Hoffnung. Erwecke uns aus dem Tod des Nichtgeliebtseins und des Nicht-lieben-Könnens und schenke uns Liebe. Erwecke uns vom Tod des Unglaubens und lass in uns den Samen des Glaubens wachsen. Schenke uns Menschen, durch die wir es neu lernen, uns anzuvertrauen.

Heute beten wir besonders für …, die im Alter von 68 Jahren gestorben ist. Schenke ihr den ewigen Frieden im Haus des Himmels. Begleite ihre Familie in ihrer Trauer. Schenke allen, die um sie trauern, Trost und neuen Mut und ein Leben im Frieden. Amen.

Lied 374, 1+2+5:

1. Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben.

2. Er ist ein Fels, ein sichrer Hort, und Wunder sollen schauen, die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen. Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen.

5. Und meines Glaubens Unterpfand ist, was er selbst verheißen, dass nichts mich seiner starken Hand soll je und je entreißen. Was er verspricht, das bricht er nicht; er bleibet meine Zuversicht, ich will ihn ewig preisen.

Abkündigungen

Und nun geht mit Gottes Segen – wer möchte, ist im Anschluss noch herzlich zum Beisammensein mit Kaffee oder Tee im Gemeindesaal eingeladen.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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