Menschen mit Gesichtern

Weihnachten reißt einen Riss in unsere Schattenwelt.

Diese Menschen sind einander zugewandt. Die Frau hält das Kind in ihren Armen geborgen, ebenso umfängt der Mann mit seinen Händen schützend die Frau und das Kind, voller Liebe und Wärme. Hier erleben sie den Himmel, die Heimat, nach der sich jeder sehnt.

Weihnachtsfeier am Montag, den 20. Dezember 1993 in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey
Die heilige Familie erscheint in einem Riss in der Realität, violette Farben herrschen auf diesem Bild vor

Das meditierte Bild stammt von Beate Heinen und trägt den Titel: „O Heiland, reiß die Himmel auf“, erschienen 1993 im Kunstverlag 56653 Maria Laach. Ich danke der Künstlerin für die Erlaubnis der Wiedergabe ihres Bildes!

Liebe Mitfeiernde in dieser Weihnachtsfeier!

1. Ein Bild der Künstlerin Beate Heinen habe ich Ihnen mitgebracht, Sie sehen es dort auf der Leinwand. Das Bild ist im Ganzen dunkel gehalten, die Umrisse vieler Menschen sind zu erkennen, alle streben sie in eine Richtung. Aber mitten durch das Bild geht ein Riss, auf leuchtendem Goldgrund können wir dort eine ganz andere Szene betrachten; drei Menschen heben sich ab von der sie umgebenden Menschenmasse, ein Mann, eine Frau und ein Kind.

2. Betrachten wir zunächst die dunkel dargestellten Gestalten. Es sind Menschen ohne Gesichter, Männer, Frauen, Kinder, jedoch als Einzelpersonen kaum zu unterscheiden.

Wie Schatten bewegen sie sich vorwärts, als wenn sie gezogen würden, alle in dieselbe Richtung. Und doch machen sie nicht den Eindruck, als hätten sie ein Ziel vor Augen. Sie wirken getrieben, voller Unruhe, als liefen sie vor etwas weg, als wüssten sie nicht wohin, heimatlos in einer finsteren, kalten Welt. Niemand hat Augen, um zu schauen, niemand wendet sich einem anderen zu. Beziehungslos, namenlos laufen sie nebeneinander her.

3. Ganz anders die kleine Menschengruppe in der Mitte. Auf den ersten Blick erkennen wir eine Familie: Vater, Mutter und Kind. „Heilige Familie“ denken wir, auch wenn nirgendwo die Krippe, nirgends Ochs und Esel, Engel und Hirten zu sehen sind. Was ist so Besonderes an ihnen?

Die Heilige Familie (Ausschnitt des großen Bildes)Es sind Menschen mit Gesichtern, hell und deutlich sind sie uns vor Augen gestellt. Auch ihre Hände sind klar zu erkennen. Strahlendes Licht fällt von oben auf die drei, sie sind nicht allein, der Himmel steht ihnen offen, Gott hat sie lieb.

Dennoch schauen sie nicht nach oben, nein, diese Menschen sind einander zugewandt. Die Frau hält das Kind in ihren Armen geborgen, ebenso umfängt der Mann mit seinen Händen schützend die Frau und das Kind, voller Liebe und Wärme. Hier erleben sie den Himmel, die Heimat, nach der sich jeder sehnt.

4. Besonders beeindrucken mich die Augen auf unserem Bildausschnitt.

Die Augen des Mannes ruhen auf den ihm anvertrauten Menschen; Ruhe und Gelassenheit strahlen sie aus, das Gefühl, seiner Verantwortung für die Familie gewachsen zu sein.

Die geschlossenen Augen des Kindes verraten: in den Armen der Mutter, im Schutz des Vaters kann es ruhig schlafen, niemand wird ihm wehtun, es wird ihm an nichts fehlen, was es zum Leben braucht.

Das Gesicht Marias (Ausschnitt vom großen Bild)Und die Augen der Frau? Sie sind auf uns gerichtet, auf die Betrachter des Bildes. Ja, mitten aus diesem Bild heraus schauen diese großen Augen uns an, als wollten sie sagen: Seht her, schaut, worauf es ankommt, entdeckt das Kind, für das ihr verantwortlich seid, das Kind bei euch, das Kind in euch, das Schutz und Wärme braucht und menschliches Verstehen. Rennt nicht einfach nur weiter im Getriebe der Menschenmasse, sondern fangt an, einander wahrzunehmen, einander zu spüren, einander einen Halt zu geben.

5. Ist das die Antwort auf die heimliche Frage der Leute, die sich da abhetzen, ohne Ruhe im Herzen, ohne klares Ziel vor Augen?

Eine umarmende Hand in der Schattenwelt der Fliehenden (Ausschnitt aus dem großen Bild)Ich bemerke ein Hoffnungszeichen mitten im Dunkel der schattenhaft dargestellten Menschen. Schauen Sie: da ist die Hand einer erwachsenen Person um die Schulter eines Kindes gelegt. Ich erkenne darin wenigstens eine Ahnung von Geborgenheit inmitten der Rastlosigkeit der unruhigen Menschenmasse.

6. Wenn wir uns wiedererkennen in den getriebenen Menschen auf diesem Bild – haben wir überhaupt eine Chance, auszusteigen aus der Unruhe unseres Lebens? Aus der Weihnachtsgeschichte wissen wir: Auch die Heilige Familie wird fliehen müssen, hinaus in die dunkle Nacht. Doch ganz gleich, wohin ihr Weg sie führt – sie müssen nicht ziellos umherirren.

Wann wird es für uns Weihnachten – so wie für Josef, Maria und Jesus auf unserem Bild? Wenn wir aufmerksam werden auf den Gott, der uns mit dem Gesicht eines kleinen Kindes anschaut. Wenn wir es wagen, uns einander zuzuwenden. Dann bewahren auch wir im grauen Alltag unser Gesicht, unseren unverwechselbaren Namen. Wir bleiben Gottes kostbare Menschenkinder.

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