Gerechtigkeit!

Wer definiert, was Gerechtigkeit ist, und diese dann von anderen fordert, ist fein raus. Aber so läuft es in der Bibel eben gerade nicht. Das Volk Israel sieht sich selber am stärksten in der Kritik durch den eigenen Gott. Und indem Jesus sich widerstandslos ans Kreuz nageln lässt,  lässt er sich als Opfer von Gewalt nicht selber vom Bösen beherrschen.

Symbol der Gerechtigkeit - eine Frau, die sich ausruht, mit dem Schwert in der rechten und der Waage in der linken Hand

Frau Gerechtigkeit mit Schwert und Waage an einem Fachwerkhaus in Hildesheim (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Reformationstag, den 31. Oktober 2010, um 10.00 Uhr in der Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie und euch alle mit dem Bibelwort aus 1. Korinther 3, 11:

„Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

Heute vor 493 Jahren ist Dr. Martin Luther mit 95 Thesen an die Öffentlichkeit getreten, mit denen er seine damalige katholische Kirche reformieren wollte. Damals gelang es nicht, die Gesamtkirche zu erneuern, aber bald entstand als neue christliche Konfession die evangelische Kirche, in der die Gedanken der Reformation Martin Luthers lebendig geblieben sind.

Das Thema im Gottesdienst heute lautet: „Gerechtigkeit!“ Was heißt es, vor Gott gerecht dazustehen? Wie schaffen wir Gerechtigkeit unter den Menschen? Ist Gerechtigkeit ein Gottesgeschenk an uns Menschen oder ist sie eine Leistung, die wir erbringen müssen? Könnte sie vielleicht sogar beides zugleich sein?

Das Gaudete-Quartett unter der Leitung von Chorleiter Werner Boeck bereichert diesen Gottesdienst musikalisch. Herzlichen Dank dafür!

Gemeinsam singen wir zu Beginn aus dem Reformationslied 362 die ersten drei Strophen:

1. Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint; groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.

2. Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit‘ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.

3. Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht‘: ein Wörtlein kann ihn fällen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Martin Luther litt vor 500 Jahren unter einer Kirche, die aus dem Glauben ein Geschäft mit der Angst machte. Er wollte ein gerechter Mensch sein, aber er war sich nie sicher: Habe ich nicht doch gesündigt, muss mich Gott nicht doch strafen? Er glaubte den Predigern der damaligen Zeit nicht, die sagten: Wenn du Geld für die Kirche spendest, kannst du damit sogar deinen verstorbenen Verwandten helfen, dass sie in den Himmel kommen.

Als Martin Luther den Römerbrief des Apostels Paulus las, wusste er plötzlich: Es war alles ganz anders. Die Gerechtigkeit Gottes ist etwas zum Freuen, sie muss uns keine Angst machen. Denn da steht (Römer 3, 28):

28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Der Mensch ist gerecht vor Gott, ohne dass er etwas dafür tut? Gerechtigkeit ist etwas, was Gott uns einfach schenkt? Das klingt schön, aber muss man nicht doch etwas dafür tun, dass es auf der Erde gerecht zugeht?

Im Psalm 58 hören wir zum Beispiel eine Anklage der Bibel gegen mächtige Menschen, die nicht für Gerechtigkeit sorgen:

2 Sprecht ihr in Wahrheit Recht, ihr Mächtigen? Richtet ihr in Gerechtigkeit die Menschenkinder?

3 Nein, mutwillig tut ihr Unrecht im Lande, und eure Hände treiben Frevel.

Im gleichen Psalm 58 hören wir, wie Gott diese Ungerechten bestraft:

8 Sie werden vergehen wie Wasser, das verrinnt. …

9 Sie gehen dahin, wie Wachs zerfließt …

10 … alles [reißt] der brennende Zorn hinweg.

11 Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht …;

12 und die Leute werden sagen: Ja, der Gerechte empfängt seine Frucht, ja, Gott ist noch Richter auf Erden.

Ist uns solche Freude über eine Bestrafung der Ungerechten fremd? Ich denke, auch wir freuen uns, wenn ein übler Diktator gestürzt oder ein Gewalttäter von der Polizei gefasst wird.

Aber richtet die Mahnung der Psalmen und Propheten richtet sich nicht immer nur an die anderen. Auch wir sind gefragt: Setzen wir uns genug für Gerechtigkeit ein, wo wir es können? Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten gemeinsam den Psalm 130, der im Gesangbuch unter der Nr. 751 steht (lesen Sie bitte die eingerückten Verse):

1 Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.

2 Herr, höre meine Stimme Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

3 Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen?

4 Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

5 Ich harre des Herrn, meine Seele harret; und ich hoffe auf sein Wort.

6 Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen

7 hoffe Israel auf den Herrn! Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.

8 Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, du liebst uns, damit wir Liebe weitergeben. Du schenkst uns Gerechtigkeit, damit wir Gerechtigkeit ausüben. Du machst uns frei, damit wir anderen Freiheit schenken. Lass uns verstehen, was damit gemeint ist, und zeige uns, wie wir das konkret tun können. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung zum Reformationstag aus Römer 3, 21-28:

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.

22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied:

23 sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,

24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher

26 begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.

27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.

28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Gaudete-Quartett: Evangelienspruch von Melchior Franck

Selig sind, ja selig sind, ja selig sind, ja selig sind, die Gottes Wort hören, die Gottes Wort hören und bewahren, die Gottes Wort hören, die Gottes Wort hören, die Gottes Wort hören und bewahren, die Gottes Wort hören und bewahren, die Gottes Wort hören und bewahren.

Nachdem heute das Gaudete-Quartett mit einem von Melchior Franck vertonten Evangelienspruch unsere Lesung aus der Heiligen Schrift abgerundet hat, bekennen wir gemeinsam unseren christlichen Glauben:

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 360:

Die ganze Welt hast du uns überlassen
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, wie ist das nun mit der Gerechtigkeit? Paulus und Luther sagen: Gerechtigkeit ist uns geschenkt von Gott. Wir können sie uns nicht verdienen. Die Propheten und Psalmen der Bibel setzen einen anderen Akzent: Gerechtigkeit ist eine Forderung an unser alltägliches Verhalten, und wer kein gerechter Mensch ist, der wird von Gott bestraft. Wie gehört das zusammen?

Ich denke, das gehört genauso zusammen wie die beiden Sätze, die Martin Luther im Jahr 1520 über die Freiheit eines Christenmenschen schrieb: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Das ist kein Widerspruch, weil christliche Freiheit Freiheit zur Liebe ist. Frei sind wir, weil wir nur an Gott gebunden sind, und Gott fordert nur von uns, was er uns vorher geschenkt hat, nämlich Liebe. Diese Liebe, die Jesus und Paulus in der Bibel fordern und von der Luther hier spricht, ist dem, was die Bibel Gerechtigkeit nennt, viel ähnlicher als dem Gefühl der Liebe, die wir in der Regel mit einer herzlichen Zuneigung verbinden. Ich muss meinen Nachbarn und erst recht meinen Feind nicht unbedingt mögen, aber er hat Anspruch auf eine menschenwürdige Behandlung, auf Gerechtigkeit, auf mitmenschliche Solidarität.

Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe, Solidarität, alle diese Begriffe gehören nach der Bibel eng zusammen. Gott hat uns geschaffen nach seinem Ebenbild: zu dieser Würde gehört Freiheit, die aber nicht grenzenlos ist; sie findet ihre Grenze dort, wo die Freiheit und Würde anderer Menschen auf dem Spiel steht. Wenn ich selber gerecht behandelt werden möchte, darf es auch für mich niemanden geben, den ich lebensunwert nennen oder wie Dreck behandeln dürfte.

Frei sind wir, denn wir müssen uns letzten Endes nur vor Gott verantworten; ihm haben wir mehr zu gehorchen als jedem anderen Menschen. Zu dieser Freiheit gehört, dass wir uns freiwillig in den Dienst für andere gestellt sehen; Luther sagt sogar: als Christen sind wir „dienstbare Knechte“ aller Menschen, denn wir schulden ihnen die Liebe, die wir selbst von Gott empfangen.

Wer im Sinn der Bibel frei sein will, der will Freiheit auch für die anderen. Der hält es nicht aus, wenn die Menschenwürde irgendeines Gottesgeschöpfes in den Schmutz getreten wird und setzt sich nach Kräften ein für gerechte Verhältnisse in der Welt. Hier sind wir nun bei dem Anliegen angelangt, das den Propheten und Psalmen der Bibel so sehr am Herzen liegt.

Vorhin haben wir schon Ausschnitte aus dem Psalm 58 gehört, hören wir ihn jetzt noch einmal im Ganzen, und zwar Vers für Vers:

1 Ein güldenes Kleinod Davids, vorzusingen, nach der Weise »Vertilge nicht«.

Aus dem Liederbuch des Königs David stammt dieses Lied, das offenbar als besonders kostbarer Schatz angesehen wurde. Es sollte vorgesungen werden, nicht einfach nur zwischen Buchseiten in Vergessenheit geraten. Wir können es nur vorlesen, weil wir die Melodie nicht mehr kennen. Interessant ist aber, nach welcher Melodie das Lied damals gesungen werden sollte: „Vertilge nicht!“ Das ist die Überschrift; es soll letzten Endes um Rettung gehen vor dem Vertilgtwerden, vor dem Verderben, vor dem Bestraftwerden.

Dann beginnt der Psalm mit Anklagen gegen mächtige Menschen im Land:

2 Sprecht ihr in Wahrheit Recht, ihr Mächtigen? Richtet ihr in Gerechtigkeit die Menschenkinder?

Das Thema ist heute so aktuell wie damals. Jeder, der an der Rechtsprechung beteiligt ist, ob Staatsanwalt, Verteidiger, Gutachter oder Richter, muss sich immer prüfen, ob er wirklich der Wahrheit und dem Recht dient oder nur dem Wohl einer bestimmten Interessengruppe oder Einzelperson.

Der nächste Vers steht in der Lutherbibel so:

3 Nein, mutwillig tut ihr Unrecht im Lande, und eure Hände treiben Frevel.

Besser gibt diesen Vers aus dem hebräischen Urtext die Elberfelder Bibel wieder (revidierte Fassung 1993 © 1994 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal):

3 Sogar im Herzen übt ihr Ungerechtigkeiten; der Gewalttat eurer Hände brecht ihr Bahn im Land.

Das Herz ist in der Bibel nicht der Sitz der Gefühle, sondern des Willens. Menschen mit Einfluss planen Dinge zu ihrem Vorteil, und andere Menschen, die sich dagegen nicht wehren können, erleiden Nachteile, Unrecht, ja sogar Gewalt. Damals konnten zum Beispiel viele kleine Landwirte oft ihre Schulden nicht zurückzahlen. Sie verloren ihr Land und sogar ihre Freiheit, wurden mitsamt Frau und Kindern als Schuldsklaven verkauft. Heute gibt es Menschenhandel im internationalen Maßstab immer noch; und manche fragen sich, ob die heutige Form der Beschäftigung bei Zeitarbeitsfirmen mit geringer Entlohnung und fehlender sozialer Absicherung nicht einer Sklaverei im modernen Gewand nahekommt.

Weiter geht es nach der Lutherübersetzung:

4 Die Gottlosen sind abtrünnig vom Mutterschoß an, die Lügner gehen irre von Mutterleib an.

Wenn der Psalm so gegen geborene Lügner und Gottlose wettert, dann scheint er nahezulegen, dass es Menschen gibt, die so sehr von Grund auf böse sind, dass sie sich auch später nicht ändern können. Diese Auffassung teilen nicht alle biblischen Schriften, denn Gott will nicht den Tod des Gottlosen, sondern dass er sich ändert. Aber realistisch ist es schon, dass wir häufig von einer solchen Änderung eines Menschen, der Gottes Gebot mit Füßen tritt, nichts merken.

Der Psalm setzt seine Klage fort:

5 Sie sind voller Gift wie eine giftige Schlange, wie eine taube Otter, die ihr Ohr verschließt,

6 dass sie nicht höre die Stimme des Zauberers, des Beschwörers, der gut beschwören kann.

Manche Menschen nennen wir richtige „Giftspritzen“, wenn sie nie zufrieden sind und alles und jeden schlecht machen. Der Psalm vergleicht Menschen mit einer Giftschlange, die einerseits um sich herum eine giftige Atmosphäre verbreiten, andererseits aber ihre Ohren gegenüber jeder Mahnung verschließen. Eine Schlange, die nicht hören kann, ist unerreichbar für die beschwörenden Worte und Töne des Schlangenbeschwörers. Menschen, die taub sind für Gottes gute Worte, bleiben eingeschlossen in ihrem Böse-Sein.

An dieser Stelle wird nun der Psalm rabiat:

7 Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Maul, zerschlage, HERR, das Gebiss der jungen Löwen!

Wir mögen solche Bibelstellen nicht, sie scheinen allzusehr der Liebe Jesu Christi zu widersprechen. Aber wenn jemand zum Beispiel von einem Betrüger um sein ganzes erspartes Geld gebracht wurde, könnten wir nicht verstehen, dass er sich wünschte, diesem Finanzhai sollten die Zähne gezogen oder zerschlagen werden? Auch wenn Jesus uns mahnt, nicht Böses mit Bösem zu vergelten, sind sogar ihm nicht Gedanken der Rache fremd; als Jesus an einen Verführer von Kindern und schwachen Menschen denkt, sagt er im Lukas 17, 2:

2 Es wäre besser für ihn, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt.

Das ist aber kein Aufruf zur Gewalt. Die Rache wird in der Bibel Gott überlassen. So auch hier im Psalm 58:

8 Sie werden vergehen wie Wasser, das verrinnt. Zielen sie mit ihren Pfeilen, so werden sie ihnen zerbrechen.

So malt der Psalm aus, wie es Menschen ergeht, die nur an sich selber denken und keine Gerechtigkeit üben. Sie wollen ins Schwarze treffen, indem sie möglichst viel Geld und Macht erringen, aber ihre Pfeile zerbrechen, glücklich werden sie nicht.

9 Sie gehen dahin, wie Wachs zerfließt, wie eine Fehlgeburt, die die Sonne nicht sieht.

Ihr Leben ist letzten Endes so sinnlos wie Wasser oder Wachs, das zerfließt und weggeschüttet wird. Wären sie als Fehlgeburt auf die Welt gekommen, hätten sie auch nicht weniger von der Sonne erfahren, die wärmt und Freude spendet.

10 Ehe eure Töpfe das Dornfeuer spüren, reißt alles der brennende Zorn hinweg.

Vielleicht ist hier an das Herdfeuer gedacht, auf dem ein Essen warmgemacht wird, das man im Frieden mit seiner Familie und seinen Freunden verzehrt. Wer sogar seiner Familie mit hartem Herzen begegnet, wird als Folge den Zorn Gottes spüren, vielleicht darin, dass er selber einsam sterben muss.

Am Ende des Psalms 58 stehen dann zwei Verse, bei denen wir vielleicht noch einmal etwas schlucken; wie? so etwas steht in der Bibel?

11 Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Gottlosen Blut;

12 und die Leute werden sagen: Ja, der Gerechte empfängt seine Frucht, ja, Gott ist noch Richter auf Erden.

Diese Stelle scheint dem Evangelium Jesu mit seinem Aufruf zur Vergebung und zur Feindesliebe völlig zu widersprechen. „Die Füße im Blut der Gottlosen baden“ – als ob wir im falschen Film wären: „Rambo“ statt „Jesus Christ Superstar“. Der den Psalm betet, mag eine Übermacht brutaler Gewalttäter gegen sich gehabt haben, und bekam, den Tod schon vor Augen, doch noch den Sieg geschenkt; so ist die Freude, die hier geschildert wird, vielleicht nachvollziehbar. Trotzdem, dieses grausame Bild möchte ich im Licht der Liebe Jesu lieber hinter uns lassen. Aber seien wir realistisch: Wir freuen uns doch auch, wenn Unrecht bestraft wird, wenn wir das Gefühl haben: „Es gibt noch eine Gerechtigkeit!“ Umgekehrt, wenn wir den Eindruck haben: „Jeder kann machen, was er will, den Bösen geht es besser als den Guten!“, dann empfinden wir das als ungerecht.

Von dieser Gerechtigkeit hören wir, bevor die Predigt weitergeht, eine Nachdichtung des Psalms 58 von Cornelius Becker, vorgetragen von Chorleiter Werner Boeck:

1. Wie nun, ihr Herren, seid ihr stumm, dass ihr kein Recht könnt sprechen? Was gleich und grad, das macht ihr krumm, helft niemand zu sein Rechten, mutwillig übt ihr Gwalt im Land, nur Frevel geht durch eure Hand, was will zuletzt draus werden?

2. Ihr ungerechten Herren wisst, dass ihr der Armen Dulden doch einmal bitter büßen müsst als euer eigen Schulden. Der bösen Taten Klagemund wird euch in eures Herzensgrund ein bitter Urteil sprechen.

3. All Erdenrund ist voll Geschrei, verletzt sind Recht und Sitten, ihr armen Menschen, kommt herbei, ist‛s nicht genug gelitten? Wir brauchen aller Seel und Kraft, dass nach viel böser Leidenschaft ein neu Geschlecht erwache.

Liebe Gemeinde, dass auch heute noch Recht und Sitten verletzt werden und dass auf Erden genug gelitten wurde, hinter diese Einsicht wollen wir weder im Anschluss an Paulus noch an Martin Luther zurück. Aber es gibt Probleme mit der Gerechtigkeit. Der Philosophieprofessor Dr. Odo Marquard hat sehr deutlich auf sie hingewiesen: Es ist viel bequemer, Gerechtigkeit von anderen zu fordern, als sich selber ins Gewissen zu reden. Wenn man definiert, was Gerechtigkeit ist, und diese dann von anderen fordert, ist man selber fein raus. So läuft es aber in der Bibel gerade nicht. Das Volk Israel sieht sich selber am stärksten in der Kritik durch den eigenen Gott. Gott hat Israel doch aus Barmherzigkeit erwählt; nun sollte das Volk Gottes auch miteinander barmherzig umgehen! Jesus treibt die Selbstkritik sozusagen auf die Spitze, indem er, obwohl er selber unschuldig ist, die Strafe für die Ungerechtigkeiten anderer auf sich nimmt. Er verharmlost die Ungerechtigkeiten dieser Welt keineswegs, aber er übt auch keine blutige Rache; indem er sich widerstandslos ans Kreuz nageln lässt, zeigt er beides: erstens, wie schrecklich die Ungerechtigkeit und Gewalt der Menschen sind, und zweitens, dass im Vertrauen auf den barmherzigen Gott trotzdem Vergebung möglich ist, sogar angesichts grausamster Verbrechen.

Ich betone noch einmal: Damit verharmlost Jesus die Gewalt und das Unrecht gerade nicht! Aber er zeigt einen Weg, auf dem sich das Opfer von Gewalt nicht selber vom Bösen beherrschen lassen muss. Wo Opfer sich aus dem Kreislauf von Gewalt und Rachegedanken lösen können, werden sie wirklich frei zu einem Leben in Liebe, frei zum Tun der Gerechtigkeit.

Von diesem Weg redet der Apostel Paulus in den Versen aus dem Römerbrief, die wir vorhin gehört haben (Römer 3):

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.

22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.

Paulus meint, dass wir nicht gerecht handeln könnten, wenn wir nicht schon Gerechtigkeit und Vergebung von Gott geschenkt bekommen hätten.

Denn es ist hier kein Unterschied:

23 sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,

24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

Keiner darf also mit dem Finger auf den andern zeigen: „Du bist ungerecht!“, ohne zugleich an die eigene Ungerechtigkeit zu denken. Aber da alle ohne Verdienst gerecht werden, dürfen wir uns und andere sehr wohl an die Forderungen der Gerechtigkeit erinnern, und zwar in dem Bewusstsein, dass wir gemeinsam in einem Boot sitzen. Die Forderung, Gerechtigkeit zu üben, traut Gott uns und allen Menschen gleichermaßen zu. Dieses Zutrauen ist zugleich eine Zumutung. Wir sind gefordert, als gerecht gemachte Menschen zu leben, die sich im Vertrauen auf Gott auf einen Weg der Liebe, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit machen.

Zurück zum Anfang der Predigt:

Als Christenmenschen werden wir auch frei von Schuld, die wir auf uns geladen haben, indem Gott uns vergibt. Zu dieser Vergebung gehört aber ganz entscheidend, dass Gott uns nun auch zutraut und zumutet, uns zu ändern. Im Psalm 130, 4 haben wir das so gehört:

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Das heißt: Gott nagelt niemanden auf seiner Schuld fest. Niemand ist vor Gott ein für alle Mal ein böser Mensch. Aber gerade das ist auch eine Verpflichtung und ein Ansporn: Wenn einer, der böse gehandelt hat, nun eine Lizenz zum Gutsein kriegt, muss er die auch in die Tat umsetzen, sonst bleibt er trotzdem im Bösesein stecken.

Heute morgen, als ich noch einmal die Predigt überflog, kam mir eine Idee, welche Bedeutung die Sünde gegen den Heiligen Geist haben könnte, von der Jesus (Markus 3, 29) so geheimnisvoll spricht:

Wer … den heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig.

Der Heilige Geist ist ja Gott selber, indem er an uns arbeitet, uns verändert, uns gerecht macht. Wenn wir ihn nicht an uns arbeiten lassen, bleiben wir stecken in Ungerechtigkeit, Sünde, Lieblosigkeit. Da ist selbst Gott machtlos.

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Römer 3, 28)

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Aus dem Lied 342 singen wir die Strophen 6 bis 9, in denen die Werkgerechtigkeit Martin Luthers ausgedrückt wird: dass nämlich die guten Werke automatisch aus dem Glauben an Gott und dem Vertrauen auf Jesus Christus folgen. In den letzten beiden Strophen werden wir hinübergeleitet zum Gebet unseres Herrn, dem Vater unser:

6. Es ist gerecht vor Gott allein, der diesen Glauben fasset; der Glaub gibt einen hellen Schein, wenn er die Werk nicht lasset; mit Gott der Glaub ist wohl daran, dem Nächsten wird die Lieb Guts tun, bist du aus Gott geboren.

7. Die Werk, die kommen g’wisslich her aus einem rechten Glauben; denn das nicht rechter Glaube wär, wolltst ihn der Werk berauben. Doch macht allein der Glaub gerecht; die Werk, die sind des Nächsten Knecht, dran wir den Glauben merken.

8. Sei Lob und Ehr mit hohem Preis um dieser Guttat willen Gott Vater, Sohn und Heilgem Geist. Der woll mit Gnad erfüllen, was er in uns ang’fangen hat zu Ehren seiner Majestät, dass heilig werd sein Name;

9. sein Reich zukomm; sein Will auf Erd g’scheh wie im Himmelsthrone; das täglich Brot noch heut uns werd; woll unsrer Schuld verschonen, wie wir auch unsern Schuldnern tun; lass uns nicht in Versuchung stehn; lös uns vom Übel. Amen.

Lasst uns beten.

Vater im Himmel, am Reformationstag beten wir für die Erneuerung deiner Kirche in allen Konfessionen: dass wir um Einsicht in die Wahrheit ringen und streiten und zugleich um Verständnis für die Überzeugungen anderer bemüht bleiben, dass wir deine Liebe und Gerechtigkeit leben, ohne falschen Stolz und ohne uns einschüchtern zu lassen.

Vater im Himmel, am Tag vor der Eröffnung der neuen Räume im Untergeschoss des Gemeindezentrums bitten wir dich: Lass deinen Segen auf der Arbeit ruhen, die nun dort beginnt, auf den Kleinsten, die dort bald in der Krippengruppe eingewöhnt werden, auf den größeren Kindern, die von drüben herüberziehen, auf den Erzieherinnen, die die neuen Räume einräumen und mit Leben erfüllen, und natürlich auf den Handwerkern, die noch einige Wochen lang in verschiedenen Räumen arbeiten müssen.

Vater im Himmel, wir bitten dich auch für Menschen, die Unrecht erlitten haben, dass sie es bewältigen und nicht verbittert werden, dass sie die Liebe, nach der sie sich gesehnt haben, doch noch erfahren und dazu fähig werden, sie anderen zu verschenken.

Vater im Himmel, wir bitten dich insbesondere für ein verstorbenes Mitglied unserer Paulusgemeinde, für Herrn … . Nimm ihn auf in dein herzliches Erbarmen, und begleite seine Angehörigen auf ihrem Weg der Bewältigung von allem, was sie belastet.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir ganz persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen zum Schluss das Lied 640:

Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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