Christsein in der Nussschale

Glaube, Liebe, Hoffnung als Dimensionen christlicher Existenz.

Was Paulus in 1. Korinther 13, 13 als „bleibend“ bezeichnet – Glaube, Hoffnung und Liebe –, beschreibt Dr. Eberhard Martin Pausch in einem Gastbeitrag für die Bibelwelt als grundlegende Haltungen christlicher Existenz, die auf ebenso fundamentalen Einsichten beruhen und sich sowohl in „gottesdienstlichen“ als auch in welt-verändernden Handlungen ausdrücken und auswirken.

Ein dreiblättriges grünes Pflänzchen, das aus einer Nusschale hervorwächst, vor dunklem Hintergrund

Aus welchen Wurzeln erwachsen christliche Einsichten, Haltungen und Handlungen? (Bild: Ulrike Leone _ Pixabay)

Inhaltsverzeichnis

Christsein in der Nussschale

Mehr als bloße Tugenden

Einsichten und Haltungen

Haltungen und Handlungen

Binnendifferenzierungen der drei Dimensionen christlicher Existenz

Anmerkungen

Christsein in der Nussschale

„Oh God, I could be bounded in a nutshell
and count myself a king of infinite space …“
(William Shakespeare: Hamlet, II, 2)

Wir Menschen leben in einer Welt, der wir üblicherweise 3 oder 4 Dimensionen zuordnen: drei Raumdimensionen sowie eine Zeitdimension. Die moderne Physik und Kosmologie lehren uns, dass gemäß der sog. „Cosmic-String“-Theorie unser Kosmos 10, 11 oder sogar noch mehr (26?) Dimensionen haben dürfte, von denen wir allenfalls drei oder vier erkennen können. Warum dies so ist, darauf hat der Physiker Stephen W. Hawking (1942-2018) die Antwort gegeben, dass nur vier Dimensionen eine hinreichende Erstreckung haben, um wahrgenommen werden zu können – die übrigen Dimensionen sind wohl so winzig klein, dass sie für unsere Wahrnehmung und unser Leben schlicht keine Rolle spielen. (1)

Wenn ich dieses Bild aus der modernen Wissenschaft einmal auf die Theologie übertragen darf – im vollem Bewusstsein, dass es sich um ein Bild handelt –, dann frage ich im Blick auf die biblische Botschaft: Wie viele Dimensionen hat eigentlich das Leben der Christenmenschen, also die christliche Existenz? Auf diese Frage kann man in den Briefen des Apostels Paulus und hier insbesondere im 1. Korintherbrief (Kapitel 13) eine klare Antwort finden. Diese Antwort hat im Grund genommen drei Teile:

  • Erstens wissen wir nicht, wie viele Dimensionen die christliche Existenz überhaupt hat, weil wir alles, was wir erkennen, nur in Teilen erkennen können. Denn alles, was wir wissen und erkennen, ist Stückwerk (1. Korinther 13, 9-12). Folglich auch der Umfang aller Dimensionen unserer Existenz.
  • Zweitens: Es gibt aber mindestens drei Dimensionen christlicher Existenz, die wir klar und unzweifelhaft erkennen können. Sie heißen Glaube, Liebe und Hoffnung (1. Thessalonicher 1, 3; 1. Thessalonicher 5, 8; 1. Korinther 13, 13).
  • Drittens: Unter diesen drei Dimensionen kommt der Liebe die größte Bedeutung zu.

Mehr als bloße Tugenden

Wenn wir Glaube, Hoffnung und Liebe (2) als Dimensionen christlicher Existenz betrachten dürfen, dann sind sie jedenfalls weit mehr als bloße „Tugenden“, wie die römisch-katholische Sicht der Dinge seit Thomas von Aquin (1225-1274) ist. Ihm zufolge gibt es neben diesen drei „theologischen“ Tugenden, wie er sie nennt, noch vier weitere „Kardinaltugenden“, nämlich Klugheit/Weisheit, Gerechtigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit. (3) Hierbei schließt er sich an Platon und die antike klassische Philosophie an. Wenn wir aber, Paulus auslegend, von Dimensionen sprechen, dann haben wir nicht nur Tugenden und somit den Bereich der Moral im Blick, sondern sich in das Universum erstreckende Haltungen. Wir schauen damit also auf die ganzheitliche Verfasstheit menschlicher Existenz. Mit Hilfe von Dimensionen lässt sich der Ort einer Person vor Gott bestimmen, also seine Position in der von Gott geschaffenen Welt (nennen wir sie ruhig eine „Nussschale“) lokalisieren.

Im Bühnenstück „Peer Gynt“ des norwegischen Dichters Henrik Ibsen wird Solveig, also die Frau, die den jahrelang auf Reisen durch die Welt befindlichen Protagonisten Peer Gynt über alles liebt, gefragt, wo sich dieser in der Vergangenheit befunden habe. Der „Knopfgießer“, eine mythische Misch-Gestalt aus Tod und Teufel, will dem Weltenbummler und Sünder Peer Gynt die Seele rauben. Dessen zeitliches sowie sein ewiges Leben hängen von der Beantwortung der Frage ab, wo er – Peer Gynt – in all den Jahren gewesen sei. Wenn Solveig richtig antwortet, kann sie Peer erlösen und befreien von der Schuld, die er auf sich geladen hat. Solveig meint, dieses Rätsel sei leicht zu lösen und antwortet: „In meinem Glauben, Hoffen und Lieben warst du.“ (4) Peer Gynt sei, so ihre letztlich geniale Auskunft, immer bei ihr gewesen, nämlich in ihrem Glauben, Hoffen und Lieben. Diese Antwort zeigt, dass der Dichter Glaube, Liebe und Hoffnung als Dimensionen der menschlichen Existenz versteht, die den Ort eines Menschen vor Gott und in der von ihm geschaffenen „Nussschale“ eindeutig zu bestimmen vermögen. (5)

Einsichten und Haltungen

Man kann die genannten drei Dimensionen auch als fundamentale Haltungen verstehen, die auf drei ebenfalls fundamentalen (aber keinesfalls selbstverständlichen) Einsichten beruhen und diesen entsprechen. Im Folgenden habe ich jeweils eine fundamentale Einsicht in grüner Farbe dargestellt und eine ihr entsprechende fundamentale Haltung in blauer Farbe:

Es gibt mich als Geschöpf Gottes. (I)

Ich habe, allen Grund und Anlass, diesem Gott, der mich geschaffen hat, zu vertrauen bzw. an ihn zu glauben. Dieser Glaube kann nur als Liebe und verbunden mit Hoffnung gelebt werden. (Vertrauen bzw. Glaube).

Es gibt mich als Geschöpf Gottes in der Zeit und auf Zeit. (II)

Ich habe allen Grund und Anlass, eine Hoffnung auf das Reich Gottes zu entwickeln, zu pflegen und zu bewahren. Die Perspektive auf ein sinnvolles und gutes Leben in dieser Welt sowie auf ein ewiges Leben bei Gott kann nur im Glauben und als Liebe gelebt werden. (Hoffnung im Leben und über das Leben hinaus).

Es gibt mich und andere als Geschöpfe Gottes in der Zeit und auf Zeit. (III)

Ich habe allen Grund und Anlass, zu anderen Mitgeschöpfen bzw. Mitmenschen eine liebevolle Beziehung aufzubauen. Diese Liebe kann nur im Glauben und verbunden mit Hoffnung gelebt werden. (Liebe)

Es mag zunächst auffallen, dass alle drei hier genannten fundamentalen Einsichten vom Gedanken der Schöpfung der Welt und der Menschen in dieser Welt durch einen transzendenten Schöpfer ausgehen, eine die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam verbindende Glaubensvorstellung. Dass die im Christentum diesen Einsichten korrespondierenden fundamentalen Haltungen auch für das Judentum und den Islam gelten, wird hier jedoch nicht behauptet. Wohl aber stehen alle hier genannten fundamentalen Einsichten und Haltungen am Anfang des Christentums und sind in seinen Ursprungs- und Orientierungsdokumenten (also den biblischen Schriften des Alten und Neuen Testaments) hervorragend bezeugt. Sie verdanken sich Personen wie Jesus von Nazareth selbst, aber auch dem Apostel Paulus aus Tarsus, von denen der eine wesentlich mündlich und durch sein zeichenhaftes Handeln, der andere aber wirkungsmächtig schriftlich durch seine an die urchristlichen Gemeinden im Mittelmeerraum versandten Schriften kommunizierte. (6) Dass auch Frauen ganz entscheidend den Beginn des Christentums prägten und gestalteten, etwa Maria, die Mutter Jesu, Maria Magdalena und – beispielsweise – die Apostelin Junia (Römer 16, 7) (7), sei hier eigens erwähnt und gewürdigt. Damit ist klar: Der christliche Glaube und die christliche Kirche haben einen identifizierbaren historischen Ursprung. Dieser liegt in der jüdischen Religion. Mit ihr ist das Christentum wesensmäßig am engsten verbunden. Dies zeigt sich nicht nur an den handelnden Personen aus dem Bereich des Judentums (wie Jesus, Petrus, Paulus, Maria Magdalena) und gemeinsamen „Heiligen Schriften“ (nämlich dem so genannten „Alten Testament“), sondern auch am für beide Religionen prägenden Ethos wie dem Gebot der Nächstenliebe (3. Mose 19, 18; Markus 12, 28-34; Römer 13, 8-10) und den „Zehn Geboten“ (2. Mose 20; 5. Mose 5) sowie an gemeinsamen basalen (8) religiösen Handlungen wie dem Gebet zu dem einen Gott, der Schöpfer der Welt ist, und der Bitte um Segen und das Spenden von Segen.

Haltungen und Handlungen

Den fundamentalen Einsichten entsprechen fundamentale Haltungen. Den Haltungen als ganzheitlichen Verfasstheiten menschlicher Existenz entsprechen wiederum Handlungen. Denn Haltungen setzen sich in Handlungen um. Einer klassischen, auf Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) zurückgehenden Unterscheidung folgend lassen Handlungen sich ihrerseits in zwei Klassen differenzieren, indem man zwischen dem „darstellenden“ und dem „wirksamen/organisierenden“ Handeln unterscheidet. Wendet man diese beiden Kategorien auf die im Anschluss an Paulus unterschiedenen drei Dimensionen christlicher Existenz bzw. die möglichen fundamentalen Haltungen christlichen Lebens an, dann ergibt sich folgendes Schema, innerhalb dessen ich jeweils die Dimensionen christlicher Existenz / fundamentale Haltungen in blauer, Darstellendes Handeln in schwarzer und Wirksames / organisierendes Handeln in grüner Schriftfarbe hervorgehoben habe:

Glauben an / Vertrauen zu Gott: Ich vertraue Gott als meinem Schöpfer.

Gebet als unmittelbarer Ausdruck des Glaubens: Als zum Ebenbild Gottes bestimmter Mensch spreche ich mit Gott.

Eintreten für die Menschenwürde (da alle Menschen zu Ebenbildern Gottes bestimmt sind).

Ich stehe dazu, dass ich Gott vertraue.

Bekenntnis, Verkündigung und Lehre: Ich spreche von / über Gott.

Eintreten für die Freiheit von Religion und Gewissen.

Hoffnung auf Gottes Handeln in Zeit und Ewigkeit: Ich hoffe auf Gottes Handeln an den Glaubenden und an allen Menschen – hier und heute, allezeit und überall.

Taufe als einmalige, feierliche Eingliederung in die Gemeinschaft der Glaubenden (Galater 3, 27f).

Eintreten für die Gleichheit der Menschen (in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht).

Liebe als konstruktive Proexistenz im Blick auf andere Menschen (und Geschöpfe): Ich lebe mit anderen und will konstruktiv mit ihnen leben.

Abendmahl als Bestätigung und Erneuerung der Gemeinschaft der Glaubenden (mit Kant: nach den „Gesetzen der Gleichheit“).

Eintreten für materielle Teilhabe und soziale Gerechtigkeit („Brot für die Welt“).

Weil ich die Menschen liebe, will ich in Frieden mit ihnen leben und Frieden stiften – soweit es an mir liegt.

Friedensgruß als symbolische Bekräftigung der Nächstenliebe („Aus Gottes Frieden leben“).

Eintreten für den irdischen Frieden („für gerechten Frieden sorgen“).

Weil ich die Menschen und Geschöpfe liebe, gebe ich ihnen den Segen Gottes weiter, den Gott mir geschenkt hat und weiterhin schenkt.

Zuspruch des Segens als Weitergabe des Segens Gottes an andere Menschen (und Geschöpfe).

Eintreten für die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen aller Menschen und Geschöpfe („Bewahrung der Schöpfung“).

Es liegt nahe, die mittleren (schwarz geschriebenen) Teile dieser Liste, also das darstellende Handeln, mit „gottesdienstlichen Handlungen“ im engeren Sinne des Wortes zu identifizieren, während die grün geschriebenen Teile, also das organisierende Handeln, die ethischen Grundpflichten des christlichen Lebens umschreibt. (9) Christenmenschen sollen daher im Alltag ihres Lebens eintreten für die Wahrung der Würde aller Menschen, für die Freiheit der Religion und des Gewissens (10), für die Gleichheit der Menschen – insbesondere auch für die Gleichheit der Geschlechter, für die materielle Teilhabe und soziale Gerechtigkeit auf der Welt, für die Förderung und Erneuerung des irdischen Friedens und für die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen aller Menschen und Geschöpfe. Es ist verständlich, dass nicht zu allen Zeiten alle diese ethischen Grundpflichten in gleichem Maße wahrgenommen und akzentuiert werden. Im Jahr 2019 ist es für viele Menschen in unserem Land die Klimafrage, die im Vordergrund steht („Fridays for Future“). Es dürfte aber einleuchtend sein, dass keine der genannten Pflichten von nachrangiger Bedeutung ist und vieles dafür spricht, dass die mit ihnen verbundenen Ziele nur erreicht werden können, wenn sie alle im Blick sind und keines dieser Ziele die anderen vollkommen dominiert und von der Tagesordnung verdrängt. An diese prinzipielle Gleichwertigkeit und Interdependenz ethischer Pflichten und Handlungsziele zu erinnern, ist eine wichtige Funktion der „17 Sustainable Development Goals“, die für das politische Handeln der in den Vereinten Nationen zusammengeschlossen Staaten in der Gegenwart Verbindlichkeit beanspruchen. (11)

Binnendifferenzierungen der drei Dimensionen christlicher Existenz

Abschließend möchte ich in die drei grundlegenden Dimensionen christlicher Existenz noch einige Binnendifferenzierungen einzeichnen, um die Phänomene noch etwas genauer zu umreißen und Missverständnisse zu vermeiden:

Erstens: Was Paulus als „Glaube“ bezeichnet, also das unbedingte Vertrauen zu Gott, der mich und alle Kreaturen geschaffen hat, kann in anderen Semantiken auch anders genannt werden und doch das identische Phänomen meinen. Wenn Martin Luther davon spricht, dass ich mein „Herz“ an Gott hänge, wenn Friedrich Schleiermacher das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ thematisiert und wenn Paul Tillich von dem redet, „was mich unbedingt angeht“ (the ultimate concern), dann sind dies sprachliche Wendungen, die wenn nicht synonym, so doch mindestens äquivalent sind mit dem, was bei Paulus „Glaube“ heißt. Glaube, als interpersonales Vertrauen verstanden, ist nicht identisch mit einer Meinung über etwas (das wäre „doxastischer“ Glaube: „doxa“ = Meinung), und er ist schon gar nicht eine unkritische Akzeptanz von Gegebenheiten. Christlicher Glaube jedenfalls schließt die Möglichkeit des Zweifelns ebenso ein wie die Notwendigkeit kritischen Denkens und Überprüfens.

Zweitens: Was Paulus „Hoffnung“ nennt, bezieht sich auch bei ihm selbst schon (und erst recht in späteren Zeiten) einerseits auf die irdisch-weltliche Hoffnung, also die Zuversicht, dass es in diesem Leben bessere und glücklichere Zeiten geben kann als manche, die vergangen sind, andererseits aber auch auf die eschatologische Hoffnung, der zufolge es ein Ende der Zeiten, eine Auferweckung der Toten und das ewige Reich Gottes geben wird, in dem alles Irdische sich vollenden wird. Die irdische und die eschatologische Hoffnung sind voneinander zu unterscheiden, auch wenn sie nicht völlig voneinander getrennt werden können. Welcher dieser beiden Hoffnungsaspekte überwogen hat, das hat die Kirchengeschichte und auch die Weltgeschichte jeweils unterschiedlich geprägt. Problematisch ist es aber stets dann gewesen, wenn beide Hoffnungsaspekte identifiziert wurden und ein „Ende der Welt“ zu einem bestimmten Zeitpunkt „x“ erwartet wurde, welches dann nicht eintrat.

Schon Paulus hatte im 1. Thessalonicherbrief, der wohl ältesten Schrift des Neuen Testaments (12), die Christinnen und Christen in Thessaloniki trösten müssen, weil deren Erwartung einer raschen Wiederkehr Christi und eines nahen Weltendes enttäuscht wurde. Einige von ihnen waren verstorben, und nun fragten sich die übrigen Gemeindemitglieder in Thessaloniki, ob diese denn nun verloren gehen würden, da sie die Wiederkehr Christi nicht erlebt hatten. Paulus argumentiert (1. Thessalonicher 4, 15-18)

mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zum Kommen des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Ruf ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und die Toten werden in Christus auferstehen zuerst. Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft. Und so werden wir beim Herrn sein allezeit. So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.

Wenn auch in für uns heute fremdartige mythologische Bilder verpackt, ist doch die Absicht des Apostels klar erkennbar: Er will trösten und Hoffnung machen. Zugleich aber macht er auch im weiteren Verlauf der Argumentation deutlich, dass es für Menschen schlechterdings nicht möglich ist, den Zeitpunkt „x“ des Weltendes vorherzusehen. Es empfiehlt sich also, das Hoffnungsphänomen auch intern differenziert zu betrachten: Es gibt Hoffnung auf ein sinnvolles und gutes Leben in dieser Welt, und es gibt eine Hoffnung über diese Welt und über den Tod hinaus.

Drittens: Auch für das Paulus so zentrale Phänomen der „Liebe“ (Agape) gilt, dass man es differenziert betrachten muss. (13) Nicht nur, weil „Agape“ etwas völlig anderes ist als „Eros“ oder „Philia“. Sondern auch, weil die Liebe zu den Mitgeschöpfen allgemein von der besonderen Liebe zu den Mitmenschen unterschieden werden muss. Sicherlich ist es geboten, sowohl Menschen als auch nicht-menschliche Geschöpfe in ihrem Status als Geschöpfe Gottes zu achten und gegenüber Tieren und Pflanzen so etwas wie eine „Ehrfurcht vor dem Leben“ (Albert Schweitzer) zu entwickeln und zu vertreten. (14)

Die Liebe zu den Mitmenschen besagt wiederum schon nach dem neutestamentlichen Zeugnis etwas Anderes, je nachdem, ob sie den „Geschwistern“ (Geschwisterliebe, wobei unter „Geschwistern“ diejenigen Menschen zu verstehen sind, die im Glauben an Gott miteinander verbunden sind), den „Nächsten“ (Nächstenliebe) oder sogar den „Feinden“ (Feindesliebe) gilt. Und noch ein Wesenszug eignet der Liebe in der Gestalt der Nächstenliebe: Sie gilt auch dem Liebenden selbst, denn wer den Nächsten lieben soll „wie sich selbst“, der muss ja auch fähig und in der Lage sein, sich selbst zu lieben – und zwar nicht mehr, aber auch nicht weniger als den oder die Nächsten. Innerhalb der einen, großen Dimension „Liebe“ gibt es also offenbar mehrere kleine Winkel- oder Binnendimensionen, die den von ihr eröffneten weiten Raum wiederum zu strukturieren erlauben.

Das führt zurück zur (als Analogon gemeinten) kosmologischen Eingangsthese, die ich im Anschluss an Stephen Hawking formulierte: Selbst wenn unser Universum in Wahrheit aus 10, 11 oder gar 26 Dimensionen bestehen sollte, ist es für unser Leben und Handeln in ihm durchaus hinreichend, von „nur“ 3 oder 4 Dimensionen auszugehen. Für das Leben der Christenmenschen in der ihnen gegebenen Nussschale sind jedenfalls diese drei Dimensionen fundamental: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Dr. Eberhard Martin Pausch (Pfarrer und Studienleiter)

Anmerkungen

(1) Vgl. Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit: Die Suche nach der Urkraft des Universums, Reinbek bei Hamburg 1988. S.204-208. Sowie ders.: Das Universum in der Nussschale, München 2003, S. 62-62, 186ff.
(2) Die Reihenfolge dieser drei Dimensionen variiert Paulus erkennbar: Im 1. Thessalonicherbrief wird jeweils zunächst der Glaube, danach die Liebe und zuletzt die Hoffnung genannt. Im 1. Korintherbrief wird dagegen zuletzt die Liebe genannt, und sie gilt Paulus dort auch als die wichtigste der drei Dimensionen. Diese (scheinbar) unterschiedliche Gewichtung der Dimensionen dürfte wesentlich dem jeweiligen Anlass geschuldet sein, aus dem heraus die Briefe entstanden: Die Thessalonicher fragten Paulus, ob Hoffnung für die Personen bestünde, die vor der erwarteten Wiederkehr Christi verstorben seien – Paulus bejahte dies emphatisch. Die Korinther hingegen pflegten nicht in jeder Hinsicht einen liebevollen Umgang miteinander, was Paulus durch seine ausgedehnte Korrespondenz mit ihnen klar (aber selbst wiederum liebevoll) zu korrigieren versuchte.

(3) Thomas von Aquino: Summe der Theologie, Bd. 2: Die sittliche Weltordnung, hg. von Joseph Bernhart, Stuttgart 1985, S. 356-362 (61. und 62. Untersuchung). Bernhart bezeichnet die vier „Angeltugenden“ in seiner Übersetzung als „Klugheit“, „Gerechtigkeit“, „Mäßigkeit“ und „Starkmut“ (a.a.O., S.356). Ohne Zweifel erkennt Thomas damit den hohen existenziellen Stellenwert der paulinischen Trias an. Jedoch beschränkt er sie, da er sie eben nur als Tugenden sieht, auf die Ebene der Moral. Das unterschätzt meines Erachtens ihren für die christliche Existenz absolut grundlegenden, kategorialen (und dimensionalen) Charakter.

(4) Henrik Ibsen: Peer Gynt: Ein dramatisches Gedicht (1867), Reclam – Stuttgart 2004, S.149.

(5) Eine damit zumindest verwandte Argumentation findet sich bei Paulus, der in 1. Korinther 7, 14 festhält, dass ein glaubender Ehepartner den (ungläubigen) anderen und sogar die gemeinsamen Kinder „heilige“.

(6) Was ich in diesem Aufsatz im Anschluss an Paulus darstelle, habe ich im Blick auf Jesus ausführlicher entfaltet in: Eberhard Martin Pausch: Jesus, Hauptdarsteller Gottes? Inszenierung als Schlüssel für einen vernunftgemäßen Glauben, Berlin 2019, vgl. dort vor allem S. 57-107.

(7) Junia ist die „verleugnete Apostelin“. Da man sich in späteren Zeiten nicht vorstellen konnte, dass in der Urgemeinde eine Frau ein Apostelamt innehatte, änderte man ihren Namen im Text in einen männlichen Vornamen („Junias“). Erst die neuere neutestamentliche Forschung konnte diesen Fehler korrigieren.

(8) Basale religiöse Handlungen sind solche, die schlechterdings nicht wegzudenken sind aus der religiösen Praxis einer Religion, ohne diese in ihrem Wesenskern zu beschädigen.

(9) Man könnte vielleicht auch vom „Gottesdienst im Alltag der Welt“ sprechen. In der mittleren Spalte ist dagegen der Gottesdienst als Bildungsinstitution der Kirche gemeint.

(10) Und zwar gerade auch für die Freiheit der anders Denkenden und anders Glaubenden. Vgl. hierzu meinen Aufsatz: „Frau, links, – gläubig? Eine theologische Erinnerung an Rosa Luxemburg“, in: Hessisches Pfarrblatt 3 (2019), 64-69.

(11) Ziele für nachhaltige Entwicklung (Wikipedia, abgerufen am 3.7.2019).

(12) Der 1. Thessalonicherbrief wurde nach allgemeiner Auffassung um das Jahr 50 nach Christus in der griechischen Hafenstadt Korinth verfasst. Alle anderen Paulusbriefe sind später entstanden, erst recht die vier Evangelien, deren ältestes, das Markusevangelium, vermutlich um 70 nach Christus geschrieben wurde.

(13) Immer noch lesenswert zum ganzen Umfang des vielgestaltigen und komplexen Phänomens der irdischen Liebe ist der aus psychoanalytischer Sicht verfasste Bestseller von Erich Fromm: Die Kunst des Liebens (1956), 60. Aufl. Frankfurt am Main 2003. Was die Bibel unter „Agape“ versteht, ist eine kleine Teilmenge all dessen, was in diesem Buch als „Liebe“ beschrieben wird.

(14) Der Begriff der „Ehrfurcht vor dem Leben“, den Albert Schweitzer (1875-1965) im Kriegsjahr 1915 so wirkungsmächtig geprägt hatte, ist in den letzten Jahrzehnten leider etwas in Vergessenheit geraten. Ich halte ihn immer noch für leistungsfähig. Schweitzer war seiner Zeit denkerisch weit voraus. Auf ihn gehen sowohl wesentliche Einsichten der Ökologiebewegung als auch Impulse für die Entwicklungshilfe – ganz besonders im Blick auf den Kontinent Afrika – zurück.

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