Kopf im Sand?

Wer den Kopf in den Sand steckt, will nicht mitfühlen, wenn es anderen in der Welt schlecht geht. Das Gegenteil drückt Jesus mit dem Bild vom Weizenkorn aus: Wer das Leben wirklich liebt, auch das der armen und verachteten Menschen, der wird es nicht immer bequem haben, aber er wird wirklich leben.

Rhea-Bird oder Nandu, im Sand liegend, mit dem Kopf auf dem Sand

Steckt ein Strauß oder Nandu wirklich den Kopf in den Sand? (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am 4. Sonntag der Passionszeit (Laetare), 21. März 1982, um 9.30 in Beienheim, 10.30 in Heuchelheim, 13.00 in Dorn-Assenheim
Lied EKG 66, 1-3 (EG 87):

1. Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen: für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.

2. Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet, was du an unsrer statt, was du für uns erduldet. Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan; o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?

3. Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben. Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil, dein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt‛s allein; wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht. (Johannes 12, 24)

Schriftlesung: 1. Korinther 15, 35-44

35 Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen, und mit was für einem Leib werden sie kommen?

36 Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.

37 Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem.

38 Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib.

39 Nicht alles Fleisch ist das gleiche Fleisch, sondern ein anderes Fleisch haben die Menschen, ein anderes das Vieh, ein anderes die Vögel, ein anderes die Fische.

40 Und es gibt himmlische Körper und irdische Körper; aber eine andere Herrlichkeit haben die himmlischen und eine andere die irdischen.

41 Einen andern Glanz hat die Sonne, einen andern Glanz hat der Mond, einen andern Glanz haben die Sterne; denn ein Stern unterscheidet sich vom andern durch seinen Glanz.

42 So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.

43 Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft.

44 Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.

Lied EKG 296, 1-3 (nicht im EG):

1. Schwing dich auf zu deinem Gott, du betrübte Seele! Warum liegst du, Gott zum Spott, in der Schwermutshöhle? Merkst du nicht des Satans List? Er will durch sein Kämpfen deinen Trost, den Jesus Christ dir erworben, dämpfen.

2. Schüttle deinen Kopf und sprich: Fleuch, du alte Schlange! Was erneust du deinen Stich, machst mir angst und bange? Ist dir doch der Kopf zerknickt, und ich bin durch Leiden meines Heilands dir entrückt in den Saal der Freuden.

3. Hab ich, was nicht recht, getan, ist mirs leid von Herzen; dahingegen nehm ich an Christi Blut und Schmerzen, das ist der bezahlte Lohn meiner Missetaten; bring ich dies vor Gottes Thron, ist mir wohl geraten.

Predigttext: Johannes 12, 20-26

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.

22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.

23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

25 Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt haßt, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.

26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Liebe Gemeinde!

Während ich über diese Predigt nachdachte, las ich gestern in der Wetterauer Zeitung den Artikel „Zum Nachdenken“ unter dem Titel „Zeichen der Zeit“ von meinem Kollegen Ulli Mühlenbeck. Er beschreibt die zeitkritische Federzeichnung von A. Paul Weber „Das Erwachen“: Da nimmt einer den Kopf aus dem Sand und sieht fassungslos, dass die Menschen um ihn herum den Kopf tief in den Sand gesteckt halten und die Beine in die Luft strecken.

Neben diesem Bild – „den Kopf in den Sand stecken“ – sehe ich nun das andere Bild vor mir, von dem Jesus spricht: Das Weizenkorn, das in die Erde fallen muss und sterben muss, um nicht allein zu bleiben und Frucht zu bringen.

Ich halte die Bilder so nebeneinander, weil sie so ähnlich scheinen, aber dennoch etwas ganz Verschiedenes meinen. Beide Male wird etwas in die Erde gesteckt oder gelegt, aber im einen Fall hat das schlimme Folgen, weil man nichts mehr sehen und hören kann, und im andern Fall kommt etwas Gutes am Ende heraus, was man zuvor gar nicht erwarten konnte. Es hat also nichts mit Dummheit oder „schwer von Begriff“-Sein zu tun, wenn man solche bildlichen Vergleiche nicht auf Anhieb versteht. Wir kommen leicht zu Missverständnissen, wenn wir uns nicht Zeit zum Nachdenken und Nachempfinden nehmen.

Das Bild vom Weizenkorn hat nichts mit Lebensüberdruss oder gar Aufforderung zum Selbstmord zu tun. Im Bild ist ein natürlicher Vorgang dargestellt, der Verfall des Samens, damit eine neue Generation des Lebens entstehen kann. Jesus hat sich nicht zum Leiden gedrängt, er hat schwer mit sich gekämpft, ob nicht dieser Kelch an ihm vorübergehen könnte; er hat das Leben mit seinen Freunden, mit allen, die er liebte, geliebt. Und doch hat er nicht versucht, sich seinen Verfolgern durch Flucht oder Gewaltanwendung zu entziehen. Wo es ihn etwas kostete, für Menschen einzutreten, sie nicht im Stich zu lassen, selbst seine Feinde zu lieben, ja sogar für sie sein Leben hinzugeben – da war das für ihn kein Ausdruck der Lebensverneinung, sondern er hat damit das Leben bejaht, das wahre, menschliche, von Liebe und Hoffnung erfüllte Leben. Das will Jesus mit dem Bild vom Weizenkorn ausdrücken: wer das Leben wirklich liebt, nicht nur sein eigenes, sondern auch das der armen und verachteten Menschen, wer also wirklich menschlich leben will, der wird es nicht immer bequem haben, der wird mit Menschen konfrontiert werden, die nicht an die Liebe glauben, die es ihren Mitmenschen schwer machen. Das Leben lieben, heißt seine Mitmenschen lieben; und das heißt oft auch: Schmerz erleben oder mit den Schmerzen anderer mitfühlen.

Und hierin unterscheidet sich das Bild vom Weizenkorn total vom Vogel Strauß: wer den Kopf in den Sand steckt, der will eben nichts Schlimmes mitbekommen, will nicht mitfühlen, wenn es anderen schlecht geht, weigert sich, darüber nachzudenken, was in der Welt vorgeht. Und wenn wir dann doch einmal den Kopf aus dem Sand herausnehmen und uns umschauen: vielleicht geht es uns dann so, wie in der anfangs beschriebenen Zeichnung dargestellt: die anderen machen nicht mit, die anderen wollen nicht hinsehen, die anderen haben zu viel Angst, die anderen finden es auch nicht gut, wenn wir zu genau hinschauen und sie immer wieder auf bestimmte Dinge hinweisen.

Liegt es vielleicht daran, dass sich nicht viel mehr Menschen dauerhaft am Gespräch darüber beteiligen, was wir für den Frieden tun können? Oder was wir für die Hungernden in der Welt tun können? Welche Verantwortung wir für die ausländischen Mitbürger in unseren Land und in unserem Dorf haben? Liegt es vielleicht daran, dass auch Menschen, die in seelischer Not sind, oft allein gelassen werden? Dass Menschen, die trauern, oft weniger besucht werden als früher, weil man nicht weiß, was man als Trost sagen soll?

Es hat unterschiedliche Gründe, weshalb wir nicht so genau hinsehen, wenn andere Menschen leiden. Wenn Menschen in nächster Nähe Probleme und Sorgen haben, dann stellt sich für uns die Frage, ob wir stark genug sind, mitzufühlen, möglicherweise sehr starke Hilflosigkeit zu spüren, und vielleicht nichts als ein Begleiter in sehr starkem Schmerz sein zu können. Wenn Menschen in anderen Ländern unter ungerechten Zuständen leiden, stellt sich die Frage, ob wir uns so genau informieren wollen, dass wir uns einigermaßen ein Urteil bilden können, und ob wir bereit sind, auch dann Stellung zu beziehen, wenn viele andere eine andere Auffassung vertreten. Wie oft glauben wir aus Bequemlichkeit wohl lieber einer Halbwahrheit, als dass wir uns ein vollständiges Bild von bestimmten Zuständen machen.

Ich möchte als Beispiel eine Meldung eines britischen Nachrichtensenders vom vergangenen Dienstagabend zitieren. Da wurde gemeldet: „Die türkische Regierung hat Vorwürfe dementiert, demzufolge sie 70 Gefangene habe zu Tode foltern lassen.“ Bei so einer Nachricht mag mancher denken: es wird also wohl doch nicht so grausam unter der dortigen Militärherrschaft zugehen wie mancher behauptet. Nun geht diese Meldung aber – vielleicht durch ein Versehen – noch weiter und enthüllt die ganze Wahrheit: „Die Regierung teilte mit, lediglich 15 Gefangene seien zu Tode gefoltert worden.“ So menschenverachtend kann man auch von der Seite bestimmter Regierungen, die zu unseren Verbündeten gehören, mit den Menschenrechten und mit der Wahrheit über Menschenrechtsverletzungen umgehen.

Wenn wir den Schmerz anderer Menschen in unser Leben hineinlassen, werden wir mehr Hilflosigkeit spüren. Wir werden vielleicht merken, dass wir selber ähnliche Probleme haben, die wir bisher verdrängt hatten. Wir werden vielleicht mehr Angst spüren, wenn wir merken, wie schlimm es oft in der Welt und sogar in unserer nächsten Nachbarschaft zugeht. Und doch ist es leichter, das behaupte ich, diese Angst auszuhalten, der wir ins Auge sehen, als den Kopf in den Sand zu stecken und dabei aber doch eine dumpfe Daseinsangst zu spüren. Denn durch das Kopf-in-den-Sand-Stecken gehen die realen Bedrohungen ja nicht weg. Krankheit, Trauer, seelische Probleme, Ungerechtigheit, wachsende Kriegsgefahr – das alles schaffen wir ja nicht aus der Welt, nur indem wir nicht hinsehen. Nur wenn wir genau hinsehen und uns dabei, weil wir nicht alles allein schaffen können, die Arbeit teilen, werden wir unterscheiden können, wo wir helfen können oder nicht, wo wir etwas ändern können oder wo wir nur helfen können, einen Zustand besser zu ertragen. Dabei wird dann Jesus bei uns sein; wir werden nicht allein sein, wenn wir helfen, die Lasten anderer mitzutragen, die Schmerzen anderer mitzufühlen. Jesus ermutigt uns auch, uns mit anderen Menschen zusammenzutun. Gemeinsam erfahren wir mehr darüber, wie wir anderen helfen können; in einer Gemeinschaft finden wir auch leichter jemanden, dem wir uns mit eigenen Sorgen und Problemen öffnen können.

Verstehen wir, was Jesus uns sagen will mit dem Bild vom Weizenkorn? Wer ihm dienen will, muss denselben Weg gehen wie er, soll nicht den Kopf in den Sand stecken vor eigenem und fremdem Schmerz und vor den Problemen der Welt. Wenn uns dabei bange wird, können wir uns das Wort gesagt sein lassen, das Gott dem Josua 1, 9 sagt:

„Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“

Amen.

Lied EKG 58, 3+9+10 (EG 78):

3. Jesus richtet aus sein Amt an den Menschenkindern, eh er ward zum Tod verdammt für uns arme Sünder, lehrt und rüst’ die Jünger sein, wusch ihn’ ihre Füße, setzt das heilig Nachtmahl ein, macht ihn’ das Kreuz süße.

9. Jesus ist das Weizenkorn, das im Tod erstorben und uns, die wir warn verlorn, das Leben erworben; bringt viel Frücht zu Gottes Preis, derer wir genießen, gibt sein’ Leib zu einer Speis, sein Blut zum Trank süße.

10. Jesu, weil du bist erhöht zu ewigen Ehren: Unsern alten Adam töt, den Geist tu ernähren; zieh uns allesamt zu dir, dass empor wir schweben; begnad unsers Geists Begier mit deim neuen Leben.

Abkündigungen: Freitag, 26. März, 20.00 Ökumenischer Gesprächsabend mit Dias in der alten Schule Heuchelheim zum Thema „Amos – Höret des Herrn Wort!“

Lied EKG 140, 1 (EG 157):

Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr. Herr, lass mich nur nicht wanken, gib mir Beständigkeit; dafür will ich dir danken in alle Ewigkeit.

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