Klinikseelsorge in der Psychiatrie

Vortrag im Gesprächskreis der evangelischen Kirchengemeinde Armsheim/Rheinhessen.

Eine Zeichnung der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Die Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Vielen Dank zunächst einmal für die Einladung in Ihren Gesprächskreis! Als ich kürzlich in unserem Bibelkreis in der Nervenklinik erwähnte, dass ich heute hier in Armsheim sein würde, da ist mir so rausgerutscht: „Da mache ich Reklame für die LNK!“ (LNK = Landesnervenklinik) Ja, so etwas Ähnliches habe ich vor; jedenfalls geht es mir darum, Verständnis zu wecken für die Patienten, die dort für eine kürzere oder längere Zeit leben müssen.

Doch am Anfang soll wie immer die Andacht stehen. Ich möchte auch hier schon einen Bezug zu meiner Arbeit in der Klinik herstellen und mit einem Lied beginnen, das ich dort fast jeden Monat mindestens fünfmal singe: „Großer Gott, wir loben dich!“ (Evangelisches Gesangbuch 331)

Großer Gott, wir loben dich

Ein paar Vorbemerkungen. Dieses Lied gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsliedern. Es ist aber eins von den Liedern, die unter den alten Patienten im Haus Alsenztal noch weitgehend bekannt sind, selbst bei den Männern, selbst bei manchen von den verwirrten Patientinnen und Patienten. Wenn ich dort Andacht halte und frage: Wollen wir das Lied singen „Großer Gott, wir loben dich!“ dann kommt immer Zustimmung, und mancher singt mit oder bewegt wenigstens die Lippen, von dem man es nicht gedacht hätte.

Nun mag dem einen oder andern die Frage kommen: Wie kann man denn angesichts des Elends da oben in der Nervenklinik überhaupt Gott loben?

Und da haben wir dieses meistgebrauchte Wort, das ich von Besuchern höre, wenn sie zu uns in die Klinik kommen (oder wenn Leute überhaupt nur an die LNK denken): Was für ein Elend! Diese armen Menschen!

„Elend“ – dieses Wort kommt auch in dem Psalm vor, den Jesus am Kreuz gebetet hat. Im Psalm 22, der mit den Worten beginnt:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Ja, das ist die Erfahrung auch manches Patienten in der Klinik: Gottverlassenheit, verzweifelte Sehnsucht nach Hilfe. Das kann man schon ein Elend nennen.

Aber an der Stelle, wo dieses Wort Elend nun wirklich wörtlich im Psalm vorkommt, im Vers 25, da ist es eingebettet in einen anderen Zusammenhang:

25 Denn er [Gott] hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.

Und davon möchte ich zu Ihnen reden in dieser Andacht: von dem Elend, dem man sich nähern, dem man sich aussetzen kann, dadurch, dass man weiß: Gott verachtet nicht den Elenden. Wissen Sie: wenn jemand sagt – „Was für ein Elend!“ – dann höre ich oft den Wunsch heraus: „Wäre ich doch bloß schnell wieder weg hier! Ich kann das nicht ertragen! Ich möchte das nicht mit ansehen, wie Menschen so leiden müssen!“

Gott sagt das nicht. Gott verschmäht nicht das Elend des Armen. Er verbirgt nicht sein Antlitz vor ihm. Er schaut hin und lässt sich anschauen. Und er hört hin auf das Schreien des Verzweifelten. – Und dieses Hinschauen, Hinhören, das kann man von Gott abkucken, das kann man von Gott lernen.

Was geschieht dann? Dann bekommt das Elend einen Namen. Aus namenlosem Elend werden die persönlichen Schicksale von Personen, von Männern und Frauen, die ihre eigene Geschichte haben, die auch ihre eigene Art haben, mit ihrem Schicksal fertig zu werden.

Dann sehe ich neben verbitterten Gesichtern auch eines, das mich jedesmal anlacht, wenn ich ans Bett trete. Dann höre ich auf die Frage: „Wie geht’s?“ zwar manchmal die Antwort: „mir geht’s dreckig“, aber oft auch andere Töne: „ich bin zufrieden“ – „ich bin ja in guten Händen“ – „man darf doch die Hoffnung nicht aufgeben“.

Was geschieht noch, wenn man genauer hinschaut in das, was wir das Elend der Patienten nennen? Unsere gesellschaftsüblichen Werte werden auf den Kopf gestellt. „Selig die Armen, die vor Gott nichts in der Hand haben!“ sagt Jesus in der Bergpredigt. „Selig die Leidtragenden, ja gerade sie, sie werden getröstet!“ (Matthäus 5, 3-4, eigene Übersetzung) Und wie Paulus es in einer persönlichen Offenbarung von Christus hörte: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ (2. Korinther 12, 9) In der Nervenklinik werden viele Menschen mit dieser harten Wahrheit konfrontiert: Ich kann nicht mehr so wie früher. Ich habe mich nicht mehr vollkommen unter Kontrolle. Ich war doch immer stark, konnte mich immer zusammenreißen, und jetzt bin ich hier, bin schwach, bin auf Hilfe angewiesen. Für viele ist das ein Schock, ein Zusammenbruch von allem, was bisher ihr Leben ausgemacht hat.

Doch für manche beginnt dann die langsam keimende Einsicht: schwach sein – vielleicht ist das ja gar nicht die absolute Katastrophe. Vielleicht gehört das ja sogar zum Leben dazu. Vielleicht hat man sich ja immer etwas vorgemacht, als man dachte, man könne sich im Leben eigentlich nur auf sich selbst verlassen und man brauchte niemanden sonst. Und manche fangen an, umzulernen, Hilfe annehmen zu lernen, zufrieden zu sein mit kleinen Schritten, die man gehen kann.

Dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist, hat Gott selbst erfahren. Gott selbst, der persönlich in der Gestalt Jesu am Kreuz gehangen hat. Gott selbst, der die Verzweiflung der Gottverlassenheit am eigenen Leibe gespürt hat. Jesus hat ja diesen Psalm 22 selber gebetet:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Er hat im folgenden Vers Sätze ausgesprochen, die ich auch schon von Patienten gehört habe:

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Und doch konnte Jesus im gleichen Atemzug doch ein Gotteslob anfügen:

4 Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

Und wissen Sie: das gleiche erlebe ich auch in der Klinik: nirgendwo sonst habe ich bisher erlebt, dass das Lob Gottes so nahe gelegen hätte.

Nicht dass jeder dort ein gläubiger Mensch wäre. Aber das Fragen nach Gott liegt anscheinend viel näher, als wenn man in seinen Alltagsgeschäften kaum zum Atemholen kommt.

Und es ist ja nicht so, dass unser Lob Gottes das Leiden der Menschen ausklammert: Wir loben ja den „starken Helfer in der Not“. Wir stellen kritische, zweifelnde Fragen, es werden in Gebeten auch Klagen und Anklagen formuliert. Doch Gott hält das aus, denn „er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.“ Amen.

Wir singen das Lied 638 aus dem Evangelischen Gesangbuch:

Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe.

Ich möchte noch einmal bei einer Bemerkung anknüpfen, die ich vor meiner Andacht gemacht habe: ich singe „Großer Gott, wir loben dich“ jeden Monat mindestens fünfmal. Das möchte ich doch etwas genauer erläutern.

Das hängt nämlich mit einem meiner Hauptarbeitsbereiche zusammen, mit meiner Tätigkeit im Bereich der sog. Gerontopsychiatrie, d. i. die nervenärztliche Betreuung der über 65-jährigen Patienten in der LNK Alzey. Auf diesen fünf Stationen biete ich mindestens einmal im Monat (wenn es geht, sogar 14-tägig) eine Andacht an, und da ist eben – wie gesagt – eins der Lieblingslieder dieses Lied. „Lobe den Herren“ kommt auch fast jedesmal vor, und besonders beliebt ist „So nimm denn meine Hände“. Dann singen wir aber auch Volkslieder.

Im inhaltlichen Teil, bei den Texten und Gebeten, da muss ich Unterschiede machen, je nachdem, auf welcher Station ich bin. Es gibt da drei geschlossene Stationen mit mehr oder weniger verwirrten Patientinnen bzw. Patienten. Da lese ich meist eine einfache Geschichte vor, z. B. aus den Vorlesebüchern Religion, um einfach ein bisschen Abwechslung und einfachen Stoff für eine geistige Anstrengung zu bieten. Oder ich versuche es mit kleinen Ratespielen, zeige auch mal Dias. Ähnlich auf der Langzeitstation, wo manche Patientinnen schon seit Jahrzehnten in der Klinik sind; deren Leben Tag für Tag nach dem gleichen Schema abläuft; die freuen sich einfach sehr über jede Abwechslung. Etwas anders ist es auf der offenen Station (ich rede immer noch von dem Bereich der über 65-jährigen): dort steht die Bibelauslegung im Vordergrund, abgestimmt auf die Probleme der Patienten, die zum größeren Teil unter Depressionen leiden.

Ich habe einfach mal mit diesem Teil meiner Arbeit angefangen, weil ich hier bei Ihnen ja auch so eingestiegen bin, mit einer Andacht, mit Gitarrenspiel. Weitaus im Vordergrund steht bei meiner Arbeit als Krankenhausseelsorger jedoch das Einzelgespräch. Das kann ganz verschieden aussehen. Auf der offenen Station gibt es manchmal lange Gespräche über die Lebensgeschichte eines einzelnen. Gespräche über Glaubensfragen: Warum lässt Gott mich so leiden? Warum lässt er den Golfkrieg zu? Warum hilft er mir nicht? Auf den geschlossenen Stationen sind Gespräche nicht immer so einfach zu führen, weil die Krankheiten schwerer sind, der Bezug zur Wirklichkeit oft stark beeinträchtigt ist. Hier sind es oft kurze Kontakte, regelmäßig jede Woche einmal, die eine große Rolle spielen, und wenn es nur die gleichen Worte sind: „Wie geht’s?“ oder ein Händedruck, oder ein Gebet, das ein Patient, der sonst kaum noch sprechen kann, vielleicht sogar mitmurmelt.

Mein zweiter Arbeitsbereich liegt im Bereich der akuten bis mittelfristigen Psychiatrie. Es ist so: wenn jemand im Alter zwischen 18 und 65 plötzlich seelisch überhaupt nicht mehr zurechtkommt, wenn kein Nervenarzt mehr helfen kann, also z. B. wenn einer Stimmen hört, sich ständig grundlos verfolgt fühlt, völlig ausrastet, sich nicht mehr unter Kontrolle hat, oder wenn einer einen Nervenzusammenbruch erleidet, versucht hat, sich umzubringen, dann kann es sein, dass er freiwillig oder gezwungen auf eine der Akutabteilungen in der Nervenklinik im Haus Nahetal kommt. Dort findet er neben den Ärzten, dem Pflegepersonal, der Sozialarbeiterin und den Leuten von der Beschäftigungstherapie einmal in der Woche auch einen Seelsorger vor, der auf die Station kommt, mit dem man reden kann (aber nicht muss), und der wirklich sehr gern und viel in Anspruch genommen wird, um wirklich buchstäblich über Gott und die Welt zu reden.

Manche werden nach ein paar Wochen wieder entlassen, andere müssen länger bleiben, die meisten kommen nach einiger Zeit, wenn es ihnen etwas besser geht, auf einer der offenen Stationen ins Haus Jakobsberg. Da gibt es nun auch noch Psychologen, die eine Gesprächstherapie anbieten – einzeln und in der Gruppe. Es geht praktisch darum, denjenigen, die den Ursachen ihrer seelischen Störungen auf den Grund gehen wollen, dazu eine erste Hilfestellung zu leisten.

Als Seelsorger arbeite ich auf dieser Station gut mit dem ärztlich-psychologischen Team zusammen. Denn man kann hier nicht nur nebeneinander oder gar gegeneinander arbeiten, sonst könnte man Patienten schaden. D. h. wenn ich weiß, dass jemand regelmäßige Einzelgespräche beim Psychologen hat, werde ich darauf achten, meine Gespräche mit diesem Patienten nicht zu sehr ausufern zu lassen – sonst könnte es passieren, dass er sich z. B. in die Seelsorge immer dann flüchtet, wenn die Therapie für ihn zu anstrengend wird. Wir ergänzen uns mittlerweile ganz gut; Psychologen schicken auch mal Patienten zu mir, wenn es um Fragen geht, für die sie sich nicht kompetent fühlen, z. B. die Frage nach Schuld und Vergebung, oder die Frage: Woher bekomme ich im Leben einen Halt?

Auf dieser offenen Station ist es auch, wo wir eine regelmäßige Bibelgesprächsgruppe haben. Da kommen nicht viele Leute, zwischen vier und acht, allerhöchstens mal zehn Leute, aber es ist ein immer sehr fruchtbares und sowohl bibelorientiertes als auch lebensnahes Gespräch.

Ich bin auch noch in anderen Bereichen tätig, z. B. auf einer Station, wo alkohol- und drogenabhängige Patienten entgiftet werden; außerdem betreue ich noch zwei Stationen im Kreiskrankenhaus; aber darauf möchte ich jetzt nicht so ausführlich eingehen.

Erwähnen möchte ich noch, wo ich nicht arbeite: im Bereich der Neurologie, im Bereich der eher geistig behinderten und Langzeitpatienten, und im Bereich der aus psychischen Gründen straffällig gewordenen Patienten. Diese Bereiche werden von meinen beiden Kollegen betreut, die ebenfalls in der LNK arbeiten (da ist noch ein katholischer und ein evangelischer Seelsorger). Auch die Tagesklinik und die Wohngruppen, die es außerhalb der Klinik in Alzey gibt, werden von meinen Kollegen betreut.

Etwas, was alles andere übergreift, ist die Gottesdienstarbeit. Denn in den Gottesdienst am Sonntag in unserer Klinik-Kapelle können grundsätzlich alle Patienten gehen. Gottesdienst in der LNK ist für mich etwas sehr Schönes. Da weiß ich: Wer dort sitzt, der braucht wirklich Gottes Nähe oder Gottes Zuspruch, oder er fragt jedenfalls inmitten vieler Zweifel irgendwie nach Gott.

Gottesdienst in der LNK halten bedeutet etwas Ähnliches, wie wenn man in der Gemeinde Familiengottesdienst hat. Es gilt, denen, die geistig nicht allen Gedankengängen folgen können, doch jedenfalls bildhaft anschaulich etwas anzubieten, von dem sie seelisch satt werden. Und es gilt, die geistig anspruchsvollen Patienten nicht zu unterfordern. Allerdings – in einem sind alle gleich: Sie brauchen – und darin fühle auch ich mich ihnen gleich – geistliche Nahrung für ihre Seele. Vielleicht ist es dort in der Klinik nur noch deutlicher als woanders: Predigt, Gottesdienst, darf nicht in erster Linie Forderung, Gesetzespredigt, Aufruf und Appell sein. Nein, Predigt muss Nahrung für die Seele sein, und wer gesättigt und gestärkt ist, der verträgt auch den einen oder anderen Anstoß zum Nachdenken, zum Umlernen, zu bestimmten veränderten Schritten in seinem Leben. Aber das gilt eigentlich auch für Gesunde nicht anders als für Patienten.

Letzte Bemerkung, bevor Sie mich mit Fragen löchern können, und ich Ihnen auch einige Fragen stellen möchte: Ich sagte, dass grundsätzlich alle Patienten in der Gottesdienst kommen können. Dazu gibt es zwei Einschränkungen. Es dürfen nur die kommen, die Ausgang haben. Und es können nur die kommen, die einigermaßen gut zu Fuß sind und so gut orientiert sind, dass sie auch wieder zu ihrem Haus zurückfinden. Mit anderen Worten: es würden durchaus noch einige Patienten mehr zur Kirche kommen, wenn jemand da wäre, der sie abholte und wieder in ihr Haus zurückbrächte. Seit einiger Zeit sind wir auf der Suche nach Leuten, die Lust und Zeit hätten, um sich in dieser Weise vielleicht einmal im Monat für Patienten einzusetzen.

Und nun fragen Sie zurück! Was möchten Sie noch wissen zu meiner Arbeit in der Nervenklinik? Oder haben Sie noch Fragen zu meiner Andacht?

* * *

Nun habe ich noch eine Frage an Sie: Wenn Sie von der Nervenklinik hören, was haben Sie dann für ein Gefühl, was geht Ihnen durch den Sinn?

* * *

Vorschläge:

  • Gottesdienstabholdienst?
  • Teilnahme oder Mitgestaltung im Gottesdienst?
  • Teilnahme einzelner bei Andacht oder Bibelkreis?

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