Worte, die die Seele erreichen

Trauerfeier für einen Mann, der sich schwergetan hat mit der Kirche. Wie finden wir als Christen Worte, die die Seele auch derer erreichen, die Trost und Ermutigung brauchen, aber schon einmal die Erfahrung machen mussten, durch Gottes Bodenpersonal vor den Kopf gestoßen zu werden?

Worte, die die Seele erreichen: Jesu am Kreuz gefesselte Hand hält die Hand, die wir zu ihm ausstrecken

Jesu am Kreuz gefesselte Hand hält die Hand, die wir zu ihm ausstrecken (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Ein schwerer Weg liegt vor Ihnen, wir wollen ihn mit Ihnen gemeinsam gehen. Wir halten die Trauerfeier aus Anlass des Todes von Herrn H., der im Alter von [über 60] Jahren, genau am Ende seines Arbeitslebens, gestorben ist.

Es ist schwer, in dieser Situation nicht zu viele Worte zu machen. Worte können so leer sein, so kraftlos, so weit entfernt von jedem Trost. Wir suchen nach Worten, die echt sind, die wahrhaft trösten, weil sie den Schmerz nicht überspielen, sondern aushalten und durchstehen helfen.

In der Bibel heißt es (im Psalm 145, 18):

Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen.

Darauf vertrauend rufen wir dich an, Gott, und bringen vor dich, was uns erschüttert und bewegt. Worte der Psalmen nutzen wir dabei, denn die Beter dieser alten hebräischen Lieder verstanden sich auf die Sprache der menschlichen Seele.

Wir beten mit Psalm 31:

2 Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

5 Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.

6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

8 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not

9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.

10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib.

15 Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!

16 Meine Zeit steht in deinen Händen.

17 Lass leuchten dein Antlitz über [mir]; hilf mir durch deine Güte!

18 HERR, lass mich nicht zuschanden werden; denn ich rufe dich an.

22 Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt.

23 Ich sprach wohl in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie.

Liebe Familie H., liebe Trauergemeinde!

Ihr Ehemann und Vater, Ihr Schwiegersohn, Ihr Nachbar, Freund und Bekannter, den Sie geliebt und geschätzt haben, ist so plötzlich gestorben, dass Sie es noch gar nicht fassen können. Er war zwar schon seit Jahren krank gewesen, aber mit diesem Ausgang seines jetzigen Aufenthalts im Krankenhaus hatte niemand gerechnet. Bestürzt und zunächst ratlos stehen wir da, wenn wir begreifen wollen, was geschehen ist, und wenn wir Trostworte suchen.

Wenn wir uns an das erinnern, was Sie mit Herrn H. erlebt haben und wie Sie von ihm geprägt worden sind, treten viele Begegnungen ins Gedächtnis, und all das will bewältigt sein. Vor allem das eine, dass dies alles nun unwiderruflich vorbei ist.

Erinnerungen an den Lebenslauf des Verstorbenen

Mit der Kirche hat Herr H. sich in seinem Leben schwer getan. Das darf ich hier offen sagen, denn zum einen gebe ich damit kein Urteil ab über seine Beziehung zu Gott. Wie jeder Mensch ist auch Herr H. auf die Liebe und Gnade Gottes angewiesen und wir geben ihn im Tod in die Hände dessen, der nicht äußerliche Dinge, sondern das Herz des Menschen anschaut. Zum andern hat er Gründe für seine Vorbehalte geben die Kirche gehabt, die ich gut verstehe. Es hat wohl nur einen Menschen in seiner Jugend gegeben, einen Patenonkel, der ihm nicht ein abstoßendes Bild von der Kirche vermittelt, sondern ihm weitergeholfen hat.

Das hat mir zu denken gegeben. Wir, die wir in der Kirche trotz aller Mängel mitarbeiten, wie schwer tun wir uns mit Menschen, die enttäuscht sind von der Kirche? Wir müssen lernen, dass die Kirche nicht dazu da ist, den Menschen zusätzliche Lasten aufzuerlegen, sondern richtig heißt es (Galater 6, 2):

Einer trage des andern Last.

Überhaupt, wenn wir Menschen begegnen, die trauern oder andere Belastungen zu tragen haben – wie schwer fällt es uns, die richtigen Worte zu finden, die die Wahrheit aussprechen und nicht verletzen, die wirklich Trost vermitteln und nicht billig vertrösten. Darauf möchte ich nun noch ausführlich eingehen, auf Worte, die trösten können.

Worte, die hier am Platz sein sollen, müssen die Seele erreichen. Es ist nicht leicht, solche Worte zu finden, weil wir es gar nicht gewohnt sind, über das zu sprechen, was unsere Seele braucht. Es ist auch kaum üblich, von unseren religiösen Gefühlen und Gedanken zu reden. Und auch wenn wir vorgeprägte Worte benutzen, biblische, kirchliche, seit langen Jahrhunderten überlieferte, dann bleiben sie für uns oft leere Sprüche aus einer längst überholten Zeit.

Nur lebendige Worte können uns helfen. Aber wer ist wahrhaft lebendig, wer ist Herr über das Leben, das uns nur eine begrenzte Zeitspanne zur Verfügung steht? Welche Worte schaffen Leben? Ist Gott für uns noch der Lebendige, der Herr über Leben und Tod? Gibt es noch Worte, die wohl von Menschen gesprochen worden sind und uns doch als ein Gotteswort berühren? Kann ein Wort Gottes sich für uns als Lebenskraft erweisen?

Wenn wir Zutrauen zur Bibel finden und Worte Gottes unbefangen auf uns wirken lassen, dann mag sich manches dieser Worte in unserem Leben einnisten – so wie die Schwalben, die unmissverständlich deutlich machen, dass auf einen Winter auch wieder ein Frühling folgt. Zwar macht eine Schwalbe noch keinen Sommer, und ein einmaliger Versuch, die Bibel zu verstehen, kann auch erst einmal scheitern. Ein großer Abstand ist ja zwischen uns und der Zeit, in der die Bibel aufgeschrieben wurde; und es hat in der Geschichte der Kirche auch viele Versuche gegeben, den offenen Zugang zur Bibel und überhaupt die Eigenverantwortung der Christen eher einzuengen. Aber dennoch – der persönliche Glaube kann wachsen, und auch eine Kirchengemeinde kann eine lebendige Gemeinschaft werden – überall da, wo die, die schon zum „alten Stamm“ der Kirche gehören, einladend auf die anderen wirken und sie nicht unter Druck setzen.

Auf der Suche nach Worten, die nicht leer sind, die das Wesentliche dieser Stunde zu fassen vermögen und die auch tragfähig bleiben für die Zeit der Trauer, bin ich auf die folgenden Worte Jesu gestoßen (Matthäus 11, 28-30):

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Hier spricht der lebendige, wahre Gott: Jesus, der uns nicht unerträgliche Lasten auferlegt, sondern der die Beladenen zu sich ruft, um ihnen die schwere Last abzunehmen. Lebendig ist dieser Gott, nicht eine bloße Idee, sondern ein ansprechbares Gegenüber für uns Menschen. Und das nicht nur damals, sondern auch heute, wenn ein Wort von ihm uns aufrichtet, uns neuen Mut und Trost und Zuversicht gibt.

Zugleich ist dieser Text ein Beispiel dafür, wie leicht man die Worte Gottes missverstehen konnte und verdreht hat. Jesus sagt ja hier auch: „Nehmt mein Joch auf euch“! Das haben viele Christen missverstanden, als wolle Gott uns doch belasten mit schweren Geboten und Verboten, mit einem Leben in Trübsal und unter ständigem Druck.

Aber nein, Jesus sagt es ausdrücklich: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Er stellt zwar mein Leben in Frage – das ist das Joch, die Verunsicherung, die Grenze, die er mir auferlegt – aber nicht indem er mich zerstören, klein machen, verurteilen will. Vielmehr gibt er mir zu verstehen: „Was machst Du es Dir in Deinem Leben oft so schwer – und damit oft auch Deinen Mitmenschen? Was versuchst Du mit aller Gewalt den Sinn Deines Lebens zu erkämpfen? Das hast Du doch gar nicht nötig! Dein Lebenskampf ist längst entschieden, denn Du bist für Gott wertvoll und wichtig Mensch, Du bist geliebt von Gott.“

Jesu Joch und Jesu Last ist anders als die Lasten, die wir uns selbst auferlegen. Sein Joch ist sanft; er zeigt uns eine klare, aber menschliche Grenze: Er will, dass wir den Nächsten lieben wie uns selbst. Aber nie hat er verlangt, dass wir nur für die anderen Menschen da sein sollen. Stattdessen spricht er ausdrücklich davon, wie wichtig es ist, dass wir uns selbst liebhaben und annehmen.

Und die Last, die wir nach Jesu Willen tragen sollen, ist nicht zu schwer für uns. Denn wir sollen gerade nur die Last des heutigen Tages tragen und die Schritte gehen, die zum Morgen führen. Das ist schwer genug manchmal, gerade wenn uns ein schwerer Verlust getroffen hat, aber woran Menschen zerbrechen, das ist oft nicht das Problem, das jetzt gerade zu bewältigen wäre, sondern es sind zentnerschwere Lasten der Vergangenheit oder der düstere Blick in die Zukunft.

Wir sollen nicht kaputtgehen an den Lasten der Vergangenheit; alles, was war, hat Christus für uns getragen, fremde und eigene Schuld, vergebliche Bemühungen, einen Sinn im Leben zu finden, Stunden der Angst und der Hoffnungslosigkeit. Und auch was kommen wird, steht in Gottes Hand. In die eigene Hand nehmen können wir unser Leben nur im Heute, nur in diesem Augenblick, den wir erleben. Für diesen Augenblick tragen wir Verantwortung, das ist die Last, die uns Jesus auferlegt. Und mit dieser Last lässt er uns nicht allein dastehen.

Ist dieser Jesus anders, als das Bild, das wir von Gott in uns tragen? Gott überwältigt uns nicht mit seiner Allmacht, sondern er ist ein menschlicher Gott, ein scheinbar schwacher Gott. Er sagt nicht: Ich nehme euch alle Sorgen ab. Schmerzen und Trauer müssen ertragen und durchgestanden werden. Es wäre unmenschlich, wenn es anders wäre. Je mehr wir einen Menschen geliebt haben, desto mehr tut auch der Abschied weh. Und zur Trauer gehören die Tränen, die geweint sein wollen. Aber Gott ist in all dem unser Begleiter, er ist wie eine Mutter, die uns tröstet.

Gott hat seine Allmacht mit voller Absicht beschränkt – eingegrenzt durch die Liebe. Er regiert mit Liebe, weil er selbst die Liebe ist. Er zwingt niemanden zum Glauben, lässt sogar seine Feinde am Leben, und hört nicht auf, die zu lieben, die ihn verlassen. Diese Art Liebe wirkt manchmal etwas hart auf die, die es Gott ganz besonders recht machen wollen. Ist denn das alles nichts wert, wenn man ein rechter Christ sein will, wenn man ein anständiges Leben geführt hat, wenn man nicht zu den offensichtlichen Sündern gehört hat?

Doch, aber nicht in der Weise, dass wir uns mit all dem vielleicht doch ein Stück Anerkennung und Liebe verdienen könnten. Fromme Menschen bilden sich oft ein, sie hätten vielleicht doch bei Gott einen besonderen Stein im Brett. Darum geht es aber nicht. Wir sind nicht auf der Welt, um im Rennen um die Gunst der Menschen oder Gottes besser oder schlechter abzuschneiden als andere, sondern wir sind, jeder auf seine Art, von Gott beschenkte Menschen. Auch unsere eigenen Fähigkeiten sind uns nur anvertraut von Gott – auf Zeit. Wenn wir mit diesen Gaben Gutes tun, ist das wirklich eine Menge wert – dann, wenn wir es einfach tun aus Dankbarkeit und Freude über das, was Gott uns Gutes getan hat!

Das bedeutet: Gott hilft nicht nur dem einzelnen Menschen, der zu ihm betet, sondern gibt uns auch den Mut, auf Menschen zuzugehen, die mit uns leben. Wir brauchen einander und können voneinander viel bekommen an gegenseitiger Zuwendung und Unterstützung. Das gilt gerade in der Zeit, in der das Alleinsein und die Auseinandersetzung mit schmerzlichen Erinnerungen unsere ganzen Kräfte erfordern. Amen.

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