Pfingsten ist Muttertag

Familienpartnerschaft - Mutter und Vater bilden mit ihren Händen ein Dach über zwei Kindern

Familienpartnerschaft (Grafik: pixabay.com)

In diesem Jahr fällt der Muttertag mit den Geburtsfest der Kirche zusammen: Pfingsten. Die christliche Gemeinde erlebte vor fast 2000 Jahren den Geist Jesu als ein Geschenk, das sich erstaunlich auswirkte: „Jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden“ (Apostelgeschichte 2, 6). Jeder fühlte sich mit seinen Erfahrungen, Gefühlen und Wünschen verstanden. Gemeinschaft war zwischen Menschen verschiedener Rassen und sozialer Schichten, verschiedener Religionen und politischer Anschauungen möglich. Wer Pfingsten feiern will, kann sich auf den immer neuen Versuch einlassen, Konflikte im Geist der Liebe zu lösen, also zwar möglicherweise hart, aber nicht gewaltsam, z. B. durch ein Gespräch, in dem jeder auf den anderen hört, und nicht durch ein Machtwort, das der Stärkere spricht, oder durch Berufung auf das, was immer schon üblich war.

Wollen Sie mit mir aus diesem Geist heraus über den Muttertag nachdenken?

Wenn am Muttertag Mann und Kinder die Frau etwas entlasten bei ihrer Sonntagsarbeit, dann liegt darin Dank für die schwere, oft eintönige Arbeit der Mutter, von der es so gut wie keinen Urlaub gibt. Ich vermute allerdings, dass auch ein wenig schlechtes Gewissen darin zum Ausdruck kommt; die Frauen sollen wenigstens einmal im Jahr für viele Dinge entschädigt werden: Sie können sich beruflich weniger entfalten als die Männer, wenn sie ihre Kinder nicht vernachlässigen wollen; sie haben damit auch weniger Gelegenheiten, ihren Bekanntenkreis zu erweitern. Sie sind finanziell von ihrem Mann abhängig. Die Arbeit der Hausfrau und Mutter wird an anderen Tagen als dem Muttertag so gering eingeschätzt, dass sich kaum ein Mann vorstellen kann, Hausmann und kinderversorgender Vater zu sein. „Haushalt ist Frauensache“, wird gern behauptet, „und schließlich kriegen doch die Frauen die Kinder, oder?“ Das war eben immer so üblich.

„Ein kleines Kind braucht mütterliche Fürsorge und Liebe“, so begründen Schülerinnen ihre Absicht, später freiwillig auf ihre Berufstätigkeit zu verzichten; solche Sätze sind auch oft in Erziehungsbüchern zu lesen. Der Satz ist nur halbwahr. Unbestreitbar braucht ein Kind die Geborgenheit und Pflege bestimmter fester Bezugspersonen. Für Frauen und Männer verhängnisvoll erscheint mir aber die so selbstverständlich klingende Voraussetzung, dass eine solche Bezugsperson in den ersten Lebensmonaten und -jahren fast ausschließlich die Mutter sein soll.

An einem Muttertag, der mehr ist als ein Versuch, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, könnten Männer mit ihren Frauen überlegen, wie sie z. B. gemeinsam die Freuden und Anstrengungen der Schwangerschaft durchleben können oder wie der Mann seiner Frau helfen kann, die Schmerzen der Entbindung durchzustehen. Sie könnten überlegen, welche Mitverantwortung der Mann für die Säuglingspflege, die Kindererziehung und die Hausarbeit übernehmen kann. Nur zu wenigen Dingen sind Männer nicht imstande, nämlich ein Kind auszutragen und zu stillen. Doch heute können Männer gemeinsam mit ihren Frauen in Schwangerschaftskursen lernen, wie sie ihrer Frau bei der Entbindung eine Hilfe sein können. In Säuglingspflegekursen bekommen wir Nachhilfeunterricht im Umgang mit kleinen Kindern.

Wir haben es erlebt, es geht: Ich bin meinem Sohn (1 Jahr) als Vater eine ebenso enge Bezugsperson geworden wie meine Frau; so haben wir beide den Spaß und die Freude mit dem Kind, und wir teilen uns auch, so gut es geht, die unumgängliche Arbeit, Nervenbelastung und die Sorgen, die ein Kind mit sich bringt.

So gut es geht – denn ein Problem haben auch wir nicht gelöst: So lange es keine sinnvolle Möglichkeit der Teilzeitarbeit für beide Elternteile gibt, wird schon aus finanziellen Gründen in vielen Familien die Frau ihren Beruf aufgeben, sobald sie ein Kind bekommt.

Am Muttertag ist eine gute Gelegenheit, sich gemeinsam Gedanken zu machen, wie die Frau auch in der übrigen Zeit des Jahres mit ihren Interessen und Wünschen zu ihrem Recht kommen kann und wie Mutter und Vater sich in eine gemeinsame „elterliche Fürsorge und Liebe“ für die Kinder einüben können.

Zum Nachdenken am Samstag, 13. Mai 1978, in der Wetterauer Zeitung von Helmut Schütz, Friedberg-Bauernheim

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