„Was soll ich predigen?“

Der Prophet Jesaja fragt Gott, was er predigen soll, und bekommt zur Antwort, dass die Menschen so verletzlich sind wie das Gras und die Blumen auf dem Feld. Nur durch Gottes Wort, das ewig ist, haben die Menschen Hoffnung.

Was soll ich predigen? Eine Landschaft, die an Jesajas Wort über Gras und Blumen und Gottes Wort erinnert - bunte Blumen auf einer Wiese unter einem bewölkten farbenfrohen Himmel

Die Bibel vergleicht den Menschen mit dem Gras (Bild: pixabay.com)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Wir haben uns hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn I., der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

So spricht Gott (Jesaja 46, 4):

Bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen
Eingangsgebet

Wir hören Worte der Bibel aus dem Prophetenbuch Jesaja 40, 6-8.27-31 – Worte des Propheten Jesaja zu seinem Volk Israel – Worte über das Auf und Ab des menschlichen Lebens, über den Wechsel von Starksein und Schwachsein, von Krankheit und Gesundheit, von Tod und Leben, von Trauer und Trost:

6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.

7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!

8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

EG 449, 2+7+8:

2. Mein Auge schauet, was Gott gebauet zu seinen Ehren und uns zu lehren, wie sein Vermögen sei mächtig und groß und wo die Frommen dann sollen hinkommen, wann sie mit Frieden von hinnen geschieden aus dieser Erden vergänglichem Schoß.

7. Menschliches Wesen, was ists gewesen? In einer Stunde geht es zugrunde, sobald das Lüftlein des Todes drein bläst. Alles in allen muss brechen und fallen, Himmel und Erden, die müssen das werden, was sie vor ihrer Erschaffung gewest.

8. Alles vergehet, Gott aber stehet ohn alles Wanken; seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund.

Liebe Frau I., liebe Angehörige des Verstorbenen, liebe Trauergemeinde!

Sie nehmen heute Abschied von einem Menschen, der Ihnen nahegestanden hat. Herr I. ist tot, wir vertrauen ihn den Händen Gottes an, legen seinen Leib in die Erde. Sie gehen den schweren Weg zum Grab und machen damit deutlich: Dieser Abschied ist endgültig; so lange wir selber noch hier auf Erden leben, gibt es kein Wiedersehen. Alles, was jeden einzelnen von Ihnen mit Herrn I. verbunden hat, ist zu einer Erinnerung aus der Vergangenheit geworden. Die langen Jahre der ehelichen Gemeinschaft, die prägenden Einflüsse des Vaters auf die Kinder, die vielen Begegnungen mit dem nun Verstorbenen – wie vieles gibt es da, was man mit Dankbarkeit, manches auch mit Wehmut oder mit gemischten Gefühlen betrachtet.

Ich selber habe Herrn I. nicht gekannt, aber Ihnen allen steht er vor Augen, so wie er mit Ihnen gelebt hat: Der beruflich und gewerkschaftlich und politisch engagierte Mensch. Der Mann voller Hilfsbereitschaft, wenn Kollegen, Nachbarn oder Bekannte ihn um einen Gefallen baten. Der auf familiären Zusammenhalt bedachte Familienvater, dem daran gelegen war, seinen Kindern viel von dem mitzugeben, was seine eigene Überzeugung war. Der Freizeitsportler, der noch im hohen Alter sein Goldenes Sportabzeichen machte. Der naturverbundene Hobbygärtner, der mit seinen Kindern immer dann spazierenging, wenn es anfing zu regnen, weil man dann im Garten nichts mehr machen konnte. Dieser Mensch mit all seinen Eigenschaften, mit Stärken und Schwächen, mit dem Schicksal, das ihm zugeteilt war – er ist tot. Und für Sie, die zurückbleiben, die weiter leben, beginnt der lange Weg der Trauer.

Und für diesen Weg der Trauer möchte ich Ihnen heute gern noch ein paar hilfreiche Worte sagen. Obwohl jeder, der hier steht, im Grunde genauso hilflos ist wie Sie selber. Niemand hat im Angesicht des Todes irgendwelche Patentrezepte zur Hand, niemand kann den Schmerz wegnehmen, wenn man trauert um einen geliebten Menschen, und man soll ja auch gar nicht die Tränen wegdrängen oder herunterschlucken. Was also kann ich Ihnen sagen, was Ihnen predigen? Der Text, den ich vorhin am Grab gelesen habe, begann mit folgender Wechselrede zwischen Gott und seinem Propheten Jesaja: „Es spricht eine Stimme: Predige!“ Und schon Jesaja fragte: „Was soll ich predigen?“

Ich möchte Ihnen ja Worte sagen, die nicht leer sind, Worte, die die Situation erfassen, die Sie in irgendeiner Weise heute erreichen, die vielleicht sogar trösten. Aber was soll ich predigen – angesichts der Erschütterung, die der Tod uns immer wieder zufügt?

Sie haben mir erzählt, dass Herr I. die Natur sehr geliebt hat. Die Natur war sein Hobby. Und als in diesem Frühjahr die Bäume und Sträucher besonders früh und rasch wieder in vollem Laub standen, hat er sich daran gefreut und gemeint: „So grün war das noch nie!“

Natur ist schön, aber sie hat auch eine Kehrseite. Alles Natürliche ist auch vergänglich, wie es in unserem Text heißt: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein.“ Derselbe göttliche Atem, der allen Wesen auf der Erde erst das Leben einhaucht, wird hier als die Ursache dafür gesehen, dass das Leben auch wieder endet.

Und nicht nur für die Welt der Pflanzen und Tiere gilt diese Vergänglichkeit, sondern auch für die natürliche Welt der Menschen: „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde… Ja, Gras ist das Volk.“ Verletzbar, mit sehr begrenzten Möglichkeiten ausgestattet ist auch der Mensch, die Krone der Schöpfung.

Vor Gott ist der Mensch nicht mächtiger als das Gras, und die Güte des Menschen, das, was ihn auszeichnet vor anderen Lebewesen, dass er gut sein kann, Liebe üben kann, in diesem Gutsein ist er auch nicht perfekt – „seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde“, sehr gefährdet, sehr bedroht von vielen Versuchungen, immer unvollkommen, so sehr wir uns auch bemühen.

Der Mensch ist inmitten der Natur so verletzbar, so gefährdet. Und im Unterschied zu den Pflanzen und Tieren weiß er um den Tod, um die Vergänglichkeit allen irdischen Daseins. Und darum haben wir Menschen auch Angst, wenn wir daran denken, dass wir sterben müssen, uns überfällt eine Scheu, wenn wir miterleben müssen, wie ein uns nahestehender Mensch stirbt, und wir machen uns Gedanken, ob der Tod denn das Letzte ist, was über uns Menschen zu sagen ist.

Der Bibeltext, den wir gehört haben, schaut realistisch die Welt an, wie alles vergeht, was uns eben noch Freude gemacht hat. Und zugleich weiß dieser Jesaja auch um etwas, das bleibt: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“

Wir sprechen im normalen Alltag nicht oft über Gott. Und diese Formulierung „das Wort unseres Gottes“, das klingt so, als ob es aus einer besonderen Sprache stammt, die man nur in der Kirche spricht und die nur Eingeweihte verstehen. Und doch will dieses Wort ein ganz konkretes Wort sein, etwas das uns anspricht, als wenn uns heute ein Freund, den wir lange nicht gesehen haben, nur anschaut oder in die Arme nimmt und gar nicht viel sagt, aber wir merken trotzdem: der fühlt aufrichtig mit, der versteht mich. Gott ist ja nicht weit weg in irgendeinem ganz fernen hohen Himmel. Nein, unsichtbar umweht uns Gottes Atem überall; an allen Orten sind wir umgeben von den wunderbaren Werken seiner Schöpfung; und seine leise, unaufdringliche Stimme können wir, wenn wir wollen, immer wieder vernehmen – lesend in der Bibel, hörend in der Predigt. Und was sagt uns diese Stimme, dieses leise Wort Gottes? Sie sagt uns: Du bist nicht allein auf der Welt, Liebe umgibt dich, Gott hält dich geborgen in seiner Hand, auch wenn du Schweres ertragen musst, auch wenn du fast am Verzweifeln bist, Gott lässt dich nicht fallen, lässt dich nicht verloren gehen.

Ja, leise ist diese Stimme, sie mag sich manchmal kaum durchsetzen gegen dem Lärm des Alltags, gegen die Marktschreier der Werbeagenturen, und manchmal denkt man: Da ist gar nichts zu hören, da ist gar kein Gott, nein, wir sind allein auf der Welt. Und selbst wenn es einen Gott gäbe – hätte der überhaupt ein Interesse an uns Menschen? Schon im Volk Israel vor Tausenden von Jahren waren solche Zweifel lebendig, so dass der Prophet Jesaja fragen muss: „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: ‚Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber‘?“ Immer haben sich Menschen gefragt: Warum kümmert sich Gott nicht um das Leid der Menschen, warum ist Gott ungerecht?

Aber unser Gott ist einfach kein Gott, der sich lautstark und mit äußeren Machtmitteln einmischt in unsere Welt. Wenige Menschen hörten seine mitfühlende und seine mahnende Stimme und sagten weiter, was sie gehört hatten. Und ein einzelner Mensch, der Mann Jesus von Nazareth lebte so sehr aus dem Vertrauen zu seinem Vater im Himmel, dass er ganz und gar vom Geist dieses Gottes durchdrungen war und wir ihn als den Sohn Gottes anbeten. Gott fühlt mit uns mit, Gott leidet mit in den Schmerzen dieses Jesus, Gott nimmt Anteil selbst an unserem Sterben und Tod, indem er in Jesus selber einen furchtbaren Tod erleidet.

Hilfe von Gott kommt also nicht einfach so von oben, so vom Himmel herabgefallen. Wo wir mit Gott zu tun bekommen, da geht es vielleicht ganz normal menschlich alltäglich zu. Da ist jemand müde und traurig – und kann dazu stehen, kann es zugeben, muss es nicht überspielen. Vielleicht findet er einen Menschen, dem er nichts vormachen muss, oder er kann vor Gott im Gebet sein Herz ausschütten. Oder es verliert einer seine Stärke und seine Kräfte und muss erfahren: es gibt auch noch eine andere Seite im Leben, man muss es aushalten, schwach zu sein, irgendwann muss man alles im Leben einmal loslassen. Auch das will gelernt sein, aber dafür gibt es keine besonderen Schulen, und in unserer Gesellschaft steht überall im Vordergrund die Frage: Was kann man tun, was ist zu machen? Man scheut sich, der Frage ins Auge zu blicken: Und wenn man nichts mehr MACHEN kann, ist dann alles aus?

Aber die Bibel kennt Antworten auf diese Frage. „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Ich habe es erlebt: wenn Menschen ganz am Ende sind, wenn sie meinen, jetzt geht überhaupt nichts mehr, dann machen sie manchmal überraschend eine ganz neue Erfahrung – sie lassen sich fallen, sie lassen ihre Schwäche zu, sie fühlen sich furchtbar ausgeliefert und verzweifelt in diesem Augenblick – und zugleich beginnen sie etwas anderes zu spüren: dass dies doch nicht das Ende ist, sondern sogar ein neuer Anfang. Auch das Schwachsein, auch die Angewiesenheit auf andere Menschen gehören zum Leben. Und man ist kein Zweiter-Klasse-Mensch, wenn man Hilfe braucht.

Leider sagt man so oft: Reiß dich zusammen, wenn jemand von starken Gefühlen überwältigt wird. Ihnen wünsche ich, dass Sie es wagen, sich nicht immer zusammenzureißen. Dass sie auch Gelegenheiten haben, ihr Herz wirklich auszuschütten. Dass Sie nicht aufhören zu fragen: Was habe ich verloren mit dem Tod dieses Menschen, den ich geliebt habe? Was bedeutet mir nun noch das Leben? Wofür lebe ich? Werde ich die gleichen Ziele haben, oder setze ich mir andere Ziele im Leben? Mag sein, dass wir manchmal überhaupt nicht mehr weiter wissen und weiter wollen – „Männer werden müde und matt“ – Frauen wohl nicht minder – und doch können wir gestärkt werden, gerade wenn wir mit ganz leeren Händen vor Gott stehen, wenn wir dazu stehen, nicht perfekt, nicht immer groß und stark zu sein. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft…“ – und diese Kraft wünsche ich Ihnen auch auf dem Weg, der vor Ihnen liegt, wenn Sie die Trauer bewältigen um Herrn I., der Ihnen genommen wurde. Amen.

EKG 276, 4-6+9 (nicht im EG):

4. O Wunderliebe, die mich wählte vor allem Anbeginn der Welt und mich zu ihren Kindern zählte, für welche sie das Reich bestellt! O Vaterland, o Gnadentrieb, der mich ins Buch des Lebens schrieb!

5. Wie wohl ist mir, wenn mein Gemüte hinauf zu dieser Quelle steigt, von welcher sich ein Strom der Güte zu mir durch alle Zeiten neigt, dass jeder Tag sein Zeugnis gibt: Gott hat mich je und je geliebt!

6. Wer bin ich unter Millionen der Kreaturen seiner Macht, die in der Höh und Tiefe wohnen, dass er mich bis hierher gebracht? Ich bin ja nur ein dürres Blatt, ein Staub, der keine Stätte hat.

9. Wenn in dem Kampfe schwerer Leiden der Seele Mut und Kraft gebricht, so salbest du mein Haupt mit Freuden, so tröstet mich dein Angesicht; da spür ich deines Geistes Kraft, die in der Schwachheit alles schafft.

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