Neu in Paulus? Herzlich willkommen!

Unsere Erzählung endet mit Schweigen und Loben. Was Petrus erlebt hat und was Petrus von Kornelius zu berichten weiß, überzeugt sie davon, dass es mehr gibt, als vorher in ihren religiösen Vorstellungen Platz gefunden hat. Ihre Vorwürfe verstummen, und sie können nur noch dankbar Gott loben. Nicht nur Juden, sondern alle Menschen können durch Jesus Christus zum Leben umkehren.

Drei ethnisch verschiedene Frauen als gezeichnete Figuren

Um Neuzugezogene in ihrer ethnischen und religiösen Vielfalt geht es im Gottesdienst (Grafik: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst um halb 6 in Paulus am Sonntag Sexagesimä, 30. Januar 2005, um 17.30 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen – die Texte werden außer von Pfarrer Schütz von Frau Burk und Frau Garth gesprochen
„Herzlich willkommen“ von Markus Nickel

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Mit dem Orgelstück „Herzlich willkommen“ von Markus Nickel hat unsere Organistin Grit Laux den Gottesdienst begonnen.

Wir vom „Team halb 6“ haben zu diesem Abendgottesdienst besonders die Neuzugezogenen in der Nordstadt eingeladen und hoffentlich auch einige von ihnen mit unserem Thema angesprochen: „Neu in Paulus? Herzlich willkommen!“

Wenn Sie heute zum ersten Mal in der Pauluskirche sind, dürfen Sie sich als Ehrengast betrachten. Ebenso willkommen sind natürlich auch alle, die hier schon länger oder sogar sehr lange wohnen.

Jetzt singen wir das Lied 265:

1. Nun singe Lob, du Christenheit, dem Vater, Sohn und Geist, der allerorts und allezeit sich gütig uns erweist,

2. der Frieden uns und Freude gibt, den Geist der Heiligkeit, der uns als seine Kirche liebt, ihr Einigkeit verleiht.

3. Er lasse uns Geschwister sein, der Eintracht uns erfreun, als seiner Liebe Widerschein die Christenheit erneun.

4. Du guter Hirt, Herr Jesus Christ, steh deiner Kirche bei, dass über allem, was da ist, ein Herr, ein Glaube sei.

5. Herr, mache uns im Glauben treu und in der Wahrheit frei, dass unsre Liebe immer neu der Einheit Zeugnis sei.

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Als die Konfirmanden der Paulusgemeinde sich in den letzten Wochen überlegten, welche Gesetze sie aufstellen würden, wenn sie oberste Gesetzgeber der Welt wären, haben sie unter anderem dieses Gesetz formuliert:

Jeder darf seine eigene Religion haben!

Als wir darüber sprachen, ob es ähnliche Gebote vielleicht auch in der Bibel gibt, fiel mir das Gebot ein (nach 2. Buch Mose – Exodus 20, 4):

Du sollst dir kein Bild von Gott machen!

Ein schwieriges Gebot – denn: haben wir nicht alle bestimmte Bilder und Vorstellungen im Kopf, wenn wir an Gott denken? Das ist doch gar nicht zu vermeiden. Auch die Bibel ist voll von verschiedenen Namen, Beschreibungen und Geschichten von Gott.

Du sollst dir kein Bild von Gott machen. Das heißt: Du sollst nicht das Bild anbeten, das du von Gott hast! Du sollst akzeptieren, dass sich Gott andern Menschen auch anders offenbaren kann als dir! Du sollst nicht so tun, als könntest du über Gott verfügen!

Aber darf man als Christ so tolerant sein? Sagt nicht Jesus, dass er der einzige Weg zu Gott ist? Das ist wohl richtig. Aber interessant ist der Zusammenhang, in dem Jesus das sagt:

Wir hören Worte Jesu aus dem Evangelium nach Johannes 14, 1-6:

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?

3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.

4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.

5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?

6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Jesus ist der Weg, er ist die Wahrheit, er ist das Leben.

Haben Sie es gemerkt?

Jesus ist der Weg, er ist nicht ein festes Prinzip. Er ist ein Weg, zu dem er die Menschen einlädt.

Jesus ist die Wahrheit, er als Person, der die Liebe Gottes verkörpert, er lädt dazu ein, mit dieser Liebe die eigenen Erfahrungen zu machen.

Jesus ist das Leben, er verkörpert keinen toten Buchstabenglauben, sondern den lebendigen Geist Gottes, der als Geist der Liebe einzelne Menschen verwandelt und ganz verschiedene Menschen zusammenführt.

Ein Satz, den Jesus hier sagt, wird meist nur darauf bezogen, was einmal im Himmel sein wird: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“

Aber als Thomas nachfragt, wo Jesus hingeht, da sagt Jesus nicht: Ich gehe in den Himmel, und da gibt es für euch viele Wohnungen. Nein, er verweist auf sich selbst: Er, Jesus, ist der Weg zum Vater. Da, wo er im Mittelpunkt steht, da ist das Haus des Vaters, in jeder Gemeinde Jesu Christi, in jedem Haus, wo sein Geist lebendig ist. „Viele Wohnungen sind in diesem Haus, im Haus des Vaters Jesu Christi, viele Wohnungen nicht erst im Himmel, sondern schon hier auf Erden.“

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf fragen wir uns nun als erstes: Wo kommen wir eigentlich her, wir, die wir heute die Pauluskirche besuchen? Nicht alle, die heute hier sind, wohnen auch hier. Nicht alle sind Mitglied der Paulusgemeinde (ich persönlich gehöre auch zu einer Nachbargemeinde), und doch sind alle hier willkommen. Manche sind vielleicht zum ersten Mal in dieser Kirche. Andere gehen schon viele Jahre hier ein und aus.

Aber irgendwann waren wir alle einmal „neu in Paulus“. Wir möchten uns einmal bewusst machen, wie bunt die Vielfalt unserer Herkunft ist. Deshalb haben wir hier vorne eine Weltkarte an die Stellwand gepinnt; und wir bitten alle Anwesenden, wenn Sie wollen, farbige Nadeln in diese Karte zu pieksen.

Eine rote Nadel bitte dorthin, wo Sie geboren oder aufgewachsen sind. Gelb für den Ort, wo Ihre Eltern geboren oder aufgewachsen sind. Grüne Nadeln zeigen an, wo Sie früher mal länger gewohnt haben. Und blau soll den Ort in Ihrem Leben bezeichnen, der von hier aus am weitesten entfernt ist – vielleicht ein Urlaubsort, oder wo jemand im Krieg oder in der Gefangenschaft war.

Wer die Brille vergessen hat oder sich auf einer Landkarte nicht so gut auskennt, dem helfen wir dabei. Auf der anderen Seite gibt es auch noch eine Karte von der Region um Gießen, weil viele ja auch ganz aus der Nähe stammen – sonst würden zu viele Nadeln auf der großen Karte an derselben Stelle stecken.

Aktion Weltkarte: „Sind wir nicht alle neu in Paulus?“
musikalisch untermalt durch:
„Von fremden Menschen und Ländern“
aus den Kinderszenen von Robert Schumann

Ein Blick zeigt, wie vielfältig unsere Herkunft ist, die wir die Pauluskirche besuchen.

Wir singen das Lied 268:

Strahlen brechen viele aus einem Licht. Unser Licht heißt Christus
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, jetzt wissen wir, was für eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft wir sind, hier in der Pauluskirche. Bunte Vielfalt ist ein Reichtum, eröffnet wunderbare Möglichkeiten, birgt zugleich aber auch die Gefahr von Konflikten. Das ist nicht nur in der Paulusgemeinde heute so, das gab es schon zur Zeit der Bibel.

Versetzen wir uns ins Palästina des ersten Jahrhunderts. Die ersten Christen sind Juden, die Jesus nachgefolgt sind. Als Jesus getötet wird, erfahren sie ihn dennoch als den Lebendigen: auferstanden von den Toten, sitzend zur Rechten Gottes. Jesus ist für sie der Messias, auf den die Juden seit Jahrhunderten warten. Ins Griechische übersetzt nennen sie ihn den Christos, den von Gott Gesalbten.

Diesen Jesus Christus verkünden sie überall in Israel: Vertraut euch ihm an! Er verwandelt Menschen durch Liebe, er heilt verwundete Seelen, er schenkt denen, die schuldig geworden sind und ihre Taten einsehen und bereuen, einen neuen Anfang.

Die ersten Christen sind Juden, und sie wenden sich mit ihrer Predigt zuerst nur an Juden. Hinzu kommen solche Bürger des römischen Reiches, die zwar keine Juden sind, aber Interesse am Übertritt zum Judentum gezeigt haben: gottesfürchtige Männer werden sie genannt.

Wäre es so weitergegangen, dann hätten alle Christen zuerst Juden werden müssen. Dann müssten noch heute auch christliche Männer beschnitten sein. Warum es anders kam, erzählt Lukas in der Apostelgeschichte in zwei Kapiteln, in denen der Apostel Petrus die Hauptrolle spielt.

Die Erzählung beginnt, als Simon Petrus sich in Joppe aufhält, das ist ein Ort am Mittelmeeer, der heute Jaffa heißt und zu Tel Aviv gehört (Apostelgeschichte 9).

43 Und es geschah, dass Petrus lange Zeit in Joppe blieb bei einem Simon, der ein Gerber war.

Außerdem wird ein zweiter Schauplatz der Geschichte eingeführt: die römische Kaiserstadt Cäsarea in Israel, ebenfalls am Mittelmeer gelegen, 50 km nördlich von Joppe. Zugleich tritt eine zweite Gestalt ins Rampenlicht, die vorher in der Bibel noch nicht vorkam: Kornelius (Apostelgeschichte 10).

1 Es war aber ein Mann in Cäsarea mit Namen Kornelius, ein Hauptmann der Abteilung, die die Italische genannt wurde.

2 Der war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott.

Kornelius ist ein römischer Bürger und ein Proselyt. Das heißt: Er bereitet sich darauf vor, als Jude beschnitten zu werden und zum Judentum überzutreten. Er ist auf der Suche nach Wahrheit; inmitten der verwirrenden Kulte um tausend verschiedene Götter sucht Kornelius den Zugang zur einzigen Religion der damaligen Welt, die nur einen Gott anbetet, zum Judentum.

Dieser Kornelius hat um drei Uhr nachmittags ein eigenartiges Erlebnis, eine Vision. Er sieht mit den Augen seines Herzens.

3 Der hatte eine Erscheinung um die neunte Stunde am Tage und sah deutlich einen Engel Gottes bei sich eintreten; der sprach zu ihm: Kornelius!

4 Er aber sah ihn an, erschrak und fragte: Herr, was ist? Der sprach zu ihm: Deine Gebete und deine Almosen sind vor Gott gekommen, und er hat ihrer gedacht.

Deutlich steht dem Kornelius die Gestalt eines Engels vor Augen; deutlich hört er Worte eines Boten, der im Auftrag Gottes redet. Es ist eine erfreuliche Botschaft, denn Gott lässt ihm ausrichten, dass er seine Gebete gehört hat und auch gespürt hat, dass er ein Herz für die Armen hat.

Danach folgt eine konkrete Anweisung des Engels an Kornelius:

5 Und nun sende Männer nach Joppe und lass holen Simon mit dem Beinamen Petrus.

6 Der ist zu Gast bei einem Gerber Simon, dessen Haus am Meer liegt.

Kornelius hört hier von zwei ihm völlig unbekannten Personen. Wahrscheinlich klangen jüdische Namen für ein römisches Ohr sowieso ziemlich gleich. Hier kommt ein Name sogar zweimal vor: Simon Petrus und Simon der Gerber im Haus am Meer – wie sollte Kornelius alle diese Simons auseinanderhalten?

Kornelius tut das alles nicht als bloße Einbildung ab; er vertraut seiner Eingebung:

7 Und als der Engel, der mit ihm redete, hinweggegangen war, rief Kornelius zwei seiner Knechte und einen frommen Soldaten von denen, die ihm dienten,

8 und erzählte ihnen alles und sandte sie nach Joppe.

Schauplatzwechsel: 50 km südlich am darauffolgenden Tag um die Mittagszeit auf dem Flachdach des Gerbers Simon in Joppe mit der wunderbaren Aussicht aufs Mittelmeer:

9 Am nächsten Tag, als diese auf dem Wege waren und in die Nähe der Stadt kamen, stieg Petrus auf das Dach, zu beten um die sechste Stunde.

Der Meeresblick interessiert den Petrus nicht. Er fühlt sich auf dem Dach Gott näher. Aber es ist Mittagszeit, und es meldet sich ein sehr irdisches Bedürfnis, dem Apostel knurrt der Magen:

10 Und als er hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung

11 und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde.

12 Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels.

Auch Petrus hat eine Vision. Was Luther mit dem Wort „Verzückung“ übersetzt, ist wörtlich genommen eine „Ekstase“, er steht außer sich. Was der Apostel erlebt, kommt nicht aus ihm selber, sondern von Gott. Wer nur oberflächlich hinschaut, könnte es allerdings auch auf seinen leeren Magen schieben, dass er vom offenen Himmel ein Tischtuch auf die Erde herabflattern sieht: ein himmlisches Tischlein-deck-dich mit Spezialitäten aller Art aus der Tierwelt.

13 Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss!

Wie Kornelius in Cäsarea, so hört auch Petrus in Joppe eine himmlische Stimme: Er soll die Tiere im Leinentuch schlachten und essen. Nun war er zwar kein Vegetarier, aber als Jude durfte er nach den Bestimmungen im 3. Buch Mose – Levitikus 11 keine unreinen Tiere essen. Vor allem gab es klare Verbote bei den Kriechtieren und bekanntermaßen bei Schweinefleisch. Darum protestiert Petrus (Apostelgeschichte 10):

14 Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen.

Machen wir uns klar, was hier geschieht: Petrus hört eine Stimme, die er klar als die Stimme des Herrn identifiziert. Er zweifelt nicht daran, dass er es direkt mit Jesus oder seinem Vater im Himmel zu ihm bekommt. Trotzdem widerspricht er. Was er zeitlebens als das unumstößliche Gesetz Gottes gelernt und befolgt hat, das kann auch eine göttliche Stimme nicht so leicht in Frage stellen.

15 Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten.

16 Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel.

In diesem kurzen Satz, den Petrus mit besonderer Betonung gleich drei Mal vom Himmel hört, liegt eine Revolution: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten.“ Offenbar gibt es religiöse Vorstellungen und Gesetze, an denen Menschen treu festhalten, weil sie dem Willen Gottes für alle Zeiten zu entsprechen scheinen. Und doch kann es sein, dass man wie Petrus in dieser Vision blitzartig erkennen muss: Vielleicht ist Gott anders, größer, weitherziger, als ich gedacht hatte.

17 Als aber Petrus noch ratlos war, was die Erscheinung bedeute, die er gesehen hatte, siehe, da fragten die Männer, von Kornelius gesandt, nach dem Haus Simons und standen an der Tür,

18 riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast wäre.

Wieder folgt ein Schauplatzwechsel. Während der Apostel Petrus sein Erlebnis oben auf dem Dach des Hauses noch nicht verdaut hat, steht die Gesandtschaft des Kornelius aus Cäsarea unten vor der Haustür.

19 Während aber Petrus nachsann über die Erscheinung, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei Männer suchen dich;

20 so steh auf, steig hinab und geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt.

Petrus ist immer noch erfüllt von seinem merkwürdigen Erlebnis und hört ein weiteres Mal eine Stimme zu sich sprechen. Intuitiv weiß er, dass es der Geist Gottes ist, der ihn treibt, etwas Ungewöhnliches zu tun: Er soll drei wildfremde Männer empfangen, die vor der Tür stehen. Er soll aufstehen, sich in Bewegung setzen. Er soll sich dazu herablassen, zu ihnen hinunterzusteigen. Er soll sogar mit ihnen gehen. Sehr viel Mühe gibt sich der Heilige Geist, um die Zweifel des Petrus zu zerstreuen; es soll so kommen, Gott will die Begegnung des Petrus mit den drei Männern, von denen Petrus noch nicht einmal weiß, wer sie überhaupt sind.

21 Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht; warum seid ihr hier?

22 Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast.

Jetzt erfährt Petrus, was man ihm zumutet: Er soll das Haus eines römischen Offiziers betreten. Das war einem frommen Juden verboten, denn die römische Armee war in den Kaiserkult eingebunden, und ein Hauptmann konnte gar nicht anders: er musste heidnische Götterbilder in seinem Haus aufstellen. Damit durfte ein Jude nicht einmal entfernt in Berührung kommen! Trotzdem berichtet Lukas wie selbstverständlich davon, dass Petrus die Einladung nach Cäsarea annimmt:

23 Da rief er sie herein und beherbergte sie. Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm.

24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen.

Diesmal vollzieht sich der Schauplatzwechsel nach Cäsarea in Form einer Reise. Petrus trifft Kornelius zu Hause an, aber nicht allein, sondern sowohl Petrus hat Begleitung mitgebracht als auch Kornelius seine Verwandten und Freunde zu einem offiziellen Empfang eingeladen.

25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an.

26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch.

Kornelius steht zwischen den Kulturen und Religionen: Er fühlt sich dem Judentum nahe und sehnt sich danach, durch Petrus den wahren Gott zu finden. Aber als ein römischer Heide kann er nicht anders als Petrus selbst quasi als Verkörperung eines Gottes anzusehen und anzubeten.

Das ist für Petrus peinlich; er stellt die Sachlage klar: Er ist kein Gott und will keine Anbetung.

27 Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren.

28 Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll.

Im Gespräch mit den Heiden im heidnischen Haus deutet Petrus nun ganz klar die Vision, die er gehabt hat. Es ging nicht nur um unreines Essen, es ging auch um den Umgang mit Menschen. Petrus hat von Gott die Lektion gelernt, dass er sich von keinem Menschen nur deshalb fernhalten soll, weil er ihn aus religiösen Gründen für unrein hält. Dann fragt er nach, warum er überhaupt eingeladen wurde.

29 Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen.

30 Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand

31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört, und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott.

32 So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer.

33 Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist.

Kornelius erzählt noch einmal in aller Ausführlichkeit von seiner eigenen Vision. Lukas kürzt diese Wiederholung, als er sie in der Apostelgeschichte wiedergibt, auch nicht ab. Offenbar geschieht hier etwas so Wunderbares, das es nicht oft genug erzählt werden kann: Menschen, die sich niemals begegnet wären, werden von Gott zusammengeführt. Aber warum das Ganze? Erst zum Schluss sagt Kornelius, was er von Petrus will.

Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist.

Wir wissen bereits: Kornelius sehnt sich nach der Wahrheit, nach dem wahren Glauben. Er will alles hören, was dieser Jude Petrus von Gott zu erzählen weiß. Er hat so etwas wie einen Gottesdienst vorbereitet. Mit allen, die ihm wichtig sind, hat er sich „vor Gott“ versammelt, um eine Predigt zu hören. Diesen Wunsch erfüllt Petrus gerne:

34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht;

35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.

36 Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle.

43 Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.

So ungefähr predigt Petrus, und diese Predigt hat wunderbare Folgen.

44 Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten.

Das ist schon einmal passiert, an Pfingsten nämlich. Da erfüllte der Heilige Geist in Jerusalem die Jünger Jesu, die bis dahin noch ängstlich im Verborgenen gesessen hatten, nachdem Jesus von ihnen gegangen war. Wie man sich das vorstellen soll, sagt Lukas erst später. Denn der Heilige Geist ist ja unsichtbar. Erkennen kann man ihn nur, wenn Menschen durch ihn ihr Verhalten ändern. Zunächst spürt nur derjenige, der selber eine Predigt gehört hat, ob sie ihn angerührt hat. Erst später merken andere, in welcher Weise sich ein Predigthörer vielleicht verändert hat. Von der Predigt des Petrus haben sich allerdings die Zuhörer derart heftig anrühren lassen, dass sie anfangen, Gott mit lauter Stimme zu loben – sogar in Sprachen, die sie gar nicht kennen. Sie reden „in Zungen“, wie man es das in religiösen Kreisen nennt.

Aber nicht alle Anwesenden finden das gut. Es gibt auch kritische Stimmen.

45 Und die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, entsetzten sich, weil auch auf die Heiden die Gabe des heiligen Geistes ausgegossen wurde;

46 denn sie hörten, dass sie in Zungen redeten und Gott hoch priesen.

Petrus bekommt es also mit der geballten Empörung seiner Begleiter zu tun. Das sind alles Juden, die sich zu Christus bekehrt haben, und sie verstehen nicht, wie es möglich sein soll, dass auch Heiden den Heiligen Geist Gottes bekommen, ohne dass sie zum Volk Gottes gehören.

Da antwortete Petrus:

47 Kann auch jemand denen das Wasser zur Taufe verwehren, die den heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir?

48 Und er befahl, sie zu taufen in dem Namen Jesu Christi. Da baten sie ihn, noch einige Tage dazubleiben.

Petrus kümmert sich aber nicht um die Kritik seiner eigenen Leute. Er erweist sich als ein führungsstarker Apostel, indem er noch einen Schritt weitergeht als zuvor. Es ist nicht nur in Ordnung, Heiden in ihrem Hause zu besuchen, sondern Gott will sogar, dass auch Heiden zum Volk Gottes gehören dürfen, auch wenn sie nicht zuvor Juden geworden sind nach dem Gesetz des Mose. Nicht erst der Heidenmissionar Paulus, sondern schon der prominente Judenchrist Petrus fängt an, Nichtjuden zu taufen und mit vollen Rechten in die Kirche aufzunehmen.

Die Folgen dieser Entscheidung spüren wir bis heute. Wir wären wahrscheinlich keine Christen, wenn sich die Kirche damals nicht für die Heiden geöffnet hätte. Selbstverständlich war diese Offenheit nicht, wie der Fortgang der Geschichte zeigt (Apostelgeschichte 11). Noch einmal wechselt der Schauplatz des Geschehens; diesmal geht es vom Mittelmeer aus nach Westen ins Landesinnere von Israel, in die Hauptstadt Jerusalem.

1 Es kam aber den Aposteln und Brüdern in Judäa zu Ohren, dass auch die Heiden Gottes Wort angenommen hatten.

2 Und als Petrus hinaufkam nach Jerusalem, stritten die gläubig gewordenen Juden mit ihm

3 und sprachen: Du bist zu Männern gegangen, die nicht Juden sind, und hast mit ihnen gegessen!

Berührungsängste zeigen sich hier deutlich; was im Haus des Kornelius schon von den Begleitern des Petrus geäußert worden war, wird ihm hier noch einmal hochoffiziell vorgeworfen: Du hast dich mit Männern eingelassen, die du hättest meiden sollen!

Wie schwer dieser Vorwurf in den Augen der Kritiker wiegen muss, ist daran erkennbar, dass nicht einmal seine Autorität als der erste der Apostel ihn vor der Anklage schützt.

4 Petrus aber fing an und erzählte es ihnen der Reihe nach.

Noch einmal erzählt Petrus ausführlich alles, was wir bereits gehört haben und was wir jetzt nicht noch einmal wiederholen wollen. Es ist dem Lukas in seiner Apostelgeschichte außerordentlich wichtig, diesen Punkt herauszuarbeiten: Welche Überwindung muss es die Judenchristen gekostet haben, auch Heidenchristen in ihre Reihen aufzunehmen. Und das Wunder geschieht:

18 Als sie das hörten, schwiegen sie still und lobten Gott und sprachen: So hat Gott auch den Heiden die Umkehr gegeben, die zum Leben führt!

Damit erst endet unsere Erzählung. Mit Schweigen und Loben. Was Petrus erlebt hat und was Petrus von Kornelius zu berichten weiß, überzeugt sie davon, dass es mehr gibt, als vorher in ihren religiösen Vorstellungen Platz gefunden hat. Ihre Vorwürfe verstummen, und sie können nur noch dankbar Gott loben. Nicht nur Juden, sondern alle Menschen können durch Jesus Christus zum Leben umkehren. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Wir singen das Lied 264:

1. Die Kirche steht gegründet allein auf Jesus Christ, sie, die des großen Gottes erneute Schöpfung ist. Vom Himmel kam er nieder und wählte sie zur Braut, hat sich mit seinem Blute ihr ewig angetraut.

2. Erkorn aus allen Völkern, doch als ein Volk gezählt, ein Herr ist’s und ein Glaube, ein Geist, der sie beseelt, und einen heilgen Namen ehrt sie, ein heilges Mahl, und eine Hoffnung teilt sie kraft seiner Gnadenwahl.

3. Schon hier ist sie verbunden mit dem, der ist und war, hat selige Gemeinschaft mit der Erlösten Schar, mit denen, die vollendet. Zu dir, Herr, rufen wir: Verleih, dass wir mit ihnen dich preisen für und für.

Lasst uns beten!

Du Gott der bunten Vielfalt! Wir bitten dich für uns in der Paulusgemeinde, in der Gießener Nordstadt. Auch bei uns prallt Vielfalt aufeinander. Menschen verschiedener Völker und religiöser Traditionen leben hier auf engem Raum beieinander. Der buddhistische Mönch geht an der Kirche vorbei zum Edeka, Frauen mit Kopftüchern gehören selbstverständlich zum Bild im Stadtteil, nicht alle sind Muslimas, manche sind auch Christinnen, die es so aus Russland gewohnt sind. Nimm uns an, lass uns einander gelten und respektieren in unserer Eigenart.

Du Gott der Gerechtigkeit! Du weißt um die sozialen Unterschiede auch in unserem Stadtteil. Viele leben in Sozialwohnungen der Wohnbau AG, andere haben ein eigenes Haus mit Garten. Außer Kindern, die wohlbehütet mit Mama und Papa in einer Familie leben, werden viele Kinder von Mutter oder Vater allein erzogen. Es gibt Menschen mit Drogen- oder Alkoholproblemen in der Nordstadt, und es gibt Menschen, die mit diesen Menschen Probleme haben. Hilf uns, dass wir uns den Problemen unseres Stadtteils stellen, zum Beispiel im Stadtteilbeirat.

Du Gott des Friedens! Wir bitten dich um Geduld und Kraft in der Arbeit mit unseren Konfis, die spannend und anstrengend ist. Wir bitten dich um Phantasie in der Arbeit mit Kindern, um ihnen in ihren verschiedenen Interessen und Problemlagen gerecht zu werden.

Du Gott der Gemeinschaft! Wir bitten dich um einen Zugang zu den Erwachsenen, die mitten im Berufsleben stehen und in Familie und Bekanntenkreis so sehr beansprucht sind, dass sie von sich aus kaum den Anschluss an die Kirchengemeinde suchen. Gib uns Verständnis für diejenigen, denen die Kirche nur zu bestimmten Anlässen wichtig ist, wenn Feste gefeiert werden oder wenn man die Kirche braucht, um Stille oder Trost zu finden. Mach uns aufmerksam darauf, dass es viel mehr Glauben in den Familien gibt, als wir denken, wenn Eltern mit ihren Kindern beten oder ihnen Geschichten aus der Bibel erzählen, wenn Wahrhaftigkeit für sie mehr zählt als Kirchlichkeit.

Du Gott der Liebe! Wir danken dir für die Menschen, die in der Kirche einen Ort finden, wo sie sich geistlich und persönlich zu Hause fühlen. Wir danken dir für Trost und Orientierung. Und dafür, dass sich manche dazu herausfordern lassen, sich für andere in der Gemeinde einzusetzen. Ich danke dir dafür, dass ich nicht nur dann in eine Gemeinde passe, wenn mich total anpasse. Dass ich mich nicht verbiegen lassen muss, um zu dir zu gehören. Wir dürfen alle dasselbe Süppchen kochen, jeder mit seinen eigenen Zutaten. Ich darf ich selber bleiben – und du berührst mich mit deiner Liebe, verwandelst mich durch deinen Geist.

Du Gott des Trostes. Wir bitten dich heute besonders für zwei Verstorbene, die wir bestattet haben: … . Bitte, barmherziger Gott, begleite die Angehörigen auf ihrem schweren Weg des Abschieds und gib ihnen die Gewissheit, dass die Toten in Gottes Liebe geborgen sind, denn Jesus verspricht uns: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“. Lass sie spüren, dass sie nicht allein sind in ihrer Trauer. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen zum Schluss das Lied 639:

Damit aus Fremden Freunde werden, kommst du als Mensch in unsre Zeit

Gleich hören wir noch die „Petersburger Schlittenfahrt“ von Richard Eilenberger auf dem Klavier und gehen durch den Saal hinaus. Im Anschluss ist noch Gelegenheit, ein wenig im Saal zusammenzubleiben bei Tee oder Wasser oder sogar Kaffee für die, die unbedingt einen Kaffee brauchen.

Und nun empfangt Gottes Segen:

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen.
Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schliessen und dich zu schützen.
Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke des Bösen.
Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.
Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.
Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.
Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.
So segne dich der gütige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Klaviernachspiel: „Petersburger Schlittenfahrt“ von Richard Eilenberg

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