Kapitel 16: Verzweifelte Stärke der Töchter Lots

Sexueller Missbrauch als Herausforderung an Seelsorge, Kirche und Bibelauslegung.

Im sechzehnten Kapitel seines Buches legt Pfarrer Helmut Schütz das 19. Kapitel der Genesis aus. Die Töchter Lots sollen ihren betrunkenen Vater zum Sex verführt haben. Zuvor war er allerdings bereit, sie einem Mob zur Vergewaltigung preiszugeben.

Zum Gesamt-Inhaltsverzeichnis des Buches „Missbrauchtes Vertrauen“

Pfarrer Helmut Schütz

Pfarrer Helmut Schütz (Foto: Franz Möller)

Inhalt dieses Kapitels

Übergriff und Rufmord in Genesis (1. Buch Mose) 19

Die Preisgabe der Töchter Lots

Die Verführung Lots durch seine Töchter

Lots Familie – eine Inzestfamilie?

Hanna und Mirjam – eine Predigt

Anmerkungen zu diesem Kapitel

Übergriff und Rufmord in Genesis 19

In unserem Klinik-Bibelkreis haben wir auch einmal die Geschichte von Lots Töchtern als Geschichte einer Überlebensstrategie gelesen. Dierk Schäfer fand diesen Text nicht passend, als er für eine einführende Andacht zu einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Geschichte suchte, „in der es um innerfamiliären Missbrauch von Kindern geht“, vielmehr wird seiner Auffassung nach „der betrunkene Vater missbraucht, der den beiden männerlosen Mädchen zu Nachkommen verhelfen soll.“ (1) Damit übernimmt er leider die vordergründige Botschaft des Textes, so wie er dasteht, und versäumt es, die Dynamik der Beziehung zwischen Vater und Töchtern und die wahren Verantwortlichkeiten zu hinterfragen.

Die Preisgabe der Töchter Lots

Dass die noch jungfräulichen Töchter als frei verfügbarer Besitz des Vaters angesehen wurden und dass die Schwelle des Inzesttabus, die minderjährigen Töchter betreffend, nicht besonders hoch gewesen sein kann, zeigt sich, als er sie den geilen Bewohnern Sodoms anstelle der heilig gehaltenen Gastfreunde zur Ausbeutung ausliefern will.

Was sagen Bibel-Exegeten zu dieser Stelle?

Dem Genesis-Kommentar aus dem Jahre 1887 von Franz Delitzsch zufolge will Lot „der Pflicht der Gastfreundschaft seine Vaterpflicht zum Opfer bringen und begeht die Sünde, der Sünde durch Sünde wehren zu wollen.“ (2)

1922 argumentiert Hermann Gunkel dagegen: „Der alte Israelit… hält es für einen bewunderungswürdigen Edelmut, die eigenen Töchter um der fremden Gäste willen hinzugeben… Dass dies Ansinnen des Lot keineswegs eine »Sünde« ist (gegen Franz Delitzsch), sieht man auch daran, dass die »Männer« sich das gefallen lassen“ (gemeint sind die »Engel«).“ (3)

Paul Heinisch wiederum meint im Jahre 1930: „Objektiv war sein Anerbieten sündhaft. Aber er sah es als religiöse Pflicht an, seine Gäste unter allen Umständen vor dem Attentat zu bewahren, und hielt die Vergewaltigung eines Mädchens für weniger schlimm als die widernatürliche Unzucht.“ (4)

Der jüdische Gelehrte Benno Jacob nimmt 1934 aus seiner Kenntnis der Tora heraus an, dass Lots Angebot nicht ernst gemeint gewesen sei: „Jedoch müssen wir Lot hier verteidigen. Sein Anerbieten kann ebensowenig ernstgemeint sein wie das Rubens (in 1. Mose) 42,37…. er will negativ sagen: ich liefere die Männer um keinen Preis aus und nur zur Verstärkung nennt er positiv den höchsten, denkbaren Preis.“ (5)

Hellmuth Frey bewertet im Jahre 1936 Lots Verhalten „menschlich“ höher als Abrahams: „Lot könnte uns in dem Augenblick, wo er die Tür hinter sich zuschließt und mit seinem Leben schützend vor die Gäste tritt, einfach Achtung abgewinnen. Fraglos ist er als Mensch mutiger als Abraham… Lot… tritt mit seinem Leben für die andern ein und opfert seine Töchter für die Gäste… Lots Angebot (rechnet) mit andern sittlichen und geschlechtlichen Begriffen… als unsere Zeit… Der biblische Schriftsteller aber sieht diese Dinge von einer höheren Warte. Für ihn trägt Lots Einfall, der ihm aus der Verlegenheit helfen soll, die bezeichnenden Züge menschlichen Versuches, sich auf menschlichem Wege zu helfen, wo man Gott nicht mehr zutraut, dass er es schaffen wird.“ (6)

Gerhard von Rad dagegen, der im Jahre 1972 seinen Kommentar zum 1. Buch Mose schreibt, kann sich nicht vorstellen, dass Lots Verhalten dem damaligen Sittengesetz entsprach: „Dass Lot das Gastrecht unter keinen Umständen entheiligen will, dass ihm die Gäste heiliger waren als die eigenen Töchter… entsprach andererseits nun doch schwerlich dem Empfinden der alten Israeliten.“ (7)

Walther Zimmerli nennt 1976 als Thema der Geschichte die Spannung zwischen dem Gastrecht und der Schlechtigkeit der Sodomiter: „Die Szene soll zeigen, bis zu welchem hohen Preise Lot bereit ist, das geheiligte Gastrecht zu verteidigen. Sie soll aber noch viel mehr deutlich machen, wie verworfen die Leute in Sodom sind.“ (8)

Claus Westermann bemüht sich 1981, die Aussageabsicht der Erzählung nicht abzuschwächen, aber in die damalige Zeit einzuordnen: Lot „macht der Meute das Angebot, ihnen sogar seine Töchter auszuliefern… Das Angebot will Schlimmeres verhindern nach der Auffassung der damaligen Zeit, man sollte es weder wegerklären (BJacob: die Sodomiter wären ja doch nicht darauf eingegangen) noch nach unseren Maßstäben verurteilen (FDelitzsch: »Er begeht die Sünde, der Sünde durch Sünde wehren zu wollen«, ein Beispiel fragwürdiger Anwendung eines abstrakten Sündenbegriffs). Jedenfalls ist es ein Angebot der Verzweiflung und Ausweglosigkeit.“ (9)

Der katholische Exeget Josef Scharbert urteilt noch 1986 ähnlich: „In seiner Not sieht er die letzte Möglichkeit zur Rettung in der Preisgabe seiner eigenen Töchter. Der Schutz der Gäste erscheint ihm als die schwerere Pflicht.“ (10)

Erst eine weibliche Exegetin wie Anne Michele Tapp bringt im Jahre 1989 die Angelegenheit auf den – sexistischen – Punkt: „Lots Angebot kann nicht als Versuch verstanden werden, das Heilige (Engel) durch das Weltliche (Töchter) zu schützen, sondern nur als den Schutz von Männern (mit denen Lot keine Verbindung außer der Gastfreundschaft hat) durch das Opfer von Frauen.“ (11) Sie ergänzt: „Die Frauen in diesen Geschichten sind namenlos. Sie haben keine Identität außer der, Eigentum eines Mannes zu sein.“ (12)

Elke Seifert lässt es 1994 schließlich „dahingestellt bleiben, ob solche Darstellungen (= Die Sodomiter wollen Gottes Boten zu sexuellen Übergriffen ausgeliefert bekommen (V 5), Lot will ihnen seine Töchter zur Vergewaltigung übergeben (V 8)) beim Leser wirklich nur Abscheu auslösen wollen oder nicht vielleicht auch als sexuell stimulierend erlebt werden.“ (13)

Dass dergleichen nicht einfach nur leere Worte sind, wird auch in der parallelen Stelle Richter 19 überdeutlich, wo die Nebenfrau des Leviten tatsächlich herausgegeben und nach furchtbaren Qualen einem Sexualmord preisgegeben wird. Phyllis Trible schreibt 1995: „Diese beiden Geschichten zeigen, dass die Regeln der Gastfreundschaft in Israel nur Männer schützten. Lot bewirtete zwar nur Männer, der alte Mann hat aber auch einen weiblichen Gast, und sie wird nicht durch die Gastfreundschaft geschützt. Sie wird als Opfer für männliche Begierde ausgewählt. Außerdem bietet in keiner dieser Geschichten der Gastgeber sich selbst anstelle seiner Gäste an.“ (14)

Am knappsten fasst Anne Michele Tapp das Ergebnis der exegetischen Bemühungen zum Schicksal der Töchter Lots in Sodom zusammen: „Ungleich den Engeln sind die jungfräulichen Töchter nicht durch die Regeln der Gastfreundschaft geschützt.“ (15)

Es wird zwar in Exegetenkreisen nicht gerne gesehen, aber wenn man sich in seelsorgerlichem Zusammenhang mit einem Text beschäftigt, fragt man sich vielleicht doch einmal besorgt, wie es denn wohl den Töchtern Lots zumute gewesen sein mag, wenn es für den Vater nicht einfach ganz selbstverständlich ist, sie vor einem derartigen Schicksal zu bewahren. Möglicherweise doch wohl mindestens so, wie es auch heute den Mädchen geht, die nahen Angehörigen oder Männern im Umfeld der Familie sexuell zur Verfügung stehen, und sei es nur in der Weise, dass sie Objekt lüsterner Blicke und obszöner Bemerkungen sind.

Die Verführung Lots durch seine Töchter

Nun wird aber als Abschluss der langen Geschichte des Neben-Erzvaters Lot die für ihn peinliche Begebenheit erzählt, dass er sich von seinen Töchtern gleich zweimal habe betrunken machen und einen Beischlaf abzwingen lassen.

Die Exegeten beurteilen das Verhalten der Töchter Lots sehr unterschiedlich.

Franz Delitzsch äußert zugleich Verständnis und ein negatives Urteil: „Sie fühlen sich… als Übriggebliebene einer fluchbetroffenen Stadt so gebrandmarkt, dass sie fürchten, mit ihrem greisen Vater und ihnen, den Männerlosen, müsse ihre Familie aussterben. Es ist nicht Wollust, die sie treibt, sondern der Wunsch, ihr Geschlecht am Leben zu erhalten; aber das Mittel ist Sodoms würdig, und Lot wird das blinde Werkzeug zwiefacher nach dem späteren Gesetz mit dem Feuertode zu bestrafender Schandthat… eines auf sündlichem Wege sich Befriedigung verschaffenden Verlangens… Der Wein und die böse Lust griffen zusammen, Lot nicht zwar in schlechthin passive Bewusstlosigkeit, aber tierisches Unbewusstsein zu versenken, bei welchem er ohne sittliche Überlegung nur nach dunklem Triebe sich hingab.“ (16)

Paul Heinisch stellt ethische Bedenkenlosigkeit fest: „Sie wollten ihr Geschlecht fortpflanzen. Diesem Ziel ordneten sie alle Rücksichten unter. Sie hatten nicht umsonst in Sodom gelebt und waren von einer sodomitischen Mutter geboren worden; sittliche Bedenken machten ihnen also nicht zu schaffen.“ (17)

Hellmuth Frey konstatiert Unbeherrschtheit und Berechnung: „In den Töchtern… lebt nicht… ausschweifende Zügellosigkeit, die durchbricht, sondern ein ungestümes und zugleich berechnendes Verlangen nach Mutterschaft und Erhaltung ihres Stammes, das freventlich hinweggeht über heilige Gottessatzungen.“ (18)

Josef Scharbert dagegen sieht einen tragischen Konflikt zwischen weiblichem Instinkt und göttlichem Gebot: „Bei allen Völkern… gilt Inzest als schweres Verbrechen… Hier sehen aber die Töchter keinen anderen Ausweg als den sexuellen Verkehr mit dem eigenen Vater… Sie glauben einfach, es ihrer fraulichen Natur und ihrer Familie schuldig zu sein, für Nachkommen zu sorgen.“ (19)

Walther Zimmerli denkt an eine zugleich ehrenhafte und widergöttliche Tat: „Die Geschichte von Thamar in 1. Mose 38 zeigt, dass der kühne Griff einer kinderlosen Frau nach dem Kind im Empfinden Israels durchaus als ehrenhafte Tat empfunden wurde… (der) Blutschande mit einem Elternteil… (kann aber dennoch) keinerlei göttliche Sanktionierung zuteil werden.“ (20)

Nach Claus Westermann liegt die Verzweiflungstat zweier sonst kinderlos gebliebener Frauen vor, die das Aussterben einer Stammeslinie nach teilweisem Weltuntergang verhindern: „Das urgeschichtliche Motiv vom Wiedererstehen neuen Lebens bzw. eines neuen Geschlechts nach einem Vernichtungsgericht… kann auf sehr verschiedene Weise erzählt werden; hier geschieht es durch die verzweifelte Tat zweier junger Frauen, denen es dabei allein darum geht, dass sie Nachkommenschaft erhalten, damit das Geschlecht weiterlebe… Wahrscheinlich müssen wir nach diesen Hinweisen die vorherrschende Auffassung revidieren, dass schon in der Vorzeit Israels der Mann allein bestimmend war.“ (21)

Rainer Kessler idealisiert sogar in einem Beitrag für Eva Renate Schmidts 1989 erschienenes Sammelwerk „Feministisch gelesen“ mit „einem beglückten Staunen über Lots Töchter“ (22) „ihre kühne Initiative“, durch die „die Erzählung nicht mit dem Untergang, sondern mit der Geburt neuen Lebens“ endet (23).

Ähnlich hatte Hermann Gunkel bereits 1922 auf den „heroisch-stolzen Sinn der Sage“ hingewiesen, die ursprünglich den Zustand nach einer großen Weltkatastrophe widerspiegelte: „In solchem Falle aber, wenn es die Kinderlosigkeit vor sich sieht, ist das antik-hebräische Weib zu heroischen, ja zu verzweifelten Entschlüssen fähig… und verschafft sich Mannessamen, wo sie ihn findet.“ (24)

Auch Benno Jacob stellte fest: „Was die Töchter tun, gereicht ihnen nach dem Sinne der Tora zum Ruhme. Sie handeln nicht aus Wollust, sondern um ihre Weibesbestimmung zu erfüllen und das Geschlecht zu erhalten… Dafür gaben sie sich als Opfer hin, und ihre Tat zeugt von großartigem Heroismus… Die Töchter Lots waren verheiratet, zum mindesten verlobt gewesen (v. 14), ihre Männer waren umgekommen, desgleichen alle Verwandten derselben, der einzige Überlebende, der mit ihnen zeugen könnte, ist der Vater, und da sie seiner Zustimmung nicht sicher sind, greifen sie, um zum Ziele zu kommen, zur List, wie Tamar gegenüber ihrem Schwiegervater Juda (c. 38).“ (25)

Nach der Encyclopaedia Judaica werden schon in der altjüdischen Textauslegung der Haggada die Töchter Lots im Gegensatz zu ihrem Vater nicht getadelt: „Lot wird verurteilt für die Nachlässigkeit, durch die er mit seinen beiden Töchtern schlief… Obwohl er nicht wahrnahm, was er tat, ließ er es doch zu, erneut berauscht zu werden, nachdem er herausgefunden hatte, was ihm mit seiner älteren Tochter geschehen war. Jedoch waren die Absichten seiner Töchter ehrenvoll.“ (26)

Nur feministische AutorInnen wie Carlson Brown sehen die Tat der Töchter in einem Zusammenhang mit dem Status der Töchter als potentielle Opfer in einer Männergesellschaft, wie er zuvor zum Ausdruck gekommen war: „Das Alte Testament stellt Lots Töchter dar, als seien sie für den Inzest (der einem anerkannten Zweck, der Erhaltung des Familiengeschlechts, diente) verantwortlich. Und dies, nachdem ihr Vater sie den fremden Männern als Ersatz angeboten hatte, um sie vor Sodomie zu bewahren“ (= in diesem Fall: vor homosexueller Vergewaltigung) (27).

Immerhin sieht Gerhard von Rad diese Tat irgendwie auch „als eine Nemesis“, (28) eine gerechte Strafe für Lots Überhebung, wenn er „in der Besinnungslosigkeit seines Rausches ein willenloses Werkzeug seiner beiden unverheirateteten und blutschänderischen Töchte“ wird (29).

Elga Sorge sieht jedoch die Geschichte vollends als eine ideologische Verdrehung der Tatsachen: „Das kann doch nur so gewesen sein, dass der schon alte Vater seinen Töchtern Wein gab und sie vergewaltigt hat, um aus seinem Samen Nachkommen hervorgehen zu lassen, was ja ein dauerndes Männerproblem ist im Alten Testament… Dass ein alter, betrunkener Mann zwei Frauen schwängert, halte ich mit Shakespeare für ausgeschlossen (»alcohol provokes the desire, but disturbs the performance« (30)). Zwei alkoholisierte Töchter jedoch konnten sich nicht mehr wehren.“ (31)

Elke Seifert schließlich wendet sich mit guten Gründen gegen eine Auslegung der Geschichte, die ihr Ziel ausschließlich in der Zeugung von Nachkommen für Lot sehen will: „Was die Breite der Erzählung und den Blick des Erzählers betrifft, so liegt das Interesse eindeutig nicht bei den Kindern, deren Zeugung schließlich als Ziel und Zweck der Erzählung erscheinen, sondern bei dem Erotik beinhaltenden »Verführungsakt« (den Vater berauschen – sich zu ihm legen – seinen Samen lebendig machen). Die gewählten Worte halten fest, dass dem Geschlechtsakt etwas Gewaltsames innewohnt. Auffälligerweise lässt ihn der Erzähler durch Lots Tochter zunächst wie einen Überfall auf ihre Person beschreiben (V 31), während er dann in Planung und Ausführung letztlich erzählt wird als »Überfall« auf Lot, der nichts mehr »erkennen« kann (V 32-35). Dieser Widerspruch ließe sich dadurch erklären, dass hier sexuelle Gewalt gegen die Tochter als sexuelle »Überwältigung« des Vaters durch die Tochter dargestellt wird. Dies ist bis heute gängige Strategie inzestuöser Väter und einer um Verständnis für Vergewaltiger werbenden Literatur.“ (32) „Geht es in Gen 19, 30-38 wirklich um das Weiterleben des Geschlechts oder aber um den Inzest? Der Name der Kinder hält jedenfalls die Erinnerung an den Inzest im Gedächtnis. Und dem Erzähler ist die Freude des Voyeuristen bei der Schilderung des Inzests nicht abzusprechen.“ (33)

Nach dem Gesprächsergebnis in unserem Bibelkreis (in der psychiatrischen Klinik Alzey) lässt sich das Verhalten der Töchter Lots am plausibelsten so erklären, dass zuvor doch schon in aller Verborgenheit mehr geschehen war, als aus dem Text unmittelbar hervorgeht, dass nämlich ursprünglich Lot der Verführer seiner Töchter gewesen war. Oder dass er sie zumindest emotional so sehr an sich gebunden hatte, dass für sie, die eben noch „von keinem Manne“ wussten, nunmehr beklagen müssen: „Kein Mann ist mehr im Lande, der zu uns eingehen könnte nach aller Welt Weise“ (1. Mose 19, 8 und 31).

Lots Familie – eine Inzestfamilie?

Wohlgemerkt, es geht mir nicht um eine genaue historische Rekonstruktion der Hintergründe von Genesis 19. Aber viele Züge dieses Textes lesen sich wie von selbst als bezeichnende Einzelheiten, die aus Inzestfamilien bekannt sind: Die in einer feindlichen Umwelt isolierte, nach außen, auch gegenüber dem Abraham-Clan für sich bleibende Familie, die nach einer von außen hereinbrechenden Katastrophe nicht mehr zur Ruhe kommt, bis ihre Abschottung in einer Höhle in den Bergen auf die Spitze getrieben wird. Die Absicht des in seiner ganzen Vorgeschichte bereits als labil und entscheidungsschwach dargestellten Vaters, die Töchter der Vergewaltigung preiszugeben, und die darin sichtbar werdende fehlende Männlichkeit und Väterlichkeit. Die sonst gar nicht erwähnte, zur Salzsäule erstarrende, wegschauende Mutter, deren Schutzfunktion für die Töchter ausfällt, deren Leben möglicherweise zerstört wird durch eine heimliche Bindung an das chaotische Leben der Stadt Sodom, wohin sie zurückschaut. Sodann die (vorzeitig – frühreif?) erwachsen gewordenen Töchter, die in der Restfamilie sozusagen als Folge der vorherigen Sexualisierung der Familienbeziehungen und der bestehenden Abhängigkeit vom Vater – neben dem es in der ganzen Welt keinen Mann mehr gibt – die elterliche bzw. partnerschaftliche Verantwortung für die Zukunft der Familie übernehmen.

Niels Ernst erwähnt „eine junge Frau…, die während ihrer Kindheitsjahre Objekt der sexuellen Annäherungsversuche ihres Vaters war. Sie folgte dem für Inzestopfer typischen Muster, d. h. sie hat ihrer Mutter nie davon berichtet. Sie überzeugte sich selbst von dem echten Schuldverhältnis, indem sie als Erwachsene den Vater eindeutig verführte, ihr Vergehen der Mutter gegenüber eingestand, aber das in der Kindheit Geschehene immer noch verschwieg. – Das Opfer macht sich also selbst zum Schuldigen.“ (34)

Schließlich kommt die wichtige Einzelheit hinzu, dass der Vater als vollkommen unschuldiges, weil alkoholisiertes Opfer einer Verführung durch die Töchter dasteht, während den Töchtern die ganze Schuld für eine abscheuliche Tat aufgebürdet wird. Die vorherige geplante Preisgabe der Töchter durch Lot wird dagegen als tragisch zu verstehende Handlung aus einem edlen Motiv heraus interpretiert.

Josephine Rijnaarts liest die Geschichte eindeutig und mit Recht unter dem Gesichtspunkt der Entschuldigung des Vaters und der Beschuldigung der Töchter (35). Sie findet in der Geschichte drei Elemente einer Moral wieder, die sich in den Rechtfertigungsversuchen inzestuöser Väter für ihre Taten bis heute wiederfinden:

„1. Vater-Tochter-Inzest ist nicht unbedingt verwerflich.

2. Den Vater trifft keine Schuld, denn die Tochter hat es selbst gewollt.

3. Den Vater trifft keine Schuld, denn er wusste nicht, was er tat.“ (36)

Allerdings kann man die Leidensgeschichte der Töchter wenigstens noch erahnen, wenn man mit der detektivischen Methode von Elisabeth Schüssler Fiorenza zwischen den Zeilen liest: „Eine kritisch-feministische Methode“ der Bibelauslegung „ließe sich mit der Arbeit einer Detektivin vergleichen, insofern sie sich nicht ausschließlich auf historische »Fakten« verlässt oder gar die Indizien dafür erfindet, sondern an einer imaginationskräftigen Rekonstruktion historischer Wirklichkeit arbeitet.“ (37) Ähnlich sagt Elizabeth Fox-Genovese: „Die Abwesenheit von Frauenbewusstsein in dieser (= der androzentrischen, mannbezogenen) Tradition verlangt von feministischer Interpretation, zwischen den Zeilen und über die Texte hinaus zu lesen.“ (38)

Vielleicht lässt sich ja sogar der Untergang der Stadt Sodom unter dem Gesichtspunkt deuten, dass den Töchtern nach der beabsichtigten Preisgabe oder einer nur zu vermutenden Missbrauchsgeschichte mit dem Vater die ganze ihnen vertraute und lebenswerte Welt sozusagen zusammenbricht. Und auch das Thema der Flucht taucht häufig auf als eine von vielen Strategien für Inzestopfer, um trotzdem zu überleben.

Ich kenne eine Frau, die bereits als Säugling vom Vater und von der Mutter sexuell missbraucht worden war. Da es für sie keine andere Form von Liebe gab, legte sie schon als drei- oder vierjähriges Mädchen der Mutter ihren künstlichen Penis aufs Kopfkissen, um ihr zu signalisieren: Hast du Zeit für mich, spielst du mit mir? Es gab für sie einfach nicht die Möglichkeit kindlichen Spielens. Der Vater sagte ihr bereits als Kind, dass er eigentlich mit ihr verheiratet sei, aber davon dürfe niemand etwas wissen. Als Erwachsene fand sie aufgrund ihrer Abhängigkeit vom Vater, aufgrund massiven seelischen Drucks und aufgrund der Androhung körperlicher Gewalt keinen Weg, aus dieser Bindung auszubrechen. Sie blieb sozusagen wie eine heimliche Ehefrau bei ihrem Vater, sorgte gleichzeitig für ihn wie eine Mutter; sie war die scheinbar starke Person im Haus, ganz ähnlich wie die Töchter Lots, und was nachts geschah, spaltete sie fast vollständig von ihrem wachen Bewusstsein ab.

Die Frauenärztin Ingeborg Retzlaff erwähnt den ähnlich gelagerten Fall einer jungen Frau, die nach einer Gebärmutterentfernung einen Selbstmordversuch unternimmt: „Für sie sei nun nach der Operation sowieso alles aus, denn wenn sie keine Gebärmutter habe und keine Kinder mehr kriegen könne, dann sei sie ja nichts mehr wert, dann werde der Vater sie nicht mehr annehmen, denn er werde dann ja wohl nicht mehr mit ihr schlafen können und auch keine Kinder mit ihr bekommen können und sie wahrscheinlich rausschmeißen. Dann wäre es besser, sie stürbe.“ (39) Die junge Frau hat bereits drei Kinder, deren Vater, wie sich erst jetzt herausstellt, der Vater der Mutter ist, zwei sind gesund, das dritte erkrankt an einer genetisch verursachten Krankheit. „Es wird an diesem Beispiel… deutlich, dass ein uraltes Tabu hier wirklich auch eine biologische Grundlage hat.“ (40)

Ich betone nochmals mit Elke Seifert: „Töchter wollen nie und unter keinen Umständen aus freien Stücken den sexuellen Kontakt mit dem Vater“, auch die scheinbare Freiwilligkeit in den erwähnten Fällen ist bereits Folge langjährigen vorherigen Missbrauchs und in-Abhängigkeit-Haltens durch den Vater (41).

Das biblische Bild der Töchter Lots, in dem sich den Exegeten Gunkel, Jacob und Zimmerli zufolge eine heroische Stärke widerspiegelt, erinnert im übrigen auch an einen Machtkampf „zwischen Inzestvater und einer inzwischen jugendlichen Tochter, die sich zunehmend triumphierend an der Abhängigkeit des bisher so mächtig erlebten Vaters weidet.“ (42) Gerade weil „viele sexuell missbrauchte Menschen… sich machtlos fühlen“, ist es für sie überlebenswichtig gewesen, andererseits auch zu lernen, „Situationen des Missbrauchs zu manipulieren, um zu versuchen, den Schmerz zu verringern oder das, was sie brauchen, mit so wenig Ausbeutung wie möglich zu erhalten.“

Daher reagiert ein Teil der Frauen (und vermutlich der größte Teil missbrauchter Männer) auf ihre Missbrauchserfahrung auch damit, dass sie „in der Sexualität Macht“ sehen, „weil sie glauben, dass sie jeden Mann, besonders Autoritätspersonen wie Sie und mich, verführen können. Wenn ihnen diese Verführung gelungen ist, fühlen sie sich vielleicht eine Zeitlang befriedigt und mächtig – aber das geht rasch vorüber, und sie kehren wieder zu einer Position der geringen Selbstachtung, des Ärgers und des Hasses gegen sich selbst und die Menschen zurück.“ (43) Um so mehr muss sich ein Therapeut oder Seelsorger dessen bewusst sein, dass er in der helfenden Beziehung die Verantwortung dafür trägt, es nicht zu einer sexuellen Grenzüberschreitung kommen zu lassen.

Die Machtposition der Töchter ist nur eine scheinbare, da sie aus der Weigerung des Vaters folgt, die Verantwortung für den Schutz und die Zukunft seiner Kinder zu übernehmen, und da sie es auf diese Weise gerade nicht schaffen, sich aus der Abhängigkeit vom Vater zu lösen. Stattdessen verstärken sie ihre eigenen Schuldgefühle, solange es für sie unmöglich ist, den Inzest zu beenden, und indem sie nach außen hin sogar als die allein Schuldigen erscheinen, obwohl in Wirklichkeit der Vater nicht nur für den Beginn, sondern auch für die Fortführung der Ausbeutungssituation die ausschließliche Verantwortung trägt.

Damit ist nicht gesagt, dass man das Schuldgefühl der Töchter einfach übergehen sollte. In einem Gespräch mit Ruud Bullens in Leiden am 4. Oktober 1995 machte er deutlich, dass ja gerade die Fähigkeit des Inzest-Opfers, sich schuldig fühlen zu können – was der Inzest-Täter in aller Regel jedenfalls zunächst nicht kann -, zu ihrem menschlichen Person-Sein dazugehört. Das Gefühl der Schuld entspringt der Kluft zwischen einer Norm und dem, was tatsächlich geschehen ist, und äußert sich in dem Gedanken: „Ich hätte nicht mitmachen dürfen!“ – auch wenn es objektiv keine Möglichkeit gab, sich zu wehren. Insofern bedeutet Inzest auch eine Vergewaltigung des in der Entstehung begriffenen Gewissens eines Kindes. Zum Prozess des „grooming“, des „Vorbereitens“, das Bullens als absichtsvolle Methode von Missbrauchstätern beschreibt, „um sein auserwähltes Opfer in seinen Einflussbereich zu »bekommen«“, gehört nämlich auch immer die Frage, „wie der Täter das Opfer für den Missbrauch mitverantwortlich machen kann.“ Wenn ein Inzestopfer sich später mit seinen Schuldgefühlen einem Therapeuten oder Seelsorger anvertrauen kann, ohne dass man versucht, die Schuld rasch wegzureden, kann ein umgekehrter Prozess der Gewissensklärung einsetzen, im Sinne des englischen „con-science“, eines gemeinsam Wissens um das, was geschehen ist, wofür man wirklich verantwortlich war, wofür man verantwortlich gemacht wurde und wofür man heute verantwortlich ist (44).

In der Tätertherapie geht es daher umgekehrt eben darum, dem Täter zu ermöglichen, seine Taten mit den Augen des Opfers sehen und die eigene Schuld fühlen zu können.

Hanna und Mirjam – eine Predigt

Im ersten Gottesdienst nach Beendigung meines Studienurlaubs am 5. November 1995 legte ich meiner Predigt das gesamte Kapitel 19 des 1. Buchs Mose zugrunde – mit Ausnahme der Auseinandersetzung Lots mit dem Engel über den Zufluchtsort (Verse 17b-22) und des Einschubs, der von Abraham berichtet (Verse 27-29), denn diese Teile tragen zur Entfaltung der Gesamtdynamik des Textes in meiner Auslegung nichts bei. Hinzugefügt habe ich noch zur Erläuterung der Situation der Stadt Sodom den Vers 1. Mose 13, 13.

Nach Rainer Kessler dürfte dieser Text „als ganzer noch höchst selten von einer Kanzel herab verkündigt worden sein. Die Bibliothek der Kirchlichen Hochschule Bethel nämlich hat einen Katalog von Predigten und Meditationen mit etwa 15 000 Karteikarten, 3300 davon aus dem Bereich des Alten Testaments. Ganze zwölf Karten… mit insgesamt 28 Titeln entfallen davon auf 1. Mose 19, und keiner dieser Titel umfasst mehr als die Verse 1-29 des Kapitels.“ (45)

Ich bekam daraufhin einige positive Rückmeldungen, u. a. von einer Frau, die in der Schilderung ihre eigene Geschichte widergespiegelt fand. Außerdem verließ eine Frau während der Predigt die Kapelle – ich weiß nicht, ob das als Reaktion auf den Inhalt zu werten ist, da ich sie später nicht mehr sprechen konnte. Es kommt allerdings häufiger vor, dass in unseren Klinikgottesdiensten jemand raus- oder reingeht.

Als Namen für die beiden Mädchen bzw. jungen Frauen habe ich zwei der bekanntesten biblischen Namen mit positiven Assoziationen ausgewählt: Hanna, wie die Mutter Samuels, und Mirjam, wie die Schwester Moses und die Mutter Jesu.

An den Anfang des Gottesdienstes hatte ich Worte aus dem Buch Jesaja gestellt (42, 1-3):

„Gott spricht: Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn. Ich habe ihm meinen Geist gegeben. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“.

Das Eingangsgebet lautete: „Gott Abrahams und Gott Saras, du bist auch der Gott von Lot und seiner Töchter. Du bist der Gott der großen Glaubensgestalten, aber auch der Kleingläubigen. Du bist der Gott Marias und der Gott des Petrus. Du bist auch unser Gott, wenn wir stark sind und wenn wir schwach sind, wenn wir vertrauen können und wenn wir zweifeln. Bleibe bei uns und halte uns fest – auch wenn wir fast zerbrochen sind wie ein geknicktes Rohr! Lass uns, wenn wir wie ein glimmender Docht sind, nicht verlöschen, sondern bringe unser Licht zum Leuchten!“

Als Schriftlesung wählte ich einen Text aus dem Matthäusevangelium aus (18, 1-6):

„Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“

Als Lied vor der Predigt ließ ich aus dem neuen Evangelischen Gesangbuch Nr. 625, 1-3 singen:

„Wir strecken uns nach dir, in dir wohnt die Lebendigkeit“

Dann folgte die Predigt (die Bibelverse wurden übrigens im Gottesdienst nicht von mir, sondern von einer ehrenamtlichen Helferin gelesen):

Liebe Gemeinde!

Da liegt die schöne Stadt Sodom am Jordan, umgeben von Feldern und Wiesen, eine reiche Stadt mit reichen Ackerbauern und Viehhirten. Den Menschen in Sodom könnte es gut gehen, es muss niemand hungern, jeder hat ein Dach über dem Kopf. Aber dennoch ist man in der Stadt nicht glücklich. Viele wissen vor lauter Geld und Langeweile nicht, womit sie ihre Zeit totschlagen sollen; sie suchen sich Vergnügungen, die immer ausgefallener sein müssen, bis dahin, dass sie Menschen quälen, um Lust zu empfinden. Ich glaube, das ist es, was der biblische Erzähler meint, wenn er schreibt:

13:13 Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN (46).

Nun lebte aber auch eine Familie in Sodom, die war fremd in der Stadt, die Familie Lot. Abrahams Neffe hatte sich Sodom als Wohnort ausgesucht, mit all den gut bewässerten Weiden drumherum – dort wollte er es sich gutgehen lassen. Eine Frau hatte er sich in Sodom auch genommen, und zwei Töchter waren dem Ehepaar geboren worden. Leider verstand sich Lot nicht so gut mit seiner Frau; zu sehr war sie ein Kind ihrer Stadt, zu viel bedeuteten ihr die Vergnügungen in Sodom, mit denen Lot nichts zu tun haben wollte. „Wir haben einen anderen Glauben als die Leute in dieser Stadt“, sagte er immer. „Wir glauben an einen anderen Gott. Ich kann es nicht so gut ausdrücken, frag meinen Onkel Abraham, der hat einen direkten Draht nach oben.“

Kein Wunder, dass Lot sehr einsam wurde in dieser Stadt. Mit den Bewohnern und mit seiner Frau verstand er sich nicht so gut. Seinen Onkel Abraham hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Mit dem war er damals den weiten Weg aus Mesopotamien hier in dieses Land gekommen, weil Gott es dem Abraham gesagt hatte. Der hatte ihn früher immer wieder aus Schwierigkeiten helfen müssen. Dann hatten sie sich voneinander getrennt, weil es beinahe zu Mord und Totschlag zwischen ihren Viehhirten gekommen wäre. Da blieben nur noch zwei Menschen übrig, die Lot wirklich etwas bedeuteten: seine beiden Töchter, die inzwischen schon fast zur Frau herangewachsen waren. Damals im alten Israel galten schon zwölfjährige Mädchen als erwachsen, die eine war vielleicht elf und die andere zwölf Jahre alt. Wie die beiden hießen, wird uns nicht überliefert, ich möchte die ältere in dieser Predigt Hanna nennen und die jüngere Mirjam.

Da die Mutter sich mehr in Sodom herumtrieb, als für ihre Kinder zu sorgen, war es den Mädchen auch nur lieb, dass der Papa sich viel mit ihnen beschäftigte, mal mit der einen und mal mit der anderen. „Wenn ich dich nicht hätte“, sagte er dann manchmal zu Hanna oder zu Mirjam, „dann wäre ich ganz allein. Du bist meine Lieblingstochter. Ja, irgendwie bist du meine kleine Frau.“ Ein bisschen spürten Hanna und Mirjam schon, dass das manchmal etwas komisch war mit dem Papa; immer mussten sie ihn trösten, immer musste die eine eifersüchtig auf die andere sein, manchmal küsste oder streichelte der Papa sie auch so komisch. Aber wenn die eine sagte: „Das mag ich nicht!“ dann sagte Lot: „Das tu ich doch bloß, weil ich dich so liebhabe, aber wenn du es nicht willst, dann gehe ich eben zu deiner Schwester“. Nein, glücklich konnten auch die beiden Mädchen mit ihrem Vater nicht sein. Wem sollten sie es auch sagen, was der Vater machte? Sie wussten ja selbst nicht genau, was da nicht stimmte. Und die Mutter hätte sie nur ausgelacht.

So mag das gewesen sein mit Lot und seinen beiden Töchtern, Hanna und Mirjam, als die Nacht der Katastrophe kam. Am frühen Abend dieses Tages ist noch nichts davon zu merken, dass wenige Stunden später ein Erdbeben oder Vulkanausbruch die Stadt Sodom zusammen mit der Nachbarstadt Gomorra in Feuer und Schwefel untergehen lassen würden. Nur eins ist anders an diesem Abend: es kommt Besuch (Genesis 19):

1 Die zwei Engel kamen nach Sodom am Abend; Lot aber saß zu Sodom unter dem Tor. Und als er sie sah, stand er auf, ging ihnen entgegen und neigte sich bis zur Erde

2 und sprach: Siehe, liebe Herren, kehrt doch ein im Hause eures Knechts und bleibt über Nacht; lasst eure Füße waschen und brecht frühmorgens auf und zieht eure Straße. Aber sie sprachen: Nein, wir wollen über Nacht im Freien bleiben.

3 Da nötigte er sie sehr, und sie kehrten zu ihm ein und kamen in sein Haus. Und er machte ihnen ein Mahl und backte ungesäuerte Kuchen, und sie aßen.

Diese beiden jungen Männer, die zum Stadttor hereinkommen – die haben wirklich etwas Besonderes an sich; solche Männer hatten die beiden Mädchen noch nie gesehen. Ganz anders als die Männer in der Stadt, anders als die Männer, die Lot für sie bereits als Ehemänner ausgesucht hatten, die dachten immer nur als Vergnügen und Sex. Auch anders als Lot, der immer so unsicher und traurig und einsam war und von Hanna und Mirjam getröstet werden musste. Die beiden, die da herein kommen, sind zwar jung, aber sie wirken sehr erfahren, sehr selbstbewusst, sehr freundlich, aber auch sehr ernst und streng. ich vermute mal, dass das den Mädchen am ehesten aufgefallen sein mag. Dem Lot vielleicht auch – jedenfalls denkt er an das, was ihm sein Onkel Abraham gesagt hat: „Halte die Gastfreundschaft in hohen Ehren – es geht nichts über die Pflicht, seine Gäste vor allem Bösen zu schützen!“ Und deshalb bittet er die beiden gleich zu sich ins Haus, er weiß ja, wie die anderen Stadtbewohner sind.

4 Aber ehe sie sich legten, kamen die Männer der Stadt Sodom und umgaben das Haus, jung und alt, das ganze Volk aus allen Enden,

5 und riefen Lot und sprachen zu ihm: Wo sind die Männer, die zu dir gekommen sind diese Nacht? Führe sie heraus zu uns, dass wir uns über sie her machen.

Kaum bekommen die Männer der Stadt heraus, dass Lot zwei junge Gäste hat, wittern sie ein Abenteuer, das es nicht alle Tage gibt. An denen wollen sie sich vergehen, sie wollen ihnen Gewalt antun, das macht ihnen Spaß. Was soll Lot nun tun? Abraham hat ihm beigebracht, wenn es darum geht, die Gastfreunde zu beschützen, darf einem kein Opfer zu groß sein. Und da entschließt er sich, zu handeln:

6 Lot ging heraus zu ihnen vor die Tür und schloss die Tür hinter sich zu

7 und sprach: Ach, liebe Brüder, tut nicht so übel!

8 Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne; die will ich herausgeben unter euch, und tut mit ihnen, was euch gefällt; aber diesen Männern tut nichts, denn darum sind sie unter den Schatten meines Dachs gekommen.

Hanna und Mirjam drinnen trauen ihren Ohren nicht: Sie sind nicht im Zimmer bei den Gästen, das würde sich nicht gehören; aber hinter ihrem kleinen Fenster hören sie alles, was draußen gesprochen wird. Was hat der Vater gerade gesagt? denken sie. Ich habe zwei Töchter, die haben noch mit keinem Mann geschlafen, mit denen könnt ihr machen, was ihr wollt? Ist das wirklich unser lieber Vater? Will er uns wirklich zu den bösen Männern hinausschicken? Sind wir denn so viel weniger wert als die fremden Männer, die zu Besuch gekommen sind, dass es dem Papa egal ist, was mit uns passiert da draußen in der wilden Meute? „Ich habe Angst“, flüstert Mirjam und kuschelt sich an die ältere Schwester. „Ich auch“, sagt Hanna. In ihr ist etwas zerbrochen. Sie ist enttäuscht, tief enttäuscht von ihrem Papa, den sie so sehr liebhat. Irgendwie spürt sie, dass der Vater sie wohl nie einfach so lieb gehabt hat. Immer waren sie für ihn da gewesen, weil er so alleine war. Und sie, die Töchter, waren einfach sein Eigentum, und auch jetzt konnte er mit ihnen machen, was er wollte.

Aber die Männer draußen hören gar nicht auf Lot.

9 Sie aber sprachen: Weg mit dir! Und sprachen auch: Du bist der einzige Fremdling hier und willst regieren? Wohlan, wir wollen dich noch übler plagen als jene. Und sie drangen hart ein auf den Mann Lot.

„O weh!“ ruft Mirjam. „Der arme Papa!“ ruft Hanna, als sie das hören. Was werden die Männer jetzt ihrem Vater tun? Sie sind enttäuscht von ihm, aber sie haben ihn doch auch lieb. Sie wollen nicht, dass ihm etwas passiert! Sie denken: „Nein, dann sollen sie lieber uns holen, den Papa sollen sie nicht totschlagen!“

In diesem Augenblick greifen plötzlich die beiden Gäste ein:

Doch als sie hinzuliefen und die Tür aufbrechen wollten,

10 griffen die Männer hinaus und zogen Lot herein zu sich ins Haus und schlossen die Tür zu.

11 Und sie schlugen die Leute vor der Tür des Hauses, klein und groß, mit Blindheit, so dass sie es aufgaben, die Tür zu finden.

Die Männer schaffen es irgendwie, die Gefahr abzuwenden, ein Wunder zu vollbringen, ohne dass jemand aus Lots Familie zu Schaden kommt.

An dieser Stelle unterbrach ich die Predigt, wie ich es mir in den Gottesdiensten in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey angewöhnt hatte, um ein Lied (zur Gitarren- oder Orgelbegleitung) mit der Gemeinde zu singen, damit die Konzentrationsfähigkeit nicht überstrapaziert werden sollte. Gottesdienstbesucher meldeten mir zurück, dass sie auf diese Weise auch einer längeren Predigt leichter folgen könnten.

Ich ließ das Lied 618, 1-3, singen:

„Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl; das macht die Seele still und friedevoll. Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt das Herz, sei’s spät, sei’s früh. – Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit, dein Plan ist fertig schon und liegt bereit. Ich preise dich für deiner Liebe Macht, ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht. – Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht, und du gebietest ihm, kommst nie zu spät. Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug; du weißt den Weg für mich, das ist genug.“

Ja, liebe Gemeinde, nachdem es sich gezeigt hat, dass die Männer aus Sodom noch nicht einmal davor zurückschrecken, die beiden Gäste von Lot zu vergewaltigen, geben sich eben diese Gäste zu erkennen. „Wir sind Boten von Gott“, sagen sie.

12 Und die Männer sprachen zu Lot: Hast du hier noch einen Schwiegersohn und Söhne und Töchter und wer dir sonst angehört in der Stadt, den führe weg von dieser Stätte.

13 Denn wir werden diese Stätte verderben, weil das Geschrei über sie groß ist vor dem HERRN; der hat uns gesandt, sie zu verderben.

14 Da ging Lot hinaus und redete mit den Männern, die seine Töchter heiraten sollten: Macht euch auf und geht aus diesem Ort, denn der HERR wird diese Stadt verderben. Aber es war ihnen lächerlich.

Hanna und Mirjam bekommen die ganze Aufregung mit. Ist das zu glauben? Am frühen Morgen wird es die Stadt nicht mehr geben? Die Erde wird aufbrechen, die ganze Stadt wird verschüttet werden von glühender Lava? Nur wer schnell aus der Stadt flieht, kann gerettet werden? Erschreckt und verstört sind die beiden Mädchen. Ist jetzt alles aus? Werden wir jetzt alle sterben?

Und ein bisschen enttäuscht sind sie auch von ihren zukünftigen Männern – sie lachen Lot nur aus, als er ihnen sagt: „Rettet euch! Kommt mit uns mit!“ Richtig, Lot macht meistens keine gute Figur, niemand gibt viel auf sein Wort. In der Großfamilie hat Abraham viel mehr zu sagen, und hier in Sodom ist Lot nur der Zugereiste. Der gehört nicht dazu. Der zählt nicht. Aber dass man ihn deswegen auslacht, das tut Hanna und Mirjam doch weh.

Auch in dieser Nacht kann Lot nicht schnell einen Entschluss fassen. „Sollen wir nicht doch bleiben, ich kann nicht glauben, dass wir alles zurücklassen müssen“, denkt er. „Wir werden arm sein, so arm, wie wir noch nie gewesen sind“. Und wieder einmal wird Lot eine Entscheidung abgenommen. Diesmal ist es nicht Abraham, der ihm hilft, sondern die beiden Gastfreunde:

15 Als nun die Morgenröte aufging, drängten die Engel Lot zur Eile und sprachen: Mach dich auf, nimm deine Frau und deine beiden Töchter, die hier sind, damit du nicht auch umkommst in der Missetat dieser Stadt.

16 Als er aber zögerte, ergriffen die Männer ihn und seine Frau und seine beiden Töchter bei der Hand, weil der HERR ihn verschonen wollte, und führten ihn hinaus und ließen ihn erst draußen vor der Stadt wieder los.

17 Und als sie ihn hinausgebracht hatten, sprach der eine: Rette dein Leben und sieh nicht hinter dich, bleib auch nicht stehen in dieser ganzen Gegend.

Viel Mühe haben die Boten Gottes mit Lot, fast gegen seinen Willen müssen sie ihn retten nach vielem Hin und Her. Einer nimmt Lot und seine Frau an die Hand, der andere die beiden Mädchen, und rasch geht es aus der Stadt hinaus. Nur die letzte Strecke müssen sie allein laufen – und sie müssen sich beeilen, sie dürfen nicht mehr zögern, nicht mehr zurückschauen. Es gibt im Leben manchmal Augenblicke, wo der Blick zurück schaden kann, wo es wichtig ist, nur nach vorn zu schauen.

Die Frau von Lot zum Beispiel, was macht sie? Auch sie weiß nicht, wie ihr geschieht in dieser Nacht. Das alles soll untergehen, was ihr Leben ausgemacht hat, das ganze Treiben in der Stadt Sodom? Sie hat immer nach mehr gesucht – mehr Vergnügen, mehr Männer, mehr Leben, auch wenn sie nie gefunden hat, was sie wirklich suchte. Zusammen nur mit diesen drei Menschen soll sie alles aufgeben, mit diesem langweiligen Lot, mit diesen Papakindern, die ihr immer fremd geblieben sind?

Frau Lot zögert, bleibt hinter den anderen zurück, schaut hinter sich, kann kein neues Leben beginnen. Und da geschieht die Katastrophe:

23 Und die Sonne war aufgegangen auf Erden, als Lot nach Zoar kam.

24 Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra

25 und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.

26 Und Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule.

Noch einmal haben wir die Predigt unterbrochen für das Lied 235, 1-4:

„O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten“

Nun sind Hanna und Mirjam ganz allein mit ihrem Vater; und der Vater ist ganz allein mit ihnen. Wer braucht nun wen mehr, die Mädchen den Vater, oder der Vater die Mädchen? Die Töchter sind ja nach unseren Begriffen noch Kinder, sie brauchen erwachsene Anleitung, um in das Leben einer erwachsenen Frau hineinwachsen zu können. Damals lebten normalerweise alte und junge Frauen mit den Kindern eng zusammen, und die Mädchen bekamen alles mit, was sie für den Übergang ins Erwachsenenleben brauchten. Aber sie sind allein mit ihrem Vater. Werden sie väterliche Hilfe von Lot bekommen? Schon bald kommt für sie die Zeit, in der alle anderen jungen Mädchen heiraten. Wird er ihnen helfen, diesen Schritt ins Erwachsenenleben zu schaffen? Oder wird sich Lot noch mehr in seine Einsamkeit vergraben?

In dem kleinen Ort Zoar hält er es jedenfalls nicht lange aus, vielleicht weil der Dorfklatsch seine Geschichten über diesen Lot verbreitet hat, der aus der bösen Stadt Sodom gekommen ist. Er zieht sich mit den Töchtern in die Berge zurück und wohnt dort mit ihnen in seiner Höhle.

30 Und Lot zog weg von Zoar und blieb auf dem Gebirge mit seinen beiden Töchtern; denn er fürchtete sich, in Zoar zu bleiben; und so blieb er in seiner Höhle mit seinen beiden Töchtern.

Die Zeit vergeht. Lot lebt in seiner Höhle in den Bergen zurückgezogen mit Hanna und Mirjam. Als ob sie seine beiden Ehefrauen wären, so versorgen sie ihn. Kontakt zu anderen Menschen aus der Umgebung lässt er nicht zu. Verschlossen ist er geworden nach der Katastrophe, er wird nicht damit fertig, dass er ein armer Mann ist, manchmal trinkt er zu viel Alkohol. Lot wird immer unselbständiger, seine Töchter dagegen müssen immer mehr Verantwortung übernehmen. Lot bindet Hanna und Mirjam immer enger an sich, obwohl sie doch längst hätten verheiratet sein sollen. Aber zur gleichen Zeit verschließen sich die Töchter auch immer mehr vor ihm. Sie leben so eng, zu eng zusammen, und leben doch wie auf verschiedenen Sternen. Vertrauen ist nicht mehr zwischen ihnen und dem Vater seit jener Katastrophennacht, seit der Vater sie freigeben wollte zur Vergewaltigung. Stattdessen sind die Töchter inzwischen einander nähergekommen.

Eines Tages denkt sich Hanna: „Wir werden noch ohne Kinder sterben, wenn es so weitergeht. Und auch unser Vater Lot, er wird niemals Enkel und Urenkel haben, wenn er uns nicht frei gibt. Das ist ihm alles egal, wenn wir nur für ihn kochen und waschen. Es muss also etwas geschehen.“

31 Da sprach die ältere zu der jüngeren: Unser Vater ist alt, und kein Mann ist mehr im Lande, der zu uns eingehen könnte nach aller Welt Weise.

32 So komm, lass uns unserm Vater Wein zu trinken geben und uns zu ihm legen, dass wir uns Nachkommen schaffen von unserm Vater.

33 Da gaben sie ihrem Vater Wein zu trinken in derselben Nacht. Und die erste ging hinein und legte sich zu ihrem Vater; und er ward’s nicht gewahr, als sie sich legte noch als sie aufstand.

Wie viel ist nicht schon über diese Nacht geschrieben und von Künstlern gemalt worden! Viele haben sich entrüstet über diese Töchter, die den armen, unschuldigen Vater verführen und mit ihm schlafen. Maler haben das angeblich so sündige Treiben mit viel nacktem Fleisch auf die Leinwand gebannt. Aber bis vor kurzem hat niemand darauf geachtet, was vorher gewesen war. Was war das denn für ein Vater, der seine elf oder zwölf Jahre alte Tochter einer wilden Meute von gierigen Männern ausliefern will? Was für ein Vater zieht sich in die Einöde zurück und sorgt nicht dafür, dass die Töchter mit Gleichaltrigen zusammenkommen und eine eigene Familie gründen können? Der Vater ist es, der in seiner Erziehungsaufgabe versagt hat, der vermutlich schon immer die Töchter ausgenutzt hat für seinen eigenen Trost, weil er sich so einsam und unsicher gefühlt hat. Er hat einen Halt an den Töchtern gesucht, er, der als Vater ihnen hätte Halt geben sollen. Da muss sich niemand wundern, dass die Töchter ihr Schicksal auf ihre Weise, so wie sie es von ihrem Vater gelernt haben, in die Hand nehmen – im Notfall sind alle Mittel recht. Wenn es im Notfall dem Vater recht ist, die Töchter zu opfern, dann muss es den Töchtern billig sein, sich und der Familie Nachkommen zu schaffen vom Vater, oder, wie es in der hebräischen Sprache wörtlich heißt, „sich den Samen des Vaters lebendig zu machen“.

34 Am Morgen sprach die ältere zu der jüngeren: Siehe, ich habe gestern bei meinem Vater gelegen. Lass uns ihm auch diese Nacht Wein zu trinken geben, dass du hineingehst und dich zu ihm legst, damit wir uns Nachkommen schaffen von unserm Vater.

35 Da gaben sie ihrem Vater auch diese Nacht Wein zu trinken. Und die jüngere machte sich auch auf und legte sich zu ihm; und er ward’s nicht gewahr, als sie sich legte noch als sie aufstand.

Die Geschichte, die wir heute hören, ist in grauer Vorzeit erzählt worden. Aber sie erzählt von Vorgängen, die es bis heute leider immer noch gibt. Es gibt Erwachsene, die ihre Kinder in schlimmer Weise ausnutzen. In den letzten Jahren hört man immer mehr über Mädchen, die von Vätern, Stiefvätern, Freunden der Familie schon in frühem Lebensalter über Jahre hin sexuell missbraucht werden. Das war das Thema, mit dem ich mich in den letzten Monaten beschäftigt habe. In einer Geschichte wie der von den Töchtern Lots spiegeln sich solche Erfahrungen wider. Und auch die Erfahrung, dass man immer wieder Mädchen unterstellt hat, sie würden einen Erwachsenen verführen – und in Wirklichkeit ist es immer der Erwachsene, der die Verantwortung für sein Verhalten trägt. In einer jüdischen Auslegung dieser Geschichte heißt es: Als Lot herausfand, was ihm in der ersten Nacht passiert war, hätte er es doch wenigstens nicht noch ein zweitesmal zulassen dürfen, betrunken zu werden. Die Absicht der Töchter jedenfalls ist ehrenhaft. Und sie kommen zum Ziel: Hanna und Mirjam, wie ich sie nenne, werden zu Stammüttern zweier Völker:

36 So wurden die beiden Töchter Lots schwanger von ihrem Vater.

37 Und die ältere gebar einen Sohn, den nannte sie Moab. Von dem kommen her die Moabiter bis auf den heutigen Tag.

38 Und die jüngere gebar auch einen Sohn, den nannte sie Ben-Ammi. Von dem kommen her die Ammoniter bis auf den heutigen Tag.

So endet die Geschichte, ohne dass Lot überhaupt noch einmal erwähnt wird. Er hat nicht als ein guter Vater gehandelt; das letzte Bild, das von ihm gemalt wird, ist das eines armen, schwachen, dem Alkohol verfallenen Mannes, der seine Töchter unter den Zwang stellt, etwas zu tun, wovor sie sich mit Sicherheit ekeln, was sie nicht gerne tun, was sie aber meinen, tun zu müssen, damit die Familie nicht ausstirbt.

Und wo bleibt Gott in der ganzen Geschichte? Gott hat Lot gerettet in der Gestalt der beiden jungen Männer. Er hat ihn davor bewahrt, von den Männern Sodoms getötet zu werden. Er hat die Mädchen davor bewahrt, von den gleichen Männern vergewaltigt zu werden. Er hat Lot und die beiden Töchter vor dem Untergang in der Stadt Sodom beschützt und sie hinausgeführt.

Wie Gott das Verhalten des Vaters und der Töchter beurteilt, bleibt offen. Der Erzähler berichtet nicht von einer göttlichen Strafe. Er erzählt einfach, was unter Menschen geschieht, damals wie heute. Er überlässt Gott das Urteil. Jesus hat später ein hartes Wort über Menschen gesprochen, die Kinder für ihre eigenen Zwecke missbrauchen und verführen, so dass sie jeden Glauben und jeden Lebensmut verlieren (es steht im Matthäusevangelium, Kapitel 18):

6 Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.

Er rief ein Kind zu sich, stellte es mitten unter sie und sagte:

3 Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Wir dürfen zu Gott kommen, mit allem Schmerz, den wir erlitten haben, mit all dem, was wir tun mussten, um überhaupt überleben zu können, auch wenn wir uns noch so sehr dafür schämen. Und Gott nimmt uns in Jesu Namen an – ihm sind wir recht als seine geliebten Kinder. Und niemand darf uns mehr auslachen oder zu Unrecht beschuldigen. Amen.“

Nach der Predigt und vor dem Segen wurden die Lieder 237, 1-3 und 620, 1-4 gesungen, das erste von Schalom Ben Chorin (nach der bekannten Melodie von „Ach bleib mit deiner Gnade“), um noch einmal das Thema der Verstrickung in Schuld, auch fremde Schuld, das indirekt in der Predigt anklang, aufzugreifen:

„Und suchst du meine Sünde, flieh ich von dir zu dir“

und das zweite, um am Schluss noch einmal der Hoffnung Raum zu geben, die ich bereits am Ende der Predigt angesprochen hatte:

„Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da“

Die Gebete vor bzw. nach dem Abendmahl lauteten wie folgt: „Freundlicher, treuer, geduldiger, barmherziger Gott, du nimmst uns an, so wie wir sind. Mit Schuld und Scham, mit allem, was wir getan haben, was wir nicht sollten, auch wenn wir es aus freiem Entschluss nicht ändern können. Und wir bitten dich darum: lass uns nicht aufgeben, nach Antworten zu suchen auf die Frage: warum tun wir manche Dinge immer wieder, obwohl wir es gar nicht wollen? Wir wissen: du hast uns trotzdem lieb. Du vergibst uns nicht nur unsere Schuld, die wir bereuen, du trägst nicht nur die Schuld der anderen, die wir uns noch zusätzlich aufladen, du trägst uns auch mit der Schuld, die wir immer wieder neu auf uns laden, weil wir noch nicht wissen, warum wir so handeln. Hilf uns, Herr Jesus! Lass uns nicht allein!“ und „Gott, begleite uns in den Tag und die Woche. Sei mit uns, wenn wir uns freuen und wenn wir traurig sind. Sei mit uns, wenn wir uns ängstigen und wenn wir Schmerzen spüren. Sei mit uns, wenn wir allein sind und wenn wir mit anderen zusammen sind. Lass uns nicht vergessen, dass wir deine Kinder sind und dass du uns lieb hast! Amen.“

Anmerkungen

(1) Dierk Schäfer, Andacht bei der Tagung „Sexueller Kindesmissbrauch in der Familie. Ein Vorwurf und seine Folgen“ vom 26.-28.5.1995 in Bad Boll, Manuskript aus den mir zugesandten Unterlagen zur Tagung.

(2) Neuer Commentar über die Genesis von Franz Delitzsch, Leipzig 1887, S. 304.

(3) Genesis, übersetzt und erklärt von Hermann Gunkel, Göttingen 1922, S. 209.

(4) Das Buch Genesis. Übersetzt und erklärt von Dr. Paul Heinisch, Bonn 1930, S. 247.

(5) Das erste Buch der Tora: Genesis. Übersetzt und erklärt von Benno Jacob, Berlin 1934, S. 455f.

(6) Das Buch des Glaubens. Kapitel 12-25 des 1. Buches Mose, ausgelegt von Mag. Hellmuth Frey, Stuttgart 1936, S. 120.

(7) Das erste Buch Mose. Genesis. Übersetzt und erklärt von Gerhard von Rad, Göttingen 1972, S. 172.

(8) Walther Zimmerli, 1. Mose 12-25. Abraham, Zürich 1976, S. 88.

(9) Claus Westermann, Genesis, 2. Teilband, Genesis 12-36, Neukirchen-Vluyn 1981, S. 368.

(10) Josef Scharbert, Genesis. Die Neue Echter Bibel: Kommentar zum Alten Testament mit der Einheitsübersetzung, Würzburg 1986, S. 152.

(11) Anne Michele Tapp, An Ideology of Expendability: Virgin Daughter Sacrifice in Genesis 19.1-11, Judges 11.30-39 and 19.22-26, S. 162. In: Mieke Bal (Hg.), Anti-Covenant. Counter-Reading Women’s Lives in the Hebrew Bible, JSOT 81 (Journal for the Study of the Old Testament, Supplement Series), Sheffield 1989, S. 157-174. Das Zitat im Original: „Lot’s offer cannot be understood as an effort to protect the holy (angels) through the sacrifice of the profane (daughters), but only as the protection of men (with whom Lot has no allegiance except as a host) through the sacrifice of women.“

(12) Ebenda, S. 171: „The women in these stories are nameless. They have no identity apart from the being the property of a man.“

(13) Elke Seifert, Lot und seine Töchter. Eine Hermeneutik des Verdachts, S. 59. In: Hedwig Jahnow u. a., Feministische Hermeutik und Erstes Testament. Analysen und Interpretationen, Stuttgart / Berlin / Köln 1994, S. 48-66.

(14) Phyllis Trible, Mein Gott, warum hast du mich vergessen! Frauenschicksale im Alten Testament, 3. Auflage, Gütersloh 1995, S. 111; siehe auch den ganzen Abschnitt S. 99ff.

(15) Anne Michele Tapp (siehe Anmerkung 11), S. 162: „Unlike the angels, however, the virgin daughters are not protected by hospitality codes.“

(16) Franz Delitzsch (siehe Anmerkung 2), S. 311.

(17) Paul Heinisch (siehe Anmerkung 4), S. 251.

(18) Hellmuth Frey (siehe Anmerkung 6), S. 134.

(19) Josef Scharbert (siehe Anmerkung 10), 155f.

(20) Walther Zimmerli (siehe Anmerkung 8), S. 95.

(21) Claus Westermann (siehe Anmerkung 9), S. 384f.

(22) Rainer Kessler, 1. Mose 19. „… damit wir uns Nachkommen schaffen von unserem Vater“ – Lots Töchter, S. 27. In: Eva Renate Schmidt (Hg.), Feministisch gelesen, Band 2, Ausgewählte Bibeltexte für Gruppen, Gemeinden, Gebete für den Gottesdienst, Stuttgart 1989, S. 22-28.

(23) Ebenda, S. 25.

(24) Hermann Gunkel (siehe Anmerkung 3), S. 218.

(25) Benno Jacob (siehe Anmerkung 5), S. 464f.

(26) Encyclopaedia Judaica, Volume 11 (Lek – Mil), Jerusalem 1972, S. 508: „Lot is condemned for the negligence which caused him to sleep with his two daughters… Although he was not aware of what he was doing he allowed himself to become intoxicated again after he had found out what had happened to him with his elder daughter. However, his daughters‘ intention was honorable.“

(27) Joanne Carlson Brown, „Mit Rücksicht auf die Engel“. Sexuelle Gewalt und sexueller Missbrauch, S. 112. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 108-114.

(28) Gerhard von Rad (siehe Anmerkung 7), S. 172.

(29) Ebenda, S. 176.

(30) „Alkohol erhöht das Verlangen, beeinträchtigt jedoch den Erfolg.“

(31) Zitiert bei Ursula Wirtz, Seelenmord. Inzest und Therapie, Zürich 1989, S. 51, nach Kuckuck, A. / Wohlers, H. (Hg.), Vaters Tochter, Reinbek 1988, S. 115.

(32) Elke Seifert (siehe Anmerkung 13), S. 60.

(33) Ebenda, S. 63.

(34) Niels Ernst, Psychosexuelle Entwicklung und Inzest, S. 37. In: Lone Backe, Nini Leick, Joav Merrick und Niels Michelsen (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien, Köln 1986, S. 26-38.

(35) Josephine Rijnaarts, Lots Töchter. Über den Vater-Tochter-Inzest, Düsseldorf 1988, S. 25ff.

(36) Ebenda, S. 26.

(37) Zu ihrem Gedächtnis… Eine feministisch-theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge, München 1988, S. 71.

(38) Ebenda, S. 72 – Zitat aus: Elizabeth Fox-Genovese, For Feminist Interpretation, in: Union Seminary Quarterly Review 35 (1979/80), S. 10.

(39) Ingeborg Retzlaff, Inzesttabu – Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch von Kindern aus frauenärztlicher Sicht, S. 15. In: Ingeborg Retzlaff (Hg.), Gewalt gegen Kinder. Misshandlung und sexueller Missbrauch Minderjähriger, Neckarsulm 1989, S. 12-19.

(40) Ebenda, S. 17.

(41) Elke Seifert (siehe Anmerkung 13), S. 62.

(42) Mathias Hirsch, Psychoanalytische Therapie mit Opfern inzestuöser Gewalt, S. 140. In: Jahrbuch der Psychoanalyse. Beiträge zur Theorie und Praxis, Band 31, 1993, S. 132-148.

(43) Thomas Layne, Macht und Machtmissbrauch in der therapeutischen Arbeit mit Inzestopfern und -überlebenden. Übersetzung aus dem Amerikanischen und Textbearbeitung von Reinhard Fuhr, S. 39. In: Gestalttherapie, Jahrgang 6, Heft 2, 1992, S. 35-43.

(44) Ruud Bullens, Der Grooming Prozess – oder das Planen des Missbrauchs, S. 28. Mir liegt lediglich ein Vorabdruck dieser Schrift vor.

(45) Rainer Kessler (siehe Anmerkung 22), S. 27.

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