„Der HERR nimmt mich auf“

Wenige Monate nach seiner Frau stirbt auch der Ehemann; die Kinder verlieren nach der Mutter auch den Vater. Ich denke über den Bibelvers aus Psalm 27, 10 nach: „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.“

"Der HERR nimmt mich auf": Eine Kirche, daneben kleine Menschen, darüber ein Abendhimmel mit hellen Wölkchen und vielen Sternen

Ein HImmel mit Sternen über einer Kirche und kleinen Menschen (Bild: Free-Photos – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauerfamilie, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn U., der im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Wir geben ihm die letzte Ehre, erinnern uns an sein Leben, machen uns bewusst, wen wir mit ihm verloren haben und suchen Wege, um die Trauer zu bewältigen. Dabei greifen wir auch zurück auf Worte der Bibel, zum Beispiel auf die alten Gebete des Volkes Israel in den Psalmen.

So beten wir mit Worten aus dem Psalm 27:

1 Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?

2 Wenn die Übeltäter an mich wollen, um mich zu verschlingen, meine Gegner und Feinde, sollen sie selber straucheln und fallen.

3 Wenn sich auch ein Heer gegen mich lagert, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf ihn.

5 Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes und erhöht mich auf einen Felsen.

7 HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!

9 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!

10 Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.

11 HERR, weise mir deinen Weg und leite mich auf ebener Bahn.

13 Ich [bin gewiss], dass ich sehen werde die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.

14 Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!

Liebe Gemeinde, den Psalm, den wir gebetet haben, habe ich ausgewählt wegen Vers 10: „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.“ Sie müssen innerhalb weniger Monate sowohl von Ihrer Mutter als auch von Ihrem Vater Abschied nehmen. Und bei Ihrem Vater war es so, dass er seine leiblichen Eltern beide so gut wie gar nicht gekannt hat. Der Vater fiel im Krieg, auch seine Mutter starb noch während der Kriegsjahre. So musste Herr U. vom Anfang seines Lebens an ohne seine Eltern zurechtkommen.

Zahlreiche Geschichten aus dem Leben des Verstorbenen

Ich erfuhr erst zwei Tage vor seinem Tod, wie ernst es um ihn stand. Er hatte um meinen Besuch gebeten, und ich konnte noch am selben Tag zu ihm gehen, keinen Tag zu früh. Er war sehr schwach, aber geistig völlig klar. Am Abend zuvor hatte er noch Leichtathletik im Fernsehen gekuckt, immer noch sein Lieblingssport, dafür war er extra länger aufgeblieben. Er wisse, dass es mit ihm zu Ende gehe, meinte er. Und er freue sich darüber, dass er letztes Jahr seine Krankheit zeitweise besiegt hatte und für seine Frau da sein konnte. Er erzählte mir, dass er stolz darauf sei, was er beruflich erreicht hat. Als ich ihn fragte, was besonders schön in seinem Leben war, sagte er: „Das schönste war die Geburt unserer Kinder.“

Er hatte alles getan, um loslassen zu können, seinen letzten Willen verfügt, sich im Kreis seiner Lieben umsorgen lassen. Als dieser Tag zu Ende ging, hat er zu ihnen gesagt: „Das war ein richtig schöner Tag“, der letzte, den er noch mit vollem Bewusstsein erlebt hat. Am Tag darauf haben dann viele, die ihm vertraut waren, noch einmal von ihm Abschied nehmen können, und noch einen Tag später konnte er Abschied nehmen. Sie hatten ihm das Bild seiner Frau so hingestellt, dass er es direkt vor Augen hatte, daneben standen Engelfiguren, und es war, als würde seine Frau ihn zu sich rufen. Er hatte Tränen in den Augen und ist friedlich gestorben. Er konnte loslassen.

Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.

So haben wir am Anfang mit Psalm 27, 10 gebetet. Für Herrn U. war es schon sehr früh so weit, dass er ohne Eltern aufwachsen musste. Sicher hatte er seine Adoptiveltern, aber sein Gefühl war doch eher, dass er viel auf sich allein gestellt war. Durch seine Ehe und seine eigene Familie war er dann doch nicht allein. Seine Eigenständigkeit und den eigenen Kopf bewahrte er sich allerdings sein Leben lang, so dass es auch nicht immer einfach war, mit ihm zurechtzukommen. Um so mehr hat er sich darüber gefreut, dass es in den letzten Monaten noch zu Begegnungen gekommen ist, die lange nicht möglich schienen.

Nun hat er in seinem Tod sein Leben und Sie alle losgelassen. „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich,“ das erfahren nun auch Sie. „Aber der HERR nimmt mich auf“, das ist die Erfahrung des Psalmbeters. Damit ist zunächst gemeint, dass wir hier auf Erden nicht allein und ungetröstet bleiben müssen, sondern im Vertrauen auf Gott unsere Trauer bewältigen, neues Selbstbewusstsein gewinnen und neu auf andere Menschen zugehen können.

Zugleich gilt dieser Satz aber auch für den Verstorbenen, Herrn U. Wir dürfen gewiss sein, dass der HERR über Leben und Tod ihn mit Ehren bei sich in seinem Himmel aufnimmt. Wir dürfen annehmen, dass er dort seine geliebte Frau wiedersehen wird, auch wenn wir nicht einmal ahnen können, welch herrliche Zukunft Gott den Verstorbenen in seinem Reich bereitet. In Trauer und Dankbarkeit dürfen wir ihn loslassen, in die liebevollen Hände Gottes hinein. Amen.

Barmherziger Gott, im Vertrauen auf dich, der du uns liebst, nehmen wir heute Abschied von Herrn U. Wir vertrauen ihn deiner Liebe an. Nimm ihn auf in deinem ewigen Reich. Wir sind dankbar für das, was uns mit seinem Leben geschenkt war, und auch für das, was wir ihm geben konnten.

Uns, die wir zurückbleiben, schenke die Kraft, um zu bewältigen, was uns belastet. Hilf uns, dass wir gemischte Gefühle zulassen. Begleite uns auf dem Weg der Trauer und hilf uns, unser eigenes Leben zu meistern. Hilf uns klarzukommen mit den Gedanken an den Tod und lass uns nicht vergessen, wie kostbar das uns geschenkte Leben ist. Mach uns bewusst, dass wir von dir geschaffen sind, um auf dieser Erde Liebe zu empfangen und zu geben. Amen.

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