Lucas Brasi: „Die erfundene Antike“

Lukas Brasi versucht nachzuweisen, dass die gesamte griechisch-römische Antike erfunden sei. Bei der Beweisführung unterlaufen ihm aber in der Beurteilung biblischer, theologischer und kirchengeschichtlicher Zusammenhänge derart krasse Fehler, dass sein Buch keineswegs das Zeug hat, ein Standardwerk zum kritischen Quellenstudium zu werden.

Statue des Historikers Herodot aus der griechischen Antike

Lucas Brasi beruft sich in seiner Beweisführung unter anderem auf den griechischen Historiker Herodot, den er andererseits (S. 87ff.) sehr kritisch sieht (Bild: morhamedufmgPixabay)

Inhalt der Buchbesprechung

Sehr geehrter Herr Brasi

Hat Platon wirklich nie existiert?

Wurden in der Renaissance angebliche Werke der Antike gefälscht?

Stammt unser Neues Testament aus byzantinischer Zeit?

Waren die Griechen identisch mit den Hebräern?

Waren die Hellenen des Hellenismus Juden?

Hat es Alexander den Großen nie gegeben?

Spuren des Polytheismus in einer monotheistischen Religion?

Geht die katholische Messe auf einen heidnischen Blutkult zurück?

Ist das Urchristentum keineswegs monotheistisch?

Vom Kriegsgott „Jahwe“ des AT zum pazifistischen Judentum des Talmud?

Gab es eine politische Koalition der Juden mit dem babylonischen Reich?

Ist die römische Fremdherrschaft über die Juden zur Zeit Jesu eine Fiktion?

Wurde Jesus ein Opfer der mächtigen Pharisäer und regionaler Konflikte in Israel?

War die Evangelienharmonie des Tatian die Urversion des Neuen Testaments?

Hat Martin Luther im Dienst der Fürsten den Protestantismus erfunden?

Kaum brauchbare Anregungen zum kritischen Quellenstudium

Sehr geehrter Herr Brasi,

ich war sehr gespannt auf Ihr Buch „Die erfundene Antike. Einführung in die Quellenkritik“ (UBW-Verlag, Hamburg 2004) [alle blau hinterlegten Zitate auf dieser Seite stammen aus diesem Buch], das 1995 erstmals unter dem Titel „Der große Schwindel“ erschienen war und auf der Rückseite als zukünftiges „Standardwerk zum kritischen Studium der Quellen der Alten Geschichte“ gepriesen wird. Da Ralph Davidson in seinem Buch „Desiderate der Forschung“ (S. 67) verraten hat, dass Lucas Brasi sein Pseudonym ist, müsste ich eigentlich ihn ansprechen, aber Sie werden sich hoffentlich auch mit dem Namen Ihres anderen Ich angesprochen fühlen.

Im Vorwort halten Sie es zwar für „erstaunlich, daß die griechisch-römische Antike heute immer noch für eine Realität gehalten wird“. Wenn allerdings „jeder Gelehrte nur einen kleinen Teil der Fiktion überblickt“ und „der Einzelne überfordert wäre, das Gesamtbild kritisch zu hinterfragen“, kann dasselbe natürlich auch für Ihre Absicht selbst gelten, die „griechisch-römische Antike“ als Fiktion zu erweisen (S. 3).

Leider fehlt Ihrem Werk von Anfang bis Ende eine klare Systematik. Weder definieren Sie klar, was Sie eigentlich mit der griechisch-römischen Antike meinen, noch geben Sie klar nachvollziehbare Begründungen für viele Ihrer Behauptungen. Es ist natürlich in Ordnung, wenn Sie traditionelle geschichtswissenschaftliche Thesen, die Ihnen zweifelhaft vorkommen, in Frage stellen. Aber allzuoft ziehen Sie selber weitreichende Schlüsse aus wenigen Indizien, die mir dann auch wieder fragwürdig vorkommen.

Zu einer Reihe dieser Ihrer Hypothesen formuliere ich im Folgenden einige kritische Anmerkungen.

Hat Platon wirklich nie existiert?

Als Beleg dafür, „daß Platon (als Mensch) natürlich erstens nie existiert hat und die Texte zweitens im Mittelalter geschrieben worden sind“ (S. 4), führen Sie die dürftige Anzahl der Quellen an. Aus der Tatsache, dass sich Fehler aus der jüngsten Abschrift platonischer Werke aber schon bei Zitaten antiker Autoren finden, schließen Sie nicht etwa die Echtheit dieses Werkes, sondern es macht in Ihren Augen umgekehrt

die Schriftsteller der Kaiserzeit sehr verdächtig, denn möglicherweise hatten diese „kaiserzeitlichen Schriftsteller“ den mittelalterlichen Cod F als Vorlage.

Für so weitreichende Schlussfolgerungen bleiben Sie jeden stichhaltigen Beweis schuldig.

Als Motiv für die Erfindung der Schriften Platons im Mittelalter vermuten Sie, dass „der mittelalterliche Platon, den man uns als antik verkauft, … gegen das Christentum“ an argumentiert (S. 5). Aber ich frage Sie: Wer im Mittelalter könnte das getan haben? Und zu welcher Gruppierung könnte er gehört haben? Über diese spannenden Fragen schweigen Sie sich aus.

Äußerst verwundert stelle ich fest, dass Sie sich später in Ihrem Buch dann doch auf Platon beziehen, denn sowohl bei ihm als auch bei den alten Ägyptern erkennen Sie „Parallelen zum Christentum“ (S. 43), zum Beispiel in der Vorwegnahme der „Institution des ‚Ablaßhandels‘“ (44f.), und Sie bringen Platon wegen seiner Erwähnung des Musaios und der von ihm geschriebenen Bücher indirekt mit Mose in Verbindung. Versetzen Sie damit sowohl die alten Ägypter als auch den Mose des Alten Testaments ebenfalls mit Platon ins christliche Mittelalter? Oder gab es Platon doch schon in der Antike? Wie dem auch sei – eine direkte Beeinflussung des mittelalterlichen Ablasshandels durch die altägyptischen „Totenbücher“ müsste jedenfalls im einzelnen belegt werden.

Im Zusammenhang Ihrer Ausführungen über die Beziehungen der Araber zum Hellenismus (S. 49ff.), über die ich nicht zu urteilen vermag, kommen Sie noch einmal auf Platon zu sprechen. Sie setzen Aristoteles mit dem antiken Aristobul gleich, denn dieser Aristobul kennt „Platon und Phytagoras, aber nicht Aristoteles“. Aber wie kann ein antiker Aristobul = Aristoteles einen erst im Mittelalter erfundenen Platon kennen?

Wurden in der Renaissance angebliche Werke der Antike gefälscht?

Ich akzeptiere Ihre Einschätzung, dass die Renaissance kein goldenes, friedvolles Zeitalter war (S. 7f.). Daher ist grundsätzlich auch nichts gegen Ihren Satz zu sagen:

„wer Menschen verbrennt, wird sicher auch nicht davor zurückschrecken, Bücher zu verbrennen, zu fälschen oder gefälscht in den Umlauf zu bringen.“ (S. 8)

Und es mag in der Tat Verdacht erregen, wenn es in dieser Zeit von vielen zuvor verschollenen antiken Dokumenten heißt, dass sie wiederentdeckt, abgeschrieben und nach ihrer Abschrift vernichtet worden sind (S. 7).

Aber um bestimmte Dokumente tatsächlich als Fälschung zu erweisen, ist eine weitere eingehende Prüfung notwendig. Eine solche vermisse ich z. B. bei den von Ihnen als Fälschungen aus dem 15. Jahrhundert eingeschätzten Werken des Flavius Josephus. Ich weiß zumindest, dass schon Autoren wie Eusebius von Cäsarea und Widukind von Corvey durchaus Josephus zitiert hatten. Sie schreiben hingegen: „Bis dahin kannte niemand diesen Josephus Flavius“ (S. 9). Wie passt das zusammen?

Stammt unser Neues Testament aus byzantinischer Zeit?

Den „Zeitpunkt der Redaktion unseres Neuen Testaments“ vermuten Sie unter Berufung auf Carl Faulmann „in byzantinischer Zeit“. Sie belegen das mit einem einzigen Satz:

„Die bekannte Evangelienstelle vom i-Tüpfelchen. Der i-Punkt war den alten Griechen und Römern nicht bekannt“ (S. 12).

Abgesehen davon, dass diese Datierung reichlich ungenau ist, denn das byzantinische (oströmische) Kaiserreich soll ja über 1000 Jahre zwischen 395 und 1453 existiert haben, ist Ihre Begründung mit dem fehlenden i-Punkt in der griechischen Sprache schon in sich unlogisch, denn auch in Byzanz wurde Griechisch gesprochen.

Zudem geht es im griechischen Neuen Testament in Matthäus 5, 18 und Lukas 16, 17 gar nicht um i-Punkte, sondern um die Strichlein oder Häkchen im Text der hebräischen Bibel, die auf Griechisch keraía heißen. Erst Martin Luther übersetzt keraía mit „Tüpfelchen“ ins Deutsche. Merkwürdigerweise wissen Sie aber später auf S. 97 selbst das Wort keraía in Matthäus 5, 18 mit „Häkchen“ zu übersetzen.

Waren die Griechen identisch mit den Hebräern?

In Ihrem Kapitel „Wer waren die Griechen?“ sind mir einige Fehleinschätzungen aufgefallen, die sich auf die Bibel beziehen.

Wenn Sie sich fragen: Warum weiß die „Bibel, die ja auch Ereignisse aus Babylon und Ägypten beschreibt, … nichts von dem legendären Sieg der Athener über die Perser“, warum kennt sie „weder Athen, noch Aristoteles, noch Platon“? (S. 28) – dann könnte das darin begründet sein, dass Babylon und Ägypten benachbarte Imperien waren, unter deren Fremdherrschaft oder Tributpflicht Israel immer wieder zu leiden hatte, während das jenseits des Mittelmeers liegende Griechenland für Israel weniger interessant war.

Weiterhin behaupten Sie, dass „die Völkerliste in Genesis 10“ Israel nicht erwähnt (S. 28). Vordergründig ist das zwar richtig, wenn Sie nur an den Namen „Israel“ denken. Aber diese Völkerliste aus grauer Vorzeit dient gerade dazu, zu begründen, welchen Platz das Volk Israel im Zusammenhang aller Völker der Welt einnehmen wird. Sie enthält konkret den Namen von Sem, seinem Sohn Arpachschad und seinen Nachkommen bis Peleg (1. Buch Mose – Genesis 10, 21-25), dessen weitere Nachkommenschaft (Genesis 11, 10-26) dann über Abram und Isaak zu Jakob führt, der (wie Sie selber auf S. 48 erwähnen) von Gott den Beinamen Israel erhält (Genesis 32, 29) und der Stammvater Israels wird.

Ebenso wenig stimmt Ihr Satz: „die Bibel kennt keine Phönizier“ (S. 29). Im 2. Makkabäerbuch und in der Apostelgeschichte kommen Phönizier vor. Das Alte Testament erwähnt häufig die phönizischen Stadtstaaten Tyros und Sidon. Die Königin Isebel, die als Gegenspielerin des Propheten Elia am deutlichsten den Götzendienst für die Götter Baal und Aschera repräsentiert, stammt aus dem phönizischen Stadtstaat Sidon.

All diese Einzelheiten mögen Sie als unerhebliche Kleinigkeiten abtun. Aber wenn Sie mit Herodots Bericht über seeräuberische „Ioner und Karer“, die der ägyptische König Psammetich im Nildelta antrifft, nahezulegen versuchen, dass die antiken Griechen mit den Hebräern gleichzusetzen sind, bringen Sie das Fass haltloser Spekulationen zum Überlaufen. Folgender kurzer Abschnitt treibt Ihre häufig abenteuerliche Argumentationsweise auf die Spitze:

„Herodot behauptet, daß dies die ersten Ausländer waren, die sich in Ägypten ansiedelten. (Mit dieser Feststellung widerspricht er der Bibel, die ja davon ausgeht, daß die Juden die ersten Ausländer in Ägypten waren. Entweder lügt also Herodot oder die Bibel oder Ioner und Karer sind mit den Hebräern identisch!)“ (S. 29f.)

Ich mache mir die Mühe, jeder einzelnen der drei so dramatisch in Szene gesetzten Alternativen im letzten Satz zu folgen:

  1. Lügt die Bibel? Ja, wenn man es mit dem moralischen Begriff der Lüge bezeichnen will, dass die Erzählungen der Bibel über Israels Volkwerdung im ägyptischen Pharaonenreich etwa anderthalb Jahrtausende v. Chr. wohl keine historische Realität widerspiegeln. Man kann aber auch sagen, dass die Judäer, die nach der Rückkehr aus der babylonischen Deportation im 6. Jahrhundert v. Chr. unter der persischen Oberherrschaft in der Provinz „Jehud“ unter Esra und Nehemia ein selbstverwaltetes Staatswesen aufbauen dürfen (und sich dabei die Tora als Verfassung einer relativen Autonomie und Egalität geben), die Geschichte ihrer Herkunft als eine Befreiungsgeschichte aus „ägyptischen Verhältnissen“ in ein vorgeschichtliches Pharaonenreich zurückprojizieren.
  2. Lügt Herodot? Nein, weil er zumindest nicht mit Absicht eine Unwahrheit äußert, denn er weiß weder über die tatsächliche Herkunft Israels noch über die Erzählungen von der Herkunft Israels aus Ägypten Bescheid. Zwar lebt er etwa zur selben Zeit, als Juden ihre Geschichte in der Bibel niederschreiben, aber davon kann er als griechischer Historiker kaum etwas mitbekommen, da die Juden gerade unter Esra und Nehemia sehr auf die Trennung Israels von den „Gojim“, den Götzen anbetenden Fremdvölkern, bedacht sind. Zudem halte ich es für unwahrscheinlich, dass Herodot sich für hebräische Schriften eines zu dieser Zeit recht kleinen semitischen Volkes interessiert hat, und die Septuaginta als griechische Übersetzung der hebräischen Bibel entsteht erst zwei bis drei Jahrhunderte später, zwischen 250 und 100 v. Chr.
  3. Sind die Ioner und Karer des 6. Jahrhunderts v. Chr., die sich als Seeräuber an Ägyptens Küste aufhalten, identisch mit den Hebräern, die nach den biblischen Büchern Genesis und Exodus seit Josefs Zeiten als Ausländer in Ägypten gelebt und unter Mose Ägypten verlassen haben? Das ist schon deswegen abwegig, weil sie dafür bis zu 1000 Jahre zu spät gekommen wären. Außerdem deutet nichts auf irgendwelche Ähnlichkeiten hin zwischen dem, was von beiden Gruppen berichtet wird, außer dem einzigen Indiz, dass beide sich irgendwann einmal im ägyptischen Nildelta aufgehalten haben sollen.

An späterer Stelle in Ihrem Buch (S. 93) wundern Sie sich nochmals darüber,

„daß Herodot kein einziges Wort über Israel verliert. Obwohl doch zu seiner Zeit die gewaltigen Königreiche Davids und Salomos bzw. ihr Niedergang die Zeitgenossen beeindruckt haben müssen. Und auch die meisten Texte des Alten Testaments sollen schon geschrieben gewesen sein. Wie ist das zu erklären?“

Nun, ich sagte es eben schon: Die Texte des AT waren zu seiner Zeit noch nicht in griechischer Sprache für fremde Völker verfügbar. Und die gewaltigen Königreiche Davids und Salomos lagen zu Herodots Zeiten schon etwa ein halbes Jahrtausend in der Vergangenheit, wenn sie denn überhaupt in einer solchen Macht und Pracht existiert haben, was Archäologen wie Israel Finkelstein anzweifeln.

Waren die Hellenen des Hellenismus Juden?

Indem Sie den Begriff des Hellenismus hauptsächlich von der Apostelgeschichte her definieren und von daher behaupten, „daß die Hellenen also Juden sind und keine Griechen, Achaier, Ioner oder Karer“ (S. 33), begehen Sie einen weiteren groben Fehler. Denn in der Apostelgeschichte bezieht sich das Wort „hellenistai“ gerade nicht auf gebürtige Juden. Vielmehr werden in Apostelgeschichte 6, 1 die „Hellenistai“ den „Hebraioi“ gegenübergestellt, weil sich die Griechisch sprechenden Heidenchristen gegenüber den Judenchristen hebräischer Herkunft benachteiligt fühlen. Zwar sind sind nicht alle dieser Hellenisten ethnisch gesehen Griechen, und religiös gesehen sind die meisten unter ihnen wohl als „Gottesfürchtige“ oder „Proselyten“ halb oder ganz zum Judentum übergetreten (von Nikolaos aus Antiochien sagt Apostelgeschichte 6, 5 ausdrücklich, dass er ein Proselyt war). Aber vom Sinn des Textes her sind die Hellenisten ethnisch gesehen eben gerade keine Juden, sondern, ganz im Gegenteil, sie stammen ursprünglich aus den „Gojim“, den fremden, nichtjüdischen Völkern.

Recht gebe ich Ihnen darin, dass die Juden es nicht nötig gehabt haben, von der hellenistischen Kultur in ethischer Hinsicht belehrt zu werden. Folgender etwas merkwürdig formulierter Satz mag der Tendenz nach ebenfalls stimmen:

„Die Idee, daß die abendländische Zivilisation weit vor Christi Geburt die nahöstliche Zivilisation ,anschiebt‘, ist wohl kaum zu belegen“ (S. 33f.).

Allerdings nicht deswegen, weil es keinen Hellenismus gegeben habe, sondern weil der Hellenismus als globales Fremdherrschaftssystem die lokalen Kulturen dermaßen unterdrückt und ausgebeutet hat, dass man von einem „Anschieben“ der Kultur sicher nicht sprechen kann, eher im Gegenteil.

Hat es Alexander den Großen nie gegeben?

Dass sich um Alexander den Großen in den verschiedenen von ihm unterworfenen Völkerschaften viele Legenden ranken, ist nicht verwunderlich. Ob man ihm daraufhin jegliche Historizität absprechen sollte, kann ich nicht beurteilen (S. 34ff.).

Allerdings hat eine syrische Legende vom zweigehörnten Alexander sicherlich nichts mit dem biblischen Mose zu tun. Sie schreiben zwar (S. 35): „Übrigens erscheint auch Mose im Koran (Sure 18, 60-64) als zweigehörnt. (Carsten Colpe)“, aber tatsächlich ist an dieser Stelle im Koran absolut nichts von Hörnern zu lesen. Wenn überhaupt, dann hätten Sie sich auf die christliche Vorstellung vom „gehörnten Mose“ berufen können, die sich auch in Darstellungen der bildenden Kunst niedergeschlagen hat. Aber auch die ist nur auf Grund von Fehlübersetzungen aus dem Hebräischen (z. B. in der Vulgata und bei Aquila) entstanden.

In Wikipedia findet sich zum „gehörnten Mose“ folgende Erläuterung:

„Die Darstellung des Mose mit Hörnern in manchen älteren christlichen Kunstwerken der Westkirche (z. B. die Skulptur von Michelangelo in San Pietro in Vincoli) geht auf die Übersetzung des hebräischen Verbs „qāran“ (קָרַן) in der Vulgata mit cornuta („gehörnt“) statt coronata („strahlend“) zurück. In dem masoretischen Text von Ex 34,29 EU wird von Mose geschrieben: כִּי קָרַן עוֹר פָּנָיו, was in allen alten und neuen Übersetzungen – mit der Ausnahme der Vulgata und der Aquila-Version – sinngemäß mit „dass sein Antlitz strahlte“ übersetzt wird.“

Spuren des Polytheismus in einer monotheistischen Religion?

Dass im altorientalischen Polytheismus die Götter verschiedener Völker durchaus austauschbar waren und polytheistische Gottesvorstellungen auch Einflüsse auf die monotheistischen Religionen des Judentums und Christentums ausgeübt haben, ist eine mir geläufige Einsicht religionswissenschaftlicher und althistorischer Forschung.

Bei einer Darstellung der „Identität der ägyptischen und griechischen Götterwelt“ behaupten Sie allerdings einfach ohne Beleg, dass man die Götter Hephaistos, Vulcanus und Ptah auch mit dem „Jehova der Juden identifizieren“ kann (S. 46). In gewisser Weise ist zwar Ihre Vermutung richtig:

„die Juden hatten ursprünglich Götterbilder, und sie hatten ursprünglich auch mehr als nur einen Gott“ (S. 49).

Genauer muss man dabei allerdings nicht von „den Juden“, sondern von den Staatsgebilden Israel und Juda reden, die die meiste Zeit ihrer historischen Existenz hindurch von ganz normalen altorientalischen Kulten wie ihre kanaanäischen Nachbarvölker geprägt waren (S. 54ff.). Aber als im babylonischen Exil und vor allem in der nachfolgenden Zeit unter der Oberherrschaft der Perser die Religion „der Juden“ als reiner Monotheismus erst wirklich entsteht, setzt sich die Endredaktion der biblischen Texte radikal von jedem Polytheismus ab; lange Zeit hindurch wird sogar die Trennung von den Völkern, den „Gojim“, als Mittel zur Reinhaltung der Anbetung des Einen Gottes gefordert.

Die spannende Erzählung vom Kampf Jakobs mit der Flussgottheit am Jabbok hätten „die monotheistischen Redakteure der Bibel“ sicher „gerne weggelassen“ (S. 48), so meinen Sie. Aber woher wollen Sie das wissen? Ja, hier spiegeln sich heidnische Einflüsse wider; und zugleich sind die Juden im Stande, eine solche Gottesvorstellung für den Ausdruck ihrer ganz eigenen Form des Glaubens an den Einen, unverfügbaren, bilderlosen Gott zu verwenden.

Indem Sie sich außerdem durch die biblische Erwähnung der „Heroen der Urzeit (1 Mose 6, 1-4)“ von „Spuren des Polytheismus in einer monotheistischen Religion“ beeindrucken lassen (S. 48f.), bestätigen Sie übrigens, dass die Juden doch etwas von Götterwelt ihrer heidnischen Nachbarn wussten; aber gerade diese wenigen Verse zeigen deutlich, dass sie sich von dieser Umwelt scharf abgrenzen und sich wenig für die polytheistische Kultur interessieren, indem sie ihre Heroen und (Halb-)Götter in wenigen sarkastischen Sätzen als für sie unerheblich abtun.

Am radikalen Monotheismus des Judentums hält auch das Christentum fest; die Lehre der Dreieinigkeit setzt voraus, dass Christus die Liebe des Einen Gottes verkörpert; weder er noch der Heilige Geist ist ein zweiter oder dritter Gott neben dem Vater. Insofern ist Ihre Schlussfolgerung, die Sie aus Ihrem Kapitel „Wer waren die Althebräer?“ mit der kulturellen Gleichsetzung von Israeliten und polytheistischen Kanaanäern ziehen, völlig abwegig (S. 58f.):

„Endlich verstehen wir, warum das Christentum innerhalb kürzester Zeit die ganze Region erobern konnte: weil es nämlich in seinen wesentlichen Elementen im Prinzip schon da war.“

Nein, es waren nur Elemente religiöser Vorstellungen da, die zunächst von der jüdischen und später von der christlichen Tradition auf je verschiedene Weise aufgegriffen, aber in einen Zusammenhang von ganz anderer Bedeutung eingebaut wurden.

Insofern sollten auch Beobachtungen wie die von Will Durant, dass frühe Christen manchmal „vor den Statuen, die die Göttin Isis darstellten, wie sie das Knäblein Horus säugt“, gebetet haben (S. 43), nicht überbewertet werden. Sicher haben die ägyptischen Isis-Horus-Darstellungen spätere Darstellungen von Maria mit dem Jesuskind inspiriert. Dass jedoch die christliche Dreieinigkeitslehre und die Verehrung der jungfräulichen Mutter Jesu insgesamt auf solche heidnische Wurzeln zurückgehen, wie es auch Hussain Jabbary in seinem Buch „Wieso Muslim und nicht Christ?“ behauptet, hat mit der tatsächlichen Entstehungsgeschichte des christlichen Glaubens nichts zu tun. Wo Menschen auf diese Weise an mehrere Götter nebeneinander glauben, etwa sogar Maria zu ihrer Göttin erheben, glauben sie heidnisch, nicht christlich. Auch für den islamischen Glauben wäre eine Parallelität zwischen Maria und Isis übrigens problematisch, denn die jungfräuliche Geburt Jesu durch Maria wird im Koran ja noch stärker betont als in der Bibel.

Geht die katholische Messe auf einen heidnischen Blutkult zurück?

Ihr Vergleich zwischen heidnischen Kulten in Griechenland, „bei dem Frauen im Frühling einen Stier, einen Ziegenbock oder einen Menschen zerfetzt haben, um dann ‚in heiliger Kommunion‘ das Blut zu trinken und das rohe Fleisch zu essen“, und dem „Brauch der katholischen Messe…, in der Christus zeremoniell verspeist wird“ (S. 47), ist interessant, beweist aber keineswegs die direkte Entstehung der letzteren aus der ersteren Kultform, zumal Sie mit Sicherheit wissen, dass in der christlichen Eucharistie niemals tatsächlich blutig geschlachtete Opfer verzehrt wurden.

Eugen Drewermann hat in seinem Buch „Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum“, Freiburg 1991 [alle Zitate dieses und des nächsten Abschnitts stammen aus diesem Buch], die Vorstellung „von dem Gott, der auf die Erde kommt und sich töten lässt, um durch sein Fleisch und Blut zur Speise der Menschen zu werden“ (S. 290), tatsächlich in einem Zusammenhang mit dem Urproblem der Menschheit gesehen, dass wir nur leben können, indem wir anderes Leben töten, mindestens pflanzliches, in der Regel auch tierisches, und mittelbar auch menschliches, indem wir andere Menschen für unsere Bedürfnisse beanspruchen. Es ist insofern ganz natürlich, dass es in verschiedensten Kulturen unabhängig voneinander Rituale gibt, um dieses Problem zu bewältigen.

Die Vorstellung, Jesus oder Gott zu essen, die häufig Anstoß erregt, wertet Drewermann bewusst positiv – die aggressiven Impulse des Menschen werden nicht verboten oder verdrängt, sondern angenommen und in gewisser Weise geheiligt (S. 301). Die Kehrseite der Aggression ist das urtümliche Schuldgefühl des Menschen, der eigentlich besser sein möchte, als er geschaffen ist, aber nicht aus dem Dilemma herauskommt, dass er töten muss, um leben zu können. In der Eucharistie wird diesem Menschen versichert: Dir wird von Gott freiwillig gegeben, was du dir gewaltsam anzueignen meinst. Du darfst Bedürfnisse und einen Willen haben. Statt dein ganzes Dasein als Schuld zu empfinden, kannst du am Ende dankbar dafür werden zu leben: „das Gottessen wird dann wortwörtlich zur ‚Eucharistie‘, zur Danksagung für das Geschenk des Daseins selbst“ (S. 309 u. 313).

Ist das Urchristentum keineswegs monotheistisch?

Abwegig ist es ebenfalls, wenn Sie den Erfolg des katholischen Christentums mit einer angeblichen Nähe zum koptischen Johannesevangelium (das 1945 in Nag Hammadi gefunden wurde) zu begründen versuchen (S. 59ff.). Die biblischen Bezüge, die dort auftauchen – Jesus, der biblische Gott, Adam und Eva und viele andere biblische Gestalten – sind in dieser Schrift nur Versatzstücke für einen gnostischen Erlösungsmythos, der nichts mit dem Kern des monotheistisch geprägten jüdisch-christlichen Glaubens zu tun hat. In der Kirchengeschichte haben sich jedenfalls gegen die Übermacht der katholischen, vorwiegend heidenchristlichen Kirche gerade nicht das ursprüngliche Judenchristentum und ebensowenig die gnostischen Gemeinschaften durchsetzen können.

Für Sie mag „hier ganz deutlich“ werden,

„daß das Urchristentum, wie wir es hier erleben, keineswegs monotheistisch ist und daß diese Götterwelt auch ziemlich problemlos mit der griechischen zusammenpaßt.“ (S. 62f.)

Und natürlich steht es Ihnen frei, dem christlich-biblischen Glauben diesen koptisch-gnostischen Glauben vorzuziehen. Aber gerade mit dem Urchristentum hat die gnostische Aufspaltung der Götter El und Jahwe überhaupt nichts zu tun. Immerhin ist Ihnen bewusst, dass selbst diese nur entfernt an das Christentum erinnernde Gnosis der griechischen Götterwelt dennoch überlegen ist, weil deren „düstere Geschichtstheologie… durch und durch pessimistisch“ und „nihilistisch“ ist (S. 63).

Vom Kriegsgott „Jahwe“ des AT zum pazifistischen Judentum des Talmud?

Wie ist nun Ihr Eingeständnis einzuschätzen, „daß Jahwe in der Tat ein fürchterlicher Kriegsgott ist, der nur zufrieden zu sein scheint, wenn die Feinde Israels vernichtet werden“ (S. 64)?

Ja, es heißt im Deuteronomium, dass Jahwe sieben fremde Völker vor Israel her vertilgen will (z. B. 5. Buch Mose – Deuteronomium 7, 1). Diese Vorstellung wird aber aus der nachexilischen, relativ machtlosen Position eines Volkes heraus formuliert, das von der persischen Oberherrschaft eine autonome Selbstverwaltung unter der biblischen Tora zugestanden bekommen hat und definitiv nicht in der Lage ist, solche kriegerischen Taten in seiner Gegenwart in die Tat umzusetzen.

Im Hintergrund dieser Vorstellung steht auch nicht „die gleiche Art von radikalem blutrünstigem Egoismus, den wir aus griechischen und ägyptischen Quellen kennen“ (S. 64), sondern das Bewusstsein, dass JHWH dem Volk Israel, obwohl es „das kleinste unter allen Völkern“ ist (Deuteronomium 7, 7), einen Ort geben will, wo es nach der Tora als ein befreites Volk in einer Verfassung der Autonomie und Egalität leben kann. Und die dem biblischen Gott häufig vorgeworfene Eifersucht bezieht sich auf seinen leidenschaftlichen Einsatz gegen unterdrückerische Moloch-Götter und für die Freiheit und Gerechtigkeit, die in seinem Volk Israel herrschen soll.

Dass schon im Deuteronomium durchaus Züge eines Pazifismus zu entdecken sind, erwähnen Sie selbst, indem Sie auf das Recht der Kriegsdienstverweigerung in Deuteronomium 20, 5-8, hinweisen. Allerdings ist es abwegig, auf irgendein altorientalisches Volk als Ganzes und seine Kriegsführung Idealvorstellungen eines Pazifismus anwenden zu wollen, der bis heute nur von wenigen Politikern wie Nelson Mandela in die Tat umgesetzt worden ist.

Besonders Ihr folgender Satz strotzt vor Halbrichtigkeiten (S. 64f.):

„Das Großreich, das David schließlich aufgebaut hat, ist ja sicher kein Zeichen für eine pazifistische Gesinnung. Erst viel später, vermutlich erst, als sich das Priestertum im babylonischen Exil vom Adel trennte, wurden die zivilisierten, pazifistischen Formen des Judentums entwickelt, für die der Talmud ein Zeugnis ist. Bezeichnenderweise war das Alte Testament bei den Talmudisten nicht unumstritten.“

Zunächst ist nach Archäologen wie Israel Finkelstein gar nicht sicher, ob David historisch überhaupt ein Großreich gegründet hat, das Israel und Juda umfasste.

Dann kann man das nachexilische Priestertum nicht durchgehend als pazifistisch begreifen, schon weil das makkabäisch-hasmonäische Priestergeschlecht sich gewaltsam gegen die Seleukidenherrschaft erhob und bis zu Herodes dem Großen in Judäa herrschte.

Und schließlich war sicher nicht das Alte Testament als solches bei den Talmudisten umstritten, sondern es galt als unumstößlich offenbarte Wahrheit Gottes; allerdings stritten die talmudischen Rabbiner von Herzen über die rechtmäßige Auslegung der Heiligen Schriften.

Gab es eine politische Koalition der Juden mit dem babylonischen Reich?

In Ihrem Kapitel „Wer sind die Hebräer?“ behaupten Sie, dass „nach dem Zerfall des Davidschen Großreiches … mindestens zur Zeit der Redaktion des Alten Testamentes eine politische Koalition mit Babylon bestand“, weil Jahwe nach dem Propheten Jeremia gefordert habe, „daß man sich Nebukadnezar unterwerfen soll“ (S. 65). Aber das ist völliger Unsinn. Mit der gleichen Logik könnten Sie behaupten, dass heutzutage eine politische Koalition der Bundesrepublik mit Russland besteht, weil Kirchenführer in der DDR vor 50 Jahren nicht zu gewaltsamen Aufständen gegen die sowjetische Oberherrschaft aufgerufen haben.

Die Bibel als „babylonienfreundlich“ zu bezeichnen, weil Jeremia sich gegen den Propheten Hananja wendet, der zu früh davon ausging, dass das gewaltsame Joch der babylonischen Unterdrücker bereits zerbrochen sei, geht vollkommen am Sinn des Buches Jeremia vorbei. Im Klartext sagt Jeremia (28, 13-14):

„Geh hin und sage Hananja: So spricht der HERR: Du hast hölzerne Jochstangen zerbrochen; so hast du nun eiserne Jochstangen an ihre Stelle gesetzt. Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ein eisernes Joch habe ich allen diesen Völkern auf den Nacken gelegt, dass sie untertan sein sollen Nebukadnezar, dem König von Babel“.

Es geht also nicht um eine Koalition auf Augenhöhe, sondern um brutale Unterdrückung durch die Babylonier, die der Prophet Jeremia aber als Strafe Gottes für sein eigenes Volk akzeptiert, das die gerechten Gebote der Tora Gottes nicht befolgt hatte.

Vollends abwegig ist es, nach dem babylonischen Exil eine noch extremere „philobabylonische Haltung bei dem Propheten Jesaja“ anzunehmen (S. 66). Wenn Sie von einer „philopersischen“ Haltung reden würden, könnte man zustimmen, denn das babylonische Reich war ja durch die Perser erobert worden, die den Juden die Heimkehr nach Palästina, die Selbstverwaltung der Provinz Jehud und den Wiederaufbau des Tempels ermöglichten.

Unsinnig ist auch Ihre Gleichsetzung von Kyros und Christos, indem Sie die Buchstabenfolgen „K R S für Kyrus gegenüber K R S T S“ für Christus miteinander identifizieren. Aber nach dem griechischen Alphabet (bei dem man die Vokale nicht ausschließen darf) sehen die Buchstabenfolgen völlig anders aus: K Y R O S gegenüber CH R I S T O S. Außer der Endung -os ist nur ein einziger Buchstabe, nämlich das „R“ identisch. Bei einer so lachhaften Methode der Identifikation könnte man Kyros noch eher mit dem griechischen Wort Kyrios und damit wahlweise mit dem Gott Israels oder auch mit Jesus oder mit jedem beliebigen antiken Herrscher gleichsetzen, denn Kyrios bedeutet nun mal einfach „Herr“.

Auch das Buch Daniel kann nicht herhalten, um eine „Nähe zwischen der hebräischen und der babylonischen Kultur“ (S. 66) zu begründen. Denn es handelt sich bei diesem Buch um eine apokalyptische Schrift aus der Zeit des Hellenismus, die im Rückblick die Gestalt des Daniel in die Zeit der nach Babylon deportierten jüdischen Oberschicht hineinzeichnet. Sie übersehen vor allem, dass Daniel durch ein Gesetz dazu gezwungen werden soll, ein goldenes Götterbild anzubeten (Daniel 3); als er sich weigert, wird er mit seinen Gefährten in einen Feuerofen geworfen. Dass der babylonische König sich durch die Errettung Daniels dazu bewegen lässt, den Gott Israels als seinen eigenen babylonischen Göttern überlegen anzuerkennen, entspricht sicher nicht der historischen Realität.

Nebenbei bemerkt halte ich Ihren Versuch, auf Grund einer einzigen Stelle im Buch Daniel 5, 7 (die Sie noch nicht einmal mit Kapitel- und Versangabe zitieren) beweisen zu wollen, dass die „Chaldäer“ nicht ein Volk sind, sondern ein „Stand der Schriftgelehrten“ (S. 67), nicht für schlüssig. An allen anderen Stellen im Buch Daniel und auch an vielen Stellen in den Büchern der Könige und verschiedener Propheten sind „Chaldäer“ auf jeden Fall eins der Völker, über das der in Babylon residierende König herrscht.

Ist die römische Fremdherrschaft über die Juden zur Zeit Jesu eine Fiktion?

Um zu belegen, dass es „keine Römer und auch keine Juden“ oder gar „Griechen“ gegeben haben kann, beziehen Sie sich auf S. 37f. in Ihrem Buch auf eine einzige Stelle aus einer in Qumran aufgefundenen Schriftrolle. Sie meinen nämlich, dass „in der Kriegsrolle … die Juden ebensowenig wie die Römer erwähnt werden“. Auf S. 96f. zitieren Sie noch einmal diese Quelle als Beleg für Ihre Behauptung, dass es zur Zeit von Jesu Geburt kein Römisches Weltreich gab, das Israel unterdrückt hätte.

Nun ist es grundsätzlich sehr gewagt, Schlussfolgerungen e silentio, also auf Grund eines Stillschweigens der Quellen, zu ziehen, ohne dass man nach weiteren Bestätigungen sucht. Aber Ihr angeblicher Beleg ist noch nicht einmal stichhaltig, denn in dem von Ihnen zitierten Qumran-Text heißt es sogar ausdrücklich, dass die Söhne „Levis“, „Judas“ und „Benjamins“ mit den Qumran-Leuten mitkämpfen werden, und das sind nichts anderes als die Bezeichnungen des Priesterstammes Israels und der beiden Südstämme Judas, die zu jener Zeit das Volk der Juden hauptsächlich ausgemacht haben. Ausdrücklicher kann man die Juden in einem Text gar nicht erwähnen.

Das Römische Weltreich auf der anderen Seite kann in dieser Qumran-Quelle durchaus symbolisch mit dem Begriff „Belial“, der ein Heer von Nichtsnutzen, ein schändliches Volk, meinen kann, bezeichnet worden sein. Oder vielleicht doch mit „Kittim“, womit in der Bibel westliche Völker gemeint sind. Sogar „Edom“ kann im Judentum ein Deckname für das Römische Reich sein. Nach einem Eintrag bei Wikipedia werden in der

„späteren jüdischen Geschichtsschreibung … ‚Edom‘ und ‚Esau‘ aufgrund der häufigen Verwendung der Farbe Rot in den Bannern und Standarten der Römer zur Beschreibung des römischen Imperiums genutzt, möglicherweise auch aufgrund des blutigen Regimes der Römer in Judäa.“

In Ihrem eigenen (unter dem Namen Ralph Davidson veröffentlichten) Buch „Sprachgeschichte“ zitieren Sie übrigens selber auf S. 68f. den jüdischen Amateur-Philologen Moritz Steinschneider mit folgender Feststellung:

„Mordechi Kimchi klagt, daß die Mehrzahl der jungen Juden nur Edomi spreche und Arabisch und Griechisch und Jehudisch vernachlässige.“

Vom Zusammenhang her kann es sich bei dieser „edomitischen“ Sprachen doch wohl nur um die Sprache der Römer, das Lateinische, handeln.

Weiterhin bezeugen Lukas 2, 1 und 3, 1 im Neuen Testament eindeutig die Fremdherrschaft der römischen Kaiser Augustus und Tiberius über Syrien und Palästina zur Zeit Jesu; aus anderen Quellen geht hervor, dass es in derselben Zeit in den verschiedenen durch Roms Statthalter und seine Klientelkönige beherrschten Gegenden in Palästina, besonders Galiläa und Judäa ständig Aufstände gegen Rom gab.

Schließlich ist auch Ihrer Behauptung, dass es im Neuen Testament „keine Klagen über diese Fremdherrschaft“ (S. 97) der Römer gegeben haben soll, mit guten Gründen zu widersprechen. Schon die Erwähnung der Zwangsmaßnahme durch römische Legionäre in Matthäus 5, 41 (sie durften Zivilpersonen zwingen, ihnen eine Meile weit Tragedienste zu leisten) oder der Steuerschätzung in Lukas 2 oder der Ausruf der Hohepriester in Johannes 19, 15:

„Wir haben keinen König außer dem Kaiser!“

oder das ausschließliche Recht des römischen Statthalters Pontius Pilatus, in Judäa Todesurteile zu verhängen, bestätigen das Gegenteil. Dass schon in den Evangelien die unterdrückerische Rolle der Römer gegenüber der Schuld „der“ Juden am Tod Jesu heruntergespielt wird, hat mit der Verfolgungssituation der frühen Christen im Römerreich zu tun, die man nicht noch verschärfen wollte, während das Konkurrenzverhältnis zu den Juden immer feindseliger wurde.

Wurde Jesus ein Opfer der mächtigen Pharisäer und regionaler Konflikte in Israel?

Richtig ist, dass es in Israel unter der Fremdherrschaft der Römer auch jede Menge innere Konflikte gab. Aber welche Rolle die Pharisäer tatsächlich spielten, davon haben Sie keinerlei Ahnung.

„Nun glaubt die traditionelle Wissenschaft, daß es sich bei den Pharisäern um eine Sekte handelt. … Mir scheint es ganz offensichtlich zu sein, daß die Pharisäer mit den Adelsgeschlechtern in Israel zu identifizieren sind und daß Jesus eine sozial-revolutionäre Stimmung im Volk gegen sie schürt.“ (S. 97)

Tatsächlich ist jedoch die Partei der Sadduzäer „mit den Adelsgeschlechtern in Israel zu identifizieren“, während die Pharisäer zwar keine Sekte im heutigen Sinne, aber eine einflussreiche Bewegung in Israel sind, die bereits seit der Regierung der Hasmonäer (die durch die Makkabäeraufstände an die Macht gekommen waren) eine Opposition gegen die machthabenden Kreise bilden. Im Gegensatz zu den Zeloten enthalten sich aber die Pharisäer jeder aufständischen Gewalt, sondern vertrauen darauf, dass die vollständige Einhaltung der Tora das Kommen des Messias herbeiführen werde, und der würde dann in Gottes Auftrag das unterdrückende Joch der Römer und ihrer Klientelkönige von Israel abwerfen.

Auch über die wirklichen Beziehungen zwischen Galiläa, Samaria und Judäa wissen Sie nicht wirklich Bescheid (S. 98). Zwischen Juden und Samaritanern gab es seit der Rückkehr der Judäer aus Babylonien Konflikte, da die Samaritaner als Überbleibsel der 10 Nordstämme Israels nach der Eroberung durch Assyrien im 8. Jahrhundert v. Chr. nicht mehr als rein jüdisch galten. Umgekehrt anerkannten die Samaritaner nur die Tora als heiliges Buch und lehnten die prophetischen und anderen Schriften der judäischen Überlieferung ab. Im Blick auf die Samaritaner nimmt gerade Jesus eine vermittelnde Haltung ein, indem er das Gleichnis vom vorbildlichen barmherzigen Samariter erzählt (Lukas 10, 25-37) und am Jakobsbrunnen ein theologisches Gespräch mit einer Samaritanerin führt (Johannes 4, 4-42).

Galiläa war wiederum bekannt als Ort des intensivsten Aufruhrs gegen die Römer. Die Verleugnungsgeschichte des Petrus als Beleg für rein lokale Konflikte von Judäern und Galiläern anzunehmen (S. 98), ist abwegig. Vielmehr war es einfach gefährlich, in Hörweite von Legionären oder Römerfreunden als Galiläer dazustehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Sie durchaus vom Aufstand Judas des Galiäers wissen, den der Pharisäer Gamaliel in Apostelgeschichte 5, 37 erwähnt und der „zur Zeit der Volkszählung“ stattgefunden hatte. Gegen wen hätte sich dieser Aufstand richten sollen, wenn nicht gegen die Römer, die zur Zeit von Kaiser Augustus die erste Volkszählung veranlasst hatten?

Dass der Gamaliel der Apostelgeschichte „nicht Jesus, sondern die Apostel als die eigentlichen Aufständischen“ betrachtet, ist im Zusammenhang der Erzählung nicht verwunderlich, weil es ja um eine Anklage gegen Jünger Jesu geht, die im Namen Jesu das Volk lehren, nachdem der „Aufstand Jesu“ und seine Hinrichtung ja schon einige Zeit zurück liegen (S. 98). Aber die Hohenpriester befürchten, dass die Jünger nun auch „das Blut dieses Menschen über uns bringen“ werden (Apostelgeschichte 5, 28). Gamaliel ist übrigens tatsächlich ein angesehener Führer der Partei der Pharisäer, die nach dem verlorenen Jüdischen Krieg im Jahr 70 n. Chr. als einzige Gruppierung in Israel übrig bleibt, um nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem als „rabbinisches Judentum“ die Führung über alle Juden zu übernehmen.

War die Evangelienharmonie des Tatian die Urversion des Neuen Testaments?

Im Zusammenhang mit der Notiz in der Apostelgeschichte 11, 26, dass man die Anhänger Jesu „zuerst in Antiochia ‚Christen‘ nannte“, behaupten Sie:

„Fest steht, daß hier in Syrien Tatians Evangelienharmonie entsteht, sozusagen die Urversion des Neuen Testaments. Bei den Syrern gab es nämlich noch nicht vier verschiedene, sich teilweise widersprechende Evangelien (Matthäus, Lukas, Johannes und Markus), sondern nur einen einzigen in sich geschlossenen Text, der uns leider nicht erhalten ist.“ (S. 99)

Das ist schon deswegen unsinnig, weil Tatian sein Werk selber Diatessaron nannte (griechisch „durch vier“, „aus vier“). Außerdem: Warum sollten später verschiedene Autoren ein solches Urevangelium genommen haben und aus ihm vier einander widersprechende Evangelien erzeugt haben? Dafür führen Sie jedenfalls keinerlei Belege an.

Stattdessen ziehen Sie aus der Verwendung von Tatians Evangelienharmonie als Vorbild „z. B. für den in altsächsischer Sprache geschriebenen ‚Heliand‘“ den Schluss:

„Das ist nun eine Tatsache, die vom Renaissance-Katholizismus erfolgreich unterschlagen wurde, daß nämlich die ältesten Texte des abendländischen Christentums ins Morgenland verweisen und nicht nach Rom.“ (S. 99)

Aber die katholische Kirche hat doch niemals behauptet, dass alle neutestamentlichen Texte in Rom verfasst worden seien. Man kann dem Renaissance-Katholizismus viel vorwerfen, aber dass Jesus und alle seine Jünger jüdische Morgenländer waren, konnte kein Vertreter der Kirche jemals bestreiten. Um die jüdisch-orientalische Herkunft der Bibel zu belegen, muss man jedenfalls keinen Umweg über Tatias Evangelienharmonie beschreiten.

Hat Martin Luther im Dienst der Fürsten den Protestantismus erfunden?

Im methodologischen Nachwort tun Sie in wenigen Worten Martin Luther und die Reformation als nützliches Instrument des europäischen Adels ab, der die „Unabhängigkeitsbestrebungen der Fürsten“ gegenüber den Interessen der katholischen Kirche unterstützen sollte. Zwar haben Sie Recht mit Ihrer Annahme, dass politisch Mächtige in der Regel nicht ohne interessengeleitete Hintergedanken irgendwelche Ideen von Gelehrten unterstützen. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass Luther „den Protest und den Protestantismus“ praktisch auf Anweisung der Fürsten „erfand“ (S. 124), damit die Fürsten einen Grund hätten, um katholische Klöster zu enteignen, ist doch nicht mehr als eine unbewiesene Unterstellung.

Kaum brauchbare Anregungen zum kritischen Quellenstudium

Mein Fazit nach der Lektüre Ihres Buches ist: Nur in äußerst geringem Maße fühle ich mich mit brauchbaren und weiterführenden Anregungen zum kritischen Quellenstudium ausgestattet. Viele Ihrer Annahmen sind nur mit einzelnen Indizien belegt, die ich zudem nicht nachprüfen kann, weil mir das entsprechende Fachwissen fehlt – Ihrerseits fehlen aber auch Hinweise auf Literatur, die das Verstehen erleichtern könnte. Manche Hypothesen klingen zwar erwägenswert, bedürften aber dringend der weiteren Nachprüfung von Fachgelehrten.

Leider bin ich in Ihrem Buch auch auf krasse Fehleinschätzungen und völlig abwegige Argumentationen in denjenigen Bereichen gestoßen, von denen ich als Theologe etwas verstehe. Meine Kritik mag hart klingen, aber ich weiß von anderen Ihrer Veröffentlichungen (unter anderen Autorennamen) her, dass Sie auch nicht gerade zimperlich sind, wenn es darum geht, andere Autoren zu kritisieren. Und ich traue Ihnen zu, meiner Kritik entweder mit sachlichen Argumenten entgegenzutreten und sie zu entkräften oder aber unbelegbare Annahmen aufzugeben.

Helmut Schütz

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