Jungfrau Maria – schwanger mit Gottes Sohn

„Der Hohe schaut die Niedrige an“.

Wurde Maria auf übernatürliche Weise schwanger? Viele Menschen fühlen sich in ihrem Herzen angerührt durch dieses Wunder. Oder bekam Maria auf natürliche Weise mit Josef ihr Kind? Oder erlebt eine verachtete Mutter das Wunder, dass Gott ihr uneheliches Kind auswählt, damit alle Verlorenen dieser Erde gerettet und alle Verachteten aufgerichtet werden?

Die Verkündung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an die Jungfrau Maria (Gemälde: Leonardo da Vinci)

Die Verkündung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an die Jungfrau Maria, gemalt von Leonardo da Vinci (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am 3. Adventssonntag, den 12. Dezember 2004, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Gottesdienst am 3. Advent begrüße ich alle herzlich in der Pauluskirche.

Advent ist eine Zeit des Wartens, Advent heißt wörtlich „Ankunft“. Kinder warten aufs Christkind, Erwachsene stellen sich in unterschiedlicher Weise aufs Weihnachtsfest ein, treffen Festvorbereitungen, stöhnen unter der Hektik, oder sie versuchen, besinnliche Augenblicke zu erleben, um dem Sinn des kommenden Festes nachzuspüren.

Heute tun wir das, indem wir Adventslieder singen und über eine Geschichte nachsinnen, die von Maria erzählt wird: Ein Engel verkündet ihr, dass sie schwanger ist – mit Gottes Sohn.

Jetzt singen wir das Adventslied Nr. 12, das auch auf die Frage antwortet, welches Kind Maria zur Welt bringen wird:

1. Gott sei Dank durch alle Welt, der sein Wort beständig hält und der Sünder Trost und Rat zu uns hergesendet hat.

2. Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit.

3. Zions Hilf und Abrams Lohn, Jakobs Heil, der Jungfrau Sohn, der wohl zweigestammte Held hat sich treulich eingestellt.

4. Sei willkommen, o mein Heil! Dir Hosianna, o mein Teil! Richte du auch eine Bahn dir in meinem Herzen an.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wenn Menschen einen Helden verehren, fragen sie häufig auch nach seiner Abstammung. Zu welchem Fürstenhaus gehört er? Wer war sein Vater, seine Mutter? Hatte er schon berühmte Vorfahren? Welchen Stammbaum kann er vorweisen?

Im Lied haben wir eben auch von einem Helden gesungen. Bei ihm genügt es nicht, auf seinen guten Stammbaum zu verweisen, um seine Herkunft zu klären. Er ist der „zweigestammte Held“. Sein Ursprung ist menschlich und göttlich zugleich.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Der Held, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, er ist „der Sünder Trost und Rat“ und unser Heil. Als ganzer Mensch kennt er unsere Verletzlichkeit, unser Leid, unsere Angst und unsere Versuchungen. Vollkommen erfüllt und durchdrungen von Gottes Heiligem Geist erträgt er die Folgen der Sünde am eigenen Leib und vergibt dem Sünder, der umkehrt. Und die am Boden zerstörten Seelen richtet er auf. Zu ihm rufen wir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Lukas 1:

30 Der Engel sprach zu Maria: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.

31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.

32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,

33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Vater im Himmel, lass an uns die Verwandlung durch deine Liebe geschehen, indem wir – ähnlich wie Maria – Ja sagen zu dem, was du mit uns vorhast: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Schenke uns Einsicht, dass wir erkennen, worin das Geheimnis deiner Menschwerdung gründet – dass du wahrer Mensch geworden bist in Jesus Christus, unserem Herrn. „Amen.“

Wir hören das Loblied der Maria aus dem Lukasevangelium im Kapitel 1, Verse 46 bis 55:

46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn,

47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;

48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.

51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.

53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,

55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 601:

Gottes Lob wandert, und Erde darf hören
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Wunder der Wunder – für uns wirst du Mensch, Herr.“ So haben wir eben gesungen, in einem ungewohnt schwierigen Lied. Das uralte Lied der Maria in unserer Zeit neu zu singen, ist nicht einfach, auch inhaltlich nicht.

Wie soll man das begreifen? „Geboren von der Jungfrau Maria“, über diesen Satz aus dem Glaubensbekenntnis stolpern viele Menschen der Neuzeit. Aber ist das weniger unmöglich als die zentrale christliche Wahrheit: Gott wird Mensch? Gott verkörpert sich in einem einzelnen Menschen? Wer könnte das von sich behaupten? Wie konnten Menschen das von Jesus behaupten?

Der Evangelist Lukas antwortet auf diese Frage, indem er erzählt, wie eine Jungfrau einem Engel begegnet. Er fügt diese Geschichte in eine Erzählung über eine andere Frau ein: Elisabeth soll in fortgeschrittenem Alter noch einen Sohn bekommen – wir kennen ihn als Johannes den Täufer.

Mitten im Erzählen von Elisabeths Schwangerschaft, sie ist im 6. Monat, unterbricht Lukas den Erzählfluss und fügt einen anderen Erzählstrang ein (Lukas 1):

26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,

27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

Maria ist ein junges Mädchen. Ihre Eltern haben sie einem Mann namens Josef fest versprochen, sie ist ihm vertraut, übersetzt Martin Luther, so gut wie kirchlich getraut, jedenfalls mehr als in unserem Sinne verlobt. Aber sie wohnt noch nicht bei ihrem Mann und sie hat ihm noch nicht beigewohnt. Daraus kann man schließen, dass sie wahrscheinlich gerade mal um die zwölf Jahre alt war.

28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!

Maria bekommt hohen Besuch; ein Engel erscheint ihr, nicht ein gewöhnlicher, sondern der Erzengel Gabriel. Er begrüßt Maria ähnlich, wie im Alten Testament Propheten begrüßt werden: „Du bist begnadet. Gott beschenkt dich. Der Herr ist mit dir.“

29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?

Ähnlich wie frühere Propheten reagiert auch die als Prophetin angesprochene Maria: Sie bekommt einen großen Schreck. Sie fürchtet sich. Was will Gott von ihr? Kann das sein, dass der Höchste einen besonderen Auftrag für sie hat? Sie ist doch nur ein unbedeutendes junges Mädchen.

30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.

Typisch Engel, könnten wir sagen. Fast immer muss ein Engel erst einmal die Menschen beruhigen, in deren Alltag er einbricht. „Hab keine Angst, fürchte dich nicht. Gott hat nichts Böses mit dir vor!“ Ja, der Engel spricht von einem besonders kostbaren Geschenk, das Gott der Maria machen will: Gnade hat sie bei Gott gefunden.

31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.

Maria wird mehr sein als eine Prophetin, sie wird Mutter eines besonderen Kindes sein. Ganz ähnliche Worte hatte vor weit mehr als tausend Jahren Simsons Mutter aus dem Mund eines Engels gehört. Wird Marias Sohn wie Simson ein Anführer, ein Richter des Volkes Israel werden?

Jesus soll er heißen, auf hebräisch Jeschua. Der Name erinnert an Josua, der das Volk Israel ins Gelobte Land führte, und an Josia, der dem Gesetz Gottes in Israel Geltung zu schaffen versuchte. Aber der Engel fährt fort:

32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,

33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Marias Sohn wird mehr sein als einer von vielen Richtern und Rettern des Volkes Israel. Früher hatte Gott das ganze Volk Israel manchmal liebevoll „mein Sohn“ genannt. Jetzt wird man einen einzelnen Menschen den Sohn des Höchsten nennen. Maria ist auserwählt, die Mutter des Messias zu werden. Messias heißt auf Hebräisch „der Gesalbte“, auf Griechisch „der Christos“. Gesalbt wurde ursprünglich jeder König von Israel; aber schon lange herrschten fremde Völker über das Volk der Juden, und im Lauf der Jahrhunderte wuchs die Sehnsucht nach einem Davidssohn, also einem Nachkommen des großen Königs David, der mehr als ein menschlicher König sein sollte. Er sollte nicht nur sein Volk aus einer bedrückenden Notlage befreien, sondern Frieden bringen für immer und ewig.

Die Antwort der Maria geht nicht ein auf das, was der Engel vom Messias sagt. Als ob sie noch nicht richtig erfasst hätte, wessen Mutter sie werden soll. Sohn Gottes, Davids Sohn, ewiger Herrscher. Darauf reagiert sie nicht. Sie stellt eine grundsätzlichere Frage, denn sie lebt ja noch nicht als Ehefrau mit ihrem Mann zusammen. Kann sie überhaupt schwanger sein?

34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?

Maria „weiß“ von keinem Mann. Dieses „Wissen“ ist anders gemeint als unser normales deutsches Wort „Wissen“ im Sinne von Bescheidwissen oder Kennen. Natürlich kennt sie Josef und weiß auch, dass sie bald zu ihm ziehen soll. Aber sie hat ihn noch nicht „erkannt“ im alten Hebräischen Sinn dieses Wortes, mit dem viel schöner und klarer die Vereinigung zweier liebender Menschen bezeichnet wird als im Deutschen: Wo der Mann seine Frau „erkennt“ als die, die zu ihm gehört, und sich als den, der zu ihr gehört, wo beide „ein Fleisch“ miteinander werden und sich in vertrautester Liebe miteinander vereinigen, da tun sie eins sicher nicht: im buchstäblich verstandenen Sinn „miteinander schlafen“. Diese liebende Vereinigung mit ihrem Ehemann hat Maria noch nicht erfahren, sie hat ihren Mann noch nicht „erkannt“. Aber was ist ihr dann geschehen?

35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.

Geheimnisvoll redet der Engel von einem Geschehen, das nicht zu ergründen ist. „Der Heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten dich überschatten“. Eins ist damit sicher nicht gemeint: Gott schläft nicht mit ihr. Diese Vorstellung gab es bei den Griechen, wo es Götter mit den Frauen der Sterblichen treiben. Für Juden wäre ein solcher Gedanke gotteslästerlich. Gott hat keine Triebe, die er befriedigen muss, Gott begeht keinen Ehebruch mit einer Frau, die mit einem Mann so gut wie verheiratet ist, Gott weiß andere Wege, um als Mensch auf die Welt zu kommen.

Wie gesagt, Lukas redet von einem Geheimnis, zu dem allerdings viele Menschen heute den Zugang verloren haben. Finden wir einen Zugang zu dieser Vorstellung, dass Maria als Jungfrau schwanger geworden ist? Gibt es eine Art, diese Erzählung zu verstehen, auf die wir uns alle einigen könnten?

Vielleicht gibt es nicht nur einen Zugang, vielleicht gibt es mehrere. Ich denke, dass es ratsam ist, nicht eine einzige mögliche Erklärung zu suchen und sich und alle anderen darauf festzulegen. Denn wenn eine sozusagen „vorgeschriebene“ Deutung manchen Menschen die Tür zum Evangelium nicht eröffnet, sondern verschließt, sollte man sich fragen, ob sie wirklich die alleinseligmachende Deutung ist.

Allgemein vertraut ist das traditionelle Verständnis der Jungfrauengeburt: Die von einem Mann unberührte Maria darf den Gottessohn gebären. Bei dieser Deutung kommt die Jungfrau zum Kind, ganz real, biologisch. Für den menschlichen Verstand unbegreiflich, lässt Gott seinen Sohn im Leib der Maria entstehen. Warum soll Gott nicht ein Kind in einer Jungfrau erschaffen können, der die ganze Welt aus dem Nichts erschuf und der auch der alten Frau Elisabeth noch ein Kind schenkte?

An Elisabeth erinnert der Engel auch ganz konkret:

36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.

37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Aber was ist, wenn einem die so verstandene Jungfrauengeburt zum Glaubenshindernis wird? Muss der wahre Mensch Jesus auf übernatürliche Weise im Leib Marias entstanden sein? Warum setzt Gott die von ihm geschaffenen Naturgesetze hier außer Kraft, wenn er doch will, dass sein Sohn eine menschliche Mutter hat? Warum dann nicht auch einen menschlichen Vater? Ist Jesus nicht ein ganzer Mensch aus Fleisch und Blut? Sitzt er doch nicht wirklich mit uns im selben Boot? Ist er doch ein Halbgott oder Supermann und nicht wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich?

Ein zweiter Zugang zur unserer Erzählung könnte daher die symbolische Deutung sein: die Jungfrauengeburt wäre dann ein Symbol dafür, dass Jesus nicht nur ganz wahrer Mensch war, sondern zugleich ganz wahrer Gott. Gerade als ganzer wahrer Mensch entspricht Jesus dem Ebenbild Gottes, das Gott vom Ursprung der Schöpfung her im Sinn hat, als er den Menschen schafft.

Mensch ist Jesus ganz, denn Maria ist eine Frau wie jede andere. Doch ihr Kind ist mehr als ein hochbegabtes Menschenkind, Jesus ist der zweigestammte Held. Dass Jesus Gottes Sohn ist, hat er weder von seiner Mutter noch von einem menschlichen Vater, sondern vom Heiligen Geist. Der kommt über sie, Gottes Kraft überschattet sie, aber in dieser Deutung nicht, um das Kind in ihr erst entstehen zu lassen, sondern um diesem Kind die göttliche Kraft, den Heiligen Geist zu verleihen. So kommt Maria als Jungfrau zu einem Kind, das ebenso von Gott stammt, wie es zur Geschichte der Menschen gehört. Menschliche Zeugungs- und Gebärkraft allein hätten es nicht hervorbringen können. Bei dieser Deutung ist es unerheblich, ob vielleicht doch Josef der leibliche Vater von Jesus war.

Allerdings – in der Bibel wird ausdrücklich festgehalten, Josef sei nicht der leibliche Vater Jesu gewesen. Nach dem Evangelisten Matthäus plant Josef sogar, Maria zu verlassen, weil er denkt, sie sei ihm untreu geworden. Was soll er denn auch denken? Er hat noch nicht mit ihr verkehrt, aber sie ist schwanger. Kann man ihr glauben, was sie dem Engel sagt: „Ich weiß von keinem Mann?“

Darum frage ich mich, ob nicht eine dritte Deutung der Geschichte möglich ist. Ein junges Mädchen wird schwanger – die Vaterschaft des Kindes ist ungeklärt. Sie weiß von keinem Mann, hat keine bewusste Erinnerung an ein Abenteuer außerhalb ihrer versprochenen Ehe mit Josef. Was steckt dahinter? Darf man hinter dem herrlichen Geheimnis von der Geburt des Gottessohnes ein dunkles Geheimnis im persönlichen Umfeld der Maria annehmen? Wurde ihr Gewalt angetan? Möglicherweise in ihrer eigenen Familie? Darf man so etwas Ungeheuerliches denken? Es geht mir nicht um bloße Spekulation. Ich will nicht Maria oder ihrer Familie zu nahe treten. Aber ich kenne Frauen, die Opfer sexueller Gewalt in ihrer Kindheit geworden sind, und halte es für denkbar, dass auch die Jungfrau Maria ein unschuldiges Opfer solcher Gewalt gewesen ist. „Ich weiß von keinem Mann“, das kann auch ein missbrauchtes Mädchen sagen, das sich vielleicht Jahre später verzweifelt fragt: War da etwas? Sind meine Alpträume wahr? Was war zu grausam, um es in der Erinnerung aufzubewahren? Oder bilde ich mir etwas ein, was nie gewesen ist? Wenn diese Deutung zutrifft, klärt der Engel zwar nicht das Geheimnis auf, aber er spricht Maria Gottes Beistand und Trost zu:

Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.

Die Kraft des Höchsten überschattet Maria – sie erfährt Schutz in dem, was ihr widerfährt. Der Heilige Geist kommt über Maria – sie wird als Prophetin reden in ihrem Lobgesang, und das, was in ihrem Leib heranwächst, ist kein verachtenswertes Kind, sondern etwas Heiliges, ja mehr noch, der Sohn Gottes.

Zur dritten Deutung passt, was Maria in ihrem Loblied singt: „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ War nicht Maria in den Augen der Menschen eine ledige Mutter und ihr Kind von Schande bedroht? „Der Hohe schaut die Niedrige an“, so haben wir vor der Predigt gesungen. So wäre das Wunder der Jungfrauengeburt kein übernatürliches Wunder, aber hier geschieht ein nicht weniger großartiges Wunder. Ich jedenfalls finde es wunderbar, wenn Gott ausgerechnet den unehelichen Sohn einer verachteten Mutter erwählt, um die Sünde der Menschen zu überwinden und Frieden auf die Erde zu bringen. In solcher Art hat schon der Prophet Jesaja im 53. Kapitel den Messias vorausgeschaut, den das Volk Israel erwartet:

3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

Wie gesagt, bei Gott ist kein Ding unmöglich. Aber die Jungfrauengeburt bleibt ein Geheimnis, nicht eindeutig auflösbar. Und das ist gut so.

Wurde die Jungfrau Maria auf übernatürliche Weise schwanger? Vielleicht. Viele Menschen glauben daran und fühlen sich in ihrem Herzen angerührt durch dieses Wunder.

Oder war Maria eine junge Frau, die auf natürliche Weise mit Josef ihr Kind bekam? Ist es nicht auch dann ein Wunder, wenn Gott ausgerechnet dieses eine Kind auswählt, um in ihm zur Welt zu kommen?

Oder erlebt eine verachtete Mutter das Wunder, dass Gott ihr uneheliches Kind nicht nur rehabilitiert, sondern es auswählt, damit alle Verlorenen dieser Erde gerettet und alle Verachteten aufgerichtet werden?

Wir müssen das nicht klar entscheiden. Es genügt, wenn Maria eine Gestalt der Bibel bleibt, die unser Herz anrührt. Sie lässt zu, dass Gott sie für seine Pläne in Anspruch nimmt, trotz ihrer Niedrigkeit und trotz allem, was ihr möglicherweise widerfahren ist:

38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 308 die Strophen 1 bis 7:

1. Mein Seel, o Herr, muss loben dich, du bist mein Heil, des freu ich mich, dass du nicht fragst nach weltlich Pracht und hast mich Arme nicht veracht‘

2. und angesehn mein Niedrigkeit. Des wird von nun an weit und breit mich selig preisen jedermann, weil du groß Ding an mir getan.

3. Du bist auch mächtig, lieber Herr, dein große Macht stirbt nimmermehr; dein Nam ist alles Rühmens wert, drum man dich willig preist und ehrt.

4. Du bist barmherzig insgemein dem, der dich herzlich fürcht‘ allein, und hilfst dem Armen immerdar, wenn er muss leiden groß Gefahr.

5. Der Menschen Hoffart muss vergehn, mag nicht vor deiner Hand bestehn; wer sich verlässt auf seine Pracht, dem hast du bald ein End gemacht.

6. Du machst zunicht der Menschen Rat, das sind, Herr, deine Wundertat‘; was sie gedenken wider dich, das geht doch allzeit hinter sich.

7. Wer niedrig ist und klein geacht‘, an dem übst du dein göttlich Macht und machst ihn einem Fürsten gleich, die Reichen arm, die Armen reich.

Lasst uns beten.

Gott, nicht um uns zu Göttern zu machen, wirst du Mensch, sondern damit wir wahre Menschen werden. Du schaffst uns als Ebenbilder deiner Liebe, doch blickst du uns an, vermagst du dein Bild in uns kaum wiederzuerkennen. Darum sendest du Jesus in diese Welt. Jesus, vollkommen erfüllt vom Vertrauen auf dich. Durch und durch geprägt von deinem Geist. Jesus, der mit seiner Barmherzigkeit unsere Unbarmherzigkeit in Frage stellt. Warten wir auf ihn – auf sein Kommen? Gott, sende ihn, dass er unser Herz verwandelt, dass wir Liebe erfahren und Mut gewinnen zum Leben.

Gott, rühre uns an mit dem Geheimnis, das durch Maria geschehen ist: du Ewiger nimmst zeitliche Gestalt an, du, Gott, bist dir nicht zu schade, unser Bruder zu werden, du lässt dich erniedrigen und verachten, damit wir aufgerichtet werden und aufrecht gehen, du lässt dich töten, damit wir leben, hier und in Ewigkeit.

Insbesondere beten wir heute für …, der … gestorben und kirchlich bestattet worden ist. Begleite uns mit deinem Trost, wo wir untröstlich sind, lass uns auf dem Weg der Trauer nicht allein, zeige uns, welche Pläne du mit uns hast, wenn die Welt für uns nur noch dunkel aussieht. Gott, sei du unsere Hoffnung! Lass uns das Volk sein, das im Finstern wandelt und ein großes Licht sieht. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Abkündigungen

Zum Schluss singen wir das Adventslied Nr. 4:

1. Nun komm, der Heiden Heiland, der Jungfrauen Kind erkannt, dass sich wunder alle Welt, Gott solch Geburt ihm bestellt.

2. Er ging aus der Kammer sein, dem königlichen Saal so rein, Gott von Art und Mensch, ein Held; sein‘ Weg er zu laufen eilt.

3. Sein Lauf kam vom Vater her und kehrt wieder zum Vater, fuhr hinunter zu der Höll und wieder zu Gottes Stuhl.

4. Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar. Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein‘n.

5. Lob sei Gott dem Vater g’tan; Lob sei Gott seim ein’gen Sohn, Lob sei Gott dem Heilgen Geist immer und in Ewigkeit.

Und nun geht mit Gottes Segen. Vielleicht bleiben Sie auch noch ein wenig zusammen im Gemeindesaal bei Kaffee oder Tee.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.