Spielen

In der Vorfreude auf eine interreligiöse Feier zum Thema „Gemeinsam spielen“ beschäftige ich mich schon in der Pfarrkonferenz mit biblischen und koranischen Texten, die sich um das Spielen drehen.

Drei hüpfende und springende Kinder beim Spielen in farbenfrohen Farben gemalt

Kinder drücken im Spiel ihre Lebensfreude aus (Bild: Prawny – pixabay.com)

Andacht auf der Dekanatskonferenz Gießen in der Paulusgemeinde am 11. Februar 2015

Liebe Kolleginnen und Kollegen, als wir vor einer Woche in unserer im letzten Herbst gegründeten „Arbeitsgruppe für interkulturelle und -religiöse Zusammenarbeit“ mit 25 Teilnehmern zusammensaßen, erzählte Frau Yesim Kantekin von der alevitischen Gemeinde, wie sie in einem Telefonat mit mir für unsere nächse interreligiöse Feier hier im Gemeindesaal das Thema „Gemeinsam spielen“ vorschlug.

„Da war erst mal Pause“, sagte sie. „Der Pfarrer musste erst mal nachdenken. Dann kam: ‚OK – das kann ich mir gut vorstellen‘.“

Sie hat sehr korrekt wiedergegeben, was in mir abging, als sie diesen Vorschlag machte. „Spielen“ als Mittelpunkt einer gottesdienstlichen Feier, wie soll das gehen?

Doch sehr schnell klickerten bei mir die Erinnerungen an biblische Bezüge. An einen Dino-Gottesdienst, in dem ich vor fünf Jahren mir und den Kita-Kindern ausgemalt habe, wie Gott mit den Dinos spielt, an die Weisheit Gottes, die sein Liebling ist und vor ihm spielt.

Wir werden also einen Gottesdienst feiern und in ihn Spiele einbetten, Spiele, die von Kindern oder von Familien in unterschiedlichen Kulturen gespielt werden. Kita-Eltern sollen befragt werden: Was haben Sie früher gespielt, was spielen Ihre Kinder? Grundschulklassen beteiligen sich vielleicht auch mit einem Spiel oder einem Lied.

Neugierig bin ich, ob unser islamischer Freund Abderrahim En-Nosse im Koran oder in den Hadithen des Propheten Muhammad etwas zum Thema „Spielen“ findet. Ich selber habe nämlich im Koran nachgeschaut und nur eine Sure gefunden, in der das vergnügliche Spiel erwähnt wird (Sure 12, 11-12):

11 Sie [die Brüder Josephs] sprachen [zu Jakob]: «O unser Vater, warum traust du uns wegen Josephs nicht, obwohl wir es wahrhaftig gut mit ihm meinen?

12 Schicke ihn morgen mit uns, dass er sich vergnüge und spiele, und wir wollen sicher über ihn wachen.»

Ansonsten findet das Spiel eher negative Erwähnung, zum Beispiel in Sure 29, 64:

64 Dieses irdische Leben ist nur Zerstreuung und Spiel. Die jenseitige Wohnstätte aber ist wahrlich das eigentliche Leben, wenn sie (es) nur wüssten!

Ist der Islam zu sehr auf das rechtgeleitete Leben fokussiert, zu sehr auf Belohnung oder Strafe im Jenseits, so dass lustbetontes Spiel eher verpönt ist? Dieses Vorurteil könnte durch den Befund im Koran bestätigt werden. Wie gesagt, vielleicht ergibt die Suche in außerkoranischen Traditionen des Islam ein anderes Bild.

[Es waren dann Nuray Atmaca und Imam Mohammet Duran, die zur interreligiösen Feier Gemeinsam spielen! Beiträge zur positiven Würdigung des Spielens im Koran und in den Hadithen des Propheten Muhammad beigesteuert haben.]

Allerdings müssen wir Chri­sten zugeben: Auch im Neuen Testament ist nur eine ernstzunehmende Stelle zum Thema „Kinderspiel“ zu finden, und zwar im Evangelium nach Lukas 7, 31-35. Sie ist allerdings zentral und bezeichnend für die Haltung Jesu. Jesus erzählt dort ein Gleichnis von spielenden Kindern:

31 Mit wem soll ich die Menschen dieses Geschlechts vergleichen, und wem sind sie gleich?

32 Sie sind den Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und rufen einander zu: Wir haben euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint.

33 Denn Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot und trank keinen Wein; so sagt ihr: Er ist besessen.

34 Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagt ihr: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!

35 Und doch ist die Weisheit gerechtfertigt worden von allen ihren Kindern.

Genau genommen geht es auch hier nicht um das Spielen an sich, sondern um das Aufspielen im Sinne von Musik und Tanz. Aber immerhin: Jesus hat es mit Fest und Feier zu tun, mit genussvollem Essen und Trinken, er hat die Kinder zu sich gerufen und sicher auch mit ihnen gespielt.

Interessant finde ich den Schluss des Abschnitts, der von der Rechtfertigung der Weisheit redet. Es sind die Kinder der Weisheit, die sie rechtfertigen. Ich habe keine Zeit gehabt, in irgendeinen Kommentar zu diesem Vers zu schauen. Aber spontan würde ich sagen: Hier erinnert sich Jesus (so, wie ihn Lukas beschreibt) an die vor Gott spielende Weisheit, und wer unter den Menschen ein Kind dieser Weisheit ist, auch der versteht es zu spielen.

Wir beziehen Jesu Wort, wer nicht werde wie die Kinder, komme nicht ins Reich Gottes, ja meist auf das kindliche Vertrauen. Vielleicht hat er beim Beobachten von Kindern ja etwas davon gespürt, wie in ihrem Spielen und Lachen unmittelbar etwas von der von Gott geschenkten Ebenbildlichkeit und Lebensfreude zum Ausdruck kommt.

Wir als Gottes Ebenbild – wenn Gott selber gerne spielt, gehört auch das Spielen zu unserer Wesensart. Jesus wird seine Bibel gekannt haben. Er wusste aus Psalm 104, 25-26, dass der Vater im Himmel auch gerne spielt:

25 Da ist das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt’s ohne Zahl, große und kleine Tiere.

26 Dort ziehen Schiffe dahin; da sind große Fische, die du gemacht hast, damit zu spielen.

Die großen Fische sind vermutlich noch etwas größer als Wale, im Urtext ist der Leviathan erwähnt, ein Meeresungeheuer; ich habe mir damals im Dino-Gottesdienst erlaubt zu phantasieren, dass Gott Jahrmillionen Zeit hatte, um an und mit den unterschiedlichsten Sauriern seinen Spaß zu haben.

Im Alten Testament ist aber noch mehr zum Thema „Spielen“ zu finden. Der Prophet Jesaja erwähnt in einer Vision vom Frieden der Endzeit (Jesaja 11, 8):

8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.

Und der Prophet Sacharja 8, 4-5, beschreibt die Zukunft weitaus näher an einer uns vorstellbaren Realität:

4 So spricht der HERR Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter,

5 und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.

Nur der für uns evangelische Christen apokryphe biblische Autor Jesus Sirach ist zwiespältig in seiner Einschätzung des Spielens. Von König Davids Jugend berichtet er (Sirach 47, 3):

3 Er [David] spielte mit Löwen wie mit jungen Böcken und mit Bären wie mit Lämmern.

Aber an einer anderen Stelle propagiert er eine schwarze Pädagogik (Sirach 30, 9):

9 Verhätschelst du dein Kind, so musst du dich vor ihm fürchten; spielst du mit ihm, so wird es dich betrüben.

Wie gut, dass es einen anderen, sehr zentralen Text in der biblischen Weisheit gibt, der einen anderen Akzent setzt. Auf ihn bezieht sich vermutlich der lukanische Jesus, wenn er das von ihm beobachtete Kinderspiel in eine Verbindung mit der Rechtfertigung der Weisheit bringt. Er steht im Buch der Sprüche im Kapitel 8:

12 Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit und weiß, guten Rat zu geben.

17 Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, finden mich.

20 Ich wandle auf dem Wege der Gerechtigkeit, mitten auf der Straße des Rechts.

22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.

23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.

24 Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren,

26 … als er die Erde noch nicht gemacht hatte…

27 Als er die Himmel bereitete, war ich da,

29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfe­sten der Erde legte,

30 da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;

31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.

36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Indem wir Jesus als das fleischgewordene Wort Gottes bekennen, können wir ihn in seiner Wesensart auch selber mit dieser Weisheit identifizieren, diesem göttlichen Geist, der vor Gott in unbeschwerter Lebensfreude spielt, so wie wir es mit unseren Enkelkindern erleben. In diesem Sinne freue ich mich auf unsere Interreligiöse Feier am 15. März, in der wir bestimmt ein wenig von dieser Spielfreude im Miteinander der Kulturen und Religionen erleben werden.

Singen wir noch das Lied, das wir am vorletzten Sonntag auch schon in unserem Tanztheatergottesdienst zum Thema „Traumwandler“ gesungen haben!

Lied 606: Dass ich springen darf und mich freuen – ich danke dir

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