„Was der Mensch sät, das wird er ernten“

Für Paulus ist klar: Ein Christ, der sich nicht wie ein Christ verhält, ist kein Christ. Wer wirklich Gott vertraut, der ist Gott so dankbar, dass er selbstverständlich Gutes tut. Der würde sich auch kaum etwas auf seine guten Werke einbilden. Er wird vielmehr erneut dankbar sein, dass Gott ihm durch den heiligen Geist die Kraft gibt, Gutes zu tun.

Was der Mensch sät, das wird er ernten: Das Bild zeigt den Spruch "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es"

Auch für Evangelische gilt: Der Glaube muss Folgen haben (Bild: nessaja99 – pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am Buß- und Bettag, 19. November 1986, um 9.30 Uhr in Heuchelheim und um 10.30 Uhr in Reichelsheim (zu Gast sind Mitglieder der katholischen Gemeinde)

Im Gottesdienst am Buß- und Bettag begrüße ich Sie und euch alle herzlich in unserer Reichelsheimer Kirche, insbesondere Sie, die Sie als katholische Mitchristen heute bei uns zu Gast sind! Unsere Gottesdienstordnung ist Ihnen in die Hand gegeben worden, so dass Sie dem Wechselgespräch zwischen Pfarrer und Gemeinde folgen und vielleicht sogar mitsingen können. Diese Ordnung ist wahrscheinlich viel schlichter und knapper gefasst als die Ordnung der Messfeier, wird aber wohl in wesentlichen Bestandteilen übereinstimmen. Wir gehen durch den Gottesdienst in drei großen Schritten.

Der 1. Schritt folgt nach dem Lied, das wir gleich singen. Da sammeln wir uns innerlich in Lied und Gebet und öffnen uns für Gott und sein Wort.

Der 2. Schritt besteht aus dem Verweilen bei Gottes Wort, das in der Predigt in unser Leben hinein ausgelegt wird.

Der 3. Schritt ist eine Wendung nach außen in der Fürbitte für andere Menschen und in der Sendung in den Alltag der Welt.

Nicht jedesmal, sondern nur bei besonderen Anlässen wird in diese Rahmen die Feier der beiden Sakramente eingefügt, die wir in der evangelische Kirche kennen: Taufe und Abendmahl.

Die Taufe findet dann meist zwischen dem 1. und dem 2. Schritt statt, also vor der Predigt; wir nehmen sozusagen die Neugetauften, meist sind es ja Kinder, auf dem Weg der Öffnung für Gott und sein Wort einfach mit hinein. Eine Tauffeier haben wir heute allerdings nicht.

Wohl aber eine Abendmahlsfeier, die ihren eigentlichen Platz nach der Wortverkündigung und vor der Sendung in den Alltag hat, bei uns allerdings aus praktischen Gründen oft auch als Sondergottesdienst im Anschluss an den Predigtgottesdienst gefeiert wird. Im Abendmahl wird die geschenkte Gemeinschaft der Christen mit Gott und miteinander gefeiert, auf die wir uns zuvor im Hören der Predigt besonnen haben und die später auch in den Alltag weiterwirken soll.

Soviel am Anfang als Erläuterung zu unserem Gottesdienstablauf, sicher auch für uns evangelische Christen ein guter Anstoß, um darüber nachzudenken: Was tun wir da eigentlich, wenn wir miteinander Gottesdienst feiern?

Nun aber wollen wir endlich richtig anfangen!

Wir beginnen, uns Gott zu öffnen mit dem in beiden Konfessionen bekannten Lied EKG 218 (Eg 263), 1-4:

1. Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr.

2. Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit; mache deinen Ruhm bekannt überall im ganzen Land. Erbarm dich, Herr.

3. Schaue die Zertrennung an, der kein Mensch sonst wehren kann; sammle, großer Menschenhirt, alles, was sich hat verirrt. Erbarm dich, Herr.

4. Tu der Völker Türen auf, deines Himmelreiches Lauf hemme keine List noch Macht. Schaffe Licht in dunkler Nacht. Erbarm dich, Herr.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben. (Sprüche 14, 34)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Großer Gott, wenn wir uns auf dich einlassen, wird uns bewusst, wieviel in unserem Leben verkehrt ist, in Sünde verstrickt ist. Du rufst uns jeden Tag zur Buße, zur Umkehr, und heute, am Buß- und Bettag, kommen wir im Gebet zu dir und besinnen uns ausdrücklich auf das, was du von uns erwartest. Wir tun uns oft schwer mit der Buße, denken dabei nur ans Verzichten und an ein „in Sack und Asche gehen“. Zeige uns, dass Buße die „Umkehr zum Leben“ ist! Führe uns zu solcher Buße durch deinen heiligen Geist, führe uns in die Nachfolge deinen Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Brief des Paulus an die Römer 2, 1-11:

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.

2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil recht ist über die, die solches tun.

3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?

4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

5 Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes,

6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken:

7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben;

8 Ungnade und Zorn aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit;

9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen;

10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen.

11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja…“

Lied EKG 195 (EG 299), 1-3:

1. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen. Dein gnädig‘ Ohren kehr zu mir und meiner Bitt sie öffne; denn so du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist getan, wer kann, Herr, vor dir bleiben?

2. Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben; es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben. Vor dir niemand sich rühmen kann, des muss dich fürchten jedermann und deiner Gnade leben.

3. Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Den Text zur Predigt lese ich aus dem Brief des Paulus an die Galater 6, 7-8:

Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten! Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.

Liebe Gemeinde!

Die beiden Bibeltexte, die wir gehört haben, führen mitten hinein in ein Thema, das zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche jahrhundertelang äußerst umkämpft und umstritten gewesen ist. Das Thema lautet: Welche Rolle spielen die „Werke“, die guten Taten, das christliche Verhalten im Glaubensleben eines Christen?

Wenn man es einmal vereinfacht ausdrückt, haben wir Evangelischen ja Ihnen, den Katholischen, immer wieder Werkgerechtigkeit vorgeworfen, so nach dem Motto: Der Mensch muss gute Werke tun, um in den Himmel zu kommen.

Umgekehrt haben wir Evangelischen, die wir immer betont haben, dass wir vor Gott gerechtfertigt sind nicht aufgrund von guten Werken, sondern allein durch das Vertrauen auf Gottes Gnade – wir haben oft den Eindruck erweckt, als bräuchte der Glaube an Gott gar keine Folgen für unser Tun und Lassen zu haben, als wäre der Glaube nur eine ganz private, innerliche Angelegenheit jedes einzelnen.

Vielleicht schauen wir Evangelischen etwas verdutzt auf diese Sätze des Paulus: Wenn Gott richtet, dann gibt er einem jeden „nach seinen Werken“. Was der Mensch sät, das wird er ernten. Heißt das denn nun doch, dass man sich das ewige Leben mit einem gut geführten Leben verdienen kann?

An anderer Stelle sagt Paulus aber auch unmissverständlich (Römer 3, 28):

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Widerspricht sich Paulus nicht ständig selbst?

Davon, dass Paulus schwer zu verstehen sei, ist schon in der Bibel selbst die Rede. In 2. Petrus 3, 16 schreibt einer an eine Gemeinde, dass in den Briefen des Paulus

einige Dinge schwer zu verstehen sind, welche die Unwissenden und Leichtfertigen verdrehen.

Aber zu verstehen ist es vielleicht gar nicht so schwer, was Paulus schreibt. Es auf sich selbst anzuwenden, darin liegt vielleicht das Problem. Denn was Paulus denkt, geht uns möglicherweise vollkommen gegen den Strich. Wir wollen gern anerkannt werden, weil wir was geleistet haben. Wir lassen uns nicht gern etwas schenken, weil wir befürchten, dass wir dann in Abhängigkeit geraten. Wir möchten gern ein bisschen besser dastehen als andere und nicht so gern an unser Versagen erinnert werden.

Paulus dagegen behauptet: Gottes Anerkennung könnt ihr euch nicht verdienen. Erstens kommt bei euch Gut und Böse sehr gemischt vor, zweitens verdreht ihr oft auch noch gute Absichten in böse Ergebnisse, und drittens sind euch alle Fähigkeiten, mit denen ihr vor Gott etwas darzustellen versucht; sowieso von Gott geschenkt. Und viertens braucht ihr gar nicht das Unmögliche versuchen, euch Gottes Anerkennung zu verdienen. Denn Gott liebt euch ohnehin. Ohne alle Vorbedingungen. So wie gute Eltern auch das ungezogenste Kind liebhaben und liebbehalten und nicht hergeben würden.

Das heißt aber nun nicht, dass gute Werke überflüssig geworden sind. Paulus spricht auch denen ins Gewissen, die denken: Gott liebt mich ja sowieeso, denn ist es ja egal, was ich tue. Oder Gott vergibt mir ja, wenn ich beichte, und wenn ich wieder das Gleiche tue, dann beichte ich‘s eben wieder. Wer so denkt und lebt, dem sagt Paulus ganz hart: „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ Gott wird ja verhöhnt und lächerlich gemacht, wenn wir seine Vergebung missbrauchen, um weiter sündigen zu können, oder wenn seine Liebe zu uns gar keine Folgen bei uns hat.

Für Paulus ist also ganz klar: ein Christ, der sich nicht wie ein Christ verhält, ist kein Christ, er tut nur so, als ob. Glauben und Sich-Einsetzen gehören für ihn einfach zusammen. Wer wirklich Gott vertraut, der ist Gott so dankbar, dass er sich selbstverständlich bemüht, Gutes zu tun. Der käme auch wohl kaum auf die Idee, sich etwas auf seine guten Werke einzubilden. Er wird vielmehr erneut dankbar sein, dass Gott ihm durch den heiligen Geist die Kraft gibt, Gutes zu tun.

Damit sind wir bei dem schwierigen Satz des Paulus: „Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.“

Mit Fleisch ist hier nicht das Pfund Rindfleisch gemeint, das wir im Metzgerladen kaufen. Es ist auch nicht einfach der eigene menschliche Körper im Gegensatz zum menschlichen Geist gemeint, als ob der Körper dem Geistigen untergeordnet würde. Paulus meint mit dem Wort „Fleisch“ den ganzen Menschen, der meint, ohne Gott leben zu können, und der sich immer tiefer in die Sünde verstrickt.

Aufs Fleisch zu säen, kann also bedeuten: versuchen, aus eigener Kraft aus der Sünde herauszukommen; krampfhaft versuchen, sich bei Gott einzuschmeicheln; oder auch versuchen, ein Leben ganz ohne Gott zu führen. Nach Paulus kann dabei nur Verderben, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit herauskommen.

Mit dem Wort „Geist“ meint Paulus demgegenüber den Geist Gottes, der in uns Menschen Gutes bewirken kann. Wenn wir also Gutes tun, dann können wir uns schon deswegen nichts darauf einbilden, weil im Grunde der heilige Geist der eigentliche Täter ist. Ohne den Geist brächten wir nichts wirklich Gutes zustande. Trotzdem sind wir es, durch die der Geist handelt, und es ist nicht so, dass wir untätig auf den Geist warten könnten. Sondern gerade wo wir uns entscheiden, etwas zu ändern in unserem Leben, umzudenken, uns einzusetzen für eine gute Sache, gerade da ist in uns der heilige Geist am Werk.

Wie das konkret aussieht, will ich heute nur andeuten. Im Gleichnis vom Weltgericht hat Jesus ja selbst eine Liste von guten Werken angeführt: Hungrigen zu essen geben, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Kranke besuchen, Gefangene besuchen. In unserem Land sind davon hauptsächlich der Krankenbesuch und die gastliche Rufnahme von Fremden, von Ausländern, von Asylsuchenden aktuell, vielleicht auch die Wiedereingliederung von Strafentlassenen. Da aber die Welt klein geworden ist und die Länder untereinander sehr stark voneinander abhängig geworden sind, sind im Blick auf die arme Bevölkerung in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas auch die Themen „Hunger, Durst, Kleidung“ ein Problem für uns.

„Buße tun heißt: Wagt mit Gott neue Wege“, diesen Spruch hatte ich im Kirchenblättchen abgedruckt. Neue Wege müssen wir gemeinsam gehen, um uns vom Geist Gottes einspannen zu lassen – z. B. um zu retten, was noch von unserer Umwelt zu retten ist, z. B. um auf neue Art auf die Jugendlichen in unseren Gemeinden zuzugehen, z. B., um im Einsatz für den Frieden nicht nachzulassen. „Was der Mensch sät, das wird er ernten“.

Die Aufgaben sind nicht leicht, die vor uns liegen, und Umkehr tut not, z. B. auch Umkehr von der Anschauung, Kirche seien immer nur die da oben oder die anderen. Nein, Kirche sind wir alle, und Einsatz für die Kirche muss uns nicht überfordern, Buße muss keine düstere Angelegenheit sein, und Umkehr kann bedeuten, dass wir uns getragen und angeleitet wissen vom Geist Gottes. Und wenn wir uns hinwenden zu Gott, dann wendet uns Gottes Geist auch gleich wieder hin zu den anderen Menschen, zu denen, die uns helfen können, und zu denen, die uns brauchen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 159 (EG 221), 1-3:

1. Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: Wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2. Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3. Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.