„Haltet mich nicht auf!“

Trauerfeier für eine Frau, die im hohen Alter gestorben ist – nicht lebensmüde, doch gefasst auf ihren Tod, der für sie wie eine Reise ist, zurück zu dem Gott, der ihr das Leben geschenkt hat.

Haltet mich nicht auf! Ein Weg führt zwischen grünen Bäumen hindurch in die Berge, über denen die Sonne scheint.

Auf einer Reise, die ins Licht führt, muss man sich nicht aufhalten lassen (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau F., die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist. So spricht Gott, der HERR (Jesaja 46, 4):

Bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.

Worte der Bibel helfen uns, unsere Gedanken zu ordnen und unsere Gefühle in Worte zu fassen. So beten wir mit Worten aus Psalm 90, 1-6.10-14.16-17 (rot markierter Text nach der Lutherbibel 1912, blau markierter Text in eigener Übertragung):

HERR, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt erschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist‘s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. Wer aber fragt nach deinem Willen, und wer fürchtet sich vor dir mehr als vor den Menschen? Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. HERR, kehre dich doch endlich wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig! Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.

Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern. Und der HERR, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns.

Amen.

Liebe Trauergemeinde!

Es heißt heute für Sie, Abschied zu nehmen von einer Frau, die sehr alt geworden ist und die Sie sehr geliebt haben. Manche Erinnerungen werden wach, wenn Sie heute den letzten Gang mit Frau F. antreten, um sie zu bestatten. Dabei mag im Fühlen jedes einzelnen Verschiedenes im Vordergrund stehen: der Schmerz des endgültigen Abschieds, auch wenn man weiß, dass dieser Tod eine Erlösung für Frau F. war, zumal in ihrem Alter; oder Gefühle der Dankbarkeit für all die Prägungen und Begegnungen mit der nun Verstorbenen; oder auch die bangen Fragen nach dem Sinn und nach der Erfülltheit des eigenen Lebens. Wir bringen alles vor Gott, was uns bewegt, und dürfen uns von IHM so angenommen wissen, wie wir eben hier sind in diesem Trauergottesdienst.

Erinnerungen an Frau F. richten sich zunächst einmal auf die lange Zeit, in der sie in ihrem Heimatort zu Hause war. Sie blieb dort auch nach ihrer Kindheit und Jugendzeit, als sie in noch jungen Jahren heiratete und eine eigene Familie gründete. Der frühe Tod des Ehemannes brachte großes Leid über die Familie, in der nun die Mutter die ganze Verantwortung der Erziehung und Versorgung der Kinder allein tragen musste, und das in einer schweren Zeit, in der junge Familien sozial nicht so abgesichert waren wie heute.

Frau F. übernahm eine Tätigkeit in einer Fabrik, um ihre Familie ernähren zu können; später im Krieg wurde sie dienstverpflichtet wie so viele andere. Wie auch immer sie diese Zeiten durchgestanden hat, sie hat ihren Kindern ein gutes Rüstzeug mitgegeben, um selbständige und verantwortungsbewusste Menschen zu werden, die mit wachen Augen durch die Welt gehen.

Als sich nach dem Krieg die Familie um einige Enkelkinder vergrößerte, begann ein neuer Lebensabschnitt für Frau F. Nun übernahm sie die Erziehung der Kinder ihrer Tochter, während diese ihrer Berufstätigkeit nachging. Daher sind nicht nur Frau F.s Beziehungen zu ihren eigenen Kindern, sondern auch zur Generation der Enkel von sehr intensiven und nachwirkenden Prägungen erfüllt gewesen. Später war es Frau F. auch noch vergönnt, die Generation der Urenkel mitzuerleben. Auch zum Kreis der weiteren Verwandtschaft bestand seit langem ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das nicht nur an solchen Anlässen wie heute zum Ausdruck kam, sondern ebenfalls im gemeinsamen Feiern von Familienfesten.

Diese Verbundenheit blieb auch bestehen, als Frau F. mit ihrer Tochter hierher zog. Mittlerweile pflegebedürftig geworden, wurde sie nun von ihrer Tochter umsorgt und gepflegt, so wie sie zuvor für den Haushalt der Tochter verantwortlich gewesen war. Es war ein Lebensabend in genau geregelten Bahnen, die dem Alltag ein hilfreiches Gerüst gaben, um sich auch bei abnehmenden Kräften zurechtzufinden – ein recht zurückgezogenes Leben, ihrem Gesundheitszustand entsprechend, das aber der Tochter genügend Raum ließ, um selber neue Beziehungen anzuknüpfen, an denen auch die Mutter ein wenig Anteil nehmen konnte, zum Beispiel wenn die Kinder der Kirchengemeinde im Advent zu ihr zum Singen kamen.

Aus ihrem Lebensabend ist Frau F. nun nach einem schweren Sterben herausgerufen wurden. Sie hatte immer gesagt: „Ich will 120 Jahre alt werden, aber wenn ich abgerufen werde, bin ich jeden Tag bereit.“ Ganz in diesem Sinn hat ein Bibelvers Sie in Ihrer Familie seit langem begleitet, der schon bei der Beerdigung von Frau F.s Mutter und älterer Schwester der Traueransprache zu Grunde gelegt wurde. Dieser Vers steht im 1. Buch Mose – Genesis 24, 56 und lautet:

Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe.

Ursprünglich sagt das der Knecht Abrahams zu den Verwandten der jungen Rebekka, die er als Frau für Isaak, den Sohn Abrahams, mit nach Hause holen will. Rebekkas Verwandte wollen sie zunächst nicht gleich gehen lassen, erbitten einen Aufschub für den Abschied, bis sie spüren, dass Rebekka selbst den Schritt für richtig hält, ihre bisherige Familie zu verlassen, um zu ihrem zukünftigen Ehemann zu gehen. „Haltet mich nicht auf“, stimmt sie dem Diener ihres künftigen Schwiegervaters zu, „Gott will es so, er hat Isaak und mich füreinander bestimmt.“ Der Vergleichspunkt zur Situation angesichts des Todes ist der: Hier wie dort geht es um ein Abschiednehmen; und hier wie dort geht es darum, dass jemand sich fügt in den Willen Gottes. Abschied ist schmerzhaft, aber manchmal unvermeidlich; und es kann im Abschied ein verborgener Sinn liegen, der zwar uns nicht zugänglich, aber Gott wohlbekannt ist.

Im Blick auf das Sterben von Frau F. möchte ich den Bibeltext so verstehen: Wir können im Grunde dankbar sein, dass Gott ihr diesen verhältnismäßig raschen Tod geschenkt hat und ihr weitere Leiden erspart geblieben sind. „Haltet mich nicht auf“ – ich will es so deuten, dass wir dort, wo wir an die Grenze des Todes stoßen, sie nicht um jeden Preis hinauszuschieben versuchen sollen. Die Grenze akzeptieren, sich mit ihr abfinden – kann man das, ohne zu verzweifeln? Das kann wohl nur jemand, der über diese Grenze hinausdenken kann, für den sie grundsätzlich überwunden ist. „Der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben“ – das kann sich auf das Leben beziehen, das man im Licht der Gnade Gottes betrachtet; und man kann es als Vorausblick auf den Weg betrachten, der vor einem liegt und zum ewigen Leben führt. „Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe“ – in diesen Worten, obwohl sie im Urspungszusammenhang einen anderen Sinn haben, können wir die Berufung ausgedrückt finden, die für uns alle Gültigkeit hat: dass wir erst dann mit unserem Leben und Streben zur endgültigen Ruhe kommen, wenn wir zu Gott zurückkehren. „Zu dir hin hast du uns geschaffen“, betete der Kirchenvater Augustin, „und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.“

Als Christen betrachten wir den Tod von der Geschichte Jesu her als den überwundenen Tod, der seine Macht über uns verloren hat. Hoffnung auf Gott ist weder nur eine diesseitige, noch nur eine jenseitige Hoffnung. Schon hier in diesem Leben gehören wir zu Gott, und Gott befragt uns daraufhin, was wir aus der uns von ihm geschenkten Lebenszeit gemacht haben. Zugleich aber dürfen wir wissen, dass Gottes Wirklichkeit größer ist als die Realität, die wir kennen, und dass er uns über unser irdisches Leben hinaus ein ewiges Leben verheißen hat. Ewiges Leben ist erfülltes Leben, das kennen wir hier auf der Erde immer nur in Bruchstücken, aber wir können ahnen, worin einmal die Vollkommenheit im Leben bei Gott bestehen wird: sie besteht in der Liebe, die nach den Worten des Apostels Paulus die größte Gnadengabe ist und nie vergeht. Wo wir uns auf Erfahrungen von Liebe besinnen und täglich neu Liebe weitergeben, da haben wir jetzt schon Anteil am ewigen Leben; wir sind auf einer „Reise“, zu der „der HERR Gnade gegeben“ hat. Das bleibt uns und unseren Lieben, auch wenn wir sie betrauern oder einmal selbst sterben müssen.

Liebe ist ein großes Wort, aber sie wird im Alltag in ganz kleine Münze umgesetzt, zum Beispiel wenn einer Geduld hat mit einem andern, wenn einer die Pflege für einen kranken Angehörigen übernimmt, wenn einer ertragen und verzichten und sich gedulden kann, Mut beweisen, Konflikte austragen und sich auch eigenen Schwachheiten stellen kann – und das alles, ohne dabei sein inneres Gleichgewicht und seine Zuversicht zu verlieren. Das kann nur derjenige, der Liebe nicht nur als eine Forderung versteht, sondern der sich selbst von Gott geliebt weiß und nun aus lauter Dankbarkeit nicht aufhören kann, seinen Nächsten zu lieben. Wir sind auf dem Weg zu Gott; das ist die Grundlage für ein erfülltes Leben und damit auch für ein seliges Sterben. In diesem Sinn geben wir Frau F.s Leben in die Hände des gnädigen Gottes, und wir können auch uns selbst, mit der Lebenszeit, die uns noch geschenkt ist, ihm anvertrauen.

Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe.

Amen.

Lasst uns beten mit den Worten eines alten Liedes aus dem Gesangbuch (EKG 270, 8-10):

Im sichern Schatten deiner Flügel find ich die ungestörte Ruh. Der feste Grund hat dieses Siegel: „Wer dein ist, Herr, den kennest du.“ Lass Erd und Himmel untergehn, dies Wort der Wahrheit bleibet stehn.

Wenn in dem Kampfe schwerer Leiden der Seele Mut und Kraft gebricht, so salbest du mein Haupt mit Freuden, so tröstet mich dein Angesicht; da spür ich deines Geistes Kraft, die in der Schwachheit alles schafft.

Die Hoffnung schauet in die Ferne durch alle Schatten dieser Zeit; der Glaube schwingt sich durch die Sterne und sieht ins Reich der Ewigkeit; da zeigt mir deine milde Hand mein Erbteil und gelobtes Land.

Amen.

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