„Werdet stark!“ Nicht: „Reiß dich zusammen!“

Gerade wer auch seine schwachen Seiten wahrnimmt, dem gilt dieser Aufruf: „Werdet stark!“ Holt euch eure Kraft aus dem Glauben an Jesus! Die Waffen Gottes verletzen und töten nicht, sie helfen im Kampf nicht gegen Menschen, sondern gegen die unsichtbaren, bösen Mächte, die Menschen in ihrer Gewalt haben.

Stark sein: ein junger Mann steht mit verschränkten Armen und gesenktem Blick vor einer Tafel, auf der hinter ihm Bizeps-bepackte Arme posieren

Was heißt eigentlich Starksein? (Bild: NeuPaddy – pixabay.com)

direkt zur PredigtGottesdienst am 21. Sonntag nach Trinitatis, 26. Oktober 1980, um 9.30 Uhr in Weckesheim und um 10.30 Uhr in Reichelsheim
Lieder: 201, 1-3 / 205, 1-3 / 205, 4-6 / 207, 7-8
Lesung: Matthäus 5, 38-48

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«
39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.
40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.
41 Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.
42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.
43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,
45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?
47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?
48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Predigttext: Epheser 6, 10-20

10 Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.
11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels.
12 Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.
13 Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt.
14 So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit,
15 und an den Beinen gestiefelt, bereit, einzutreten für das Evangelium des Friedens.
16 Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen,
17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.
18 Betet allezeit mit Bitten und Flehen im Geist und wacht dazu mit aller Beharrlichkeit im Gebet für alle Heiligen
19 und für mich, dass mir das Wort gegeben werde, wenn ich meinen Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums zu verkündigen,
20 dessen Bote ich bin in Ketten, daß ich mit Freimut davon rede, wie ich es muss.

Liebe Gemeinde!

Sei stark! Reiß dich doch endlich einmal zusammen! Wer von uns hat das noch nicht gesagt bekommen oder sich selbst gesagt? Man darf sich nicht gehen lassen. Man soll sich immer unter Kontrolle haben. Man möchte seine Schwächen gern verbergen.

Werdet stark! heißt es auch in unserem Predigttext. Bewusst als Christ zu leben, heißt nicht: passiv sein, unselbständig sein, sich schwächer machen, als man ist, sondern Christsein bedeutet Stärke, Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit.

Aber was für eine Art von Stärke? Stärke im Sinne von „Reiß dich zusammen!“ kann gespielte Stärke sein. Vielleicht möchte einer nicht zugeben, dass er am Ende ist und Hilfe braucht, Stattdessen reißt er sich zusammen, lässt sich nichts anmerken, stößt vielleicht sogar diejenigen vor den Kopf, die helfen könnten.

Auch Stärke im Sinne von „Nur keinen Fehler zugeben“ ist sicher nicht ganz echt. Wer die eigene Verantwortung in den Beziehungen zu seinen Mitmenschen nicht voll übernehmen will, wird sich wundern, dass er sich bei den anderen unbeliebt macht. Da ist jemand, der hat immer Recht, obwohl er heute so und morgen so spricht; und für Probleme macht er immer nur die anderen verantwortlich – die machen unberechtigte Vorwürfe, die schließen ihn aus der Gemeinschaft aus, die mischen sich in private Probleme ein.

Gespielte Stärke ist nichts weiter als verdeckte Schwäche. Einer möchte den anderen die Sicht auf seine schwachen Seiten nehmen – die Folge ist: sie sehen ihn selbst gar nicht mehr. Sie sehen nur noch eine Art Panzer, den er sich angezogen hat. Er wirkt abweisend, ja aggressiv.

Werdet stark! In dem Brief an die Gemeinde in Ephesus ist nicht gespielte Stärke gemeint, sondern der Satz geht weiter: Werdet stark durch die Verbindung mit dem Herrn! Lasst euch von seiner Kraft stärken! Wer sich selbst stark vorkommt, der braucht dieses Angebot – scheinbar – nicht. Gerade wer auch seine schwachen Seiten wahrnimmt, dem gilt dieser Aufruf: Werdet stark! Holt euch eure Kraft aus dem Glauben an Jesus!

Wirklich stark ist einer, der zu seiner Schuld stehen kann, weil er trotzdem anerkannt wird, weil ihm Jesus seine Schuld vergeben hat. Wirklich stark ist einer, der zu seiner Hilfsbedürftigkeit stehen kann, der in einer schwierigen Lage empfangen kann, wie er in anderen Situationen selber geben kann. Einer, der seine eigenen Probleme meistern kann, der mit eigenen Schwierigkeiten und Notlagen und auch mit eigenem Versagen so umgehen kann, dass er sich nicht verliert, sondern reifer wird – der ist stark.

So viel zur Stärke gegenüber dem eigenen Ich. Stärke kann aber auch bedeuten: sich zur Wehr setzen gegenüber Angriffen von außen, dass die anderen einem nichts anhaben können. In unserem Land schützen uns Gesetze oder Höflichkeitsregeln voreinander, nach außen hin halten die Staaten neben allen Bemühungen um Verständigung und um Verträge die militärische Rüstung zu ihrem Schutz für notwendig. Auch unser Predigttext klingt sehr kriegerisch: von Waffen ist da die Rede, von Koppel, Brustpanzer, Schild, Helm und Schwert. Waffen sollen wir anlegen, um stark zu werden. Doch was für Waffen sind. das?

Stellen wir uns einmal vor: eine Armee beruft ihre Wehrpflichtigen ein. Sie werden gemustert, ein Teil für tauglich befunden. Die Rekruten sollen nun ihre Ausrüstung bekommen. Aber der Vorgesetzte, der ihnen alles geben soll, was sie brauchen, steht mit leeren Händen da. Stattdessen hält er ihnen einen Vortrag. „Seit unser Land abgerüstet hat, braucht ihr als Soldaten keine Gewehre mehr, keine MP, keinen Helm; ihr lernt auch nicht mehr, Panzer zu fahren oder Bomben abzuwerfen. Legt vielmehr als Gürtel die Wahrheit Gottes um. Zieht als Panzer das neue Leben an. Tragt als Schuhe Friedensbereitschaft. Schützt euch mit einem unerschütterlichen Glauben. Setzt als Helm die Hoffnung auf und benutzt als einzige Waffe das Wort Gottes, das die Welt verändert. Die Welt soll zu einer Welt des Friedens und der Liebe werden; dabei sollt ihr mithelfen; dazu seid ihr einberufen!“

Nicht vorstellbar, dass so ein Spieß mit seinen Rekruten redet. Die Waffen Gottes sehen anders aus als die Waffen, mit denen Menschen sich untereinander bedrohen und voreinander zu schützen meinen. Die Waffen Gottes verletzen und töten nicht, sie helfen im Kampf nicht gegen Menschen, sondern gegen die unsichtbaren, bösen Mächte, die Menschen in ihrer Gewalt haben.

Unsichtbare Mächte, böse Geister – aber sind wir nicht über den Geisterglauben, den Aberglauben hinaus? Wir rechnen nicht mehr mit bösen Geistern in der Welt – allerdings fasziniert auch viele von uns noch das Spiel mit dem Gedanken an dämonische Wesen; wir brauchen nur an die Filme „Frankenstein“ oder „Tanz der Vampire“ zu denken. Wir stellen uns in unserer alltäglichen Wirklichkeit das Böse zwar nicht mehr wie selbständige Lebewesen vor, wie Geister, Vampire, Monster oder Dämonen; eins ist aber gleich geblieben seit den Tagen des Epheserbriefes: die Menschen werden mit dem Bösen nicht fertig, es erscheint manchmal wirklich wie eine Macht, die sich verselbständigt hat.

Niemand will den Krieg, und trotzdem führen komplizierte Konflikte immer wieder zu Kriegen. Wir wollen den Hungernden helfen, doch das weltweite System der Ungerechtigkeit verschlimmert sich noch. Wir wissen, wie gefährlich Atomenergie ist, doch wer ist stark genug, entschieden Energie zu sparen, damit sie überflüssig wird? Bei einer Hochzeit verspricht man sich Liebe und Treue – und wie oft geht eine Ehe in die Brüche trotz des besten Willens. Es scheint fast so, als ob wir Gefangene des Bösen seien.

Unser Predigttext sagt: wir sind wirklich in diesem Bösen gefangen. Aber wir können frei werden. Wer sich auf Gott einlässt, der bekommt geeignete Waffen dazu. Der beantwortet Lüge nicht mit Lüge, sondern mit der Wahrheit, auch wenn er dadurch Nachteile hat. Der stellt die Friedensbereitschaft über die Bemühung, dem Gegner überlegen zu sein. Der findet sich nicht einfach mit dem ab, wie es schon immer wahr, sondern stärkt seine Hoffnung auf Veränderung zum Guten an jedem Lichtblick, der sich zeigt.

Reichen die Waffen Gottes aus in unserer Welt? Sind es nicht zu schwache Waffen, um uns zu schützen vor Angriffen von außen? Werden die Menschen nicht immer unfähig bleiben, ihre Konflikte friedlich zu lösen? Was geschieht denn, wenn einer sich nur auf die Waffen Gottes verlässt, nur das Wort Gottes als Schwert benutzt?

Paulus war so einer. Er sitzt im Gefängnis. Er wird später verurteilt und hingerichtet werden – so wie vor ihm Jesus. Zeigt das nicht deutlich genug, wie schwach die Waffen Gottes sind?

Der Apostel verkörpert nach allem, was er schreibt, jedoch nicht Schwäche. Er ist stark genug, aus dem Gefängnis heraus die Sätze zu schreiben: „Betet auch für mich, dass Gott mir das rechte Wort gibt und ich das Geheimnis der Guten Nachricht ohne Furcht verkünden kann. Auch jetzt im Gefängnis bin ich ein Botschafter im Dienst Jesu. Betet darum, dass ich ohne Furcht von seiner Guten Nachricht sprechen kann, wie es mir aufgetragen ist.“

Ohne Furcht! das heißt: Paulus weiß, wie gefährlich es sein kann, die Wahrheit zu sagen, für den Frieden einzutreten, auf die Waffen der Welt zu verzichten und nur mit den Waffen Gottes zu kämpfen. Wissen wir das auch und wollen wir uns darauf überhaupt einlassen? Wir haben dazu noch einen weiten Weg zu gehen. Gott macht uns stark auf diesem Weg. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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