„Band des Friedens“

Im Epheserbrief wird dazu aufgerufen, ein „Band des Friedens“ zu knüpfen – von solchen Schritten des Friedens, die in der Gießener Nordstadt gegangen werden, erzähle ich in einer Andacht im Kirchenvorstand.

Ein Band des Friedens in Form einer Friedenstaube aus vielen religiösen Symbolen

Wie gelingt es, ein Band des Friedens zu knüpfen? (Bild: Explore – pixabay.com)

Andacht im Kirchenvorstand der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am Dienstag, 9. Dezember 2014

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder und liebe Gäste, für die heutige Andacht lese ich zwei Bibelworte aus den Herrnhuter Losungen, aber nicht von heute, sondern vom letzten Freitag. Für den 5.12.2014 wurde nämlich aus dem 1. Buch Mose – Genesis 45, 24 das Wort ausgelost:

Josef sprach zu seinen Brüdern: Zanket nicht auf dem Wege!

Und dazu stellten die Herrnhuter Brüder den Satz des Paulus aus dem Brief an die Epheser 4, 3:

Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.

Josef damals hatte allen Grund, seine Brüder zu ermahnen, dass sie nicht untereinander zanken sollten, war er doch selber Opfer einer perfiden Mobbing-Attacke geworden.

Paulus wiederum ermahnt Menschen in Ephesus, einer damaligen Weltstadt in der heutigen Türkei zur Einigkeit. Für ihn ist Jesus Christus das Band des Friedens. Erstens deswegen, weil er die Friedensverheißungen des Alten Testaments erfüllt: Er ist der Messias Israels, er bringt den Frieden, von dem die Propheten geschwärmt hatten (Jesaja 11, 4+6):

[Er] wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande…

Dann werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen…

Und zweitens, weil dieser Messias, den die Römer an ihrem Kreuz hinrichten ließen, paradoxerweise auch der Heilsbringer für alle Völker ist. Indem ihn alle töten, verleugnen, verraten, im Stich lassen, Freunde wie Feinde, Juden wie Römer, vergibt der Messias Jesus allen und schenkt ihnen die Möglichkeit, neu anzufangen und im Frieden miteinander zu leben. Die Feindschaft soll begraben sein, Friede wird möglich.

Unsere Paulusgemeinde geht seit einigen Jahren Schritte eines solchen Friedens. Alle, die im Stadtteil als Menschen unterschiedlicher Konfession, Religion oder Weltanschauung zusammenleben und miteinander gut auskommen wollen, dürfen sich mit ihren Kindern und Familien in unserem Familienzentrum zu Hause fühlen, sind auch in unserer Kirche willkommen. Im letzten Monat haben wir bei einem ersten Planungstreffen für interreligiöse Zusammenarbeit gemerkt, wie groß das Interesse an weiteren Schritten des Aufeinanderzugehens und der Lösung von gemeinsam gesehenen Problemen ist.

An einem Friedensgebet der Religionen am 21. Dezember um 18 Uhr in der Thomasgemeinde werden Aleviten, orthodoxe, evangelische, katholische und vielleicht baptistische Chri­sten sowie türkische und arabische Muslime sowie Muslime der Ahmadiyya-Bewegung teilnehmen. Dazu sind auch Sie herzlich eingeladen!

Schon als wir uns bei der Vorbereitung im Alevitischen Zentrum hier gegenüber vom Turhan trafen, war es wieder beeindruckend, im Gespräch zwischen Muslimen, Aleviten und Christen auf spannende Erzählungen der jeweils anderen Religion aufmerksam gemacht zu werden und zum Beispiel von einer Alevitin zu erfahren, warum die Jeziden früher als Teufelsanbeter verunglimpft wurden – darum nämlich, weil sie davon ausgehen, dass auch der Teufel ein Geschöpf Gottes ist, der zwar nicht Anbetung, aber doch den ihm zukommenden Respekt verdient.

Als wir darüber in unserem Bibelkreis sprachen, gab Rudolf Herrmann als katholischer Teilnehmer zu bedenken, dass der christliche Theologe Klaus Berger bei einem Vortrag in St. Albertus ganz ähnliche Thesen vertreten hat: Der Satan gehört in der Bibel zum Hofstaat Gottes und hat als Ankläger der Menschen eine zunächst legitime Funktion. Er darf sie allerdings nicht überziehen – und seine Macht ist definitiv begrenzt durch die Macht der Liebe Jesu Christi.

Wie es sich so fügt, erfuhr ich am selben Tag in einer Sitzung unseres Kita-Ausschusses, dass Frau D., ein Mitglied dieses Ausschusses, selber zur Gemeinschaft der Jeziden gehört und dass es auch in Gießen in der Ederstraße einen Versammlungsort der Jeziden gibt. Ich finde es großartig, dass es zum Beispiel in diesem Gremium ganz selbstverständlich ist, dass Muslime und Christen und eine Jezidin gemeinsam über den Kita-Haushalt abstimmen und sich über das gelungene Martinsfest der Kita freuen.

Eine Woche zuvor war ich eingeladen ins DITIB-Kochstudio. Einmal im Monat veranstaltet die Türkisch-Islamische Gemeinde ein interkulturelles Kochen in der Küche ihrer Moschee, die wir letztes Jahr mit einer kleinen Spende unterstützt hatten, und dabei kochen dann zum Beispiel zwei evangelische Pfarrer mit vier jungen Männern unter der Anleitung von Amed Okan, dem Buchhalter der Gemeinde, gefüllte Hähnchenschenkel und Linsensuppe. Und während man Gemüse schnippelt, unterhält man sich über Allahs 99 Namen und die christliche Dreifaltigkeit und über vieles mehr.

Solche Begegnungen gehören mehr und mehr zum normalen Leben in der Nordstadt. Allerdings geht es auch um Grenzen der Toleranz. Auf die Frage, was denn ist, wenn ein Muslim Christ wird, antwortet der Küchenchef: Er würde sagen, das muss jeder selbst entscheiden. Aber die meisten Muslime hätten damit Probleme. Vom Salafismus halten er und die jungen Männer jedenfalls alle nichts.

Zwei von den Jugendlichen gehen aufs Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, erfahren im Ethikunterricht etwas über die verschiedenen Religionen; sie bedauern, dass es nur an ganz wenigen Grundschulen einen islamischen Religionsunterricht gibt. Einen von ihnen kenne ich noch aus unserem Paulus-Kindergarten.

Schön, dass wir in der Nordstadt im Frieden miteinander leben und nicht miteinander zanken! Aber kann das, was wir über die Grenzen unserer Religion hinweg mit anderen Menschen erleben, eine Einigkeit „im Geist“ sein? Kann Jesus ein „Band des Friedens“ sein, das auch Menschen umschließt, die gar nicht an ihn als Gottessohn glauben? Wenn Jesus sogar diejenigen, die ihn ans Kreuz schlugen, in seine Liebe einschließen konnte, sollten wir doch im Stande sein, mit Menschen im Frieden zu leben, die offen sind für das Gespräch mit uns. Wir geben dabei ja unseren Glauben nicht auf, genau so wenig, wie wir das von unserem Gegenüber fordern dürfen. Keiner muss sein Licht unter den Scheffel stellen, jeder kann aus den Schätzen seiner Religion dem anderen erzählen, manches wird dabei fremd bleiben, aber manches auch überraschend ähnlich klingen oder einen trotz seiner Andersheit ansprechen.

Ich habe heute in der Andacht viel erzählt, darum verzichte ich auf das Singen aus dem Gesangbuch. Zum Schluss noch ein Friedensgebet aus Psalm 85:

10 [Gottes] Hilfe [ist] nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserem Lande Ehre wohne;

11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen;

12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;

13 dass uns auch der Herr Gutes tue, und unser Land seine Frucht gebe;

14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

Amen.

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